{"id":2877,"date":"2015-06-21T14:14:19","date_gmt":"2015-06-21T14:14:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2877"},"modified":"2024-06-26T07:31:18","modified_gmt":"2024-06-26T07:31:18","slug":"unbekannte-orte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2877","title":{"rendered":"Unbekannte Orte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2877&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2877&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wenn ich auf dem sanft abfallenden H\u00fcgel stehe, den blauen, ungetr\u00fcbten Himmel \u00fcber mir habe, und den Blick \u00fcber das vor mir liegende Tal schweifen lasse, gelingt es mir, mich als Teil dieser Landschaft zu sehen. Schafe umgeben mich und ihr Bl\u00f6ken ist wie ein sch\u00fctzender Mantel aus Lauten, der sich d\u00e4mpfend auf alles legt. Das Weiche, das der Anblick der Schafe in der Ferne vermittelt, verliert sich, wenn sie n\u00e4her kommen. Ihr Fell ist schmutzig und zottelig, ihre Gesichter sind ausdruckslos und ihre Augen schauen mich nicht wirklich an. Ich wei\u00df nicht, ob sie auf das Nahe blicken oder auf das Innere, das Ferne ist f\u00fcr sie ohne Belang. Ihre M\u00fcnder sind mit dem Abrupfen des Grases besch\u00e4ftigt und es scheint, als w\u00e4re das ihre ganze Bestimmung. Mir kommen sie nicht nahe, sie umgeben mich und ich bin weder ein Teil von ihnen noch interessieren sie sich f\u00fcr mich. Als Futterquelle scheide ich aus, folglich ist meine Anwesenheit f\u00fcr sie ohne Belang. Ich bin einfach da, nur so. Schafe sind friedliche Tiere, sie sind bescheiden, unaufdringlich, sie lassen \u00fcber sich bestimmen, lassen sich scheren und lassen sich schlachten. L\u00e4mmer sind weich und verletzlich, sie werden geopfert. Wof\u00fcr?<\/p>\n<p>Wenn ich mich bewege, weichen sie zur\u00fcck, geben mir den Weg frei. Dabei will ich gar keinen Weg nehmen. Ich trete n\u00e4her an den Baum, der frei und selbstverst\u00e4ndlich hier sein Zuhause hat. Zuf\u00e4llig ist er hier gro\u00df geworden und nun spendet er denen Schatten, die ihn finden. Seit vielen Jahren graben sich seine Wurzeln in den kargen Boden. Das ist kein leichtes Gesch\u00e4ft, aber sie wissen, dass es f\u00fcr sie weiter nichts zu tun gibt. Verdorren wollen sie nicht unter der Sonne, dazu ist ihnen das Leben zu kostbar. Also suchen sie den Lebenssaft in der Erde und finden ihn auch, aber m\u00fchsam. Ihre schwere Arbeit geschieht im Dunkeln und bleibt f\u00fcr immer verborgen. Trotzdem sind es die bescheidenen Wurzeln, die aus der Tiefe das lebensnotwendige Wasser holen und den Baum wachsen lassen. In Jahren gewinnt er an Gr\u00f6\u00dfe und breitet seine \u00c4ste mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit aus, \u00fcber die ich nur staunen kann.<br \/>\nUnmerklich entsteht ein Bl\u00e4tterdach, das den Zauber der Sonnenstrahlen aufzunehmen und zu verwandeln wei\u00df. Sch\u00f6n ist es, darunter zu stehen, an einem Tag wie diesem. Das Rauschen der Bl\u00e4tter l\u00e4sst die Macht der Gedanken verstummen und h\u00fcllt mich ein in jene Geborgenheit, die manchmal im Traum zu Gast kommt und schwerelos macht. Das Rauschen ist leise, aber es schlie\u00dft den Kosmos um mich. An den starken Stamm gelehnt bleibt meinem R\u00fccken auch nicht die Kraft verborgen, die sich hinter der Rinde gesammelt hat. Lange dauert es, bis ein Baum diese Gr\u00f6\u00dfe erlangt, und nicht jeder schafft es, den Widrigkeiten zu trotzen und seine geheimen Kr\u00e4fte zu entwickeln.<br \/>\nDieser Baum kann seine Kraft, ohne ein Aufhebens davon zu machen, weitergeben. Gastfreundlich ist er und l\u00e4dt mich ein, bei ihm zu verweilen. Es tut gut, mich an ihn zu lehnen und seinen Gleichmut entlang meiner Wirbels\u00e4ule in mich eindringen zu lassen. Gleichmut kann mich der Baum lehren auf jene gef\u00fchlvolle Art, die nur ihm zu eigen ist. Gleichmut und Bleiben. Beides wird einem zuteil, wenn man die Widrigkeiten des Himmels genauso hinzunehmen versteht wie die Sonnenstrahlen.