{"id":2987,"date":"2015-08-03T08:58:48","date_gmt":"2015-08-03T08:58:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2987"},"modified":"2015-08-09T06:31:42","modified_gmt":"2015-08-09T06:31:42","slug":"zum-letzten-mal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2987","title":{"rendered":"Zum letzten Mal"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2987&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2987&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Licht der Scheinwerfer brannte in seinen Augen. Auf seiner Stirn sammelten sich Schwei\u00dfperlen, bahnten sich ihren Weg durch die Schichten von Make-up, die eigentlich die tiefen Furchen auf seiner hohen Stirn und die dunklen Ringe unter seinen Augen verdecken sollten. Doch dieser Kleister auf seinem Gesicht, der sich anf\u00fchlte, als w\u00e4re sein Kopf in Frischhaltefolie eingewickelt, vermochte es nicht, die stummen Zeugen seines Lebensstils auch nur ann\u00e4hernd verschwinden zu lassen. Sein Atem wurde schneller. Er h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass sich dieser beschissene Kragen seines Pullovers von Minute zu Minute enger um seinen Hals schn\u00fcrte. \u201eRede!\u201c Unh\u00f6rbar f\u00fcr die anderen war da wieder diese Stimme, die sich in seine Gedanken einschlich.<\/p>\n<p>Der Applaus war schon vor Minuten abgeebbt und nun herrschte das erwartungsvolle Schweigen, das er f\u00fcrchten gelernt hatte. \u201eJa, ich hab es auch geh\u00f6rt. Der Applaus ist anders als fr\u00fcher, nicht wahr? Konntest du auch den Zweifel heraush\u00f6ren? Wei\u00dft du, dass die meisten nur hier sind, um dich scheitern zu sehen? Du h\u00e4ttest zuhause bleiben sollen, mein Lieber\u201c, meldete sich die Stimme von unten wieder zu Wort. Er versuchte sie zu ignorieren, sie wegzusperren, auch wenn es bis jetzt noch nie funktioniert hatte. Wusste er doch, wem die Stimme geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eFang an zu reden!\u201c. Durch die grelle Beleuchtung konnte er nur die Silhouetten des Publikums erkennen, doch sp\u00fcrte er die Blicke, wie Stecknadeln, die auf seinen K\u00f6rper prasselten. Die Stimme erz\u00e4hlte ihm nichts Neues. Von dem Zeitpunkt an, als der Anruf seiner Agentur gekommen war, wusste er, was das f\u00fcr ein Abend werden w\u00fcrde. Eine Fleischbeschau, und er war die Hauptattraktion. Das abendf\u00fcllende Programm, das wahrscheinlich irgendein Praktikant der Agentur aus alten Mitschnitten zusammengeschustert hatte, um es dann als <i>Best of<\/i> zu pr\u00e4sentieren, war nur ein Vorwand, um seinen Verfall live ansehen zu k\u00f6nnen. Wie hatte es nur so weit kommen k\u00f6nnen? Diese Frage stellte er sich jedes Mal, wenn er wieder mal als Letzter in dem heruntergekommenen Beisel unter seiner Wohnung an der Bar lungerte. Die Antwort stand jedes Mal vor ihm, in einem halbleeren Glas, das wusste er. Doch hatte es Jahre gedauert, bis er es sich selbst eingestehen konnte.<\/p>\n<p>Das Ende war nicht \u00fcber Nacht gekommen. Es kam schleichend, setzte sich fest, und er war zu arrogant gewesen, um es zu merken. Die leeren Pl\u00e4tze bei seinen Auftritten hatte er auf die fehlende Werbung geschoben, die Weigerung des Verlags, sein letztes Buch zu ver\u00f6ffentlichen, war, seiner Ansicht nach, dem kurzsichtigen Lektorat geschuldet, und die Tatsache, dass seine Wohnung ger\u00e4umt wurde, w\u00e4hrend er besoffen in der Badewanne schlief, war die Schuld seines Steuerberaters gewesen.