{"id":2853,"date":"2015-06-16T15:59:45","date_gmt":"2015-06-16T15:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2853"},"modified":"2015-06-22T14:06:38","modified_gmt":"2015-06-22T14:06:38","slug":"der-amerikanische-traum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2853","title":{"rendered":"Der amerikanische Traum"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2853&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2853&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Airbus 320 kreiste unaufh\u00f6rlich \u00fcber Manhattan, ohne bis jetzt eine Landeerlaubnis erhalten zu haben. Langsam wurden die Passagiere in ihren Sitzen unruhig. Immerhin sa\u00dfen sie bereits seit neun Stunden auf ein und demselben Platz. Da und dort waren schon nerv\u00f6ses \u00d6ffnen und Schlie\u00dfen der Sicherheitsgurte aus den Sitzreihen zu h\u00f6ren. Es waren mehrheitlich Gesch\u00e4ftsleute unter ihnen, Sklaven ihrer Terminkalender, deren Eintragungen mehr Macht \u00fcber sie besa\u00dfen, als sie sich je eingestanden h\u00e4tten. Hier und da auch ein paar Exileurop\u00e4er, die ihre alte Heimat besucht hatten. Manche von ihnen sicherlich zum letzten Mal. Einer unter ihnen mit k\u00fcnstlichem Darmausgang, Uncle Ed. Neben ihm, Aunt Mary, eine Achtzigj\u00e4hrige mit Herzschrittmacher.<\/p>\n<p>Seit mehr als zehn Minuten zog der Flieger nun schon seine konzentrischen Kreise \u00fcber dem Big Apple. Der Kapit\u00e4n war sehr nett. Er werde das Luftschiff ein wenig mehr in den Wind legen als \u00fcblich, damit auch die Passagiere, die in der Mitte n\u00e4her zum Gang hin sa\u00dfen, die Stadt durch die Fenster sehen k\u00f6nnten, hatte er durch die Lautsprecher verk\u00fcndet.<br \/>\nEinen Moment lang f\u00fchlte Marcel, dass seine Reise den Beginn eines neuen Lebens bedeutete, eines Lebens, in dem der Freiheit angeblich keine Grenzen gesetzt waren. So hatte man zumindest in den F\u00fcnfzigern des vorigen Jahrhunderts gedacht. Die Schr\u00e4glage des Fliegers erlaubte einen fl\u00fcchtigen Blick in die H\u00e4userschluchten von Midtown Manhattan. Hier sollte es sein, wo angeblich alles viel fr\u00fcher und schneller begann als anderswo, dachte Marcel. Hier also, ein paar Hundert Meter unter ihm, sollte das Epizentrum jener finanziellen und kulturellen Beben liegen, von denen aus die Welt ihre Impulse bekam. Von hier aus w\u00fcrde dieser wackelige Planet in seiner Entwicklung so gesteuert, wie er morgen auszusehen h\u00e4tte, und von hier aus wurde der Rhythmus des globalen Atems bestimmt, weiterzuatmen oder angehalten zu werden.<br \/>\nJetzt konnte man durch die schmalen Fenster das Empire State Building erkennen. Das ist Amerika! Oder auch nicht, mochten manche sagen. Mein Gott!, durchfuhr es Marcel. Ich bin in New York! Beinahe zumindest. Dabei w\u00e4re er lieber mit dem Schiff angekommen. Wie alle Emigranten damals aus Europa, mit Ellis-Island-Prozedur und so. Es ging ihm alles viel zu rasch. Acht Stunden! Was waren schon acht Stunden? Fr\u00fcher war man drei Wochen auf See, fr\u00fcher. Schlecht untergebracht, unter Deck, Tiefdeck wom\u00f6glich, ohne Bullauge. Stets dem stetigen Dr\u00f6hnen der Motoren ausgesetzt, dem Geruch von \u00d6l, Diesel, nach nassen Sachen riechend, die nie trocken wurden.<\/p>\n<p>Im Flieger konnte es wirklich ein jeder schaffen, dachte Marcel, sogar er. Aber vielleicht w\u00fcrde er hier und heute gar nicht mehr vorfinden, was Generationen vor ihm an dieser Stadt so attraktiv und lebenswert gefunden hatten? Und doch, was sollte es, dachte er. Nun hatte er soviel investiert, um hierher zu kommen. Hatte all sein Tun, sein Schaffen, seine Tr\u00e4ume darauf ausgerichtet, seine Vergangenheit hinter sich und der un\u00fcberwindbaren Mauer des Vergessens zu lassen.<br \/>\nNun w\u00fcrde ein anderes Leben kommen, eines ohne den Drill l\u00e4ngst \u00fcberholter Dimensionen. Niemand w\u00fcrde ihn mehr zur R\u00e4son zwingen k\u00f6nnen, wenn ihm schon einmal danach war, zu sagen, was ihn st\u00f6rte. Hier konnte man alles sagen, ohne sich gleich die Hand vor den Mund zu halten oder blo\u00df hinter sch\u00fctzenden Winkeln und Ecken dar\u00fcber zu reden, was einem seit Langem schon so furchtbar auf den Sack gegangen war, diese ganzen Verlogenheiten eines verlorenen Idealismus, der niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte.<\/p>\n<p>Marcel war kein Fl\u00fcchtling im herk\u00f6mmlichen Sinn, und doch war er einer. Obschon &#8211; heutzutage brauchte man nicht mehr von dort zu fliehen, von wo er gekommen war. Im Gegenteil, man war heilfroh, jeden unn\u00fctzen Fresser loszuwerden. Blieb den Dagebliebenen mehr. Es gab ja ohnehin keine Jobs. Nichts hielt einen hier l\u00e4nger, als es unbedingt notwendig gewesen w\u00e4re. Die Kinder hatten l\u00e4ngst das Weite in Richtung Westen gesucht. Deretwegen brauchte man nicht hier zu bleiben. Es war nicht mehr erforderlich. Man war entbehrlich geworden.