{"id":2924,"date":"2015-07-05T18:58:53","date_gmt":"2015-07-05T18:58:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2924"},"modified":"2015-07-08T16:03:02","modified_gmt":"2015-07-08T16:03:02","slug":"laura","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2924","title":{"rendered":"Laura"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2924&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2924&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war der dritte Tag nach seiner Ankunft. Er hatte schon die Stadtf\u00fchrung, die die Studentenorganisation an der \u00f6rtlichen Universit\u00e4t f\u00fcr alle Erasmus-Studenten angeboten hatte, hinter sich gebracht, hatte den kleinen wei\u00dfen Schrank in seinem Zimmer einger\u00e4umt und sein Bett, das sich mit seinem grauen, verbogenen Metallgestell und der durchgelegenen Matratze gut in jedem Gef\u00e4ngnis gemacht h\u00e4tte, \u00fcberzogen. Eine Studentenparty sollte an diesem Abend stattfinden, und nachdem er erst wenige Menschen kennengelernt hatte, beschloss er, an dieser teilzunehmen.<br \/>\nEr stand mit seinem Bier in dem Raum, in dem sich mittlerweile um die vierzig Studenten eingefunden hatten, und unterhielt sich mit zwei Schotten. Gerade als der gr\u00f6\u00dfere der beiden, der ein strahlendwei\u00dfes Hemd trug, das fast unpassend in der von Bier und Schwei\u00df erf\u00fcllten Atmosph\u00e4re wirkte, begann, von seiner Universit\u00e4t zu erz\u00e4hlen, die ganz in der N\u00e4he war, da sah er sie. Sie hatte gerade den Raum betreten und sah ihn an. Sie trug ein schwarzes Shirt, das fast ein bisschen zu gro\u00df wirkte und dazu blaue Jeans und sie sah ihn an. Und es war in diesem Moment, in dem die Schotten sich weiter unterhielten, die Musik weiter dr\u00f6hnte und das Bier weiterhin floss, als er wusste, dass sie nur f\u00fcr ihn da war.\u00a0 Er wusste nicht warum; das war aber auch nicht wesentlich. Sie war nur f\u00fcr ihn zu dieser Party gekommen, ohne ihn zu kennen und ohne dass er sie kannte.<\/p>\n<p>Ihr Englisch war grauenhaft. Sie standen auf der Terrasse des Studentenheims, in dem er wohnte. Sie sagte, sie k\u00e4me aus Spanien. Die Terrasse war das Einzige, das sein Studentenheim aufwertete. Sie hatte die Aussicht eines F\u00fcnf-Sterne-Hotels, bot einen Ausblick \u00fcber die Skyline der Stadt mit der charakteristischen Br\u00fccke. Er leerte sein Bier und l\u00e4chelte sie an. Du bist ziemlich betrunken, sagte sie mit ihrer rauen, s\u00fcdl\u00e4ndischen Stimme in gebrochenem Englisch. Sie stand so nah bei ihm, dass er ihren K\u00f6rper sp\u00fcren konnte, ohne dass sie sich ber\u00fchrten. Sie hatte ziemlich braune Augen und war einen Kopf kleiner als er. Sie sah zu ihm<span style=\"color: #333333;\"> hinauf <\/span>und lie\u00df ihr Glas sinken.<\/p>\n<p>Als er am n\u00e4chsten Morgen aufwachte, war sie verschwunden. Er stand auf und ging den schmalen Gang vor zu der K\u00fcche. Doch sie war weder dort noch fand er sie im Bad oder auf der Toilette. Das beunruhigte ihn. Die letzte Erinnerung, die er hatte, war, dass sie sich gek\u00fcsst hatten und sie mit ihren kleinen, warmen H\u00e4nden seinen ganzen Oberk\u00f6rper ber\u00fchrt hatte. So rastlos wie ihre Art zu sprechen, waren auch ihre H\u00e4nde gewesen, aber viel sanfter. Ihr K\u00f6rper war schlank gewesen, mit kleinen runden Br\u00fcsten und brauner, weicher Haut. Und jetzt war sie verschwunden. Er wusste ihren Namen nicht mehr, obwohl sie ihn ihm bestimmt gesagt hatte. Als sie sich gek\u00fcsst hatten, hatte er bemerkt, wie betrunken er war. Sein Gef\u00e4ngnisbett war viel zu klein gewesen f\u00fcr sie beide. Aber es war trotzdem eigenartig, dass sie verschwunden war.<br \/>\nDie n\u00e4chsten Tage dachte er an kaum etwas anderes. Sie hatte sich in seinem Kopf eingenistet und das Gef\u00fchl, dass sie in irgendeiner Form auf ihn wartete, lie\u00df ihn nicht los. In den ersten Tagen an der neuen Universit\u00e4t fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. St\u00e4ndig sah er ihre braunen Haare, ihre schlanke Figur irgendwo in den <span style=\"color: #333333;\">Studentinnen<i>,<\/i><\/span> die durch das Geb\u00e4ude gingen. Sobald er aber genauer hinschaute, wurde ihm klar, dass er sich get\u00e4uscht hatte. Die Woche verging extrem langsam und er wartete nur darauf, dass es Wochenende wurde.