{"id":283,"date":"2013-11-28T09:16:42","date_gmt":"2013-11-28T09:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=283"},"modified":"2014-03-25T12:34:00","modified_gmt":"2014-03-25T12:34:00","slug":"junge-taenzer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=283","title":{"rendered":"Junge T\u00e4nzer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts283&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts283&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Auf der Beerdigung von Hans\u2018 Vater ging beim Leichenschmaus das Bier aus. Der Wirt hatte vergessen, genug zu bestellen und nicht damit gerechnet, dass Hans\u2018 Freunde so viel trinken w\u00fcrden. Es war Hans\u2018 Wunsch gewesen, sich mit ihm bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken.<br \/>\nNachdem der letzte Tropfen ausgeschenkt und ausgetrunken war, zogen Hans, der keinen Unterschied f\u00fchlte zwischen dem dumpfen Nichts der Vortage und den ausgel\u00f6schten Empfindungen des Jetzt, und seine Freunden in das n\u00e4chste Wirtshaus weiter.<br \/>\nHans\u2018 Vater war an Alzheimer gestorben.<br \/>\nAm Morgen nach der Beerdigung kaufte sich Hans eine Digitalkamera.<\/p>\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter waren seine Freunde erwachsen geworden. Hans nicht. Er f\u00fchrte ein detailgenaues Tagebuch und fotografierte viel. Auf eine kompromisslose Weise suchte er die N\u00e4he zu wesentlich j\u00fcngeren Menschen, die einzigen, in deren Gesellschaft er aufbl\u00fchte.<br \/>\nEiner dieser Menschen war Emmi, ein neunzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen mit wachen Augen und einem L\u00e4cheln, durch das sich der Angel\u00e4chelte f\u00fcr etwas au\u00dfergew\u00f6hnlich Besonderes halten mochte. Sie ahnte die Exklusivit\u00e4t, die er ihr gew\u00e4hrte, er fotografierte sie oft.<\/p>\n<p>&#8222;Warum fotografierst du so viel?&#8220;, fragte sie, als sie auf einem Maskenball in einem alten Bauernhaus zusammen auf einer Couch sa\u00dfen.<br \/>\nEr trug einen teuren Designeranzug, verbarg seine Augen hinter einer Sonnenbrille und wirkte in dieser Verkleidung im rustikalen, modrigen Mauergew\u00f6lbe wie ein ungetarnter Fremdk\u00f6rper. Emmi war als Pirat maskiert und ihre Wangen durchkreuzten vier schwarze Striche, die eine furchterregende T\u00e4towierung darstellten. Hans l\u00e4chelte sein oberfl\u00e4chliches L\u00e4cheln und legte einen Arm um sie.<\/p>\n<p>&#8222;Wei\u00dft du, liebste Emmi, das Leben ist zu kurz, um sich mit irgendwelchen anderen Belanglosigkeiten als mit der Gegenwart zu befassen.&#8220;<br \/>\nEr nahm die Brille ab und sah sie mit seinen dunklen Augen an, die immer etwas glasig leuchteten.<br \/>\n&#8222;Warum wir es trotzdem tun? Weil die Gegenwart verg\u00e4nglich ist. Verg\u00e4nglicher noch als die Zukunft.&#8220;<br \/>\nEmmi sch\u00fcttelte den Kopf: &#8222;Als Physikstudentin muss ich dir da leider widersprechen. Die Gegenwart w\u00e4hrt ewig.&#8220;<br \/>\n&#8222;So, meinst du?&#8220;, fragte er und schaute sie traurig an, als wisse er von einem Geheimnis des Lebens, das sie nicht kannte.<br \/>\n&#8222;Vom physikalischen Standpunkt her habe ich recht&#8220;, beharrte sie. &#8222;Vom philosophischen her vielleicht nicht. Aber was hat das mit deinem Fotografieren zu tun?