<br \/>\nDie Frage war, was war \u00fcberhaupt noch notwendig? War dieses ganze Theater mit der Volksverbl\u00f6dung \u00fcberhaupt f\u00fcr etwas gut gewesen? Tausende Tote f\u00fcr die sozialistische Idee? War hier auch nur irgendjemand noch bei Verstand gewesen?, fragte sich Marcel ver\u00e4rgert. Jetzt konnte ohnehin jeder gehen, wohin er wollte.<br \/>\nNicht so wie damals, als gleich geschossen wurde, wenn du deinen Arsch nur in die N\u00e4he des Zaunes oder jener Mauer geschoben hattest, welche das Wahre vor dem Dekadenten zu trennen versucht hatte. Aber heute? Heute war alles anders. Heute war alles egal. Kein Aas scherte sich mehr darum, wenn irgendwo irgendeiner abhauen wollte. Wer h\u00e4tte das jemals aus seiner Generation gedacht?, fl\u00fcsterte Marcel so f\u00fcr sich. Der Staat pflegte seine B\u00fcrger als Gefangene zu halten, sich ihrer F\u00e4higkeiten zu bedienen, zum Wohle aller, wie einem vorgelogen wurde, um von seinen eigenen Unf\u00e4higkeiten abzulenken. So leicht war das.<br \/>\nUnd vom ewigen Geschw\u00e4tz \u00fcber Patriotismus und Solidarit\u00e4t war nichts als ein Haufen stinkender Schei\u00dfe geblieben, die sich \u00fcber Jahrzehnte hindurch aus den M\u00e4ulern einiger hirnloser machtgeiler Parteibonzen gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Land verteilt hatte, die nichts anderes zu tun hatten, als anderen \u00c4ngste aufzudr\u00fccken und sie st\u00e4ndig an ihre Pflichten zu erinnern, w\u00e4hrend sie selbst gut daran taten, Stillschweigen \u00fcber den eigenen, illegal zusammengerafften verbotenen Besitz zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Ach, diese Welt war Millionen von Jahre alt und es war hinl\u00e4nglich bekannt, dass ihre Bewohner zu allen Zeiten Schweine waren! Korrupt und gemein! Und aller Widerstand gegen das System w\u00e4re zwecklos, ja, gef\u00e4hrlich gewesen. Passiver Widerstand, innere Emigration, das einzige legitime Mittel, sich diesem Kasperltheater zu entziehen!<br \/>\nMarcel nickte triumphierend. Das Flugzeug zog unaufh\u00f6rlich seine Kreise. Der Kapit\u00e4n signalisierte den Stewardessen: Kling! Kling! Was mochte er wollen? Alle Augen waren auf eine Stewardess gerichtet, die nach vorne eilte. Es wurde getuschelt, gedeutet, in den Gesichtern zeichneten Falten Fragezeichen. Marcel aber war weit weg in Gedanken.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde alles gut sein hier. Die alten Wunden w\u00fcrden verschorfen, neue hoffentlich nicht geschlagen. Er, der 45 geboren worden war, hatte fr\u00fch lernen m\u00fcssen, anderen etwas abzugeben, nicht Egoist zu sein, f\u00fcr Freunde da zu sein. Als die Panzer kamen, war er gerade acht, und er hatte Angst. Alle hatten Angst, furchtbare Angst, auch dass der Krieg wieder neu aufflammen k\u00f6nnte, dass man wieder nichts zu essen h\u00e4tte, dass man sich wieder w\u00fcrde verstecken m\u00fcssen, vor den Bomben, vor den Spitzeln, vorm eigenen Nachbarn, der einen denunzierte. Es war ja ohnehin alles beim Teufel, was konnte noch Schlimmeres geschehen?<br \/>\nUnd man h\u00e4tte sich gegen den Irren aus Braunau am Inn eher wehren sollen, dachte Marcel. Keiner hatte ohnehin je verstanden, wieso Millionen einem Geisteskranken gefolgt waren. Wohl ein spezielles Ph\u00e4nomen, Schwachsinn gepaart mit Wirtschaftskrise am richtigen Ort mit den richtigen Leuten. Eine Art Hors d`Oeuvre der Weltgeschichte, als Vorgeschmack auf die Apokalypse. Aber hinterher war man ja immer kl\u00fcger. Genauso verr\u00fcckt und kopflos hatten sich die anderen in den Sozialismus verrannt! Bis heute hatte er es nicht verstanden, wie so etwas m\u00f6glich gewesen war. Warum sie damals nicht schon in den Westen gezogen waren, war einzig und allein Vaters Schuld gewesen. Ach was, der h\u00e4tte sich ganz einfach in die Hosen gemacht, sich mit seiner Familie in so ein Abenteuer zu begeben, obrigkeitsh\u00f6rig, wie er war, der Herr Assessor. Beamtenseele.<\/p>\n<p>Das Flugzeug begann, unruhig auf und ab zu taumeln. Turbulenzen! Die Tragfl\u00e4chen schwankten bedrohlich. Der ganze Rumpf schien sich zu verbiegen. Zeitweise sah man von den hinteren Reihen die vordere Cockpit-T\u00fcr nicht. Einige schrien laut auf vor Angst. Marcel wurde aus seinen Gedanken aufgeschreckt. Kam ihm allemal schon zu langsam vor, die Maschine, und das in dieser geringen H\u00f6he! Jetzt wurde es aber wieder ruhiger.<br \/>\nKling! Please fasten seatbelts, stop smoking. Haben wir doch schon, knurrte Marcel vor sich hin. Geht endlich runter, verdammt noch mal!<\/p>\n<p>Vater war nie Parteigenosse. Aktiv, versteht sich. Trotzdem. Man verlie\u00df seine Heimat nicht so ohne weiteres. Und der Papa hatte an der Meinung seines Sohnes nie besonderes Interesse gezeigt. Aber f\u00fcr ihn selbst galt, was die da oben dachten, w\u00e4re Gesetz, und damit basta. K\u00f6nnte er ihn jetzt blo\u00df sehen! Da hatte er seine leeren Parolen, hohlen Phrasen! Wie leicht durchschaubar war das alles gewesen.