<\/p>\n<p>Die Musik dr\u00f6hnte in seinen Ohren. Sie war viel zu laut, aber er war zu betrunken, um sich einen Ohrenschutz zu kaufen. Am Eingang des Clubs war ein Schild gewesen, das vor schlechten Drogen gewarnt hatte. Darauf zu sehen war eine Pille gewesen, die von einem breiten roten Strich durchkreuzt war. Er hatte trotzdem eine Pille genommen. Von einem Belgier, der mit ihm in einem der Kurse war. Der Belgier war schon etwas \u00e4lter als er und eher ein Hippie, also ein Freigeist, nie p\u00fcnktlich und mit einer gewissen Abneigung gegen geordnete Strukturen. Mit einem Dreitagesbart\u00a0 und immer ungeordneten Haaren. Der hatte ihm die Pille gegeben und er hatte eine H\u00e4lfte davon geschluckt, den bitteren Geschmack aber noch Minuten sp\u00e4ter auf der Zunge gesp\u00fcrt. Es \u00e4nderte sich eigentlich nicht viel, die Lautst\u00e4rke der Musik wurde etwas ertr\u00e4glicher und er tanzte, ohne \u00fcber etwas anderes nachzudenken. Sein Blick schweifte \u00fcber die Menschen, die sich genauso wie er dem Rhythmus hingaben, sie blieben aber nich<span style=\"color: #333333;\">t in seiner Wahrnehmung haften.<br \/>\n<\/span>Menschen waren eher eine unwichtige Nebens\u00e4chlichkeit in seinem Empfinden. Viel zu dominant war die Musik. Wie ein Foto, bei dem auf einen bestimmten Gegenstand fokussiert wird und alles andere im Hintergrund unscharf bleibt. Er stolperte zur Toilette, denn er war pl\u00f6tzlich unglaublich durstig geworden. Die Frau, die den Eingang zur Toilette bewachte, l\u00e4chelte ihn an. Sie hatte kurzes gelocktes Haar. Als er wieder in Richtung der Tanzfl\u00e4che ging, besser gesagt sich in Richtung der Tanzfl\u00e4che treiben lie\u00df, denn aktive Entscheidungen traf er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, da sah er sie. Sie tanzte. Und pl\u00f6tzlich war nicht mehr der Rhythmus im Vordergrund, nicht die Musik, nicht dieses Gef\u00fchl des Nichts-F\u00fchlens. Er stolperte in ihre Richtung, aufgeregt pl\u00f6tzlich und verschwitzt. Ihre dunklen Haare wirbelten um sie herum, sein Objektiv war nur auf sie fokussiert, und alles um ihn herum war verschwommen, und sein Herz raste und sie tanzte.<br \/>\nDie Musik wurde langsam wieder intensiver, vielleicht hatten sie die Lautst\u00e4rke erh\u00f6ht, er wusste es nicht. Er hielt den Blick nur auf sie, um sie ja nicht aus den Augen zu verlieren in diesem Chaos aus Licht und Schwei\u00df und tanzenden Menschen. Pl\u00f6tzlich sah er sie nicht mehr. Sein Kopf war gegen den Boden gekracht, er war gestolpert. Und in dem Zustand, in dem er sich befand, erkannte sein Gehirn den Umstand, dass er gestolpert war, erst als er schon am Boden lag und um ihn herum die Menschen weitertanzten. Er erhob sich, hastig, fast schon panisch, und blickte in dem dunklen Raum umher, suchte sie verzweifelt. Doch er konnte ihre dunklen Haare, ihre schlanke Figur nicht finden.<br \/>\nEr lief, stie\u00df mit einem Mann mit langen Haaren und einem abgetragenen T-Shirt zusammen, der ihm sein Bier \u00fcber die Kleidung sch\u00fcttete, aber er lief weiter. Zum Ausgang, blickte auf die Stra\u00dfe, auf der es schon langsam hell wurde, aber sah sie nirgendwo. Der T\u00fcrsteher klopfte ihm auf die Schulter und gab ihm zu verstehen, dass er sich entscheiden solle, ob er den Club verlassen oder bleiben wollte. Wortlos drehte er sich um und ging zur\u00fcck in die dr\u00f6hnende Dunkelheit.<\/p>\n<p>Zwei Wochen waren vergangen, und obwohl er sie nie wieder gesehen hatte, hatte sie seine Gedanken okkupiert. Er konnte nur an sie denken. Was ihm weiterhin Hoffnung gab, war dieses Gef\u00fchl, das er bei ihrer ersten Begegnung gehabt hatte. Dieses Gef\u00fchl, dass sie nur f\u00fcr ihn da war. Und daran hatte sich nichts ge\u00e4ndert, er wusste es einfach.<\/p>\n<p>Es war ein Dienstagabend und er trank sein drittes Bier, als er beschloss, sie suchen zu gehen. Er zog sich seine Jacke an und trat aus der T\u00fcr seiner Wohnung auf die Terrasse mit der wundersch\u00f6nen Aussicht. Er hatte noch ein Bier mitgenommen, obwohl es eigentlich verboten war, auf der Stra\u00dfe zu trinken. Weil er nicht wusste, wo er hingehen sollte, ging er einfach in Richtung des Stadtzentrums, das er zu Fu\u00df in zwanzig Minuten erreichen konnte. Leider war sein Bier schneller leer als erwartet, und als er eine Gruppe von Studenten vor einer Bar stehen sah, ging er hinein. Hinter der Bar stand eine blonde Frau, die ihn anl\u00e4chelte und ihm sein Bier gab. Er nahm den ersten Schluck, registrierte zum wiederholten Male, dass dieses Land kein gutes Bier herstellen konnte, und sah sich um.