{"id":2861,"date":"2015-06-16T16:28:44","date_gmt":"2015-06-16T16:28:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2861"},"modified":"2015-06-29T05:53:50","modified_gmt":"2015-06-29T05:53:50","slug":"die-krise-4-der-reiz-des-geldes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2861","title":{"rendered":"Die Krise 4 &#8211; Der Reiz des Geldes"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2861&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2861&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es ging um einen Arbeiter in Escortins Kieswerk. Man fand heraus, dass jener keine Aufenthaltsbewilligung hatte. Peinlich f\u00fcr Escortin. In F\u00e4llen illegaler Besch\u00e4ftigung wurde hart gestraft. Escortin nahm es gelassen. Man werde sich darum k\u00fcmmern, versicherte er dem Beamten, dass jener einen Antrag f\u00fcr seinen Aufenthalt hier stellte, dann w\u00e4re vorl\u00e4ufig einmal wieder alles im Reinen. Das w\u00e4re immer das Gleiche mit den Ausl\u00e4ndern, \u00e4tzte seine Gattin Anica v\u00f6llig aufgebracht und blitzte giftig aus ihren Sehschlitzen heraus. Erst geben sie sich als jemand anderer aus, sind im Krankenstand einmal der Mehmed X, vor der Beh\u00f6rde dann wieder der Ali B. Und wer h\u00e4tte das Nachsehen und die Probleme? Wir!, gab sie sich selbst die Antwort. Die tanzten einem ja doch blo\u00df auf der Nase rum!<br \/>\nMan kriege keine anderen, brummte Escortin grantig und sah von seiner Zeitung kaum dabei auf. Und wenn es schon ein Einheimischer sein m\u00fcsse, dann w\u00e4re der schlie\u00dflich um einiges teurer als ein Dahergelaufener. Bei den Baggerfahrern sei er ohnehin Patriot. Aber Hilfsarbeiter brauchten nicht so teuer zu sein. Schlie\u00dflich wolle man selbst auch noch was von dem Kuchen haben. Und einen Unterschied wird\u00b4s ja wohl noch geben d\u00fcrfen, net woa? Wo k\u00e4me man denn schlie\u00dflich da noch hin, wenn\u00b4s keinen Unterschied mehr g\u00e4be?<\/p>\n<p>Damit schien die Debatte zwischen Anica Escortin und ihrem Gatten erledigt. Sie ging ins Badezimmer, wo sie sich eine Zeit lang aufhielt, um sich zu schminken. Er br\u00fctete \u00fcber seiner Zeitung. Aber Escortin war zu unkonzentriert, um zu lesen. Er musste vielmehr an seine Gesch\u00e4fte denken. Vor allem aber auch an den Erwerb des neuen Gemeindegrundst\u00fcckes und die damit verbundene Parteispende, \u00fcber deren H\u00f6he er sich im Nachhinein dann doch noch ge\u00e4rgert hatte. Unversch\u00e4mt, dieser Mirando! Und er \u00e4rgerte sich \u00fcber Rembert Mirando, jenen Polit-Parven\u00fc, der noch nie etwas Herzeigbares geleistet hatte und dessen Mundwerk gr\u00f6\u00dfer war als seine Taten. Und solche Leut\u00b4 w\u00fcrden hier bei uns Politik machen, murmelte er vor sich hin.<br \/>\nNat\u00fcrlich, da war auch noch der B\u00fcrgermeister. Bei der Jagd waren Escortin und er die besten Freunde. Aber wenn es um Grund und Boden ging, konnte es zwischen den beiden M\u00e4nnern schon einmal ungem\u00fctlich knistern. Mit dem B\u00fcrgermeister konnte man \u00fcber beinahe alles reden, nur nicht \u00fcber Grunderwerb. Und schon gar nicht, wenn es um die Ausweitung der escortin\u2019schen Schotterpfr\u00fcnde ging. Die meisten Grundst\u00fccke waren Bauernland, und die Bauern legten sich schon aus Prinzip quer, wenn der B\u00fcrgermeister von ihnen ein St\u00fcck Grund brauchte, um da und dort ein Wasserreservoir oder sonst was zu errichten, oder, wie schon so oft, Escortins Schottergruben vergr\u00f6\u00dfern zu helfen.<br \/>\nDoch eine Hand wusch die andere, und diese Maxime war ihnen im Laufe der Jahre zum Prinzip geworden. Aufgrund dieser Tatsache war der B\u00fcrgermeister nichts anderes als ein Handlanger Escortins geworden. Und Escortin wollte mehr. Vor allem aber war es seine Gattin, die immer mehr wollte.<\/p>\n<p>Anica Escortin fuhr in ihrem Wagen zum Shoppen. Was h\u00e4tte sie an so einem langweiligen Tag auch Besseres tun sollen? In der N\u00e4he des Ortes gab es ein gro\u00dffl\u00e4chiges Outlet, in dem man sich stunden-, ja tagelang aufhalten konnte. Und im Shoppen war sie eine Meisterin. F\u00fcnfzig Paar High-Heels, und ebenso viele Taschen. Das sollte ihr einmal jemand nachmachen! Wenn sie einmal die Einsamkeit plagte, setzte sie sich in eine Konditorei oder ein Kaffeehaus, um dort irgendwelche Leute anzuschwatzen und sie davon zu \u00fcberzeugen, wie sympathisch sie doch eigentlich sei, trotz ihrer schlitz\u00e4ugigen Visage.