<br \/>\nDie Herren von der Partei hatten allesamt feine Autos aus dem Westen, nicht die stinkenden Zweitakt-Plastikbomber wie wir. Mit der Mauer hatte sich dann alles gekl\u00e4rt. Erledigt! Basta! Ach so sind die, sagten die Leute. Ja, so sind die! Alle falsch und verlogen. Damit musste man nun leben.<br \/>\nImmerhin, in dieser Welt hatte er irgendwann einmal selbst denken lernen m\u00fcssen, weil er es sattgehabt hatte, dass allein der Staat f\u00fcr ihn dachte. Maulhalten war angesagt. Stillhalten wurde zur p\u00e4dagogischen Methode. Karriere fremdbestimmt. Auf jener Stufe, auf der man stand, war man festgenagelt, ohne Chancengleichheit!<\/p>\n<p>Kling! Der Captain wandte sich an die Passagiere, man h\u00e4tte endlich die Landeerlaubnis erhalten und w\u00fcrde in wenigen Minuten landen. Alles anschnallen, wer\u00b4s bis jetzt nicht war, Stewardessen hinsetzen, es konnte also losgehen.<br \/>\nDie Maschine machte eine letzte Ehrenrunde um Manhattan und ging in Position zum Landeanflug auf Kennedy Airport. Marcel sp\u00fcrte im Magen, wie rasch der Flieger sank und hoffte, dass dieses Man\u00f6ver bald beendet sein w\u00fcrde. Das war das Letzte, was er noch bewusst gef\u00fchlt hatte. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war.<br \/>\nDas w\u00e4re ja vorauszusehen gewesen. Nun aber konnte f\u00fcr ihn endlich die gro\u00dfe Freiheit beginnen! Und, allen widrigen wirtschaftlichen Umst\u00e4nden zum Trotz, hatte er etwas Erspartes anlegen k\u00f6nnen. Die Wohnung war verkauft, die Kinder erwachsen, versorgt und voll Erwartung, was denn der Vater da auf seine alten Tage in der Neuen Welt noch alles anstellen w\u00fcrde. Und er m\u00fcsste sogleich schreiben, beschwor ihn seine Enkelin Jana. Ja, das hatte er versprochen, und so einem entz\u00fcckenden Wesen konnte man seinen sehnlichsten Wunsch nun wirklich nicht abschlagen.<\/p>\n<p>Genau heute aber war der Jahrestag jener grandiosen Abtragung des Walls, einer der furchtbarsten Barrieren gegen die Menschlichkeit. Nun w\u00fcrde wieder gefeiert werden, dr\u00fcben im Westen genauso wie im Osten. Aber es interessierte Marcel nicht im Geringsten, die ganze Angelegenheit auch noch ritualisiert zu wissen. Alles war l\u00e4ngst vorbei, war bereits wieder zu Geschichte geschrumpft.<br \/>\nDie Zeit hatte blo\u00df Erinnerungen zur\u00fcckgelassen, und vielleicht blieben diese dar\u00fcber auch noch auf der Strecke. Schlie\u00dflich war er, Marcel, selbst nie ein Mann des Widerstandes gewesen, \u00fcberlegte er, eher einer, der sich mit der Str\u00f6mung hatte treiben lassen, also waren die Vorw\u00fcrfe an den Vater obsolet und er brauchte sich auch nicht mit Selbstvorw\u00fcrfen herumschlagen.<\/p>\n<p>Egal, das hatte hier und jetzt alles keine Bedeutung mehr. In K\u00fcrze w\u00fcrde er amerikanischen Boden betreten und damit ein lang gehegter Wunsch in die Tat umgesetzt. Punktum! Kein Wiederstand mehr. Und wenn Widerstand darin auch nur bestanden hatte, alle paar Jahre irgendwo an einem Wahlzettelchen ein Kreuzchen zu malen, so war dieser Widerstand f\u00fcr ihn genug gewesen und h\u00e4tte nur seine wertvolle Zeit in Anspruch genommen, die ihn allzu lange von seinen Lieblingsbesch\u00e4ftigungen weggelockt h\u00e4tte.<br \/>\nAls gew\u00f6hnlicher B\u00fcrger war er ohnehin ohne jegliche M\u00f6glichkeiten, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen, au\u00dfer irgendeiner Person seine Stimme zu geben. Wer wusste, wohin es jetzt mit der so gepriesenen Volksdemokratie nun ginge, wenn westliche Einfl\u00fcsse sie zersetzten. Im \u00dcbrigen konnte ihm auch dieses gleichg\u00fcltig sein. Aufgrund seiner Beziehungen zu einem Diplomaten hatte er ein Dauervisum in der Tasche, die Pension, wenn auch nicht allzu \u00fcppig, konnte er von jeder New Yorker Bank aus der Heimat anfordern.<\/p>\n<p>Es ging rasch tiefer. Man sp\u00fcrte es in der Magengrube. Beinahe h\u00e4tte er schon gejubelt, du Stadt meiner Tr\u00e4ume, ich komme, als er feststellte, dass er keine Stimme hatte. \u00dcberhaupt fehlte ihm pl\u00f6tzlich jegliches Gef\u00fchl einer Erinnerung an das Zuletzt, wie auch daran, \u00fcberhaupt je gelandet zu sein, und von den Passagieren war kein einziger zu sehen, weder der alte Ed mit dem k\u00fcnstlichen Darmausgang, noch Mary mit dem Herzschrittmacher, als er sich pl\u00f6tzlich allein an der Fifth Avenue, Ecke 42. Stra\u00dfe wiederfand, wo sich East Street und West Street trafen und er soeben an einem Stra\u00dfenschild hochsah.