{"id":3014,"date":"2015-08-04T17:42:21","date_gmt":"2015-08-04T17:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3014"},"modified":"2015-08-07T05:09:05","modified_gmt":"2015-08-07T05:09:05","slug":"am-weg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3014","title":{"rendered":"Am Weg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3014&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3014&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die zuf\u00e4llige Anordnung der Songs und Tondokumente raubte ihr den letzten Nerv. Wer immer diese Shuffle-Funktion erfunden hatte, er hatte die H\u00f6chststrafe verdient. Und diese war klarerweise das stundenlange Anh\u00f6ren dieser niedertr\u00e4chtigen Mischung aus (wenn auch gutem) Heavy Metal, Spanischlektionen, Gedichtrezitationen und dazwischen schon mal dem einen oder anderen ausgelutschten Popsong aus den Neunzigern.<br \/>\nAuch das gemeinsame eifrigste Mitsingen bei Letzteren half nichts: Es war und blieb ein v\u00f6llig an\u00f6dendes Ausharren in dieser Mistkarre, die sie von A nach B bringen sollte, wobei das B hoffentlich einladender sein w\u00fcrde als das nun eiligst zu verlassende A.<br \/>\nAushalten, durchhalten, bis zum Anhalten an sich halten mit Ausf\u00e4llen aller Art. Der Fahrer des Kleinlieferwagens bestach nicht nur durch die Vielfalt seiner MP3-Inhalte, sondern auch durch beharrliches Schweigen, um ebendiesen H\u00f6rgenuss nicht zu gef\u00e4hrden. Ihr Versuch eines Gespr\u00e4chsbeginns wurde unterbunden, gleich am Anfang, und dann traute sie sich auch nicht mehr.<br \/>\nAls er, der Karl hie\u00df, schlie\u00dflich nach zwei oder drei Stunden begann, ein One-Hit-Wonder &#8211; nicht g\u00e4nzlich unmusikalisch \u00fcbrigens &#8211; durch Mitsummen zu unterst\u00fctzen und schlie\u00dflich lauthals bei dessen Refrain mitzusingen,\u00a0 witterte sie ihre einzige Chance, auf dieser mehrst\u00fcndigen Fahrt endlich auch einmal den Mund aufmachen zu d\u00fcrfen. Sie stimmte also ein, es harmonierte nicht gerade bestens, und falls dieses Duo jemals eine Chance auf Erfolg haben sollte, so war diese damals jedenfalls noch nicht abzusehen.<\/p>\n<p>So fuhren sie in die Nacht, die d\u00fcster war. Dunkelheit auch in Elviras Herz und Hirn. Sie war niemals zuvor so unsicher gewesen, was sie erwarten w\u00fcrde. Der freundliche Idiot neben ihr kostete sie keine enervierenden Gedanken, der tat, was getan werden musste: Er fuhr, und das nicht schlecht. Kein einziges Mal hatte sie sich bisher gef\u00fcrchtet, und das sollte etwas hei\u00dfen, denn sie war \u00e4ngstlich, um nicht zu sagen \u00fcber\u00e4ngstlich, was den Stra\u00dfenverkehr und seine T\u00fccken betraf. Der Mann fuhr routiniert, er schien auch nicht m\u00fcde zu werden, und falls doch, gab es ja da diesen Lautst\u00e4rkeregler, der noch lange nicht ausgereizt war. Und die n\u00e4chste Metal-Nummer kam bestimmt.<\/p>\n<p>Sie hatte nicht ahnen k\u00f6nnen, dass sie, nach nur drei Monaten an Ort A, diesen mit Grausen vor ihr selbst und dem, was sie sich hatte antun lassen, verlassen w\u00fcrde, fluchtartig und mit einem schalen Geschmack im Mund, der ihr signalisierte: wieder nicht rechtzeitig gewehrt, neuerlich zu viel mit sich geschehen haben lassen, <i>Ja<\/i> signalisiert statt <i>Nein!