{"id":3055,"date":"2015-08-26T16:42:27","date_gmt":"2015-08-26T16:42:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3055"},"modified":"2024-06-26T07:29:56","modified_gmt":"2024-06-26T07:29:56","slug":"hochseilakt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3055","title":{"rendered":"Hochseilakt"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3055&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3055&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Seilt\u00e4nzer geh\u00f6ren zu meinen Favoriten unter den Artisten. Als ich in die erste Klasse ging, kam eine Seilt\u00e4nzergruppe in mein Dorf. Sie spannten das Seil vom Giebelfenster des alten Schulhauses zu einem Mast, der sich auf dem freien Platz unterhalb der Kirche befand. Fr\u00fcher hatte dort ein noch \u00e4lteres Schulhaus gestanden, das bereits abgerissen war. Ein freier Platz war der Gewinn.<br \/>\nIch durfte in die Abendvorstellung gehen. Es war bereits dunkel, als sich die Zuschauer versammelten. Alle standen an der H\u00e4userzeile vor der Limonadenfabrik aufgereiht. Man schob mich nach vorne. Alleine h\u00e4tte ich mich nichts zu sagen getraut. Mein Bruder hatte mich mitgenommen, und ich sp\u00fcrte an seinem ironischen Lachen, dass er total aufgeregt war. Ich war v\u00f6llig gebannt von der gesamten Situation. Die fremden Menschen, die so ganz anders waren, die durch die Welt zogen, Kunstst\u00fccke darboten, die wahnsinnigen Mut, ja schon Tollk\u00fchnheit verlangten, und durch nichts mit der mir bekannten Welt verbunden schienen. Junge Frauen und M\u00e4nner und Kinder, unerschrocken, mit Kost\u00fcmen bekleidet, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Alles ging wahnsinnig schnell.<br \/>\nDie n\u00e4chste Nummer wurde von einem Herrn angesagt, der seiner Stimme einen seltsam aufregenden Klang zu geben bem\u00fcht war, der Floskeln verwendete, die ihm in seiner manierierten Kunstwelt normal erschienen. Die Worte, die er sprach, waren unwichtig. Es war nicht n\u00f6tig, den Inhalt der Worte zu verstehen. Nur der Klang, der Eindruck h\u00fcllte mich ein. Die Ansprache war ein Ritual, das dem ehrw\u00fcrdigen Senior vorbehalten war. Seine Zeit auf dem Hochseil war unwiederbringlich vorbei. Jetzt konnte er nur noch im abgewetzten Anzug Ansprachen halten. Alle Augen starrten auf das Seil in schwindelerregender H\u00f6he, das nicht gesichert war. Eine junge Frau balancierte mit einem Schirm, machte eine Verbeugung, einen Knicks, eine Rolle vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts. Ochs und Achs waren zu h\u00f6ren, dann Applaus. Ein Raunen ging durch die Menge und ich verga\u00df fast zu atmen, so aufregend war alles.<\/p>\n<p>Jetzt f\u00e4llt mir das wieder ein, Jahrzehnte sp\u00e4ter. Ich bin nie zu einer Artistin geworden. Da fehlt mir das Talent. Das Hochseil ist dennoch verlockend. Es wird gespannt, um Kunstst\u00fccke darauf vorzuf\u00fchren, um Zuschauern einen Schauder ins Herz zu zaubern. Die einen sind zum Risiko bereit, auf dem Seil zu tanzen, den anderen ist das Beobachten vom Boden aus schon genug. Hochseil ohne Sicherung, das bedeutet, sein Leben st\u00e4ndig aufs Spiel zu setzen, einen Genickbruch, eine Wirbels\u00e4ulenverletzung in Kauf zu nehmen. Nie mehr auf das Seil k\u00f6nnen, das restliche, vermutlich noch lange Leben. Aber ohne dieses Risiko geht es nicht, gar nicht.<br \/>\nUnd immer m\u00fcssen die Kunstst\u00fccke noch gesteigert werden. Es gen\u00fcgt nicht, mit dem Schirm in der Hand \u00fcber das Seil zu gehen, was eigentlich schon mehr als genug Mut fordert. Es werden Spr\u00fcnge eingebaut, die viel Kunstfertigkeit verlangen. Dann folgt eine Rolle vorw\u00e4rts, eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts.<br \/>\nLeicht ist es m\u00f6glich, abzurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren. Der K\u00f6rper muss total angespannt sein. Jeder Muskel ist wichtig. Es gibt keine Partie, die sich gehen lassen darf, nicht der kleine Zeh und nicht der Hals oder gar das Gesicht. Der Geist muss konzentriert sein. Der Bruchteil einer Sekunde, den man in Nachl\u00e4ssigkeit verbringt, kann den Tod bedeuten. Man darf das Seiltanzen nicht untersch\u00e4tzen!<\/p>\n<p>Es gibt noch Steigerungen, die den M\u00e4nnern vorbehalten sind: Ein Junge f\u00e4hrt mit einem Fahrrad \u00fcber das Seil. Die Reifen sind extra pr\u00e4pariert, dass sie nicht so leicht abrutschen k\u00f6nnen. Die Fahrt muss schnell gehen, mit Schwung bergab und auf der anderen Seite wieder hoch aufs Podest. Die Zuschauer halten den Atem an. Um mich herum herrscht angespannte Stille. Ich sauge den Atem durch die Nase ein, immer weiter, und starre auf das Seil. Ein Klatschen hebt an, Begeisterungsrufe.<br \/>\nDer Junge l\u00e4sst sich mit dem Rad zur Mitte des Seils rollen. Es dauert, bis es zum Stehen kommt. Einige Male rollt er vor und zur\u00fcck, dann schwingt er seinen K\u00f6rper zum Handstand hoch, die H\u00e4nde stemmen sich auf Lenker und Sattel. Das Staunen und die Bewunderung steigern sich. So etwas erlebt man selbst als Zuschauer nur wenige Male. Nun kommt der ultimative H\u00f6hepunkt der Vorf\u00fchrung, der Motorradfahrer. Der Motor heult auf, der Auspuff raucht, der hagere Mann mit dem Glitzerhemd steht auf den Pedalen und f\u00e4hrt auf dem Seil. Zuerst einmal die ganze Strecke in Windeseile, dann der gekonnte Sprung vom Motorrad auf das Podest. Begeistertes Applaudieren. Das gef\u00e4hrliche Gef\u00e4hrt erh\u00f6ht die Spannung. Der Mensch allein kann nicht so viel Dramatik erzeugen.<\/p>\n<p>Gefahr bet\u00f6rt, am besten, wenn es eine fremde Gefahr ist. Man partizipiert, genie\u00dft den Nervenkitzel und wei\u00df gleichzeitig, dass man keine Angst haben muss. Alles ist gut.<br \/>\nWer w\u00fcrde sich schon ohne Not aufs Hochseil wagen, ohne gelernt zu haben, auf ihm zu tanzen?<br \/>\nWarum schauen wir uns dann solche waghalsigen Kunstst\u00fccke an und erinnern uns noch Jahrzehnte sp\u00e4ter daran?<br \/>\nWohl, weil pl\u00f6tzlich die Entsprechung dazu im Leben eingetreten ist.<\/p>\n<p align=\"right\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15092<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seilt\u00e4nzer geh\u00f6ren zu meinen Favoriten unter den Artisten. 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