<\/p>\n<p>Es endete in einer kleinen Wohnung, die jemand von der Agentur f\u00fcr ihn gefunden hatte. Nat\u00fcrlich nur, bis er wieder auf die Beine kommen w\u00fcrde. Das war fast zehn Jahre her und auf die Beine gekommen war er in dieser Zeit nicht mehr.<\/p>\n<p>Alles, was sie ihm gelassen hatten, war dieses alte Sofa, das er bei jedem seiner Auftritte dabei gehabt hatte. Er fand es vor Jahren auf einem Flohmarkt und es sollte, wie er, zu einem Kultobjekt werden. Dieses h\u00e4ssliche Ding. Das verschlissene braune Leder trug den Geruch der wilden Jahre in sich, die die beiden durchlebt hatten. Neben dem Bett und der K\u00fcche war es das einzige M\u00f6belst\u00fcck in seiner Einzimmerwohnung, doch hatte er es seit Jahren nicht mehr gewagt, darauf Platz zu nehmen. Als w\u00fcrde er dieses durchgesessene St\u00fcck Dreck damit entweihen und den letzten Rest seines vergangenen Ruhms damit zunichtemachen. Es stand an der nikotinverf\u00e4rbten Wand und machte ihm stumme Vorw\u00fcrfe dar\u00fcber, dass es hier in diesem finsteren Loch sein Dasein mit ihm fristen musste.<\/p>\n<p>Eines Nachmittags war er aufgewacht und da h\u00f6rte er diese Stimme zum ersten Mal: \u201eWas hast du uns angetan?\u201c Er sah sich um, doch war er allein in der Wohnung. \u201eHey Arschloch, h\u00f6r mir zu!\u201c Er sprang auf und taumelte ins Badezimmer. <i>Alles nur Einbildung, <\/i>dachte er sich. Die, f\u00fcr seinen Zustand, schnellen Bewegungen waren zu viel f\u00fcr seinen K\u00f6rper, der noch immer damit besch\u00e4ftigt war, den Alkohol vom letzten Tag zu verarbeiten. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es zur Toilette, um sich zu \u00fcbergeben. Den Ekel davor hatte er schon l\u00e4ngst abgelegt, f\u00fcr ihn hatte es inzwischen etwas Reinigendes. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, suchte sich ein Hemd, von dem er glaubte, dass es sauber war und ging in die K\u00fcche, um sich einen Kaffee zu machen. Nat\u00fcrlich war kein Kaffee da, aber die Gewohnheit verlangte es von ihm. Seit Wochen war niemand mehr f\u00fcr ihn einkaufen gewesen. Der junge Mann, der das fr\u00fcher f\u00fcr ihn erledigt hatte und sich ihn wohl als eine Art Mentor gew\u00fcnscht h\u00e4tte, kam nicht mehr, seit er ihm im Suff eine leere Weinflasche nachgeworfen hatte.<\/p>\n<p>Also setzte er sich wieder auf sein Bett und starrte an die Wand. \u201eSeht ihn euch an, den Meister des bissigen Humors\u201c, erklang die Stimmer wieder. Er hatte sie klar und deutlich geh\u00f6rt, doch war irgendetwas seltsam an ihr. Sie kam nicht aus seiner Wohnung, sie kam aus seinem Kopf. \u201eSieh dir an, was aus dir geworden ist. Fr\u00fcher war ich der von uns beiden, der verbraucht aussah.\u201c Schlagartig wurde ihm klar, wessen Stimme in seinem Kopf spukte. \u201eDu?\u201c, sah er sein Sofa fragend an. Doch es blieb stumm.<\/p>\n<p>War das der Punkt, an dem er vollkommen seinen Verstand verlieren w\u00fcrde? Panik brach in ihm aus, und er verlie\u00df seine Wohnung, so schnell es ging, in Richtung Beisel. Gespr\u00e4chig war er nie gewesen, wenn er an seinem Hocker an der Bar sa\u00df, doch an diesem Tag sagte er kein einziges Wort. Je l\u00e4nger er dar\u00fcber nachdachte, umso weniger schockierte ihn die Tatsache, dass er die Stimme eines M\u00f6belst\u00fccks in seinem Kopf h\u00f6rte. Was ihn nicht loslie\u00df war, dass diese Stimme recht hatte. Er war daf\u00fcr verantwortlich oder zumindest das, was aus ihm geworden war.