<br \/>\nZun\u00e4chst versuchte er, den Menschen, die da so in ihrer Hast und Eile auf dem belebten Gehsteig auf ihn zustr\u00f6mten, auszuweichen. Aber sie schienen ihn gar nicht wahrzunehmen, mehr noch, sie gingen ganz einfach durch ihn hindurch, so als ob er Luft f\u00fcr sie w\u00e4re, woraufhin er schlie\u00dflich gar nicht mehr versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Merkw\u00fcrdigerweise hinterfragte er seinen Zustand nicht, sondern fand sich zu seiner Verwunderung ganz einfach damit ab.<br \/>\nIhm war, als h\u00e4tte er irgendwie die sogenannte letzte Stufe des Seins erreicht. Immerhin, er konnte alles sehen und h\u00f6ren, auch wenn ihm diese neue Welt etwas seltsam vorkam. Das also w\u00e4ren die legend\u00e4ren Jellow Cabs, die an ihm vor\u00fcberfuhren, und \u00fcber die er so viel gelesen hatte, staunte er.<br \/>\nMarcel starrte gebannt auf die Blechlawine, die sich durch die Stra\u00dfen w\u00e4lzte. Es war alles so wie in den Filmen, die er \u00fcber New York gesehen hatte. Die zahllosen H\u00e4userriesen und die Schluchten, die sie dazwischen hinterlie\u00dfen. Die nie endenwollenden Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrsirenen und das permanente Gehupe der Autos auf den mehrspurigen Stra\u00dfen. Zwischen den Autos fuhren M\u00e4nner in schwarzen Anz\u00fcgen auf Inlineskatern zur Arbeit in Richtung Bankenviertel.<br \/>\nUnvorstellbar! Was f\u00fcr eine Welt! Seiner eigenen, kleinen, im alten Europa noch nicht v\u00f6llig entbunden, zogen Schleier einer vagen Erinnerung an ihm vor\u00fcber, im Land seiner V\u00e4ter sein Leben verschwendet zu haben. Als diese schreckliche Mauer gefallen war, wurde er Zeuge dessen, wie diesem Land die Zukunft davonlief. Dort war er zu diesem \u201eIch-will-hier-raus-Menschen\u201c geworden.<\/p>\n<p>Marcel starrte auf ein Graffito, dessen Sinn er nicht verstand. Rasch hingeworfen auf einer Feuermauer, an welcher der Zahn der Zeit l\u00e4ngst den Putz hatte abbr\u00f6ckeln lassen. Chiffren unbekannter Wesen, mitteilungsbed\u00fcrftig und aufregend, irgendeinen Zeitgeist transportierend, der ihm fremd war. Marcels Gef\u00fchle waren doch nicht vollkommen erstarrt, immerhin war er f\u00e4hig, das Hier mit dem Dort zu vergleichen. Zumindest aber f\u00fchlte er keine Angst mehr vor der Sowjetunion, trotzdem konnte er \u00fcber diesen Gedanken nicht lachen. Sein Mund war ihm fremd geworden, als h\u00e4tte er keinen.<br \/>\nMarcel betrat einen Parf\u00fcmerieladen, um sich zu vergewissern, dass ihm nicht auch noch sein Geruchssinn abhandengekommen war. Er schritt auf ein Regal zu, seine Hand n\u00e4herte sich einem Tester. Joop, es konnte auch ein anderer gewesen sein. Seine H\u00e4nde ber\u00fchrten die Flacons, einen nach dem anderen. Er roch an seinen H\u00e4nden. Nichts. V\u00f6llig geruchlos.<br \/>\nVor der Kassa eine Warteschlange. Pl\u00f6tzlich sprang die Kassiererin wie von der Tarantel gestochen auf. Ein baumlanger Farbiger l\u00f6ste sich aus der Mitte der Wartenden und st\u00fcrmte auf den Ausgang zu. \u201eThis man had his hand in your pocket!\u201c, rief sie aufgeregt einem in der Warteschlange zu, der verdutzt in seine Manteltasche griff, um seine Ein-Dollarscheine zu z\u00e4hlen, die er in einem kleinen B\u00fcndel bei sich trug. Dann ging sie hinter ihrer Registrierkassa in Deckung. Doch nichts geschah. Der Dieb war l\u00e4ngst entflohen. Die ganze Zeit \u00fcber hatte ein gleichfalls farbiger Security vor dem Gesch\u00e4ftsportal Wache gehalten. Regungslos stand er immer noch da. Was ist, er musste den Dieb doch gesehen haben? Aber der unternahm nichts, gar nichts.<br \/>\nMarcel verstand diese Welt nicht. Die Kassierin war aus ihrer Verschanzung aufgetaucht und setzte ihre Arbeit fort, als w\u00e4re nichts geschehen. Die Warteschlange l\u00f6ste sich auf. Alles ging seinen gewohnten Gang.<\/p>\n<p>Marcel war sich dar\u00fcber im Klaren, dass er diese Stadt bisher mit keiner anderen zu vergleichen vermochte, die er bis jetzt kannte. Er bemerkte zwar ihre diffizilen Charaktereigenschaften, die ihm im Grunde alles zu vereinen schienen, was eine Ansiedlung dieser Gr\u00f6\u00dfe nur aufbieten konnte. Und wenn er sie aufmerksam durchk\u00e4mmte, w\u00fcrde sie ihm wohl kaum langweilig. Nach diesem Erlebnis ahnte er, was ihn in dieser Stadt erwarten w\u00fcrde. Trotzdem dachte er daran, sich ohne M\u00fche in jener \u00fcbersteuerten Immobilie ansiedeln zu k\u00f6nnen, und, auch wenn ihn hier ein gewisser Wahnsinn umgeben w\u00fcrde, war es f\u00fcr ihn klar, er w\u00fcrde um nichts in der Welt noch anderswo leben wollen.<br \/>\nEin Gef\u00fchl sagte ihm, hier w\u00e4re Endstation. Er konnte es nur nicht begr\u00fcnden, aber es kam ihm vor, als ob sein Innerstes, seine Gef\u00fchlswelt, das Einzige w\u00e4re, was er von seinem vorigen Leben hierher her\u00fcbergerettet hatte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Marcel, v\u00f6llig unber\u00fchrt vom L\u00e4rm der Rushhour, durch den Madison Square Park schlenderte, war ihm, als versuchte hier ein jeder, der Erste vor dem anderen zu sein, ohne es selbst zu bemerken. Alle hatten es offensichtlich sehr eilig. Niemand spazierte nur so zum Vergn\u00fcgen durch die Gegend.