{"id":282,"date":"2013-11-28T09:11:03","date_gmt":"2013-11-28T09:11:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=282"},"modified":"2014-03-25T12:56:18","modified_gmt":"2014-03-25T12:56:18","slug":"die-flasche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=282","title":{"rendered":"Die Flasche"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts282&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts282&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war einmal, um die Ecke, in Frau Malazkas Auslage, hinter der Glasscheibe, hinter dem gro\u00dfen \u201efrisches Obst und Gem\u00fcse\u201c-Pickerl von damals, als das frische Obst und Gem\u00fcse noch in Steigen am Gehsteig zum Verkauf gestanden war. Vor ihrem Grei\u00dflerladen, dort stand er, und dort begab es sich, dass Herbert Kritzendorfer etwas dort in der Auslage stehen sah, das er bislang nur nie bemerkt haben musste. Dort, zwischen den ausgebleichten Reispackerln in ihrer strengen Zweierreihe und der schmalen Pyramide aus Dosensuppen, Dosen mit Grie\u00dfnockerln drauf, mit Leberkn\u00f6deln, und mit Altwiener Suppent\u00f6pfen, alle, alle von ein und derselben Firma, einer, die es schon seit ewig und drei Tagen nicht mehr gab. Und genau dort, dort dazwischen, zwischen den Reispackerln und den Dosensuppen, dort stand sie, die Flasche, ohne Etikett, ohne Gravur, ohne Relief, ohne Aufschrift, nur mit einem Korken aus Kork im Hals und einer gr\u00fcnlichen Fl\u00fcssigkeit in ihrem Glasbauch, dem auf den Schultern der Staub lag.<br \/>\nKomisch, komisch.<\/p>\n<p>Noch nie war Herbert Kritzendorfer diese Flasche dort aufgefallen, in all den Malen, die er hier einfach an ihr vorbeigegangen sein musste, unter der rot-wei\u00df gestreiften Markise unten durch, unten vorbei an dem blauen Eskimo-Fahnderl, auch im Winter, zweimal t\u00e4glich, hin zur Arbeit und zur\u00fcck. Und, wenn ihm daheim die W\u00e4nde wieder einmal zu nahe zusammen r\u00fcckten, auch am Sonntag, oder am Samstag, beim Spazierengehn, wie heute, und gestern auch schon.<br \/>\nDiese Flasche.<\/p>\n<p>Unerkl\u00e4rlich schien Herbert Kritzendorfer diese pl\u00f6tzliche Flasche da drin zu sein, in Frau Malazkas Auslage, und er schaute noch einmal kurz weg, um sich schnell in die Nase zu zwicken, aber beim noch einmal Neuschauen war sie immer noch da. Gespenstisch, und Herbert Kritzendorfer lehnte sich ein St\u00fcckerl nach vorn, n\u00e4her zur Scheibe hin, dorthin, wo sie nicht mehr ganz so bl\u00f6d spiegelte, st\u00fctzte seine H\u00e4nde an seinen Knien ab und er spitzte die Augen. Gr\u00fcn, vielleicht, nein, Kr\u00e4utersirup konnte es keiner sein, zu fl\u00fcssig, zu leicht tat sich das Licht dabei, rein und durch und hinten wieder raus zu kommen. Wie Wasser, wie gr\u00fcn gef\u00e4rbtes, aber geh, bei der Frau Malazka gab es doch sowas doch nicht, nichts mit k\u00fcnstlichen Zusatzstoffen, nichts von der ganzen elendigen Industriepfuscherei, wie sie zu sowas zu sagen pflegte. Auch zu den Dosensuppen, die niemals zum Verkaufen gedacht gewesen waren, sondern nur zum Aufstellen, damit halt was drin steht in der Auslage, und das leicht zum Stapeln geht. Herbert Kritzendorfer wusste das, weil