<br \/>\nDas tat sie immer, wenn ihr das Selbstbewusstsein auszugehen drohte oder sie ihre Periode hatte, w\u00e4hrend der sie oft h\u00e4ufig unter heftigen Gef\u00fchlsschwankungen litt. Im Verlauf solcher Gespr\u00e4che wurde sie nat\u00fcrlich gefragt, wer sie sei und woher sie k\u00e4me. Und Anica Escortin war eine Frau, die gerne konkrete Antworten gab. Sehr konkrete. Dabei lie\u00df sie kaum ein Fettn\u00e4pfchen aus, in das sie treten konnte. Wenn man nicht st\u00e4ndig \u00fcber sich spreche, meinte sie, w\u00fcrden einem eben auch keine Fehler passieren, und dann lachte sie meckernd. Aber es machte ihr nichts aus, wenn man sie hier und dort nicht ganz ernst nahm, sie hatte schlie\u00dflich nichts zu verlieren.<br \/>\nAuf der Suche nach einem passenden Schal f\u00fcr ihr neues rosa Kost\u00fcm waren ihre Gedanken auf Rembert Mirando gekommen. Sie griff nach ihrem Handy und w\u00e4hlte seine Nummer. Rembert Mirando! Was f\u00fcr ein Zufall, dass sie mit einem so gutaussehenden jungen Mann wie ihm ein Verh\u00e4ltnis haben konnte. Dabei kniff sie ihre Sehscharten k\u00fchn zusammen.<\/p>\n<p>Mirando, der eben zu diesem Zeitpunkt in einer au\u00dferordentlichen Gemeinderatssitzung v\u00f6llig unbewusst an seinen ureigensten Charaktereigenschaften arbeitete, n\u00e4mlich andere vom Gegenteil dessen zu \u00fcberzeugen, was man von ihm so allgemein hielt. Kraft seiner neuen Funktion nahm er f\u00fcr sich in Anspruch, nun einer jener Menschen sein zu d\u00fcrfen, die sich im Besitz ausgepr\u00e4gter Tugenden wie auch moralischer \u00dcberzeugungen w\u00e4hnten. Schlie\u00dflich wurde das von einem erwartet. Und doch blieb es Faktum, sodass man unschwer \u00fcber ihn h\u00e4tte sagen d\u00fcrfen, sein Privatleben, seine Handlungen, Meinungen oder Aussagen widerspr\u00e4chen seinen \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen zutiefst.<br \/>\nMirando griff zum Handy, als es nun doch schon etwas zu lange gel\u00e4utet hatte. Fr\u00fcher h\u00e4tte er es w\u00e4hrend einer Sitzung abgeschaltet. Aber jetzt, wo er mit einem Male so wichtig geworden war, f\u00fchrte er es mit jener gelangweilten Genugtuung ans Ohr, die signalisieren sollte, wie st\u00f6rend dieser Anruf eigentlich sei, aber man einfach nichts dagegen machen konnte. Ob er f\u00fcr heute Nachmittag frei w\u00e4re, fl\u00f6tete Anica Escortin mit Jubelstimme.<br \/>\nMirando tat vorerst auf \u201eman w\u00fcsste nicht, was heute noch auf ihn zukommen w\u00fcrde\u201c. Schlie\u00dflich war seine Mission erf\u00fcllt. Die Gemeinde hatte das Geld. Wozu also brauchte er die Escortin mit ihren S\u00e4ulenbeinen eigentlich noch, wo es doch wesentlich attraktivere Frauen in seiner n\u00e4chsten Umgebung gab, ohne Zellulitis und der rieselig bleichen Oberfl\u00e4che eines kalt gewordenen Grie\u00dfkochs, die er alle haben konnte, wenn er es nur gewollt h\u00e4tte. Jedoch auf ihr Dr\u00e4ngen gab er sich schlie\u00dflich doch einen Ruck und stimmte einem kurzen Treffen in der Scheer-Bar zu.<br \/>\nWas hatte er dabei zu verlieren? Anica Escortin war entz\u00fcckt \u00fcber die pl\u00f6tzliche F\u00fcgung des Schicksals und versah ihn mit Handyk\u00fcssen. Rembert Mirando hielt die Hand auf den Lautsprecher, um Anica Escortins Schmatzen zu d\u00e4mpfen. Gleichzeitig fielen seine Blicke auf die Tageszeitung vor ihm auf dem Konferenztisch, da die Sitzung ohnehin schon ins Private entglitten war.<br \/>\nEine Handvoll vermummter, offensichtlich schwachsinniger Jung-Neos (keine \u00c4hnlichkeiten mit einer bestimmten politischen Partei) hatten ausl\u00e4ndische Besucher einer Gedenkst\u00e4tte mit r\u00fcpelhaften Rufen attackiert. Man sollte die Jungen doch lassen, hatte einer der Gemeindegranden vorhin gesagt, sie h\u00e4tten ein nat\u00fcrliches Gef\u00fchl f\u00fcr Gerechtigkeit. Und irgendwer m\u00fcsste so eine Dreckarbeit wohl auch machen, damit die Erinnerung daran, wer denn nun eigentlich die Guten und wer die B\u00f6sen waren, nicht zu sehr verblasste.<br \/>\nMirando schob seine Lippen nach vorne, um ihm den Blick auf den an seinem Sakko befestigten Button mit dem Landeswappen zu erleichtern, auf den er sehr stolz war. Man hatte es, quasi auf dem Postweg, allen Gemeindebediensteten verliehen, mit einem Begleitschreiben, in dem es hie\u00df, wer stolz auf sein Land und seine Position in der Verwaltung w\u00e4re, sollte diesen Button aus Solidarit\u00e4t mit der Regierung an der Kleidung anbringen. Mirando hob wieder den Kopf und brachte seine Lippen in geordnete Normalstellung. Der B\u00fcrgermeister war bereits aufgestanden, die Sitzung beendet. H\u00e4nde wurden gesch\u00fcttelt.