<br \/>\nKurz danach, nachdem er den Park verlassen hatte, bemerkte er eine junge Frau, die ein Taxi f\u00fcr sich angehalten hatte und soeben im Begriff war, einzusteigen, als sie von einem Typen in Nadelstreif, der pl\u00f6tzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, sanft zur\u00fcckgeschubst wurde. Der bestieg selbst rasch das Taxi und tauchte darin im Sog des Verkehrs unter. \u201eSorry, das sollte nicht pers\u00f6nlich gemeint sein!\u201c, hatte er der jungen Frau noch zugerufen.<br \/>\nMarcel musste diesem Schauspiel voller Emp\u00f6rung tatenlos zusehen. Er wollte dem Nadelstreif noch etwas nachrufen, doch seine Stimme versagte abermals. Um wenigstens in der Auslagenscheibe einen Blick seiner eigenen Mundbewegungen zu erhaschen, wandte er sich rasch dem Glas zu.<br \/>\nAber er konnte sich darin nicht sehen. Marcels Hand fuhr an seinen Hals. Er fasste sich an die Kehle, versuchte, sie zu umfassen. Sein Griff ging ins Leere. Es war ihm nicht gelungen, irgendeinen Teil seines K\u00f6rpers anzufassen, wie auch der Versuch, sich aus Verwunderung \u00fcber sein mangelndes K\u00f6rperempfinden an die Stirn zu greifen, fehlschlug. Irritiert drehte er sich um seine eigene Achse, als h\u00e4tte er v\u00f6llig die Orientierung verloren.<br \/>\nDie junge Frau konnte in kurzer Zeit ein neues Taxi zum Anhalten bringen und wurde von diesem aufgelesen. Marcel konnte auch den alles durchdringenden Gestank der Stra\u00dfe nicht riechen, diesen Mief aus Diesel, Pizzabrot und dem \u00fcblen Hauch des Abwassers, der aus den Kanalgittern drang, dampfend, sichtbarer Atem der Pestilenz aus den Eingeweiden des gro\u00dfen, faulen Big Apple.<br \/>\nUmso aufmerksamer aber betrachtete er den Unrat auf den Gehsteigen, zerbeulte leere Plastikflaschen, die Zeitungsfetzen und all das weggeworfene Zeug bis hin zu den zahllosen MacDonalds-T\u00fcten, die \u00fcberall herumlagen, und die Zigarettenstummel, die seinen Weg zu pflastern schienen. Dazwischen eingebettet plattgetretene Kaugummis, die sich wie runde, wei\u00dfe Kiesel vom \u00f6lig schwarzen Asphalt abhoben.<br \/>\nSchwarze Beine ragten aus alten Kartonagen, deren Besitzer, zur\u00fcckgezogen wie Schnecken, in ihren portablen H\u00e4usern schliefen, unweit von F\u00fcnf-Sterne-Hotels und den unmittelbar davor parkenden Limousinen.<\/p>\n<p>Nicht, dass ihm das alles fremd gewesen w\u00e4re, er war schlie\u00dflich genug in der Welt herumgekommen, aber hier, so dachte er, s\u00e4he alles noch ein wenig hoffnungsloser aus als anderswo. Vielleicht h\u00e4tten die Leute, die hier lebten, bis jetzt doch einen ungeheuren Vorteil gegen\u00fcber anderen gehabt, wenn man in Erw\u00e4gung z\u00f6ge, dass sie in einer Gesellschaft lebten, in die sich der Staat nicht so penetrant hineindr\u00e4ngte, wie dies bei ihm zu Hause gewesen war.<br \/>\nEs befriedigte schon die Tatsache, dass die Kinder hier in der Schule nicht zu l\u00fcgen brauchten, was zu Hause gesprochen wurde. Wo man Kinder im Wohnzimmer etwas fragen durfte, ohne bestehende Doktrinen zu verletzen, wo man in einen Buchladen gehen und jedes Buch erstehen konnte, das man wollte, und man Noten f\u00fcr gewisse Musikst\u00fccke nicht erst heimlich kopieren musste, um sie dann daheim im stillen K\u00e4mmerlein m\u00f6glichst leise spielen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDas alles verstand Marcel unter dem Begriff der Freiheit, das alles hatte ihm zum Gl\u00fccklichsein gefehlt, das alles wollte er hier f\u00fcr sich neu entdecken.<\/p>\n<p>Erstaunlich, wie rasch es dunkel wurde, dachte er, als er die alten Hauseing\u00e4nge im langsam schon absterbenden Tageslicht betrachtete, vor denen alle m\u00f6glichen Typen herumlungerten, gerade im Begriff, nerv\u00f6se Laufkundschaft mit ihrem gef\u00e4hrlichen Zeug zu beliefern. Manche von ihnen mit stummen, hohlen Augen, dumm glotzenden Blicken. Andere, randvoll mit aufputschender Chemie bis unter die M\u00fctze, die vor lauter Unruhe im eigenen Leib keine Sekunde stillzustehen vermochten.<br \/>\nAllesamt wirkten sie, als w\u00e4re jeder von ihnen sechzig Jahre und mehr. Tats\u00e4chlich mochten sie f\u00fcnfundzwanzig oder drei\u00dfig sein. Auf einer Treppe lag ein B\u00fcndel Dollarscheine, unweit davon eine Einwegspritze mit verbogener Nadel. Ein dunkelh\u00e4utiger Typ sa\u00df mit verkl\u00e4rtem Blick daneben, der Kopf weit in den Nacken gefallen, regungslos, atemlos.<br \/>\nMarcel trat auf ihn zu. Er musste ihn doch bemerken, seine Augen standen weit offen. Aus seinem ausgetrockneten Mund drangen fl\u00fcsternd die sich st\u00e4ndig wiederholenden Worte: \u201eEhj, Mann, ich fliege, Mann, verstehst du, ich fliege!\u201c Und dennoch waren seine Worte nicht an ihn gerichtet.