es vor diesem Wissen ja gar kein Entrinnen gab, keins mehr, sobald die T\u00fcr aufging und das silberne Glockenspiel Frau Malazka aus ihrem Klappsessel herausscheuchte mit ihrer schlechten H\u00fcfte und sie eilig hindurchhumpelte durch den vergilbten Duschvorhang zwischen ihrem winzigen Hinterkammerl und dem kaum viel gr\u00f6\u00dferen Rest ihres kleinen Gesch\u00e4fts. Dort, wo die Echtholzvitrine stand, und die Registrierkasse, und dort, wo sie drin war, die Frau Malazka, in ihrem Element: sieben Tage die Woche, von f\u00fcnf bis zwanzig Uhr.<\/p>\n<p>\u201eGr\u00fc\u00df Sie Gott! Wartn \u2019S kurz. Heast! Deppater Duschvorhang! Dauernd bleib ma h\u00e4ngen an dem G\u2019frast! Wenn i no jung w\u00e4r, i sag \u2019s Ihnan, der w\u00e4r so schnell unten, so schnell k\u00f6nnt der gar net schaun. Aba ja: Was brauch ma denn, was h\u00e4tt ma scho?<br \/>\nJa, jetzt san \u2019S halt net wieder so sch\u00fcchtan.<br \/>\nSie wern do net imma no so a Angst ham vor mia wie als Kind no?<br \/>\nVor so ana gebrechlichn, altn Oma, die i jetz ja scho bin?<br \/>\nOda?\u201c<br \/>\nJa.<\/p>\n<p>Bei der Frau Malazka fing das Bedientwerden seit je her so an. Das erste, was Herbert Kritzendofer \u00fcber sie noch und n\u00f6cher eingetrichtert bekommen hatte von seiner Mutter damals, vorm ersten Einkaufenmitgehend\u00fcrfen, war das: So, oder so \u00e4hnlich, das erste Wort war immer das von der Frau Malazka, meist mehr als nur das eine, und erst dann war die Kundschaft zum Gr\u00fc\u00dfen und zum Bestellen dran. So war das der Brauch bei ihr, heute, morgen und gestern, und die Frau Malazka begann, nach der zu ihrer Zufriedenheit verlaufenen Anfangszeremonie, gewohnt gelassen damit, die Zeit zu verl\u00e4ngern, die sie brauchte, um die drei Sachen zusammenzusuchen, die Herbert Kritzendorfer diesmal selbst gar nicht brauchte.<\/p>\n<p>Das Brot und die Nudeln und den Reis, die Frau Malazka ging da ganz typisch und taktisch vor.<br \/>\nUnd immer, sollte eine der georderten Waren zu weit oben oder zu weit unten in einer der altbaudeckenhohen Regalw\u00e4nde stehen, dort, wo die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen standen, dort, wohin sie sich am wahrscheinlichsten oft und \u00f6fter runterb\u00fccken oder raufstrecken w\u00fcrde m\u00fcssen, dort meinte sie nach dem Runterb\u00fccken oder dem Raufstrecken, \u201eWerdn \u2019S ja net alt, h\u00f6rn \u2019S! Sie wissen ja no goa net, wos f\u00fcr grausliche Schmerzn R\u00fccknschmerzn san!\u201c, und sie machte zur K\u00fcr danach ein gem\u00fctliches Hohlkreuz und suderte von Herzen. Das war, wie die Frau Malazka wollte, dass ihr kleiner Feinkostladen funktionierte, sie war ja auch die Besitzerin, und bevor sie nicht hatte, was sie wollte, brauchte Herbert Kritzendorfer gar nicht deppat vorlaut anfangen nach der Flasche in der Auslage zu fragen, erst nach dem Brot und den Nudeln und dem Reis, nichts davon auch nur ann\u00e4hernd leicht zu erreichen f\u00fcr eine Frau ihres Alters. Herbert Kritzendorfer wusste das, und die Frau Malazka zwinkerte kaum merklich scharf mit nur einem Auge und sie beugte sich mit einem leidenschaftlichen \u201eAu weh, au weh, au weh\u201c zum Brot