<\/p>\n<p>Als er den Pegel erreicht hatte, bei dem er gerade noch alleine stehen und nach Hause wanken konnte, kratzte er sein Kleingeld zusammen, bezahlte und machte sich auf den Heimweg. Mit Herzklopfen \u00f6ffnete er die T\u00fcr zu seiner Wohnung. Stille. Vielleicht hatte er es sich doch nur eingebildet. Er legte sich ins Bett und wollte gerade einschlafen, als sich das Sofa erneut zu Wort meldete: \u201eHast wieder einen besonders produktiven Tag hinter dir, oder?\u201c \u201eLass mich in Ruhe!\u201c, br\u00fcllte er das Sofa an. Keine Antwort.<\/p>\n<p>Er ging in die K\u00fcche, holte ein Messer aus der Schublade und war fest entschlossen, dieses elende M\u00f6belst\u00fcck, so gut er konnte, zu zerst\u00f6ren. Bereit, darauf einzustechen, stand er da und schaffte es letztlich doch nicht. Das Einzige, was ihm geblieben war, zu vernichten, auch wenn es ihn langsam in den Wahnsinn trieb, schaffte er einfach nicht. \u201eNicht einmal dazu bist du f\u00e4hig\u201c, verh\u00f6hnte ihn sein Sofa, als er auf die Knie sank und das Messer fallen lie\u00df. Stundenlang sa\u00df er da und starrte auf dieses Ding, das fest dazu entschlossen war, ihn seines Verstandes zu berauben. Irgendwann schlief er auf dem Boden ein. In den darauffolgenden Tagen und Wochen wurden die Meldungen des Sofas immer h\u00e4ufiger. Er versuchte es zu verkaufen, zu verschenken, einfach nur irgendwie loszuwerden, aber jedes Mal, wenn sich ein Interessent meldete, meistens ein nostalgischer Fan, konnte er den letzten Schritt einfach nicht machen. Was blieb ihm also anderes \u00fcbrig, als mit den st\u00e4ndigen Meldungen seines ledernen Partners zu leben und es weiterhin zu ertragen, dass es ihm die unverbl\u00fcmte Wahrheit vor das Gesicht hielt: n\u00e4mlich, dass er an der Endstation seiner Karriere angelangt war.<\/p>\n<p>Ein lautes R\u00e4uspern holte ihn zur\u00fcck in die Gegenwart. Das Publikum wurde ungeduldig. Hier und da h\u00f6rte man jemanden tuscheln, meist gefolgt von einem verhaltenen Kichern. \u201eFang an zu reden, du Idiot!\u201c, meldete sich sein Sofa zu Wort. Er krallte seine Finger an der Lehne fest. Der Schwei\u00df stand ihm im Gesicht, und er merkte, wie ihm schwindlig wurde. \u201eFang an!\u201c Er sah ins Publikum, das mittlerweile von Dutzenden Handydisplays erleuchtet wurde. Hier und da blitzte ein Kameralicht auf. \u201eZum letzten Mal\u201c, dachte er sich. Sein Atem beruhigte sich, er l\u00f6ste die Hand von der Lehne und stand auf. Er bem\u00fchte sich, so aufrecht wie m\u00f6glich zu stehen und sah das Publikum an. \u201eZum letzten Mal.\u201c Mit aller Verachtung, die er aufbringen konnte, sah er in die Menge. Die Zuschauer wurden schlagartig still.<\/p>\n<p>Er verneigte sich, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit hinter dem Vorhang. Zum letzten Mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Dominik H\u00f6dl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"s\u00fcffig\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> | Inventarnummer: 15087<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Licht der Scheinwerfer brannte in seinen Augen. Auf seiner Stirn sammelten sich Schwei\u00dfperlen, bahnten sich ihren Weg durch die Schichten von Make-up, die eigentlich die tiefen Furchen auf seiner hohen Stirn und die dunklen Ringe unter seinen Augen verdecken sollten. 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