<\/p>\n<p>Mirando eilte die Treppen des Rathauses hinunter, riss die schwere, gusseiserne Eingangst\u00fcr auf und eilte \u00fcber den Platz in die Caf\u00e9-Bar Scheer, auf der gegen\u00fcberliegenden Seite des Rathauses. Anica Escortin war noch nicht hier. Mirando warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr, dann sah er aus dem Fenster auf die gro\u00dfe Rathausuhr. Er \u00fcberlegte fieberhaft. Nur wenige Schritte trennten ihn von Stefanie Raymundos Geschenkboutique. Sollte er ihr einen kurzen Besuch abstatten, bevor die Escortin hier hereinkam? Rasch kehrte er der Scheer-Bar den R\u00fccken, als er auch schon im Gesch\u00e4ft Raymundos stand.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrglocke war nicht zu \u00fcberh\u00f6ren gewesen, jedoch niemand au\u00dfer ihm war hier. Er rief einmal laut ihren Namen. Nichts r\u00fchrte sich, als die Eingangst\u00fcre eben heftig aufgesto\u00dfen wurde und sie in der T\u00fcre stand, Stefanie, in voller Sch\u00f6nheit und Elegance. Sofort machte ihr Mirando ein paar \u00fcbertriebene Komplimente, die sie aufs Heftigste zur\u00fcckwies. Auch, wie sehr ihre engen Jeans die Figur betonen w\u00fcrden, und zu welchen Vorstellungen der gewagte Ausschnitt ihrer Bluse seine Fantasie befl\u00fcgelte. Stefanie lachte blo\u00df und warf den Kopf in den Nacken. Aber so gleichg\u00fcltig war ihr gar nicht, was Mirando da vor sich herlaberte. Sie sah ihn von der Seite an.<br \/>\nMirando schlenderte zwischen den Regalen herum und betrachtete indes scheinbar interessiert die unn\u00f6tigen Nippes-Sachen, die dort \u00fcberall auf den Regalen herumstanden. Stefanie ging zur Eingangst\u00fcr. Sie war sich ziemlich sicher, dass Mirando nichts kaufen wollte und lehnte sich an diese, schloss mit der rechten Hand hinter ihrem R\u00fccken von innen ab und eilte auf ihn zu. Mirando hatte zu schlucken begonnen, seine Kehle war ausgetrocknet wie eine Zisterne in der W\u00fcste Gobi.<br \/>\nSie umarmte ihn st\u00fcrmisch. Er erwiderte ihre Umarmung und fasste sie unmittelbar darauf mit beiden H\u00e4nden an ihrem ziemlich harten Hintern. Mit starkem Druck presste er ihr Becken an seines, an dem sich bereits eine ziemliche Beule abzuzeichnen begonnen hatte. Stefanie st\u00f6hnte leise in Erwartung, was denn nun kommen w\u00fcrde. Mirando schob sie vor sich her hinter das Verkaufspult und von dort hinter den Vorhang einer Umkleidekabine, die sich hier befand, obwohl es keine Kleidung zu kaufen gab. Seine Hand tastete nach dem Vorhang, hinter dem sie Schutz f\u00fcr ihr Treiben suchend verschwunden waren, und zog ihn v\u00f6llig zu.<\/p>\n<p>Inzwischen war Anica Escortin in der Scheer-Bar eingetroffen und kontrollierte ebenso nerv\u00f6s wie Rembert Mirando vorhin die Zeit auf ihrer goldenen Armbanduhr. Barkeeper Ferry deutete wortlos mit dem Kopf in Richtung Raymundos Boutique. Er sei eh schon da gewesen, aber jetzt sei er da dr\u00fcben. Anica Escortin bestellte einen kleinen Braunen. Ihre kurzen, fetten, wei\u00dfen Finger trommelten ohne Unterlass auf die Glasplatte des kleinen runden Tischchens vor ihr. Ihr hohler Blick, nach drau\u00dfen auf den leeren Platz gerichtet, verriet, dass sie sich \u00e4rgerte.<br \/>\nNach einer Viertelstunde betrat Mirando atemlos das Lokal und gab sich \u00fcbertrieben \u00fcberrascht, Anica Escortin jetzt schon vorzufinden. Das konnte er wirklich \u00fcberzeugend. Sie feuerte giftige Blitze aus engen Seh\u00f6ffnungen gegen ihn. Ob er nicht w\u00fcsste, wie sp\u00e4t es w\u00e4re? Doch, schon, aber \u2026 Sie schnitt ihm das Wort ab und begann zuckers\u00fc\u00df zu l\u00e4cheln. Rembert war verunsichert. Ob sie was ahnte? Was denn nun mit dem Hausbau sei?, fragte er rasch, um abzulenken. Das habe Zeit, meinte die Escortin g\u00e4hnend, schlie\u00dflich sei man ja nicht obdachlos. Und sie lachte scheppernd. Ob er nicht kurz Zeit habe f\u00fcr sie?<br \/>\nRembert Mirando litt noch von vorhin an einem starken Brennen zwischen seinen Beinen und konnte sich alles vorstellen, alles, nur das jetzt nicht! Er habe noch einen dringenden Weg, fl\u00fcchtete er sich in eine Ausrede. Sie sagte, er solle sich genau \u00fcberlegen, ob es nicht besser sei, anders zu disponieren, man wisse schlie\u00dflich nicht, ob man sich nicht noch gegenseitig brauchen werde. Dieser Satz machte ihn nachdenklich und er \u00fcberlegte die M\u00f6glichkeit, wenn er eine geh\u00f6rige Portion Vaseline auftr\u00fcge, ihrem Dr\u00e4ngen besser nachzukommen, denn wer w\u00fcsste wirklich schon, wozu es gut sein w\u00fcrde? Mirando, der noch immer eine trockene Kehle hatte, hatte noch nichts bestellt, als Anica Escortin ihren Kaffee bezahlte und aufstand, um zu gehen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber aber, in der kleinen Boutique von Stefanie Raymundo, wurde heftig diskutiert. Es wurde gesagt, eine Person, die vorgab, \u00fcber diverse Tugenden, fundierte moralische oder religi\u00f6se \u00dcberzeugungen sowie unumst\u00f6\u00dfliche Grunds\u00e4tze zu verf\u00fcgen, Eigenschaften also, die sie in Wirklichkeit nicht besa\u00df, seien blo\u00df eine Maske, um vorzut\u00e4uschen, sie selbst sei so eine Person also, deren Handlungen ihrer \u00dcberzeugung jedoch widerspr\u00e4chen. Und eine solche Person w\u00e4re ganz einfach ein Hypokrit, ein Heuchler.