<br \/>\nEinen Augenblick nur hatte Marcel sein eigenes Schicksal vergessen. Es konnte ihn ja doch keiner sehen! Ein gewisser Vorteil, so konnte er nicht \u00fcberfallen werden und brauchte nicht wegzurennen vor den Totschl\u00e4gern, Einbrechern, Autodieben und kriminellen Amateuren, wenn sie ihm an den S\u00e4ckel wollten. Aber was h\u00e4tte man ihm nehmen k\u00f6nnen? Er besa\u00df ja nichts. Nicht einmal seine Reisetasche hatte er bei sich. Marcel gelang es wieder nicht, \u00fcber diesen Gedanken zu schmunzeln.<br \/>\nEine Polizeistreife fuhr vor\u00fcber. Einer der Polizisten kurbelte das Seitenfenster herunter und rief einem Mann in ballonseidener Jacke zu: \u201ePass auf, Mann, da vorne pr\u00fcgeln sich ein paar Verr\u00fcckte!\u201c, und lachte laut dabei, w\u00e4hrend der Wagen mit quietschenden Reifen und heulender Sirene um die Ecke bog.<\/p>\n<p>Marcel merkte, dass er langsam aber sicher unter seinem Zustand, nicht mehr dazuzugeh\u00f6ren, sich nicht mehr verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen, zu leiden begonnen hatte. Zwar f\u00fchlte er keinen seelischen Schmerz, jedoch blieb ihm nicht verborgen, dass ihm etwas fehlte. Er wusste aber auch, dass es in seinem Zustand nicht zul\u00e4ssig war, zu leiden, denn es war der Endzustand, eine Art des Seins, in der schlie\u00dflich auch dem ewigen Leid ein Ende gesetzt sein sollte. Aber um ganz sicher zu gehen, dass sein Befinden endg\u00fcltig sei, versuchte er ab und zu, wenigstens einen leisen Brummton zu erzeugen, mit dem er sich h\u00e4tte verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen, im Abstand \u00e4hnlich wie Morsezeichen. Aber es gelang ihm nicht.<br \/>\nWas h\u00e4tte es ihm auch gebracht, dachte er, damit k\u00f6nnte es schwerlich f\u00fcr eine Kommunikation reichen, es k\u00f6nnte kein Informationsaustausch stattfinden, das war ihm nun klar geworden. Er w\u00fcrde wohl seine vorhandenen M\u00f6glichkeiten als stiller Beobachter dieser Welt den neuen Gegebenheiten anpassen m\u00fcssen. Die Frage war nur, ob man sich damit endg\u00fcltig abfinden konnte.<\/p>\n<p>Am Ende der Stra\u00dfe stand der Polizeiwagen mit seinen gl\u00fchend roten Blitzlichtern. Rundherum eine Menge Leute, die sehr aufgebracht schienen. Marcel kam n\u00e4her. \u201eDer Nigger ist tot, Mann!\u201c, rief einer der Umstehenden, \u201eDa ist nichts mehr zu machen!\u201c Andere nickten zustimmend. Von Ferne h\u00f6rte man einen Ambulanzwagen herannahen. Marcel \u00fcberlegte fieberhaft, einen Zeichencode zu erfinden, um sich bemerkbar, sich damit verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen. L\u00e4cherlich! Er konnte sich selbst im Spiegelbild nicht sehen. Niemand konnte ihn sehen, was sollten also ein paar Zeichen? Und wenn er welche f\u00e4nde, in die Luft konnte man sie doch nicht blasen. Jedoch der Gedanke an die M\u00f6glichkeit eines \u00fcbereinstimmenden Zeichenvorrates zwischen ihm und \u2013 nun, egal, irgendeiner anderen Person, lie\u00df ihn nicht mehr los. Immerhin konnte er h\u00f6ren und sehen, er verstand sogar die Sprache m\u00fchelos, konnte sich von A nach B bewegen, obwohl ihm nicht klar war, wie dies eigentlich geschah. Zumindest aber nicht durch Gehen. Sein Wille gen\u00fcgte, ihn in schwebende Fortbewegung zu versetzen.<\/p>\n<p>Wollte er das jemals? Marcel dachte an ein blindes, taubes M\u00e4dchen, welches in seiner Nachbarschaft gelebt hatte. Wenn sie sich bemerkbar machen wollte, strampelte sie mit den Beinen. Nicht zu strampeln hie\u00df, sie h\u00e4tte im Augenblick alles, was sie brauchte. Aber Marcel f\u00fchlte seine Beine nicht, als ob er keine h\u00e4tte. Also h\u00e4tte Strampeln nichts gen\u00fctzt, um sich verst\u00e4ndlich zu machen.<br \/>\nEr versuchte, sich ihre Welt vorzustellen, die dunkel gewesen sein musste. Oder hatte ihre Fantasie die Finsternis \u00fcberwunden und sie erhellt, belebt gemacht? Es musste eine Welt der N\u00e4he gewesen sein, die dieses M\u00e4dchen erlebt hatte. N\u00e4her als jene, mit der er nun konfrontiert war.<br \/>\nH\u00e4tte er ein Instrument spielen k\u00f6nnen, \u00fcberlegte Marcel, w\u00fcrde er eine Kombination aus verschiedenen Intervallen zu einem Buchstabencode erfinden und sich vielleicht mit einem Spielzeugklavier auf die Stra\u00dfe stellen. Er w\u00fcrde \u201eHe, du, kann ich mit dir reden?\u201c spielen oder so \u00e4hnlich. Man m\u00fcsste nur jemanden dazu bringen, sein Geklimper verstehen zu machen.<\/p>\n<p>Marcel stand nun ganz nah am Unfallort. Polizei und Helfer hasteten mal hierhin mal dahin. Einer sperrte das Gel\u00e4nde mit einem Plastikstreifen symbolisch vor dem Gedr\u00e4nge der Leute auf dem Trottoir ab, als sicherte er f\u00fcr sich und seine Mannschaft die alleinigen Nutzungsrechte auf diesem Katastrophenclaim.