{"id":3001,"date":"2015-08-02T12:20:04","date_gmt":"2015-08-02T12:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3001"},"modified":"2015-08-03T12:29:23","modified_gmt":"2015-08-03T12:29:23","slug":"traum-trugschluss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=3001","title":{"rendered":"Traum &#038; Trugschluss"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3001&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts3001&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wachtr\u00e4ume, egal ob zur Tages- oder Nachtzeit, b\u00f6ten alle M\u00f6glichkeit, doch die Fantasie muss sich begn\u00fcgen, muss haushalten mit dem Vorr\u00e4tigen an Kreativit\u00e4t und Zeit. Die Verantwortlichkeit, das Beschwerliche und das Banale des Alltags schm\u00e4lern die Tr\u00e4ume und setzen dem Variantenreichtum Grenzen.<br \/>\nEmil behalf sich dennoch mit seiner Vorstellungskraft; und das \u00fcber viele Jahre. \u00dcber ebendiese Jahre, in die er jetzt gekommen war. Fraglos hatte das Leben ihn mit seinem z\u00fcgigen Ablauf \u00fcberrumpelt.<br \/>\nEr hatte dem Allt\u00e4glichen das Sehnen hintangestellt, hatte begehrt und entbehrt. Und erkannt, Fantasie ist bei aller Vielfalt vor allem eines: subjektiv. Es fehlt die zweite Dimension, die Erwiderung, das Bilaterale. Einzig die Vorstellung zu bem\u00fchen, ist der verzweifelte Versuch, zum Begehren ehead\u00e4quat Stellung zu nehmen, sich zum Verlangen in anst\u00e4ndiger Weise zu verhalten. Doch die Haut bleibt einsam.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte sich beizeiten umsehen sollen und hatte nicht.<br \/>\nDie optischen Ver\u00e4nderungen des \u00c4lterwerdens sind nicht verhandelbar. Doch mehr als das bereitete es Emil Sorge, dass niemand seiner Freunde ihn mehr erkennen w\u00fcrde, wenn sein Inneres zur Ansicht st\u00fcnde. Ein Mensch in seinem Alter sollte l\u00e4ngst in Balance sein, doch da waren massive Dissonanzen. Die Koordinaten des Lebens waren in Schieflage geraten und verweigerten sich einer Neukalibrierung. Obwohl er das nie von sich erwartet h\u00e4tte und keinesfalls billigen konnte, versp\u00fcrte Emil den dringenden Wunsch, die Regeln zu brechen.<\/p>\n<p>Und dann sah er eines Tages diesem befremdlich agierenden Mann zu, wie er mit Entschlossenheit die Telefonnummer aus der Internetwerbung w\u00e4hlte und zaudernd seine W\u00fcnsche bekanntgab. Dieser Mann war er selbst und er ruderte aus freien St\u00fccken im Dunkeln aufs offene Meer hinaus. Emil f\u00fchlte sich dabei verletzlich und nackt, gleichzeitig klar und stark.<br \/>\nMan k\u00f6nnte sagen, diesem Mann sei schlichtweg langweilig. Die h\u00e4uslichen geschlechtlichen Verrichtungen w\u00e4ren spannungslos und absehbar geworden. Und das Brodelnde m\u00fcsse sich Luft schaffen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Emil suchte echte N\u00e4he.<br \/>\nW\u00e4re die exekutierte K\u00f6rperlichkeit nur eine gekaufte, w\u00e4re der Betrug zwar nicht trivial, aber immerhin einigerma\u00dfen gewissenskompatibel.<\/p>\n<p>24\/7, das war ihm nach dem Telefonat noch im Ged\u00e4chtnis. Und dass er sich auf Diskretion verlassen w\u00fcrde k\u00f6nnen. Bezahlt w\u00fcrde erst danach und direkt an die Agentur.<br \/>\nDer Tagtraum, den Emil gegen Bares umgesetzt sehen wollte, begann in einer Bar. Er hatte eine Frau hinbestellt, Mariella, 39, gut zehn Jahre j\u00fcnger als er selbst. Sie sollte ihn ansprechen und in Folge alles richtig machen.<br \/>\nEmils Erwartungshaltung wurde von Almut gebrochen. Falls sie in irgendeiner Weise entt\u00e4uscht war, dann war ihr das nicht anzumerken. Sie strahlte ihn unmittelbar nach seinem Betreten der Bar an. Und doch entsprach die Bestellte so gar nicht den vereinbarten Kriterien. Ihre Haare waren entgegen seinen W\u00fcnschen kurz geschnitten, ihr Anmachspruch abgegriffen, wenngleich pfiffig und spontan vorgebracht. Sie trug auch kein Kleid und hochhackige Schuhe, sondern Jeans. Sie war einfach nicht Mariella. Sich nach ebendieser zu erkundigen, erschien Emil unpassend. Er stand zur Disposition, warum nicht ebenso f\u00fcr eine Almut.<\/p>\n<p>Ein anspruchsvolles Einleitungsgespr\u00e4ch hatte er bei der Agentur vorgeschlagen, etwa \u00fcber Kultur. Das was jetzt von Almut kam, war anderen Inhalts, aber nicht minder unterhaltsam. Ganz bestimmt wusste sie, dass ihre kleine nervosit\u00e4tsbedingte verbale Unbeholfenheit ungemein anziehend wirkte. Sie alberten herum \u00fcber die Kennenlernkultur in virtuell dominierten Zeiten wie diesen. Und dass es doch auch so ginge, ganz traditionell an der Bar. Ha!