<br \/>\nMit dieser Erkl\u00e4rung versuchte Eva Vanin verzweifelt, ihrer intimsten Freundin Stefanie Raymundo klarzumachen, was f\u00fcr einer dieser Rembert Mirando w\u00e4re. Und Stefanie stand da, in ihrer Wohnk\u00fcche in ihrem kleinen Laden, mit gesenktem Kopf, und rauchte eine Zigarette nach der anderen, w\u00e4hrend Eva langsam und umst\u00e4ndlich den obersten Knopf ihrer Jeans aus seinem Knopfloch zu l\u00f6sen begonnen hatte.<br \/>\nIm Gegensatz zu Mirando w\u00e4re sogar ein Paul Pedasoli zu ertragen, den sie, wenn auch ungern, hin und wieder an der Seite Stefanies gerade noch duldete.<br \/>\nInzwischen hatte Rembert Mirando, seit dem erfolgreichen Coup mit Escortin und dem Grundst\u00fccksdeal sowie der Parteispende an die f\u00fchrende Partei der Gemeinde, seinen Karriere-Claim ein wenig weiter abgesteckt. Als er herausgefunden hatte, dass das Geld einmal erst auf einem Privatkonto zwischengelagert werden sollte, hatte er sich gro\u00dfz\u00fcgig daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung gestellt, auch auf die Gefahr hin, dass diese pl\u00f6tzliche und noch dazu so ungew\u00f6hnlich hohe Summe auf seinem eigenen Konto zu einer au\u00dferordentlichen Pr\u00fcfung durch die Finanzbeh\u00f6rde f\u00fchren k\u00f6nnte. Mirando w\u00e4hnte sich in Sicherheit. Vor allem aber dachte er an die anfallenden Zinsen, die er, ohne mit der Wimper zu zucken, f\u00fcr sich in Anspruch zu nehmen gedachte, als kleine Entsch\u00e4digung f\u00fcr seine Dienstleistung quasi. Und schlie\u00dflich, w\u00fcrde er ja auch noch Mandatar, w\u00e4re er politisch immun und gesch\u00fctzt vor ungerechtfertigten Schn\u00fcffeleien seitens der Beh\u00f6rden, wie er sich zusammenreimte. Vielleicht k\u00f6nnte er es schaffen, das Geld ein Jahr lang auf seinem Konto zu belassen, erst dann w\u00fcrde man weitersehen. Je l\u00e4nger, desto mehr w\u00fcrde er davon profitieren. Und die Wahl lag noch in weiter Ferne, wie auch die Begleichung der Rechnungen f\u00fcr Plakate, Werbung und was sonst noch alles dazugeh\u00f6rte, wohl noch l\u00e4nger. Schlie\u00dflich m\u00fcsste man auch nicht sofort bezahlen. Also k\u00f6nnte er gar noch \u00fcber ein zweites Jahr an dieser Summe partizipieren, bis zur Umbuchung eben.<br \/>\nVon dem Zeitpunkt an, an dem Mirando Escortins Parteispende auf seinem Konto wusste, ging er t\u00e4glich zur Bank, um den unglaublichen Kontostand am Bankomaten abzulesen. Oftmals stand er sogar des Nachts zu diesem Zweck auf, und schlich unbemerkt in die Bankfiliale, um sich zu vergewissern, dass er nicht getr\u00e4umt hatte. Dieses Geld war gewisserma\u00dfen sein Baby, und er wachte dar\u00fcber, ob es auch ordentlich schlief. Seine Frau hingegen wusste von alldem nichts. Alles geschah heimlich. Dadurch ungemein beruhigt, manifestierte sich in ihm die Vorstellung, sich von diesem Geld unter keinen Umst\u00e4nden mehr trennen zu wollen. Ja, er hatte es richtig zu lieben begonnen, und \u00fcberlegte fieberhaft, wie er es durch komplizierte Transaktionen auch in Zukunft w\u00fcrde behalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dieser Tage hatte er sich wenig um Anica Escortin gek\u00fcmmert und war auch nicht bei Stefanie Raymundo gewesen, so sehr vereinnahmte ihn seine neue Aufgabe, sich seinem unerwarteten Reichtum zu widmen. Geld, dachte er, w\u00e4re ihm noch wichtiger als Frauen. Und er schloss leise die T\u00fcr zum Sekretariat wegen der permanenten Ablenkung, Fr\u00e4ulein Mileva nicht st\u00e4ndig unter den Rock schauen zu m\u00fcssen, wenn sie mit leicht ge\u00f6ffneten Beinen hinter ihrem Schreibtisch sa\u00df.<br \/>\nJeden anderen h\u00e4tte das Gewissen geplagt. Aber nicht einen Rembert Mirando! Man h\u00e4tte ihn allein wegen seiner Absichten schon als Wirtschaftskriminellen abtun k\u00f6nnen, etwa wegen Verdachts der Geldw\u00e4sche oder der Bestechung. Man w\u00fcrde sagen, er h\u00e4tte Millionen bekommen und unterschlagen, aus Schmiergeldern oder Parteienfinanzierung oder untitulierten Zahlungen an Dritte. Man h\u00e4tte ihm vorwerfen k\u00f6nnen, er, der Verd\u00e4chtige, habe gef\u00e4lschte Belege vorgelegt, was zur Festnahme gef\u00fchrt habe, vielleicht wegen Verdunkelungsgefahr und wegen weiterer Tatbegehungsgefahr? Das Geld sollte m\u00f6glicherweise in h\u00f6chst dubiose Gesch\u00e4fte geflossen sein, die mit der urspr\u00fcnglichen Bestimmung gar nichts zu tun gehabt h\u00e4tten?