&#8220;<br \/>\n&#8222;Alles&#8220;, antwortete er und sie entdeckte wieder diese tiefgr\u00fcndige Traurigkeit in seinen Augen, die sie unheimlich und anziehend zugleich fand.<br \/>\n&#8222;Ich w\u00fcrde dich gerne so fotografieren, wie du wirklich bist&#8220;, sagte er. &#8222;Nackt.&#8220;<br \/>\nSie schaute ihn emp\u00f6rt an und schlug ihm leicht in die Seite.<br \/>\n&#8222;Hans!&#8220;<br \/>\nEr l\u00e4chelte, mit zuckenden Mundwinkeln und reglosen Augen: &#8222;Ich meine mit nackt deine Seele.&#8220;<br \/>\nSie las in seinem Blick, dies war in Bezug auf Intimit\u00e4t ein und dasselbe.<br \/>\n&#8222;Ich m\u00f6chte dich gerne so festhalten, wie du jetzt bist.&#8220; Er legte \u00fcberlegend eine Pause ein und f\u00fcgte hinzu: &#8222;Du hast Recht, das ist nur die halbe Wahrheit. Ich m\u00f6chte das festhalten, was <i>ich<\/i> in dir sehe.&#8220;<\/p>\n<p>Er schlug die Augen nieder und setzte die Sonnenbrille wieder auf. Sie entgegnete nichts weiter. Die Ahnung, was er in ihr sehen k\u00f6nnte, gen\u00fcgte ihr, es musste nicht in ausgesprochene Worte verwandelt werden. Sie kannte ihn seit einem Jahr, wusste wenig \u00fcber ihn, obwohl sie mit wenigen Menschen tiefere Gespr\u00e4che f\u00fchrte. Sie wusste, dass er sie deshalb mochte, weil sie keine Scheu vor seiner andersgearteten Gedankenwelt kannte. Er beherrschte beide Spiele: das oberfl\u00e4chliche Gesellschaftsspiel des Small Talk, der heiteren guten Laune und die schonungslose Offenheit, die man gegen\u00fcber denjenigen Menschen zutage tr\u00e4gt, denen man nahe steht, denen man erlauben m\u00f6chte, mehr zu wissen.<\/p>\n<p>&#8222;Du wei\u00dft, dass ich dich vermisst habe die letzten Wochen&#8220;, sagte er.<br \/>\nSie nickte. Sie studierte in Heidelberg und kam nur noch selten nach Hause. Sie hatte Semesterferien. Er registrierte ihr Nicken auf seine rhetorische Frage mit einer wissenden Traurigkeit. Wissend, dass er auch mit diesem Satz nichts w\u00fcrde \u00e4ndern k\u00f6nnen. Er nahm die Sonnenbrille ab, als legte er seine Maske ab, und teilte seine nachdenklichen Augen mit ihr. Er l\u00e4chelte, ohne dass seine Augen das L\u00e4cheln zu teilen vermochten:<br \/>\n&#8222;Man versucht mit Kleinigkeiten, mit wenigen, aber treffenden Worten etwas zu ver\u00e4ndern. Vielleicht ein ganzes Leben lang.&#8220;<br \/>\nEr hielt inne, als \u00fcberlegte er, was er eigentlich sagen wollte.<br \/>\n&#8222;Diese Worte kann man entweder mit kleinen Samenk\u00f6rnern oder mit Kreuzen auf dem Lotterietippschein vergleichen: Man erhofft sich, dass aus einer Kleinigkeit etwas Gro\u00dfes, Lebensver\u00e4nderndes entw\u00e4chst. Meistens aber passiert gar nichts und die Dinge bleiben so, wie sie sind.&#8220;<\/p>\n<p>Er lehnte sich zur\u00fcck und atmete tief aus, als sei eine gewaltige Spannung aus seinem K\u00f6rper gewichen. Er schaute in die gelblichen Lichter und sah zu, wie die Maskierten tanzten.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df, dass unsere Wege l\u00e4ngst vorbestimmt sind. Schon bevor wir uns kennengelernt haben. Sei mir nicht b\u00f6se, wenn ich immer wieder mit diesen winzig kleinen Spitzen versuchen werde, dich und mich ein St\u00fcck weit von diesem vorgezeichneten Weg abzubringen.