{"id":2984,"date":"2015-08-02T17:35:21","date_gmt":"2015-08-02T17:35:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2984"},"modified":"2024-06-26T07:30:09","modified_gmt":"2024-06-26T07:30:09","slug":"dem-zweifel-entfliehen-der-leere-der-traurigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2984","title":{"rendered":"Dem Zweifel entfliehen, der Leere, der Traurigkeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2984&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2984&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wenn M\u00fcdigkeit sich in mir auszubreiten beginnt, lasse ich sie Besitz von mir ergreifen. Sie kommt mir gerade recht. Ich sp\u00fcre, wie sie anf\u00e4ngt, meinen Verstand zu l\u00e4hmen. Alles in meinem Hirn wird unwichtig. Die Augen fallen mir zu und ich gebe mich dem angenehmen Gef\u00fchl hin, hinabzusinken in die lautlose Dunkelheit. W\u00e4hrend ich das Schweben noch wahrnehme und v\u00f6llig angstlos genie\u00dfe, entzieht sich mir jegliche Vorstellung von Ankunft. Nur das Sinken nehme ich wahr, es dauert und dauert und ich gelange nie an den Grund. Daran finde ich mehr und mehr Gefallen. Verschlie\u00dfen will ich die Augen vor den unerm\u00fcdlich eintretenden Ereignissen. Die Notwendigkeiten schaffen es nicht mehr, meine Sensoren zu erreichen. Wissen will ich nicht, was ich tun soll und muss. Nur schwerelos gleiten m\u00f6chte ich und nie ankommen.<\/p>\n<p>Es ist Geborgenheit, die mich durch diesen D\u00e4mmer tr\u00e4gt und h\u00e4lt und sch\u00fctzt. Dann verliert sich auch die Erinnerung daran und es gibt nichts mehr, was mein Bewusstsein besch\u00e4ftigt. Lediglich ein wohliges Gewogensein von geheimen Kr\u00e4ften umgibt mich. Sonst ist da nur der Rhythmus des Atems, der im Geheimen die Verbindung zum Leben wahrt. Zeit und Raum verschwinden und ich sp\u00fcre die Schichten meines k\u00fcmmerlichen Daseins, die ihre Schalen \u00f6ffnen vor dem, der ohnehin wei\u00df, was im Innersten wohnt. Mit seinem liebenden Herzen f\u00fchlt er hinein und l\u00e4sst ein leises Lied erklingen, das vom Wunder des Paradieses zu k\u00fcnden wei\u00df, vom Gleichklang der Lebenskr\u00e4fte, die mich aber taumeln lassen im Sturm und mich zu verwehen drohen im Dickicht, sodass ich mich aufl\u00f6se in abertausend F\u00e4den, die an den \u00c4sten der B\u00e4ume h\u00e4ngen bleiben und ein Spiel der L\u00fcfte werden, v\u00f6llig substanzlos.<\/p>\n<p>Aufgetrennt ist meine Seele und zerst\u00fcckelt, und die Enden suchen nach der gewohnten Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der sie dem Lebensfaden verbunden waren. Abzuwickeln schien ihn Zentimeter f\u00fcr Zentimeter eine schicksalhafte Kraft, die sich des Ziels sicher war. Doch pl\u00f6tzlich gelangte er in den Besitz bislang verborgener Kr\u00e4fte, und neue T\u00fcren tun sich auf und lassen die verbl\u00fcfften Augen Ungeahntes schauen, das mit Macht und Unerbittlichkeit zum Gehen auf den neuen Wegen dr\u00e4ngt. Kein Aufschub wird erlaubt, es eilt. Die Zeit ist dicht, kein Millimeter findet sich zwischen den Momenten, angef\u00fcllt ist jede Sekunde mit Ungeduld und Dr\u00e4ngen. Ein Sehnen zieht die Seele mit sich fort und k\u00fcndet ihr von ungeschauten Pl\u00e4tzen, die wohl verborgen hinter Zauberw\u00e4ldern die Quelle der vier Fl\u00fcsse ahnen l\u00e4sst. Und in dem atemlosen Hecheln dieser vielfach angeh\u00e4uften Zeit rei\u00dft der letzte Faden j\u00e4h entzwei und alles taumelt.<\/p>\n<p>So finde ich mich losgel\u00f6st von den gewohnten Banden und baumle in nie gekannter Weise an seidenen Gespinsten, die Achtsamkeit und Mut mir gleicherma\u00dfen abverlangen, um nicht zu st\u00fcrzen in den H\u00f6llenschlund. Viele Worte dringen an mein Ohr, sie sprechen Warnungen und drohen, sie beschw\u00f6ren meine Sinne und \u00e4u\u00dfern immer wieder das Zauberwort Vernunft, Vernunft, Vernunft. Verstohlen klopft es an die Sch\u00e4delwand von innen, auf dass ich \u00f6ffne Aug und Ohr und Herz. Geheime M\u00e4chte sind es aber, die sich gegen dieses Dr\u00e4ngen sperren. Vernunft kann nicht der Ma\u00dfstab sein. Soll denn das Herz zur Marionette werden? Soll es geleitet werden von den Messger\u00e4ten, die mit der Macht der Zahlen bet\u00f6ren und verf\u00fchren, und oftmals schon das Unheil \u00fcberschwappen lie\u00dfen trotz zweifelsfreier Expertisen?<\/p>\n<p>Die schwerelosen, dem wachen Auge stets verborgnen Seidenf\u00e4den sind von den Raupen ahnungsvoll gesponnen. Sehr wohl wissen sie, was an ihnen h\u00e4ngt und was sie bewahren m\u00fcssen vor der ewigen Verdammnis. So lasse ich mich in jenen D\u00e4mmer gleiten und sp\u00fcre im Innern der Erinnerung, die meine Ahnen mir nicht grundlos weitergaben, dass ich getragen bin, wenn auch ganz zart. Nur trauen kann ich dem Vertrauen, das in mir lebt und mir den schmalen Pfad zu gehen r\u00e4t. Wer wei\u00df schon um die sorgenvollen Kammern in den entlegnen Winkeln meiner Kreatur, die \u00e4hnlich den himmlischen Hallen sich ineinander bauen und verzweigen und endlich doch das Auge schauen lassen in jenes Licht.<\/p>\n<p>So kann ich der lautlosen Dunkelheit vertrauen. Sie f\u00e4ngt mich auf und l\u00e4sst mich tr\u00e4umen von Pl\u00e4tzen, die kein Wissen jemals sieht. Im z\u00e4rtlichen Vergessen ruh ich mich aus und schwebe unmerklich leise wieder empor zu jenem Horizont, der mich empf\u00e4ngt und weckt und z\u00e4rtlich aufnimmt in die neue Zeit. Lang ist sie und anders und doch gleich. (Allein in mir hat sich ein Auge aufgetan, das auf dem m\u00fchevollen Gang durch die Windungen des Schneckenhauses die Zeit und alles, was in ihrem Licht erscheint, ganz neu erscheinen l\u00e4sst.)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a>| Inventarnummer: 15086<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn M\u00fcdigkeit sich in mir auszubreiten beginnt, lasse ich sie Besitz von mir ergreifen. Sie kommt mir gerade recht. 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