<\/i> geschrien, die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken zu F\u00e4usten geballt, nach vorne hin gel\u00e4chelt, das falsche L\u00e4cheln, das sie selbst aufs Gr\u00f6bste schw\u00e4chende, das sie l\u00e4ngst hatte ablegen wollen. So einfach war das alles nicht. Alte Gewohnheiten, die lauerten \u00fcberall. Beim Einstellungsgespr\u00e4ch, wo ungeh\u00f6rige Fragen gestellt und leider auch von ihr beantwortet wurden (Kinderwunsch? Nat\u00fcrlich nicht\u2026); bei der Vermieterin der superg\u00fcnstigen Wohnung, die nur \u201einl\u00e4ndische und saubere Bewohner\u201c haben wollte; bei der durch die Mitfahrb\u00f6rse vermittelten Fahrerin, die immer nur gestichelt und gewitzelt hatte \u00fcber Elviras Ambitionen (aber die Mitfahrgelegenheit war eben g\u00fcnstig\u2026). Elvira schien es, als sei die Liste endlos. Und so wurde Elvira im Laufe der Zeit immer kleiner und d\u00fcnner, fast unsichtbar, und jedes Ja kostete sie das n\u00e4chste Nein, als ob sie ein Guthaben aufbrauchen w\u00fcrde, die Widerstandskraft schwand v\u00f6llig und so war sie an Bert geraten, in diesem geschw\u00e4chten Zustand, allein und ohne Verb\u00fcndete in A, so konnte er das nutzen, zu seinen Gunsten, was sonst.<\/p>\n<p>Nun war sie also auf der Flucht aus A, vor Bert, dem Mann ihrer Tr\u00e4ume, im Auto mit Karl, und wusste nur, sie wollte nach B. In B sollte alles anders werden. Sie wollte stark sein, f\u00fcr sich einstehen, nichts und niemandem zustimmen, das oder der ihr zuwider war. Was f\u00fcr ein Leben! Ein freies, ein selbstbestimmtes Leben w\u00fcrde es sein, nicht mehr gelenkt durch den Willen anderer, solcher, die sie zwangen, sich zu verbiegen. Nein, nicht einmal zwangen, die es einfach als gegeben hinnahmen, dass sie sich beugen w\u00fcrde. Und wie recht sie hatten. Aber nicht in B. Ein Ortswechsel, das war der Anfang. Und dann ein neuer Job. Ein neuer Mann eher nicht, noch nicht. F\u00fcr so etwas musste man stark genug sein, gefestigt, um sich diesen Versuchungen nicht gleich wieder auszusetzen. Ach, was war eine starke Schulter f\u00fcr eine Verlockung f\u00fcr eine unsichere Frau. Unglaublich, aber wahr.<\/p>\n<p>Elvira hatte genug Zeit, vor sich hin zu gr\u00fcbeln. Die Musikqu\u00e4lerei lie\u00df sich ganz gut ausblenden, nach der langen Fahrt. Vielleicht h\u00e4tte sie doch den Zug nehmen sollen. Aber dann w\u00e4re ihr Hab und Gut alleine unterwegs nach B, und den Fahrer, den Karl, den kannte sie ja kaum. Was, wenn er ihr Zeug einfach irgendwo abstellte, um es sp\u00e4ter einem windigen Dealer zum Verkauf anzubieten? Obwohl, Tante Erikas Tassen und Onkel Edwins Ohrensessel, naja, ein richtig gutes Gesch\u00e4ft w\u00e4re es wohl ohnehin nicht geworden. Sei es wie es sei, sie war eben jetzt am Weg. Warum nach B?<\/p>\n<p>In B, wurde ihr gesagt, sei alles anders. Da h\u00e4tten die Einwohner ein neues Modell entwickelt, ein Dorf, in dem alles geteilt w\u00fcrde, vom Einkommen angefangen bis zu den H\u00e4usern, der anfallenden Arbeit, den Kindern. Ackerbau, Viehzucht, Wald- und Wiesenpflege sowie Wildhege geh\u00f6rten zur Ausbildung der Neuank\u00f6mmlinge. Darauf aufbauend Koch-, N\u00e4h- und Schusterkurse f\u00fcr jedermann und kreative Bet\u00e4tigung beim Dekorieren der H\u00e4user, innen und au\u00dfen, und bei Bedarf spirituelle F\u00fchrung durch jene, die in dieser Materie (oder war es Nicht-Materie?) schon weit vorangeschritten waren. Wer dar\u00fcber hinaus ausw\u00e4rts t\u00e4tig sein wollte, im Sinne von Erwerbsarbeit, wurde ermutigt, und wer in der d\u00f6rflichen Gruppe bleiben mochte, war ebenso willkommen.<\/p>\n<p>So stellte sie sich das Leben vor. Entscheidungsfreiheit. Keine Arbeitgeber, die alles ausreizten, was zu holen war, keine Immobilienbesitzer, die sie zu ebenjenem Frondienst bei den Blutsaugern zwangen, keine Kreditgeber, die pressten und quetschten, was m\u00f6glich war, und selbst das noch, was eigentlich schon l\u00e4ngst nicht mehr mach- und leistbar war.<br \/>\nMan k\u00f6nnte es sicher auch Flucht nennen, was sie hier angetreten hatte. Aber es war eher ein Befreiungsschlag. Und nicht Bert, dem ja nicht einmal bewusst gewesen war, was er da angerichtet hatte, wollte sie davonfahren, sondern ihr selbst, der Elvira der Vergangenheit, und ihrer Vernetzung in den unglaublichen Abh\u00e4ngigkeiten, die A f\u00fcr sie bereitgehalten hatte.