&#8220;<\/p>\n<p>Sie sah ihn verwirrt an.<br \/>\n&#8222;Du verstehst kein Wort von dem was ich sage, nicht wahr?&#8220;<br \/>\nSie lachte. &#8222;Den letzten Satz habe ich jetzt wieder verstanden.&#8220;<br \/>\nHans griff sich an die Stirn. Ihm war schwindelig:<br \/>\n&#8222;Sorry du, aber ab halb drei wei\u00df ich selber nicht mehr, was ich rede.&#8220;<br \/>\nEr sah sie noch einmal an: &#8222;Das ist auch so eine Sache. Man verpackt seine Botschaften in umst\u00e4ndliche Worte, die ohnehin den Empf\u00e4nger nie so erreichen, wie sie sollten. Ich wollt dir nur sagen, dass du mir gefehlt hast.&#8220;<br \/>\nSie seufzte wortlos, umarmte ihn und presste ihr weiches Gesicht an seine linke Wange, bis sich die schwarzen Streifen auch auf seiner Wange abzeichneten.<br \/>\n&#8222;Warte&#8220;, sagte er und holte seine Kamera aus seiner Tasche.<br \/>\nEr hielt sie vor sich. Es machte &#8222;Klick&#8220;. Als der Blitz aufleuchtete, sagte er leise zu sich: &#8222;Und in diesem Moment war Hans H. ein erstes Mal in diesem Jahr gl\u00fccklich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie bitte?&#8220;, fragte sie.<br \/>\nEr sch\u00fcttelte den Kopf und l\u00e4chelte: &#8222;Nichts von Bedeutung.&#8220;<br \/>\nDann f\u00fcgte er hinzu: &#8222;Hast du gewusst, dass es niemals Erl\u00f6sung geben wird?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie meinst du das?&#8220;<br \/>\n&#8222;Du wirst immer kurze Momente der Erf\u00fcllung, des Gl\u00fccklichseins erleben. Aber du wirst nie endg\u00fcltig erl\u00f6st sein. Das Leben ist kein Rosamunde Pilcher Film.&#8220;<br \/>\nSie sah ihn ratlos an: &#8222;Hat das jetzt eigentlich was mit deinem Fotografieren zu tun?&#8220;<br \/>\nEr l\u00e4chelte: &#8222;Du hast mich schon fast durchschaut.&#8220;<\/p>\n<p>Es wurde trotz der sp\u00e4ten Stunde noch immer getanzt.\u00a0Emmi sprang auf die Tanzfl\u00e4che. Sie streckte ihm einladend die Arme aus, aber er sch\u00fcttelte den Kopf, nahm stattdessen seinen Fotoapparat zur Hand und fotografierte sie.<br \/>\nEr sah den jungen Leuten zu, wie sie ihre leidenschaftlichen T\u00e4nze auff\u00fchrten und beobachtete Emmi, die wie ein Magnet Tanzpartner anzog, von ihnen wegtanzte, den n\u00e4chsten heran tanzen lie\u00df. Sie sah anmutig dabei aus. Im bunten Licht blieb die Zeit stehen und er fand, es gab wahrhaftig nichts Sch\u00f6neres. Er schaltete die Kamera auf den Modus &#8222;Film&#8220; und schaute ihr durch das Display zu, wie sie die H\u00e4nde in die Luft warf und sich im Kreis drehte.<\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen setzte sich auf den frei gewordenen Platz auf der Couch. Sie blickte unverbl\u00fcmt auf den kleinen Bildschirm.<br \/>\n&#8222;Du magst sie sehr&#8220;, sagte das M\u00e4dchen und, als sei er in einem intimen Moment ertappt worden, schaltete Hans ungeschickt die Kamera wieder aus.<br \/>\nEr drehte sich zu dem M\u00e4dchen um. Sie trug ein kariertes Hemd, bunte Leggins und einen schwarzen Pagenkopf. Ihr sommersprossiges Gesicht kam ihm bekannt vor.<br \/>\n&#8222;Du erkennst mich nicht&#8220;, sagte sie lachend.