<br \/>\nUnd noch eines geh\u00f6rt zum Verm\u00e4chtnis dieses Baumes. Die Einsamkeit ist sein Begleiter, doch sie macht ihn weder schwach noch traurig. Wahrscheinlich ist sie es, die ihm die Kraft verleiht, mir Schutz zu spenden unter seinem rauschenden Bl\u00e4tterdach und meine Augen mit den tanzenden Lichtpunkten zu erfreuen. Was w\u00e4ren die Sonnenstrahlen, k\u00f6nnten sie nicht durch die vom Wind bewegten Bl\u00e4tter ihre Geheimnisse entfalten und besonders schillern und glitzern und mir so von ganz anderen Welten und Zusammenh\u00e4ngen k\u00fcnden. Diese Lichtflecken sehen und in mein Inneres lassen, ist etwas vom Sch\u00f6nsten, was es gibt. Sie vertreiben die dunklen Flecken und machen Platz, um etwas noch Unbekanntes entstehen zu lassen, das mich gespannt macht.<\/p>\n<p>Jetzt bleiben nur noch die H\u00e4nde, die nicht anders k\u00f6nnen, als \u00fcber die rissige Rinde zu streifen und f\u00fchlend das unh\u00f6rbar pulsierende Leben zu ertasten, das dahinter verborgen ist. Ihnen kann nichts entgehen, sie nehmen am deutlichsten wahr, was im Inneren vor sich geht. Kummer und Schmerz und auch die Verletzungen dringen durch meine Haut. Rasch erz\u00e4hlt mein Blut es dem Herzen. Wunden und Narben sprechen B\u00e4nde. Sind sie auch nicht sichtbar, so lassen sie sich doch von den Fingern ertasten, denen ein besonderer Sp\u00fcrsinn mit auf den Weg gegeben ist. Ein Baum erlebt viel, sein Leben ist lang und hier auf dem H\u00fcgel ist er allein. Die Bl\u00e4tter raunen ihre schwer verst\u00e4ndlichen Worte in die Weite, doch au\u00dfer den Schafen h\u00f6rt sie meist niemand. So vermischen sie sich mit deren Bl\u00f6ken und werden zu einem Ger\u00e4usch, das dem Pulsieren des Blutes gleicht und ohne auf sich aufmerksam zu machen den Rhythmus der Welt mit anschl\u00e4gt, nach dem alles auf seine Weise lebt und sich bewegt oder still ist, wenn die Zeit es verlangt. Dem Puls im Innern des Baumes k\u00f6nnen die H\u00e4nde nachsp\u00fcren. Ein gleichf\u00f6rmiges Dahinflie\u00dfen in den zahllosen engen Kan\u00e4len k\u00f6nnen meine Finger erahnen. Weder Hast noch Stillstand kennt der Puls des Baumes. Er hat gelernt, alles hinzunehmen, in sich aufzunehmen, in Holz zu verwandeln und zu bewahren. Da gibt es viel zu lesen in den Ringen, die sich Jahr f\u00fcr Jahr bilden. Wie eine Blindenschrift entziffern sie meine Finger. Und diese Schrift verbindet sich mit der Erinnerung an all jenes, das ich geh\u00f6rt und gelesen und wei\u00df und ahne, und so entsteht etwas Neues in mir.<br \/>\nLiebevoll streichle ich \u00fcber die Rinde und lasse meine Zuneigung als Pfand zur\u00fcck, ehe ich mich verabschiede.<\/p>\n<p>Auf dem Weg \u00fcber das karge Gras begleitet mich noch das Lied jenes Baumes, der sich mir anvertraut hat, und dessen Botschaft ich mit mir nehme in das Dorf, dem ich entgegengehe. Niedrige, wei\u00df gekalkte H\u00e4user erwarten mich. Freundlich blicken mich ihre kleinen quadratischen Fenster an. Die Wimpern unten sind mit roten Blumen geschminkt und die Lider zieren perlenbehangene Spitzen, so dass die Fenster in der Tat Augen gleichen, die den Besucher mit einem L\u00e4cheln begr\u00fc\u00dfen. Ich nicke zum Gru\u00df, als w\u00e4ren wir seit langem bekannt, dabei war ich niemals zuvor hier.<br \/>\nAnscheinend bek\u00fcmmert das niemand. Kann sein, wir kennen uns von alters her. Nur mir ist die Erinnerung verlorengegangen, w\u00e4hrend das Auge des Hauses mich sehr wohl wiedererkennt.