<br \/>\nMan musste schon ein ausgekochter Bursche sein, um sich nicht von einem mehr als l\u00e4stigen Gewissen dreinpfuschen zu lassen. Und Mirando lie\u00df sich nicht dreinpfuschen. Mehr noch. Er betonte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass er einer sei, der nicht gleich den Schwanz einziehen, sondern Stehverm\u00f6gen beweisen w\u00fcrde, wenn einmal etwas schiefging. Er w\u00e4re keiner, der gleich zur\u00fccktreten w\u00fcrde. Schlie\u00dflich hatte man ihn hereingeholt, um sein K\u00f6nnen unter Beweis zu stellen. Er k\u00f6nne seine F\u00f6rderer und G\u00f6nner schlie\u00dflich doch nicht mit einem R\u00fccktritt vor den Kopf sto\u00dfen?<\/p>\n<p>In dieser Situation empfand er es als ungeheuren Vorteil, sich in einem gesch\u00fctzten Bereich verbergen zu k\u00f6nnen. Einem Bereich, der ihn vor den Blicken der Neider und Intriganten bewahrte. Seine nunmehrige Stellung erlaubte ihm die n\u00f6tige Deckung, hinter der man ungest\u00f6rt agieren konnte. Man musste blo\u00df unauff\u00e4llig genug sein, nur nicht auffallen war seine Devise. Die \u00d6ffentlichkeit t\u00e4uschen, uninformiert zu lassen, sie nur mit Worth\u00fclsen bedienen, ihr gerade das Notwendigste mitteilen, so wie es alle immer schon gemacht hatten. Und Rembert Mirando kostete diese Situation genussvoll aus.<br \/>\nEiner Beschwerde \u00fcber einen Mitarbeiter aus den unteren eigenen Reihen begegnete er derart, dass er diesen zu sich rufen lie\u00df, ihn eine halbe Stunde vor seinem B\u00fcro warten lie\u00df, um vorerst ein privates Telefonat zu erledigen, um ihn dann vor dem Personalchef nach allen Regeln der Kunst zur Sau zu machen. Was er denn schon sei. Arbeitnehmer. Und also solcher ohnehin blo\u00df Bittsteller. Ferner sprach er eine Verwarnung aus, dessen Dienstvertrag bei n\u00e4chster Gelegenheit k\u00fcrzen zu lassen, eine Bedrohung, die angesichts der prek\u00e4ren Wirtschaftslage und Arbeitsmarktsituation mehr als eine gef\u00e4hrliche Drohung war.<br \/>\nDas sprach sich rasch herum in der Gemeinde und die Leute hatten Angst vor Mirando, Angst vor seinem Einfluss, und auch vor dem Bisschen Macht, das er repr\u00e4sentierte. Im Laufe der Wochen und Monate wurden Mirandos Anz\u00fcge immer schw\u00e4rzer, straffer, strenger. Sein Gang immer steifer, der Klang seiner mit Metall beschlagenen Abs\u00e4tze beim Gehen immer lauter. Ansuchen, die \u00fcber sein B\u00fcro liefen, blieben immer l\u00e4nger liegen oder wurden negativ beschieden.<br \/>\nEinmal bat eine Mitarbeiterin um einen Gehaltsvorschuss. Schlie\u00dflich war die Krise bis in alle sozialen Schichten vorgedrungen und viele hatten bereits nicht mehr das notwendige Geld f\u00fcr die Dinge des t\u00e4glichen Gebrauchs. Was sie sich einbilde!, entgegnete ihr Mirando forsch. In Zeiten wie diesen g\u00e4be es f\u00fcr niemanden einen Gehaltsvorschuss!, donnerte er. Sie sollte sich doch umh\u00f6ren. Selbst die Banken w\u00fcrden die Kreditklemme nur schwer l\u00f6sen wollen. Man wusste schlie\u00dflich nicht, was kommen w\u00fcrde. Und \u00fcberdies m\u00fcsse sie es hinnehmen wie andere auch, dass die Gemeinde kein Kreditinstitut sei. Sie erwiderte, das Verhalten ihrer Hausbank habe sich ihr gegen\u00fcber seit der Krise zum Schlechteren gewandt.<br \/>\nDa lachte Mirando nur und meinte, dann m\u00fcsse sie eben den G\u00fcrtel enger schnallen. Sie alle, auch er, m\u00fcssten das. Und das sei nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, f\u00fcgte er hinzu und wies sie an, die T\u00fcre seines B\u00fcros von au\u00dfen zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Glaube der B\u00fcrger an das tats\u00e4chliche Verm\u00f6gen einer funktionierenden Kommunalpolitik schien unersch\u00fctterlich, wenngleich man sich in Zwicklingsau bewusst war, oder Hintertupfing, richtig, was sich gleich blieb, dass die gro\u00dfen Dinge dieser Welt ohnehin nur global oder EU-weit erf\u00fcllt werden konnten. Umso mehr setzte man auf die Hoffnung lokalpolitischer Potenz, mit der in gewissen Bereichen noch dies und das erreicht werden k\u00f6nnte, was im gro\u00dfen Rahmen der Zul\u00e4ssigkeiten sonst nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<br \/>\nNach einer eingehenden Analyse der kleinb\u00fcrgerlichen Seele dieses Ortes konnte