<br \/>\nMarcel trat artig hinter die Sperre, obwohl er auch davor nicht h\u00e4tte gesehen werden k\u00f6nnen. Er tat, wie er es von damals gewohnt war, als die Stasi seinen Bruder auf der Flucht in den Westen, ganz knapp vor Erreichen der Mauer, erschossen hatte, und gleichfalls das Gel\u00e4nde ringsum absperrte, um die Gaffer nicht allzu nahe heranzulassen. Auch da war er hinter der Absperrung gestanden, kochend vor Wut, die F\u00e4uste geballt in den Manteltaschen. Und um ein Haar w\u00e4re er damals so unvern\u00fcnftig gewesen, einem Polizisten die Waffen zu entrei\u00dfen und\u2026<\/p>\n<p>Die Tage vergingen. Marcel entdeckte, wenn am Morgen der Verkehr in Midtown begann, kaum angelaufen, war er auch schon nach kurzer Zeit bereits wieder zum Stillstand gekommen, dramatisch verbr\u00e4mt durch den L\u00e4rm aus ohrenbet\u00e4ubendem Gehupe und aufdringlichen Motorenger\u00e4uschen. Verzweifelte, die versuchten, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, indem sie sich in waghalsige Abk\u00fcrzungen st\u00fcrzten, wurden in ihren aussichtslosen Bem\u00fchungen j\u00e4h gestoppt, als auch die Nebenstra\u00dfen ihr dicht geschlossenes Autochaos pr\u00e4sentierten.<br \/>\nDieser Zustand \u00fcbertrieben bienenartiger Emsigkeit spiegelte das Ergebnis einer Lebensweise der letzten Jahrzehnte, in denen man ausschlie\u00dflich darum bem\u00fcht war, die linken Gehirnh\u00e4lften zu trainieren, Leistung zu erbringen und es zu schaffen, in einer Gesellschaft bestehen zu k\u00f6nnen, die ausschlie\u00dflich auf Erfolg ausgerichtet war, w\u00e4hrend die rechten Hirnh\u00e4lften zusehends zu verk\u00fcmmern drohten, welche die Emotionen bargen, wie auch die F\u00e4higkeiten zur Empathie, Verantwortung und des moralischen Bewusstseins.<br \/>\nUnter diesen Bedingungen hatte der Leidensdruck der Massen ungeheuer zugenommen, Politik war an einem kaum mehr zu unterbietenden Niveau angelangt und l\u00e4ngst nicht mehr in der Lage, den Schw\u00e4chsten und Schwachen zu helfen, wie er \u00fcberall feststellen musste. Ein Umschwung war nicht in naher Sicht, ein Sich-Zur\u00fcckziehen aus der \u00dcberfrachtung nicht m\u00f6glich.<br \/>\nSkrupellose Manager verschleuderten indes Milliarden, die ihnen nicht geh\u00f6rten, in Projekte, die keiner brauchte. Arbeitgeber schikanierten ihre Angestellten und setzten sie unter Druck. Sie trieben sie in die Enge und damit in die innere Emigration. So war man einsam geworden unter Millionen anderen.<br \/>\nUnd die amerikanische Mission? Frieden bringen, wenn er im eigenen Land selbst nur schwer zustande zu bringen war? Von hier aus flossen stets ungeheure Impulse westlicher Ideologie als auch eine gewisse Arroganz in die ganze Welt und bestimmten den Herzrhythmus globalen Bewusstseins. Anstelle der Arroganz w\u00e4ren besser Diplomatie und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die unterschiedliche Entwicklung der V\u00f6lker getreten, dachte Marcel.<\/p>\n<p>Wieder einmal war Marcel als blinder Subway-Passagier ein paar Stationen weiter mit dem Menschenstrom zum Ausgang Central Park mitgeschwommen und immer noch \u00fcberw\u00e4ltigte ihn die Skyline der Hochh\u00e4user jenseits der Gr\u00fcnfl\u00e4chen, wenn er zu ihnen hochblickte.<br \/>\n\u201eDon\u00b4t follow any street, when it turns into bad\u201c, erinnerte er sich der Worte eines Fremdenf\u00fchrers. Aber sie galten nicht f\u00fcr ihn. F\u00fcr kurze Zeit vermeinte er den Swing von Gershwin-Sound zu h\u00f6ren, als ob man sich in einem Woody-Allen-Film bef\u00e4nde.<br \/>\nUnglaublich sanft die Grenzlinien dieses Parks im Verh\u00e4ltnis zur straffen, eckigen Architektur rundum. Ein paar Rollerblade-L\u00e4ufer, eine junge Frau mit Kinderwagen, ein paar Dunkelh\u00e4utige, die Rugby spielten. Ein Ort zum Nachdenken, zum Durchatmen, wer sich vom Wahnsinn der Stra\u00dfen hier herein absichtlich oder unabsichtlich verlaufen hatte.<\/p>\n<p>Den Central-Park lieben setzte voraus, ihn in- und auswendig zu kennen. \u201eKevin allein in New York\u201c war zu wenig, dachte Marcel und erinnerte sich daran, seiner Enkelin Jana versprochen zu haben, ihr gleich nach seiner Ankunft eine Ansichtskarte zu schreiben. Nun war ihm auch das unm\u00f6glich geworden. Stattdessen verbrachte er seine Zeit im Park, im Central-Park, dieser Laube f\u00fcr Verliebte, Safe nerv\u00f6ser Dealer, Trainingslager des Volkes f\u00fcr Jogger, Baseball-Spieler und Rollerblade-Fahrer.<br \/>\nDann wieder Mittagszeit in Manhattan. Wie auf Kommando erbrachen die H\u00e4user Menschen aus ihren Pforten, Dreht\u00fcren und Toren, als wollten sie im Zustand \u00fcberreizter \u00dcbelkeit pl\u00f6tzlich alle auf einmal loswerden. Mittagszeit, Zeit, Luft zu holen. Zeit, f\u00fcr eine knappe Stunde Mensch sein zu d\u00fcrfen, akustisch dramatisiert durch das Sirenengeheul zahlloser Einsatzfahrzeuge.