<br \/>\nUm ihn herum standen lauter Studenten, die sich in kleinen Gruppen unterhielten. An der Bar sa\u00df ein Mann alleine, der wohl etwas \u00e4lter war als er, und weil er sein Bier nicht alleine trinken wollte, setzte er sich zu ihm. Der Mann war eher klein, hatte ein r\u00f6tliches Gesicht und er trug ein Sakko mit grauem Fischgr\u00e4tmuster. Sie unterhielten sich, \u00fcber die Stadt, \u00fcber die Universit\u00e4t, \u00fcber das schreckliche Bier. Und sie tranken. Die Farbe der Getr\u00e4nke wechselte von tr\u00fcb zu klar und die Ger\u00e4usche der Bar verschmolzen zu einem Summen, zu einem Chor, und der Mann redete weiter, aber keiner h\u00f6rte ihm zu.<br \/>\nIrgendwann war der Mann verschwunden, doch es standen noch zwei volle Getr\u00e4nke auf der Bar. Also entschied er sich, beide zu trinken. Unwillk\u00fcrlich verzog er das Gesicht, als er die beiden Gl\u00e4ser direkt nacheinander trank. Die Bar war laut, viel zu laut und die Menschen drehten sich um ihn herum. Und er verlie\u00df die Bar und fing an zu laufen. Der Wind blies ihm ins Gesicht und er f\u00fchlte sich, als w\u00fcrde er so schnell laufen wie nie zuvor und sein Herz raste. Um ihn herum dr\u00f6hnte die Stadt, die Lichter riefen ihm nach, jedes Auto, an dem er vorbeilief, lie\u00df seinen Motor aufheulen, und die H\u00e4user drohten \u00fcber ihm einzust\u00fcrzen. Er sah eine Gruppe von Menschen, die ungef\u00e4hr hundert Meter entfernt von ihm stand, und er lief schneller in ihre Richtung. Sie drehten sich nach ihm um, lachten, riefen ihm hinterher und er drehte sich um und fiel. Viel zu langsam f\u00fcr die Wirklichkeit, viel zu laut f\u00fcr die Nacht, viel zu dunkel f\u00fcr seinen Kopf, ihre lockigen Haare wickelten ihn ein und sie tanzte und sein Herz raste.<br \/>\nDer Himmel dr\u00fcckte gegen seine F\u00fc\u00dfe, die Stra\u00dfe brach \u00fcber ihm zusammen und er fiel. Er wusste, sie war nur f\u00fcr ihn dagewesen, und f\u00fcr sie hatte er getrunken und f\u00fcr sie war er gelaufen und jetzt fiel er. Er musste sich entscheiden, das wusste er. Er sah auf die Stra\u00dfe, auf der es noch nicht hell wurde, und er wusste, was er zu tun hatte.<\/p>\n<p>Er stand vor ihrer T\u00fcr und wusste nicht, ob er es wagen konnte zu klopfen. Er wusste ja nicht einmal ihren Namen. Es war der erste Moment, in dem er Zweifel sp\u00fcrte. Doch er klopfte. Zu viele Gedanken hatte er investiert, zu viel Zeit mit ihr verbracht. Es dauerte ein paar Minuten, bis jemand die T\u00fcr \u00f6ffnete. Er erkannte sie an ihren Haaren, an der schlanken Figur, an der braunen Haut und sie sah ihn an. Du bist ziemlich betrunken, sagte sie mit ihrer rauen Stimme. Sie standen so nahe beieinander, dass er die W\u00e4rme ihres K\u00f6rpers sp\u00fcren konnte. Sie lie\u00df ihre Hand sinken und sah zu ihm <span style=\"color: #333333;\">hinauf<\/span><i>.<\/i> \u201eMein Name ist Laura\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Maximilian Eberharter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"s\u00fcffig\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> | Inventarnummer: 15083<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der dritte Tag nach seiner Ankunft. Er hatte schon die Stadtf\u00fchrung, die die Studentenorganisation an der \u00f6rtlichen Universit\u00e4t f\u00fcr alle Erasmus-Studenten angeboten hatte, hinter sich gebracht, hatte den kleinen wei\u00dfen Schrank in seinem Zimmer einger\u00e4umt und sein Bett, das sich mit seinem grauen, verbogenen Metallgestell und der durchgelegenen Matratze gut in jedem Gef\u00e4ngnis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[86],"tags":[67],"class_list":["post-2924","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-eberharter-maximilian","tag-sueffig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2924","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2924"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2924\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2947,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2924\/revisions\/2947"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}