<br \/>\nHans nickte.<br \/>\n&#8222;Wir haben letzte Woche erst gesprochen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Letzte Woche?&#8220;, fragte er. &#8222;Wann letzte Woche?&#8220;<br \/>\n&#8222;Am Freitag. An der Bar.&#8220; Er schaltete seine Kamera auf &#8222;Wiedergabe&#8220; und bl\u00e4tterte die Fotos der letzten Woche durch. Er fand den besagten Abend und zeigte ihr ein Bild, auf dem er mit einem blondgelockten M\u00e4dchen zu sehen war.<br \/>\n&#8222;Bist du das?&#8220;, fragte er.<br \/>\nSie lachte. &#8222;Na klar, du erkennst mich wirklich nicht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Sorry, Sandra, aber mir scheint, als kennst\u00a0<i>du<\/i>\u00a0mich nicht&#8220;, sagte er und sein L\u00e4cheln lie\u00df die Worte weniger ernst klingen als ihre Bedeutung.<br \/>\n&#8222;Ich spreche nicht oft dar\u00fcber, aber ich versuch es dir zu erkl\u00e4ren.&#8220;<br \/>\nSandra sah ihn erschrocken an und das fr\u00f6hliche L\u00e4cheln gefror ihr im Gesicht.<br \/>\nErnst fuhr er fort: &#8222;Dir ist sicherlich bekannt, dass viele Europ\u00e4er die Gesichter von Asiaten, Schwarzen oder anderen ethnischen Gruppen nur schwer auseinander halten k\u00f6nnen.&#8220; Er sprach mit einer warmen Stimme und Sandra rang sich ein aufmunterndes L\u00e4cheln ab. Sie h\u00f6rte ihm interessiert zu.<\/p>\n<p>&#8222;Seit einiger Zeit habe ich bemerkt, dass es mir immer schwerer f\u00e4llt, Gesichter zu unterscheiden. So wie du dich schwer tun w\u00fcrdest, drei Chinesen auseinander zu halten, tu ich mir schwer, zwischen drei Blondinen zu unterscheiden. Das geht so weit, dass ich mir selbst nicht mehr trauen kann. Ich habe schon so oft auf der Stra\u00dfe Fremde angesprochen, die ich f\u00fcr Bekannte hielt, dass es mir bald peinlich wurde. Irgendwann h\u00f6rst du einfach auf damit.&#8220;<br \/>\nEr merkte, dass sie bedr\u00fcckt zu Boden schaute und f\u00fcgte hinzu: &#8222;Dich h\u00e4tte ich nat\u00fcrlich ohne Per\u00fccke sofort erkannt. Dein Style ist einfach zu einzigartig. Obwohl du mir auch mit schwarzen Haaren au\u00dferordentlich gut gef\u00e4llst.&#8220;<br \/>\nSie err\u00f6tete leicht. &#8222;Vielen Dank&#8220;, sagte sie, harrte noch eine Weile irritiert aus, stand schlie\u00dflich erleichtert auf und verschwand wieder.<\/p>\n<p>Hans\u2018 Aufmerksamkeit richtete sich abermals auf die Tanzenden. Seine Gedanken verloren an Sch\u00e4rfe und die Erkenntnisse wichen mehr und mehr Empfindungen, w\u00e4hrend er Emmi beim Tanzen betrachtete.<br \/>\nNur kurz entwichen seine Gedanken in die Parallelwelt des Tr\u00e4umens, er erwachte in der Realit\u00e4t, als sich Emmis Bruder Joe neben ihn setzte.<\/p>\n<p>&#8222;Ich sag&#8217;s dir, in der WG geht\u2019s ab&#8220;, sagte Joe.<br \/>\nHans sah ihn aus glasigen Augen an.<br \/>\n&#8222;Ach?&#8220;, sagte er. &#8222;Erz\u00e4hl mir was Neues oder verschone meine sensiblen Ohren. Entschuldige mich, Joe, aber ich bin heute nicht mehr so aufnahmef\u00e4hig wie ich es in deiner Gesellschaft sein sollte.&#8220;<br \/>\n&#8222;Du rauchst zu viel&#8220;, sagte Joe und klopfte ihm auf die Schultern. &#8222;Aber was da drinnen abgeht, das ist so der \u00dcber &#8211; Wahnsinn, so high kannst du gar nicht sein, dass es dich nicht interessiert.