hinunter, aufbewahrt im hintersten und untersten aller Winkel, richtete sich dramatisch knacksend wieder gradso auf, und dann:<\/p>\n<p>\u201eJa, grauslich! Grauslich san diese ganzn Wehwehchen de da so komman mit da Zeit! Grad das i da das Brot noch dagleng, bevor i nimma mehr aufkomm! Und wissn \u2019S? Wissn \u2019S was der Herr Doktor g\u2019meint hat dazu am Mittwoch? A neues H\u00fcftgelenk br\u00e4ucht i. A neues! Aus Plastik und mit irgendwelche Robota, die in mia umadumfr\u00e4sen, damit\u2019s sas reinbringen \u00fcbahaupt. In meim Alter! I hab\u2019 ma \u2019dort dacht, ich spinn\u2019! Als w\u00fcrd\u2019 ich ma da jetzt no sowas einsetzn lassn, so a neuartiges Klumpat, so weit kommt\u2019s ma noch. Da werte Herr Doktor, da hat der aba sch\u00f6n g\u2019schaut wie i dem das dort ins G\u2019sicht g\u2019sagt hab und seim Gehilfn da. Aba geh, sagn \u2019S ma nochamal. Was war das zweite? Was wolltn \u2019S da f\u00fcr an Reis habn? War das der Natur oder der Langkorn? Scho Natur oda? Geh, san \u2019S so liab, nehman \u2019S einfach den. Wei f\u00fcr den Langkorn m\u00fcsst i n\u00e4mlich extra die Leita holn.\u201c<br \/>\nEin lebensfroher Blick ganz kurz.<br \/>\nVon der Frau Malazka.<\/p>\n<p>Ganz kurz nur und es ging los, denn:<br \/>\nHerbert Kritzendorfer hatte sich nat\u00fcrlich f\u00fcr Langkorn entschieden, den schwierigeren der beiden Reise, er wollte schlie\u00dflich etwas von der Frau Malazka, und sie drehte sich herum, elegant wie jemand Guter beim Eiskunstlaufen, und sie rumpelte fast freudig nach hinten, dorthin, wo die Leiter stand, und sie stocherte sie m\u00fchsamst und umst\u00e4ndlichst und wiederholt \u201eDeppates G\u2019frast\u201c keifend am Duschvorhang vorbei nach drau\u00dfen, wo die Frau Malazka die Leiter dann auf ihre rechte Schulter f\u00e4delte und hinter sich herschleifte wie am Kreuzweg. Ein schwacher, kurzer, schmerzverzerrter Schritt nach dem anderen, ganz knapp heran an die Frage, ob man denn nicht vielleicht helfen k\u00f6nnte, so kurz war Herbert Kritzendorfer immer schon davor, aber die Frau Malazka kannte die Grenzen und sie kam wie \u00fcblich schon als Erste dort an, vorm Regal mit dem Langkornreis, und sie seufzte.<\/p>\n<p>\u201eSchaun \u2019S mich amal an jetz! Wie da Herrgott! Aba was bringt\u2019s ma ohne Auferstehung? Ha? A eigane Kirchn wern\u2019s wegen mir jetz net mehr gr\u00fcndn no, oda? Ich sag\u2019s Ihnan: Wenn der Langkornreis nur net imma so weit obn stehn w\u00fcrd! Stelln Sa sich das amal vor, wie einfach des alles w\u00e4r\u2019. Aba wissn \u2019S eh: So sp\u00e4t no amal seine eigane Ordnung \u00e4ndan, da hat ma am End ja bald goa nix mehr. Und, ui, ui, ui, und da Ischias. Jetzt issa wieda beleidigt de ganze Wochn, des Seicherl. Nua da Kunde is halt da K\u00f6nig, so lern ma das alle, nur da K\u00f6rpa net. Ma, nur an Lottosechser oder a g\u2019scheite Pensionserh\u00f6hung amal. Dann w\u00e4r zumindest endlich a bessare Leita drinnen wenigstns.\u201c<br \/>\nSo war das.<br \/>\nJa.