<br \/>\nSie erz\u00e4hlte von ihrem Beruf als Ausstellungskuratorin eines st\u00e4dtischen Kunsthauses. Ihren Nebenjob sprach sie nicht an. Als er kurz auf seine Ehe zu sprechen kam, da schien es Emil, als zucke es bedauernd um ihren Mund und als w\u00fcrde ihre K\u00f6rperhaltung etwas distanzierter. Sie selbst sei Single, gab sie an. Aber rasch war die vorherige N\u00e4he wiederhergestellt.<\/p>\n<p>Falls sie kein Vergn\u00fcgen an ihrer lukrativen Nebent\u00e4tigkeit hatte, dann verstellte sie sich gut. Die Frau gab sich unentwegt interessiert. Vermutlich wurde ihr eingetrichtert, nicht laut von sich selbst reden zu machen, sondern alle Aufmerksamkeit auf den Kunden zu richten. Alkohol und der nerv\u00f6se Elektropop erzeugten ein Flirren in Emils Kopf. Er sp\u00fcrte sich schweben und f\u00fchlte sich am \u00e4u\u00dfersten Limit taumelig. Genau so hatte er sich das gew\u00fcnscht, ganz genauso.<br \/>\nEmils Knie ber\u00fchrte ihres, als er seinen Barhocker ein wenig drehte, und er sp\u00fcrte Almuts Gegendruck, der von einem tiefen Blick begleitet wurde. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm und r\u00e4usperte sich, um etwas zu sagen. Doch sie schluckte nur und es blieb beim Subtext. Der Bann war gebrochen, das wussten beide. Ein vorsichtiges Peut-\u00eatre gravitierender K\u00f6rper. Damit hatte er nicht gerechnet. Nicht damit, dass ihre Blicke z\u00e4rtlich sein w\u00fcrden, nicht nur verf\u00fchrerisch. Nicht damit, dass sie sich f\u00fcr die Konversation davor so viel Zeit nehmen w\u00fcrde. Nicht damit, dass sie ihre Wohnung anbot und kein Hotel vorschlug.<br \/>\nAuch nicht damit, dass sie sp\u00e4ter ein solches Verlangen zeigen w\u00fcrde, ihn zu k\u00fcssen und sich recht zielstrebig mit ihrer Zunge in seinem Mund einfand. Emil war sicher, dass dies in so ausgepr\u00e4gter Intimit\u00e4t in dem Metier nicht \u00fcblich war. Und doch gefiel es ihm, und er konnte ihre Liebkosungen genie\u00dfen. Es lie\u00df ihn vergessen, dass es ein Spiel war.<br \/>\nEr dachte, er h\u00e4tte ihre Rhythmuskompetenz und \u00fcberhaupt das umfassende Repertoire als Liebhaberin gebucht, aber \u00fcberraschenderweise liebte sie ihn mit einer ambivalenten ungest\u00fcmen Innigkeit und Hingabe, die ihn r\u00fchrte und der er sich emotional nicht entziehen konnte. Ihre Zuneigung war nicht unerw\u00fcnscht und anscheinend eine Draufgabe, denn er hatte sie nicht bestellt.<\/p>\n<p>Als Almut eingeschlafen war, ging Emil nach Hause. Er verbrachte den Rest der Nacht mehr oder weniger schlaflos. Einmal schreckte er hoch, denn er wusste pl\u00f6tzlich, da hatten sich zwei, wenngleich nicht gesucht, so doch gefunden. Ein wohlwollender Zufall hatte diese Mariella unter anderen verwechselbar gemacht und ihm Almut beschert.<\/p>\n<p><i>Lieber Emil,<br \/>\nunsere bezaubernde Mariella nimmt Ihnen gewiss nicht \u00fcbel, dass Sie das gestrige T\u00eate-\u00e0-t\u00eate mit ihr platzen lie\u00dfen. Sie war p\u00fcnktlich am vereinbarten Ort, hat aber h\u00f6flicherweise von einer Kontaktaufnahme Abstand genommen, da Sie bereits in ein Gespr\u00e4ch mit einer Dame vertieft waren.<br \/>\nWir erlauben uns, Ihnen hiermit das vereinbarte Honorar in Rechnung zu stellen, auch wenn Sie die Dienste Mariellas nicht in Anspruch genommen haben (gem\u00e4\u00df Absatz 7 der geltenden Gesch\u00e4ftsbedingungen).<br \/>\nMariella w\u00fcrde sich nat\u00fcrlich \u00fcber eine zweite Gelegenheit freuen. Sehr gerne bieten wir Ihnen aber auch an, unser Gesamtportfolio nochmals zu begutachten, Ihre Login-Daten sind noch bis zum Monatsende g\u00fcltig.<br \/>\nMit besten Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nAgentur Escort 24\/7<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 15088<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wachtr\u00e4ume, egal ob zur Tages- oder Nachtzeit, b\u00f6ten alle M\u00f6glichkeit, doch die Fantasie muss sich begn\u00fcgen, muss haushalten mit dem Vorr\u00e4tigen an Kreativit\u00e4t und Zeit. Die Verantwortlichkeit, das Beschwerliche und das Banale des Alltags schm\u00e4lern die Tr\u00e4ume und setzen dem Variantenreichtum Grenzen. 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