&#8220;<br \/>\n&#8222;Na los, dann erz\u00e4hl schon. Ich spitze meine H\u00f6rorgane nur f\u00fcr dich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wollt nur rauf zum Phil, um mir ein Paper zu holen. H\u00e4tt wohl erst anklopfen sollen, aber wenn die nicht zusperren, sind sie selber schuld.&#8220;<br \/>\nHans nutzte das Stichwort, um sich von Joe eine Zigarette zu erbitten.\u00a0Er z\u00fcndete sie an und Joe fuhr fort:<br \/>\n\u201eIch komm also ins Zimmer und h\u00f6re ein St\u00f6hnen.\u00a0Denen war es scheinbar egal, dass\u00a0jemand\u00a0hereingekommen\u00a0ist\u00a0und das Gest\u00f6hne\u00a0kam von der einen Seite und gleichzeitig von der\u00a0anderen Ecke des Zimmers. Ich leuchte mit meinem Handylicht hin und Phils Kopf schaut\u00a0aus der Bettdecke raus. Er grinst mich frech\u00a0an und am unteren Ende des Bettes lugen drei Beine aus der Bettdecke hervor.&#8220;<br \/>\nHans zog an seiner Zigarette und nickte: &#8222;Na, das ist dann in der Tat sensationell. Phil steht ja eigentlich gar nicht auf dreibeinige M\u00e4dchen.&#8220;<br \/>\nJoe sah ihn verst\u00e4ndnislos an: &#8222;Du machst mir meine ganze Story kaputt, Mann. Da droben herrscht eine wilde Orgie und dich interessiert das gar nicht?&#8220;<br \/>\nHans betrachtete weiter Emmi, wie sie mit geschlossenen Augen tanzte.<br \/>\n\u201eDu h\u00e4ttest dich ja dazulegen k\u00f6nnen\u201c, sagte Hans.<br \/>\n\u201eSpinnst du?\u201c<br \/>\n&#8222;Das Leben macht dir manchmal Angebote, die kannst du annehmen, oder auch abschlagen. Aber lamentier dann bittesch\u00f6n in der Sekunde deines Todes nicht rum, dass du dein Leben nicht erf\u00fcllend ausleben konntest. Ich denke jeden Tag dar\u00fcber nach, was w\u00e4re wenn, wenn es &#8211;\u00a0<i>bam<\/i>\u00a0&#8211; morgen vorbei w\u00e4re.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das ist aber auch schon krankhaft&#8220;,\u00a0erwiderte\u00a0Joe und holte eine zylinderf\u00f6rmig geformte, selbstgedrehte Zigarette hervor. Er z\u00fcndete sie an, nahm einen tiefen Zug, verzog die Augen und sagte mit gepresster Stimme: &#8222;Warum sagst du\u2018s ihr dann nicht endlich?&#8220;<br \/>\nHans\u2018 Gesichtsz\u00fcge verloren jede Spannung und mit leicht ge\u00f6ffnetem Mund sah er Joe an, der in stiller Siegesgewissheit grinste.<br \/>\n&#8222;Wie bitte?&#8220;<br \/>\nJoe inhalierte tief und reichte ihm den Joint weiter.<br \/>\n&#8222;Mach mir nichts vor, Hansi. Ich bin weder blind noch begriffsstutzig. Ich habe deine Fotos von ihr im Internet gesehen. Du fotografierst niemanden so wie sie. Warum sagst du\u2018s ihr nicht einfach?&#8220;<\/p>\n<p>Hans rollte die Zigarette zwischen seinen Fingern.<br \/>\n&#8222;Zun\u00e4chst mal, nenn mich bitte nicht Hansi. Es gibt keinen Hansi. Schon seit zehn Jahren nicht mehr. Und um deine sicher nett gemeinte Frage zu beantworten: Du hast sehr wohl richtig bemerkt, dass deine Schwester mir lieber, viel lieber als der Rest der Welt ist. Aber da dein teuerstes Schwesterherz genau so wenig blind und begriffsstutzig ist wie ihr Bruder, brauchen in unserer Welt manche Dinge einfach nicht ausgesprochen werden. Denn selbst wenn heute der letzte Tag meines Lebens angebrochen sein sollte, w\u00fcrde mir wohl kaum das Gl\u00fcck zuteil, dass ausgerechnet heute das Wunder geschieht und diese seltsamste meiner Neigungen auf Gegenliebe sto\u00dfen sollte. Zudem sehe ja ich meinerseits, dass sie gl\u00fccklich liiert ist und Freundschaft ist doch auch was Wunderbares.