<\/p>\n<p>Elvira erschrak, als Karl pl\u00f6tzlich die Regler runterdrehte und sich r\u00e4usperte. Er schlug eine Pause vor, sei m\u00fcde geworden. Dass sie sich mitten in einem Waldst\u00fcck befanden, befremdete Elvira etwas. Wo wollte er hier rasten? Sie h\u00e4tte sich eher eine Raststation ausgesucht, oder ein Gasthaus am Weg, aber er wollte ein Nickerchen machen, dazu war der kaum erleuchtete Stra\u00dfenabschnitt wohl die beste Wahl. Da hatte er schon recht, der Karl. Elvira \u00fcberlegte gerade, ob das schon zu ihrer neuen Entscheidungsfreiheit geh\u00f6ren sollte, hier zu protestieren, \u00fcberlegte es sich aber anders. Karl parkte am Stra\u00dfenrand, da war eine Ausweichstelle, so schmal war die Fahrbahn hier.<\/p>\n<p>Er drehte an seinem Fahrersitz herum, um ihn in eine angenehme Schlafposition zu bringen, Elvira \u00fcberlegte, wie sie die Pause sinnvoll nutzen k\u00f6nnte, an Schlaf war nicht zu denken, denn Karl wollte seine MP3-Files weiterh\u00f6ren, das brauche er zum D\u00f6sen. Eigenartig, dass das, was zum Fahren und Wachsein gut sein sollte, auch dem Gegenteil, der Entspannung, dienen konnte. Anscheinend machte da die Lautst\u00e4rke den gravierenden Unterschied, denn er stellte nochmals etwas leiser, just als Klaus Kinski anhob, das sch\u00f6ne Villon-Gedicht mit dem Erdbeermund auf seine v\u00f6llig unnachahmliche Art zu rezitieren.<br \/>\nElvira erstarrte. Die Shuffle-Funktion hatte ihr dieses Meisterwerk bisher vorenthalten, es war neu f\u00fcr sie und doch eindeutig nicht. Es geh\u00f6rte der alten Elvira an, das Erinnern an die letzte Situation, in der sie es geh\u00f6rt hatte. Bert war es gewesen, der das Gedicht ganz bewusst ausgew\u00e4hlt hatte. In dem besonderen Moment, bevor er um ihre Hand angehalten, ihr die Sterne vom Himmel und dazu passend den Himmel auf Erden versprochen hatte. Wie gerne h\u00e4tte sie ja gesagt, zur Ehre Kinskis, zu der Aussicht auf Berts gemeinsamen Himmel f\u00fcr alle Zeiten. Allein, es war zu viel. Sie konnte nicht, nicht das letzte Bisschen, das von ihr noch \u00fcbrig war, an Bert verschenken, f\u00fcr immer. Lieber weg. Ganz woanders hin. Nach B.<\/p>\n<p>Der Karl, nat\u00fcrlich, der hatte keine Ahnung von der Vorgeschichte, die Elvira gerade bewegte, Elvira, die sich ja eigentlich von A hatte entfernen wollen und nun zumindest geistig wieder genau dort gelandet war, wo der Ausgangspunkt zu finden war. Karl nahm ihre Unruhe wahr und interpretierte sie falsch. Er dachte, Elvira h\u00e4tte das Gedicht inspiriert, sich ihm anzun\u00e4hern, und er wollte ihr den Weg etwas verk\u00fcrzen, indem er ein St\u00fcckchen nach rechts in ihre Richtung rutschte, mit einem wohligen Seufzer, der sie ermuntern sollte. Elvira bemerkte die Zeichen, h\u00f6rte die Einladung, sah sein Becken sich ihr entgegenrecken, und sie erstarkte. Das war es, was sie gewollt hatte. Sie wusste es nun. Keine Heirat. Keine gemeinsame Eigentumswohnung. Keinen immerergebenen, angetrauten Bert. Einen einladenden Kleinlastkraftwagenfahrer, der nichts von ihr wollte als ihren Erdbeermund. Wie wunderbar einfach doch das Leben sein konnte. Vielleicht blieb er ja dann auch noch ein bisschen, der Karl, mit ihr, in B.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15089<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die zuf\u00e4llige Anordnung der Songs und Tondokumente raubte ihr den letzten Nerv. Wer immer diese Shuffle-Funktion erfunden hatte, er hatte die H\u00f6chststrafe verdient. Und diese war klarerweise das stundenlange Anh\u00f6ren dieser niedertr\u00e4chtigen Mischung aus (wenn auch gutem) Heavy Metal, Spanischlektionen, Gedichtrezitationen und dazwischen schon mal dem einen oder anderen ausgelutschten Popsong aus den Neunzigern. 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