man aber feststellen, dass sich allgemein sehr starke Gegenreaktionen gegen den Fortschritt abzeichneten. Dies zeigte sich in der Permanenz der Ablehnung um die Neugestaltung des Hauptplatzes ebenso wie im trotzigen Beharren gegen\u00fcber jeder Art von innerer Ver\u00e4nderung und manifestierte sich in pathologischen \u00c4ngsten vor dem Neuen, dem Unbekannten, dem Fremden. Immer dann aber, wenn vom langsamen aber sicher abbr\u00f6ckelnden Glanz l\u00e4ngst vergangener Ehren die Rede war, setzte sich auf den unh\u00f6rbaren Einsatz hin ein hervorragend einge\u00fcbter Chor kollektiver Verdr\u00e4ngung in Gang, einem Sangeswettbewerb gleich, als ob es darum ginge, die gl\u00fccklosen Taten irritierter V\u00e4ter und V\u00e4terv\u00e4ter vor einem unsichtbaren Tribunal immer wieder aufs Neue bejubeln zu m\u00fcssen.<br \/>\nDie Rede ist von jenen Ehren, von denen man besser schweigen sollte, weil sie, von Blut besudelt und durch Diebstahl erworben, nicht mit denen in fairen Wettbewerben erk\u00e4mpften zu vergleichen sind. Am meisten aber f\u00fcrchtete man den das Leben so unfl\u00e4tig verachtenden Tod, der Tag und Nacht dazu imstande war, die schrecklichsten Bilder in den K\u00f6pfen der vorwiegend daseinsorientierten Zwicklingsauer (oder Hintertupfinger) entstehen zu lassen. Die unumst\u00f6\u00dfliche Tatsache, nichts davon mitnehmen zu k\u00f6nnen, was man zu Lebzeiten m\u00fchsam erworben hatte und vor den neidvollen Blicken anderer zu verbergen suchte. Der Tod hatte daher, ganz abgesehen von seiner Endg\u00fcltigkeit, auch etwas Entm\u00fcndigendes und Enteignendes an sich.<br \/>\nUmso mehr lie\u00dfen sich die Zwicklingsauer (wie auch die Hintertupfinger) nicht davon abhalten, wenigstens im Diesseits dynamisch, ehrgeizig und konsequent zu sein, wie es auch zum guten Ton geh\u00f6rte, unbequeme Entscheidungen treffen zu m\u00fcssen, nat\u00fcrlich f\u00fcr andere, versteht sich. Man durfte kein Intrigant sein, zumindest nicht nach au\u00dfen, und musste wissen, woran man mit jemandem war, um sich dort, wo es die Notwendigkeit verlangte, mit den Lorbeeren anderer zu schm\u00fccken.<\/p>\n<p>Eines Tages luden der B\u00fcrgermeister und die Honoratioren der Stadt zu einem Fest im Garten des B\u00fcrgermeisters. Jeder im Ort war eingeladen. Aber nur wenige kamen, weil sie wussten, dass sie unerw\u00fcnscht gewesen w\u00e4ren. Also blieb man unter sich. Rembert Mirando hatte sich mit einigen Kanzleileitern und Wichtigen aus dem Finanzressort an einem von der Gattin des B\u00fcrgermeisters liebevoll dekorierten Gartentisch verbarrikadiert.<br \/>\nHin und wieder verirrten sich ein paar verschreckte G\u00e4ste dorthin in der Meinung, sich an diesem Tisch zuallererst vorstellen zu m\u00fcssen, und traten, v\u00f6llig verst\u00f6rt, unverz\u00fcglich den R\u00fcckzug an, nachdem sie feststellen mussten, dass niemand hier ihre artig entgegengereichten H\u00e4nde sch\u00fctteln wollte, und jene, die eben erst Angekommenen, nicht nur keines Blickes w\u00fcrdigten, sondern sich in ihren Gespr\u00e4chen durch l\u00e4stiges Begr\u00fc\u00dfen auch nicht st\u00f6ren lassen wollten.<br \/>\nZumindest aber Mirando holte eine ausstehende Begr\u00fc\u00dfung erst viel sp\u00e4ter durch ein \u201eAch, Sie w\u00e4ren auch da\u201c nach, aber auch nur, weil es sich dabei um einen kleinen Angestellten mit seiner \u00e4u\u00dferst attraktiven Gattin im Schlepptau handelte, die ihn irgendwann einmal im Amt besonders nett und ehrf\u00fcrchtig gegr\u00fc\u00dft hatte. Den \u00fcbrigen Tischgesellen war der P\u00f6bel egal. Sie nahmen ganz einfach keine Notiz von den kleinen Leuten, die sie nicht kannten, und die sich rund ums Buffet wie die Schmei\u00dffliegen tummelten, um noch rasch ein H\u00e4ppchen von dem feudalen Hummeraufstrich, der Fasanenpastete, den Garnelen in Marinade, dem Avokadoaufstrich sowie Unmengen s\u00fc\u00dfer Melonen, Mehlspeisen und Torten aller Art zu ergattern. Denn wo sonst, wenn nicht hier, h\u00e4tten sie noch die seltene Gelegenheit, sich gratis den Bauch mit so k\u00f6stlichen Dingen vollzuschlagen?<\/p>\n<p>Unter der illustren Tischrunde, der Rembert Mirando angeh\u00f6rte, befand sich ein gleicherma\u00dfen aalglatter geschniegelter Finanzbarrakuda, der in ausschweifender Form von mysteri\u00f6sen Beteiligungen an einer Ostfirma faselte und allen, die \u00fcber die H\u00f6he der Investitionen und die zu erwartenden Renditen staunten und ihre M\u00fcnder dar\u00fcber nicht mehr schlie\u00dfen konnten, den Mund w\u00e4ssrig machte, sich in dieser Sache einzukaufen. In Mirando arbeitete es fieberhaft. Wenn er das Geld, das man ihm kurzfristig anvertraut hatte, hier investierte, k\u00f6nnte er ein Vielfaches dessen lukrieren, was ihm ohne dieses Kapital in seinem Leben allein durch Sparsamkeit nicht gel\u00e4nge, und was ihm \u00fcberdies gestatten w\u00fcrde, den geliehenen Betrag mit Leichtigkeit wieder an den eigentlichen Besitzer, die Partei, zur\u00fcckzuzahlen.