<\/p>\n<p>Ja, so ist das mit H\u00e4usern, man darf sie nicht untersch\u00e4tzen. Haben sie jemand ins Herz geschlossen, so sind sie ihm treu und hei\u00dfen ihn wieder willkommen. Mit einem L\u00e4cheln gehe ich entlang und f\u00fchle die W\u00e4rme, die die wei\u00df gekalkte Mauer f\u00fcr mich gespeichert hat.<br \/>\nIch bin in einer Gasse, deren Boden mit hellem Kalkstein gepflastert ist. Er ist glatt geschliffen von den abertausend F\u00fc\u00dfen, die dar\u00fcbergegangen sind und unsichtbare Spuren hinterlassen haben. Der Klang meiner Schritte f\u00e4ngt sich in den Mauern und gibt mir das Gef\u00fchl, nicht allein zu sein. In die H\u00e4user f\u00fchren bunt gestrichene T\u00fcren, die die Fr\u00f6hlichkeit der Bewohner erahnen lassen. Die T\u00fcr muss bunt sein, rot am besten, das ist einladend. Links von mir f\u00fchrt eine Steinstufe zum Eingang des Hauses, eine schmale T\u00fcr, so ist es recht. Nicht jedem wird sie sich \u00f6ffnen.<br \/>\nEine Katze liegt auf der von der Sonne erw\u00e4rmten Stufe. Sie r\u00e4kelt sich und genie\u00dft. Das k\u00f6nnen uns die Katzen lehren. Den Weg zwischen den H\u00e4usern gehe ich entlang. Hier sind es die zur\u00fcckhaltenden Farben Wei\u00df und Grau, die f\u00fcr Ruhe sorgen. Aber die Blumen auf den Fenstersimsen und an den Haust\u00fcren sorgen f\u00fcr Aufheiterung. Gelb mischt sich mit Blau und Rot und immer wieder Wei\u00df. Gr\u00fcn sind die Bl\u00e4tter, das Beiwerk der bl\u00fchenden Blumen. Meist nimmt man es als selbstverst\u00e4ndlich hin und schenkt ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Es ist satt vom Licht, das es im \u00dcberma\u00df getrunken hat und reckt sich sch\u00fctzend zur\u00fcckhaltend um die Bl\u00fcten. Stolz ist das Gr\u00fcn auf seine Sch\u00fctzlinge und wei\u00df sich zu bescheiden.<\/p>\n<p>Nun sind es die Stimmen, die an meine Ohren dringen, unverst\u00e4ndlich und fremd. Die Gasse m\u00fcndet in einen Platz, auf dem reges Treiben herrscht. Es ist Markt und ich werde mit einem \u00dcberma\u00df an Lebendigkeit empfangen. Ganz selbstverst\u00e4ndlich werde ich ein Teil davon. Hier kann ich eintauchen und teilhaben. Niemand scheint meine Fremdheit zu bemerken, so f\u00fchle ich mich heimisch und dr\u00e4ngle mich wie all die anderen zu den einzelnen St\u00e4nden. Ich werde angel\u00e4chelt und l\u00e4chle zur\u00fcck, ich blicke in dunkle Augenpaare und kann ihnen begegnen, ohne ausweichen zu m\u00fcssen. So macht es Spa\u00df, sich unter Menschen zu bewegen. Es gilt das grundlegende Recht des Angenommenseins. So kann die Seele anfangen, sich zu \u00f6ffnen und frei zu werden. Dieses Geschenk empfange ich hier unter Fremden. So fangen meine Augen an, sich zu \u00f6ffnen f\u00fcr die Vielfalt der Waren, die feilgeboten werden. Bunt ist alles und laut, so wie ich es lange nicht erlebt habe, dennoch sp\u00fcre ich eine Harmonie, die wohltuend ist. Bunte Stoffe werden vor mir ausgebreitet. Es sind Farben, die mit ihrer Leuchtkraft nicht geizen m\u00fcssen: Gr\u00fcn und Orange und Blau und Pink und Violett und Gelb. Die Muster besitzen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die durch nichts zu \u00fcberbieten ist. In diesen Stoffen ist das Leben eingefangen, mit dem ich mich einh\u00fcllen will. So kann mir nichts geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 15078<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich auf dem sanft abfallenden H\u00fcgel stehe, den blauen, ungetr\u00fcbten Himmel \u00fcber mir habe, und den Blick \u00fcber das vor mir liegende Tal schweifen lasse, gelingt es mir, mich als Teil dieser Landschaft zu sehen. Schafe umgeben mich und ihr Bl\u00f6ken ist wie ein sch\u00fctzender Mantel aus Lauten, der sich d\u00e4mpfend auf alles legt. 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