&#8220;<br \/>\nEr f\u00fchrte die T\u00fcte zum Mund und sog sich die Wirkstoffe tief in die Lunge, bis sie in die Blutbahn Richtung Kopf gelangten.<br \/>\n&#8222;Ein Schei\u00dfspruch&#8220;, sagte Joe. &#8222;Au\u00dferdem kann ich ihren Lover nicht ab. Ich denke eher, dass dein Problem ist, dass du dich mit deinem Dasein arrangiert hast. Lieber stillhalten und davon tr\u00e4umen, dass alles doch ganz anders sein k\u00f6nnte, wenn nicht die Umst\u00e4nde w\u00e4ren, als sich den Korb der endg\u00fcltigen Gewissheit abholen.&#8220;<br \/>\nHans seufzte. &#8222;Wenn du w\u00fcsstest&#8220;, sagte er.<br \/>\n&#8222;Aber eines m\u00f6chte ich dir noch sagen:&#8220;, f\u00fcgte Joe hinzu, &#8222;Jedesmal, wenn ich mit Emmi telefoniere, fragt sie zum Ende des Telefonats nach dir.&#8220;<br \/>\n&#8222;Tats\u00e4chlich?&#8220;, fragte Hans und l\u00e4chelte. &#8222;Warum meldet sie sich dann nie bei mir?&#8220;<br \/>\nJoe legte die Stirn in Falten: &#8222;Das musst du sie wohl selbst fragen&#8220;, sagte er und stand auf.<br \/>\n&#8222;Warte noch.&#8220; Hans hielt ihn zur\u00fcck und holte die Kamera hervor. Er schaute auf das Display, wartete einen Moment, dann dr\u00fcckte er ab. Zufrieden l\u00e4chelnd betrachtete er die Fotografie. Es zeigte Joe, der ihm gerade zuzwinkerte. Im Hintergrund war die mit geschlossenen Augen tanzende Emmi zu sehen.<\/p>\n<p>Hans f\u00fchlte sich m\u00fcde und sp\u00fcrte, wie die Wirkung des Joints in ihm aufging. Das Licht war nun viel heller und das Gelb war verschwunden. Wei\u00dfes Licht schien auf Emmi, die unerm\u00fcdlich die H\u00fcften bewegte und die H\u00e4nde in die Luft reckte.<br \/>\nDie Bilder verschwammen ineinander, das wei\u00dfe Licht wurde st\u00e4rker und Hans sank auf die Couch zur\u00fcck, als w\u00fcrde er von ihr aufgefressen und sah als weit, weit entfernter Zuschauer den tanzenden jungen Leuten zu. Die Realit\u00e4t flimmerte und einen Augenblick lang glaubte er, Gorillas und Zebras auf zwei Beinen miteinander tanzen zu sehen. Er kniff die Augen zusammen und begriff, dass sein Gehirn nicht mehr zwischen Masken und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Er lie\u00df die Illusionen in seinem Kopf zergehen und starrte mit halb geschlossenen Augen auf die bizarr tanzenden Seer\u00e4uber und Indianer. Mit letzter Willensanstrengung griff er nach der Kamera und fotografierte den Piraten.<\/p>\n<p>Als Hans die Augen aufriss, war es hell. Er erblickte ein beschlagenes Fenster. Vor dem Fenstersims lag Schnee. Er blickte sich um. Er war nicht zu Hause. Und er war nicht allein. Er h\u00f6rte rhythmisches Schnarchen. Er lag auf einer Matratze, einer von vielen Matratzen. Aus einem Bett lugte Phils Lockenschopf hervor. Es war sein Zimmer. Auf den Matratzen lagen in Schlafs\u00e4cken Paarkonstellationen. Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gekommen war. Er lag unbekleidet in einem Schlafsack. Panik befiel ihn. Er suchte nach seinem Fotoapparat. Links und rechts lagen Hosen, T-Shirts, ein Gorillakopf, ein Cowboyhut, mehrere BHs, sein Anzug. Er griff nach dem Sakko, ertastete die Kamera. Seine Hand zitterte, hastig holte er die Kamera hervor. Er schaltete sie auf Wiedergabe und suchte den Ordner Foto f\u00fcr Foto ab. Schlie\u00dflich gelangte er zu dem Bild, das ihn mit Emmi zeigte. Er erinnerte sich. Die Uhr zeigte 2:31 Uhr. Es folgte eine Filmaufnahme, auf dem n\u00e4chsten Bild war ein zwinkernder Joe zu sehen, danach er selbst, leichenblass mit glasigen, halb geschlossenen Augen. Die Uhrzeit zeigte 3:57 Uhr an. Sein Herz pochte ungesund, als er ein Bild weiter schaltete. Der Bildschirm blieb schwarz. Nur einige wei\u00dfe Lichtpunkte lie\u00dfen die Scheinwerfer erahnen. Der Blitz war nicht ausgel\u00f6st worden.\u00a0Die Uhrzeit zeigte 4:17 Uhr. Er schaltete auf das n\u00e4chste Foto. Ein schwarzes Bild nach dem anderen erschien. 4:18, 4:18, 4:19 Uhr. Hans versuchte, sich zu erinnern. Der schwarze Fleck in seinem Ged\u00e4chtnis machte ihn panisch.<\/p>\n<p>&#8222;Ist es jetzt soweit?&#8220;, fragte er sich und ihm wurde schwarz vor Augen. Er konnte sich an nichts erinnern. Er starrte auf seine Kamera: 4:20 Uhr. Es war das letzte Bild auf der Speicherkarte. Das Bild zeigte ihn l\u00e4chelnd und \u00fcberrascht blinzelnd, als h\u00e4tte er nicht mit dem Blitz gerechnet. Ein Arm trat aus dem einen Ende des Bildes hervor, schmiegte sich um seinen Hals und endete in seiner Hand von der sie gehalten wurde. Er konnte sich an nichts erinnern und das Grauen dieser Erkenntnis schn\u00fcrte ihm die Kehle zu. Er bemerkte ein kleines Detail. Er vergr\u00f6\u00dferte das Bild. Er sah gl\u00fccklich, fast selig auf der Fotografie aus. \u00a0Auf seiner Wange war der verschmierte Abdruck von schwarzen Streifen zu sehen. Die Angst fiel von ihm ab und als erinnerte sich nun sein Unterbewusstsein, schaltete sein Herz von \u00e4ngstlichem auf gl\u00fcckliches Pochen um. Er sprang mehrere Fotos zur\u00fcck, dann wieder auf das letzte Bild. Er l\u00e4chelte und sein Herz pumpte eine wohlige W\u00e4rme durch seine Adern. Auf dem letzten Foto trug er die Streifen auf der Wange nicht rechts, wie zuvor, sondern links. Und auf dem Arm, der ihn umschlang, erkannte er ein Muttermal, das er sehr gerne mochte. Er schnupperte an seiner Hand. Es roch nach La Femme. Sein ganzer Schlafsack roch nach La Femme. Er zog sich eine Hose \u00fcber und sprang aus dem Schlafsack, rannte ans Fenster und schaute zum Parkplatz hinunter. Er sah gerade noch Emmis gelben Fiat, der mit hohem Tempo davon fuhr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Strasser<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 13035<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Beerdigung von Hans\u2018 Vater ging beim Leichenschmaus das Bier aus. Der Wirt hatte vergessen, genug zu bestellen und nicht damit gerechnet, dass Hans\u2018 Freunde so viel trinken w\u00fcrden. Es war Hans\u2018 Wunsch gewesen, sich mit ihm bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken. 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