<br \/>\nEr brauchte also nur einen g\u00fcnstigen Moment abzuwarten, in dem er mit diesem Mann allein sein konnte, um ihm sein Interesse an der Sache darzulegen. Alles andere w\u00fcrde sich finden. Schlie\u00dflich herrschte die Krise. Und wenn man es jetzt zu nichts brachte, wie sollte es hernach weitergehen? Und wenn es schiefginge? Wenn schon! Die Frage danach, ob man ein guter Verlierer w\u00e4re, konnte in Zeiten wie diesen an Zynismus kaum noch \u00fcberboten werden und nur wenige waren in der gl\u00fccklichen Lage, darauf zu antworten, dass sie dank ihres Humors sogar noch dann zu lachen pflegten, wenn sich das Blatt einmal gegen sie gewendet hatte. Und Mirando wollte nur zu gerne einer von dieser Sorte sein.<br \/>\nEs gab ja schlie\u00dflich gen\u00fcgend Vorbilder, da drau\u00dfen. Solchen Menschen, die es nicht n\u00f6tig hatten, ums \u00dcberleben zu k\u00e4mpfen, war doch blo\u00df am Wettbewerb gelegen, am Reiz der Herausforderung und an der Lust, die sie dabei empfanden. Derartige Menschen konnten schlie\u00dflich aber auch nicht immer nur gewinnen. Daher konnten jene, die stets gewannen, es sich mitnichten leisten, menschliche Gr\u00f6\u00dfe zu demonstrieren, indem sie einem \u00fcberlegenen Konkurrenten l\u00e4chelnd zum Sieg gratulierten.<br \/>\nDer Finanzmensch trank. Er trank viel, und zwar nur Sekt, und das war gut so, dachte Mirando. Denn auch ein Finanzmensch hat nun einmal eine menschliche Blase, und die w\u00fcrde sehr bald zum \u00dcberlaufen voll sein, wenn er so weitertrank. Dann m\u00fcsste man ihm an jenen Ort hin folgen, wo f\u00fcr Erleichterung gesorgt wurde. \u00dcberdies musste man ja nicht gleich die kompletten Hundertf\u00fcnfzigtausend riskieren. Ein geringerer Betrag, vielleicht f\u00fcnfzigtausend, w\u00fcrde vielleicht f\u00fcr den Anfang schon reichen? Wer konnte es wissen? Nur reden m\u00fcsste man mit dem Menschen k\u00f6nnen. Man m\u00fcsste an ihn rankommen, ihm n\u00e4here Informationen entlocken, sie ihm aus der Nase ziehen wie die Amsel den fetten Regenwurm aus dem taufeuchten Boden.<\/p>\n<p>Stefanie Raymundo hatte ihren Paul mitgebracht. Mirando beobachtete die beiden schon seit L\u00e4ngerem. Sie naschte einmal da dann dort vom \u00fcppigen Buffet, h\u00fcpfte um ihren Lover zickig herum und zog ihn am \u00c4rmel mal hierhin und dorthin. Eva Vanin war nicht zu sehen. Sie hatte wohl heute Stefanie-frei. Pedasoli begn\u00fcgte sich mit Zigaretten und einem Glas Wein in der Hand, unber\u00fchrt von der Aufgekratztheit Stefanies.<br \/>\nPaul Pedasoli lie\u00df seine von den Butterseiten des Lebens verw\u00f6hnten Blicke \u00fcber die Anwesenden streifen. Sie fielen auf den B\u00fcrgermeister, dessen Gattin, auf die Tischgesellschaft, der Mirando angeh\u00f6rte, und sie blieben schlie\u00dflich an der un\u00fcbersehbaren Person des auff\u00e4llig mit den Armen fuchtelnden Finanzmenschen h\u00e4ngen. Sein untr\u00fcglicher Sinn f\u00fcr leicht zu erbeutendes Kapital durfte ihn nicht t\u00e4uschen. Er l\u00f6ste sich langsam, in immer l\u00e4nger werdenden Intervallen von Stefanie, die inzwischen vergn\u00fcgt mit Frau B\u00fcrgermeister plauderte, und n\u00e4herte sich scheinbar absichtslos und sehr unauff\u00e4llig dem Tisch der aufrechten Wichtigen.<br \/>\nMirando behielt Pedasoli vorsichtshalber im Augenwinkel, allein schon deshalb, weil er sich ein Bild von dem Kerl machen wollte, der Stefanie Raymundo bumsen konnte, ohne offensichtlich irgendeine Gegenleistung erbringen zu m\u00fcssen, und einer Frau wie Stefanie d\u00fcrfte blo\u00dfes Porsche-Fahren ja doch ziemlich egal sein. Er musste irgendetwas an sich haben, sagte sich Mirando, was sie so sehr an dessen Stange hielt, und w\u00e4hrend er dies dachte, hob er langsam sein Weinglas, f\u00fchrte es bed\u00e4chtig zum Munde, so, als t\u00e4te er einen l\u00e4ngeren Schluck daraus nehmen, w\u00e4hrend seine Augen jede Bewegung Pedasolis verfolgten.<\/p>\n<p>Da pl\u00f6tzlich, es musste in einem von Rembert Mirando unbemerkten Augenblick geschehen sein, stand Pedasoli bereits abseits der laut diskutierenden Tischgenossen neben dem geldigen Ostinvestor. Beide machten sehr auf \u201eam anderen interessiert\u201c. Jetzt nahm Pedasoli den Kerl an der Schulter und schob ihn behutsam hin\u00fcber zu einer kleinen Baumgruppe einiger mit Fr\u00fcchten \u00fcberladener Marillenb\u00e4ume.