{"id":2916,"date":"2015-07-05T18:43:52","date_gmt":"2015-07-05T18:43:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2916"},"modified":"2024-06-26T07:30:50","modified_gmt":"2024-06-26T07:30:50","slug":"nach-mehr-als-dreissig-jahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2916","title":{"rendered":"Nach mehr als drei\u00dfig Jahren"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2916&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2916&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Vater ist vom Kirschbaum gefallen, erz\u00e4hlt mir R., der mit mir vor mehr als drei\u00dfig Jahren das Gymnasium besucht hat. Drei Tage war der Vater erst in der Rente gewesen. Zum Kirschenpfl\u00fccken ist er in den Baum gestiegen. Welch wunderbares Bild, das vor meinen Augen auftaucht. Was kann es Sch\u00f6neres geben als Kirschen zu pfl\u00fccken, wenn man das Erwerbsleben beendet hat! Aber R.s Vater erlitt einen Herzinfarkt, wie der Arzt sp\u00e4ter feststellte, und fiel vom Baum. Seine letzte T\u00e4tigkeit auf Erden war das Kirschenpfl\u00fccken gewesen.<br \/>\nDie Mutter hat das nicht verkraftet. Kaum war die Beerdigung vorbei und der Mann unter der Erde, hat sie die T\u00fcr zu ihrer Wohnung gut abgeschlossen und sich im letzten Winkel verborgen. Alleine wollte sie sein und ungest\u00f6rt, um sich das anzutun, was den Mut der Verzweiflung erfordert und einzig Linderung all des Schmerzes zu versprechen scheint. Sie nahm das scharf geschliffene Messer zur Hand, das ihr in fr\u00fcheren, besseren Zeiten als Wirtin so gute Dienste geleistet hatte, fasste sich ein Herz, lie\u00df noch einmal ihr ganzes Leben Revue passieren und kam zu dem Entschluss, dass nun Schluss sein muss.<br \/>\nAlles ist genug, mehr als das, es ist sogar zu viel. Es reicht. Rien ne va plus. Das Leben ist gelebt. Tief holte sie Luft, der Lebensatem str\u00f6mte in ihre Lungen und lie\u00df das Herz schneller schlagen. Leicht ging es, die Klinge an das linke Handgelenk zu f\u00fchren und die blau durchschimmernde Schlagader zu \u00f6ffnen. Kein Schmerz war zu sp\u00fcren, \u00fcberhaupt keiner. Rot drang das Blut heraus. Die W\u00e4rme aus dem Inneren war nun au\u00dfen auf der Haut. Seltsam. Nun war es an der Zeit, das Messer in diese Hand zu nehmen. Noch war gen\u00fcgend Kraft in ihr. Ungelenk f\u00fchlte sich das an, aber es ging nicht anders. Entschlossen f\u00fchrte sie die Klinge an die Pulsader des rechten Innenarms. Nur ein leichter Druck war notwendig, der Vater hat das Messer gut geschliffen.<\/p>\n<p>Daran muss sie jetzt wieder denken. Das war immer seine Aufgabe gewesen. Damit wollte er seiner Frau die Arbeit in der Wirtsk\u00fcche erleichtern. Ob er wohl wei\u00df, was er ihr damit f\u00fcr einen Dienst erwiesen hat? Bestimmt wei\u00df er es, bestimmt schaut er ihr sogar aus dem Jenseits zu. Keine Sorge, es dauert nicht mehr lange. Ich bin auf dem Weg. Warm und beh\u00e4big flie\u00dft das Blut \u00fcber den Arm und \u00fcber die Hand. Das Messer hat seine Bestimmung erf\u00fcllt und kann beiseitegelegt werden.<br \/>\nEs ist die ruhige Stunde vor Tagesanbruch, die jetzt geheiligt ist. Fr\u00fcher musste um diese Zeit viel gewerkelt und vorbereitet werden f\u00fcr den bevorstehenden Tag, f\u00fcr die Kinder, f\u00fcr die zu erwartenden G\u00e4ste. Das war jetzt vorbei. Nichts gab es mehr vorzubereiten, nichts gab es mehr zu tun. Alles war getan, alles war erledigt. Ein gutes Gef\u00fchl stellte sich ein, ein Gef\u00fchl der inneren Zufriedenheit. Es war vollbracht, das Leben war gelebt.<br \/>\nDie Mutter lehnte sich zur\u00fcck und lie\u00df den D\u00e4mmer von ihr Besitz ergreifen. Wohltuend legte er sich auf sie, schluckte alles Wissen und alle Erinnerung, sodass der Kopf leer und frei wurde. M\u00fcdigkeit senkte sich herab und wohlig gab sie sich ihr hin. Was konnte es Sch\u00f6neres geben? Einschlafen, wenn der Morgen graute. Ein anderer Tag erwartete sie, ein anderes Leben, das nicht so schwer sein wird. Ein Leben ohne Schatten, ja das ist es, ein Leben ohne Schatten. Wenn die Sonne genau \u00fcber einem steht, wirft der K\u00f6rper keinen Schatten. Man ist richtig bei sich, man ist bei sich zu Hause.<\/p>\n<p>Aber so weit sollte es noch nicht sein. Die Vorsehung schaltete sich ein. R. erz\u00e4hlt mir, dass er auf dem Weg zur Arbeit gewohnheitsm\u00e4\u00dfig die T\u00fcrklinke zur Wohnung der Mutter dr\u00fcckte. Als er sie verschlossen vorfand und sein Rufen keine Antwort erfuhr, trat er die T\u00fcr ein. Es f\u00e4llt mir schwer, mir vorzustellen, dass der zur\u00fcckhaltende Mann mit der ruhigen und sanften Stimme mir gegen\u00fcber, der vor Jahrzehnten mein Klassenkamerad gewesen war, eine T\u00fcr eintreten kann. Aber au\u00dfergew\u00f6hnliche Situationen erfordern au\u00dfergew\u00f6hnliche Taten.<\/p>\n<p>R. l\u00e4chelt, als er davon spricht, wie er die Mutter gefunden und alles veranlasst hat, um sie ins Leben zur\u00fcckzuholen. Diese Aufgabe ist ihm zuteil geworden, zweifelsohne eine schwere. Wenn ich ihn anschaue, lese ich in seinem Gesicht, dass es nicht die einzige schwere Aufgabe in seinem Leben gewesen ist. Man kann es sich nicht aussuchen. Wenn ich ihn so anschaue, so denke ich, er ist nicht f\u00fcr schwere Aufgaben geboren, aber wen k\u00fcmmert das. Trotzdem l\u00e4chelt er, wenn auch nicht unbeschwert.<br \/>\nUnd ich denke, das verbindet uns. Wir waren beide nie unbeschwert. Wir mussten uns wieder begegnen, um uns die Geschichten vom gescheiterten Selbstmord unserer M\u00fctter gegenseitig zu erz\u00e4hlen. Seltsam. Und jeden Morgen bricht ein neuer Tag an und jedes Jahr im Mai bl\u00fcht der Kirschbaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 15080<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vater ist vom Kirschbaum gefallen, erz\u00e4hlt mir R., der mit mir vor mehr als drei\u00dfig Jahren das Gymnasium besucht hat. Drei Tage war der Vater erst in der Rente gewesen. Zum Kirschenpfl\u00fccken ist er in den Baum gestiegen. 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