<br \/>\nAn der Ecke wickelte ein Dealer seine Gesch\u00e4fte ab. Niemand schien sich daf\u00fcr zu interessieren. Gegen\u00fcber Latinos, die gef\u00e4lschte Rolex-Uhren verkauften und unruhig nach links und rechts blickten. Einer von ihnen begann pl\u00f6tzlich, sein Zeug hastig zusammenzupacken. Kurz darauf rannte er die Stra\u00dfe hinunter. Hinter ihm zwei Cops mit dunklen Sonnenbrillen.<\/p>\n<p>Wenn es wieder Abend wurde, war man vom Lichtermeer am Times Square geblendet. Wie diese Stadt dr\u00f6hnte, strahlte und vor unsichtbarer Energie, die nie zu Ende gehen schien, pulsierte! Hierher h\u00e4tte man kommen m\u00fcssen, als man jung war, als man noch verliebt war, dachte Marcel. Mein Gott, die Liebe! \u201eWanna get laid?\u201c, pflegte man hier so ganz locker zu sagen, wenn zwischen den Geschlechtern was abging. Wanna get laid! \u00dcberall klebten kleine Logos mit der Aufschrift \u201eI love N.Y.\u201c, an Postk\u00e4sten, an Autohecks, an Auslagenscheiben und Parkb\u00e4nken.<\/p>\n<p>Empire State Building war verpflichtend. Marcel war schon so oft da gewesen, auch an einem Sonntag. Gut erkennbar am nichtabrei\u00dfenwollenden Touristenstrom. Am Sonntag hatte King-Kong Dienst. Immer dann, wenn sich die Schiebet\u00fcren am obersten Aufzug \u00f6ffneten, sprang pl\u00f6tzlich ein als \u00fcberdimensionaler schwarzer Gorilla verkleideter Mann mit lautem Gebr\u00fcll vor die zu Tode erschrockenen Leute, die eben im Begriff waren, den Lift zu verlassen. Einmal beobachtete Marcel, wie eine zierliche Japanerin vor Schreck in Ohnmacht fiel.<br \/>\nVom obersten Stockwerk aus hatte man eine umwerfende Aussicht auf Manhattan. Wandte man den Blick den dunklen Abgr\u00fcnden darunter zu, konnte man die aufgespannten Netze sehen, welche Selbstm\u00f6rder noch in letzter Minute vor ihrem Unheil bewahren sollten. Schlimm genug, wer in diese Luftschaukel fiel, wie ein Fisch im Fangnetz strampelnd, um dann in aufwendigen Rettungsaktionen geborgen zu werden. Bestaunt von der gaffenden Menge da oben und unter dem Beschuss Hunderter Fotoapparate. Aber die Netze hielten dem j\u00e4hen Fall nicht immer stand und so klatschten hin und wieder einige nach dem freien Fall von gut vierhundert Metern unten am Gehsteig auf, flachgedr\u00fcckt wie Flundern. Man konnte von Gl\u00fcck reden, wenn dabei niemand getroffen wurde.<\/p>\n<p>Seine Blicke fielen auf Fetzen einer New York Times, vor ihm am Boden liegend. Er \u00fcberflog die \u00dcberschrift. Der siebte November. Er \u00fcberlegte. Er war am sechsten von Frankfurt weggeflogen. Unm\u00f6glich. Konnte es sein\u2026? Der obere Teil des Textes hatte arg gelitten, da er in einer kleinen Pf\u00fctze aus Regenwasser gelegen war. Alles, was noch zu lesen war, schien die Schlagzeile zu sein und ein paar Zeilenfragmente. Oder doch! Dort, dieses St\u00fcck konnte noch dazugeh\u00f6ren. In v\u00f6lliger Ruhe, als ob es die nat\u00fcrlichste Sache der Welt gewesen w\u00e4re, buchstabierte Marcel den l\u00fcckenhaften Text: \u201e\u2026 die Mitternachtsmaschine aus Frankfurt a. Main, die Ortszeit um 16 Uhr in New York J. F. Kennedy h\u00e4tte landen sollen, meldete um 15 Uhr 52 den Totalausfall beider Triebwerke. Im Sinkflug gelang es dem Piloten gerade noch, den Crash \u00fcber dem Stadtgebiet zu verhindern, um kurz darauf im \u2026\u201c Hier fehlte abermals ein St\u00fcck Papier. Die letzten Stellen des Textes lauteten: \u201e\u2026 wobei die Notwasserung zwar gegl\u00fcckt war, die Maschine aber auseinandergebrochen und binnen Sekunden in den Fluten \u2026\u201c Damit endete der Text. Marcel starrte ins Nichts.<br \/>\nGedankenfetzen: Er m\u00fcsse sogleich schreiben, hatte ihn seine Enkelin Jana beschworen. Ja, er h\u00e4tte gleich schreiben sollen, fl\u00fcsterte Marcel noch, f\u00fcr niemanden h\u00f6rbar. Und es wurde noch stiller um ihn, das Licht noch schw\u00e4cher. Im selben Augenblick dachte er noch einmal an die Mauer, und daran, wie er sich gefreut hatte, als sie endlich gefallen war. Das w\u00e4re ja vorauszusehen gewesen. Aber nun war alles ganz anders gekommen. Er ahnte, als h\u00e4tte f\u00fcr ihn eine Art letzte gro\u00dfe Freiheit begonnen!<br \/>\nMarcel h\u00e4tte tief durchatmen wollen, aber es war physisch nicht vonn\u00f6ten. Also richtete er sich auf und betrachtete lange den gr\u00fcnen Streifen des Central-Parks am Horizont. Es w\u00fcrde alles gut sein hier. Die alten Wunden w\u00fcrden verschorfen, neue nicht geschlagen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15077<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Airbus 320 kreiste unaufh\u00f6rlich \u00fcber Manhattan, ohne bis jetzt eine Landeerlaubnis erhalten zu haben. Langsam wurden die Passagiere in ihren Sitzen unruhig. Immerhin sa\u00dfen sie bereits seit neun Stunden auf ein und demselben Platz. Da und dort waren schon nerv\u00f6ses \u00d6ffnen und Schlie\u00dfen der Sicherheitsgurte aus den Sitzreihen zu h\u00f6ren. 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