<br \/>\nRembert Mirando wurde unruhig, sehr unruhig und er stand auf, um seine Chancen nicht noch mehr zu verschlechtern. Man musste handeln, jetzt, sonst w\u00fcrde es zu sp\u00e4t sein! Er sei hier ganz zuf\u00e4llig auf Pedasoli und den Kapitalhai gesto\u00dfen, entschuldigte er sich rasch daf\u00fcr, die beiden im Dickicht der Obstb\u00e4ume pl\u00f6tzlich \u00fcberrascht zu haben. Aus dieser einmaligen Situation heraus ergab es sich, dass Mirando dem Investor seine Absichten mitteilte, etwas Kapital in die vorhin von ihm erw\u00e4hnte Gesellschaft zu investieren. Und wie er es anstellen sollte?, fragte er naiv. Pedasoli und der Finanzmensch schienen erheitert.<br \/>\nMirando f\u00fchlte, dass er einen roten Kopf bekommen hatte. Aber der Ostinvestor \u00fcberging die Sache diplomatisch und fragte Mirando nach der Summe, die er anlegen wollte. Als dieser eher fragend antwortete, so an die f\u00fcnzigtausend, wurde der Kapitalmensch pl\u00f6tzlich ernst. Paul Pedasoli pfiff leise durch die Z\u00e4hne.<br \/>\nWann und wo man sich treffen k\u00f6nnte, fragte dieser und Mirando erfasste ein Gef\u00fchl, welches sich nur Siegern zu bem\u00e4chtigen beliebte, oder solchen, die mit einem Male aus nichts etwas geschaffen hatten. Was er davon hielte, wenn er, Pedasoli, gleichfalls mit einer solchen Summe einstiege?, fragte jener den Finanzmenschen. Der Ostinvestor war sofort in seinem Element. Die drei mochten eine gute Stunde im Schutz der Marillenb\u00e4ume gestanden haben, als sie mit zufriedenen Gesichtern wieder an den Tisch der wichtigen noch Aufrechten, denn der Sekt floss in Str\u00f6men, zur\u00fcckgekehrt waren.<br \/>\nOb sie sich gut unterhalten h\u00e4tten, st\u00fcrmte der B\u00fcrgermeister sogleich auf sie ein und warf Rembert Mirando einen fragenden Blick zu, dem dieser mit erhobenem Haupt standhielt. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher, und \u00fcberhaupt hatte Rembert Mirando schon sehr fr\u00fch herausgefunden, dass dieses Leben nicht fair war und dass einem absolut nichts geschenkt wurde. Umso mehr schien es ihm legitim, aus seiner Situation das Beste zu machen. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er seit L\u00e4ngerem f\u00fcr sich die Methode gezielten Selektierens n\u00fctzlicher Freunde, investierte da und dort ein wenig in seinen m\u00e4\u00dfigen Ehrgeiz, um damit den f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit notwendigen und glaubw\u00fcrdigen Willen zum beruflichen Aufstieg zu untermauern.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus beanspruchte er f\u00fcr sich die g\u00e4ngige Meinung, welche \u00fcber Leute aus dem Arbeitermilieu besagte, dass sie durchaus die F\u00e4higkeit zur Entwicklung von Qualit\u00e4ten bes\u00e4\u00dfen, die einem auf dem Weg nach oben unbedingt dienlich w\u00e4ren. Und jetzt b\u00f6te sich ihm eine g\u00fcnstige Gelegenheit dorthin. Alles, was man dazu brachte, waren g\u00fcnstige Karten, Stress- und Konfliktresistenz, Selbstst\u00e4ndigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein. Wer \u00fcber diese Eigenschaften verf\u00fcgte, besa\u00df erfahrungsgem\u00e4\u00df die notwendigen Grundlagen eines bestimmten Anforderungsprofiles, spezifische Machtpositionen einnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach und nach erhoben sich die Wichtigen nicht mehr ganz so Aufrechten vom gro\u00dfen Gartentisch, unter ihnen auch Mirando, um vereint noch einmal \u00fcber das Buffet herzufallen, welches mittlerweile neu best\u00fcckt worden war, weil es der P\u00f6bel bereits leergefressen hatte. Ein neues Fass Bier wurde angeschlagen, neue Sektflaschen eindrucksvoll, einem Flakgewitter gleich, knallend entkorkt. Str\u00f6me sch\u00e4umenden Perlweines ergossen sich schwungvoll in bereitgestellte Gl\u00e4ser. Das gemeine Volk wagte sich nun nicht mehr n\u00e4her heran und verharrte mit teilweise leeren Bechern unter fruchtschwangeren Marillenb\u00e4umen, bis wieder Entwarnung gegeben werden konnte. Dahinter leuchtete die Sonne schon tief am Horizont, unsichtbar beinah, durch die gr\u00fcnbl\u00e4ttrigen Mauern dicht belaubter Obstb\u00e4ume.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15076<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ging um einen Arbeiter in Escortins Kieswerk. Man fand heraus, dass jener keine Aufenthaltsbewilligung hatte. Peinlich f\u00fcr Escortin. In F\u00e4llen illegaler Besch\u00e4ftigung wurde hart gestraft. Escortin nahm es gelassen. 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