<br \/>\nUnd die Frau Malazka kippte die noch nicht bessere Leiter dann mit einem abschlie\u00dfenden, heiseren Urschrei scheppernd ans Regal mit dem Langkornreis oben und sie kontrollierte die Festigkeit der ersten Sprosse mit ihrem linken Lederpatschen und einem Teil ihres geringen Gewichts. Misstrauisch, misstrauisch dr\u00fcckte sie ihre geballten Zehen von oben dagegen, gegen die erste Sprosse, immer nur gegen die unterste, gegen die, die sie dann gar nicht benutzen w\u00fcrde, und die Frau Malazka stieg auch schon eckig und ungest\u00fcm dar\u00fcber hinweg und ebenso weiter hinauf. Die Leiter, sie wackelte, es sah aus wie Abst\u00fcrzen, wie warum jetzt noch nicht, wie der letzte Langkornreis im Leben der Frau Malazka, mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen wehrte sie sich, dagegen, gegen das Fallen und besonders das Aufkommen, gegen die wacklige Leiter, die sie niemals mit einer anderen tauschen w\u00fcrde, auch mit Doppeljackpot nicht. Ein Kraftakt, ein Kraftakt nach dem anderen, zitternd, vor Anstrengung, und das dritte Mal das Gleichgewicht fast verloren und Herbert Kritzendorfer biss sich von innen die Lippen auf, obwohl die Frau Malazka wie \u00fcblich dann schneller und sicherer oben war, als es den Anschein erweckt hatte.<\/p>\n<p>\u201eDa hamman ja endlich, ihrn Langkornreis, da samma ja bald fertig a scho. Ja, aba ob i da je wieda runterkomm zu Lebzeitn? Wissn \u2019S eh, die Rettung brauchn \u2019S da nimma rufn, wenn i da untn lieg auf einmal. Des zahlt si dann eh nimma aus. Zahlt si ja eh fast nix mehr aus heutzutage, net amal a Zecknimpfung. So lang, wie die haltet, hab i wahrscheinlich eh nimma. Da stell i mi da doch nimmer deppat an am Gang am Bezirksamt dr\u00fcbn. Der neue Arzt dortn hat eh letztes Mal was zamgstochen, schiach war des, des k\u00f6nnen \u2019S ma glaubn. Fast schlimma als damals bei meim Hausarzt no, Gott hab ihn selig.\u201c<br \/>\nDie Frau Malazka nickte.<br \/>\nZustimmend.<br \/>\nNach ihr auch Herbert Kritzendorfer und dann die Frau Malazka noch einmal zum Abschluss, und sie schnappte sich dann das Reispackerl, das mit dem Langkornreis drinnen, und sie zwickte es sich unter der Achsel ein und sie kletterte so in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt, schlimmer herumfuhrwerkend als rauf wieder die Leiter nach runter, wo es knapp \u00fcber der H\u00e4lfte ungewohnt ernst wurde. Ernst. Der Ernst, aber, war ohne jahrelanger Erfahrung im normalen Leiterrunterklettern der Frau Malazka zuerst kaum auszumachen, da aber, da war die sie daneben gestiegen, an der n\u00e4chst unteren Sprosse vorbei, in die Leere darunter, und Herbert Kritzendorfer wurde das Blut warm vom Brustkorb her, als der Langkornreis stumpf unten aufkam. Auch f\u00fcr die Frau Malazka sah es in Zukunft nach \u00c4hnlichem aus, ihre Lederpatschen segelten abw\u00e4rts, Hektik, sie suchte und suchte und suchte, die Frau Malazka, sie streckte ihre gelben Zehen nach dem verloren Halt aus, aber der, der war weg. Nur noch mit den Fingern, mit den mageren \u00c4rmeln, hing die Frau Malazka an der Leiter fest, und alles weiter unten krachte mit Schwung dagegen, mit der schlechten H\u00fcfte voran, und es war Holz auf Knochen. Holz auf Knochen, es klang wie Brechen, wie viele d\u00fcnne Stricherl am R\u00f6ntgenbild, wie Kr\u00fccken ab jetzt oder Rollstuhl, wie viel zu viel Schmerzen zum Aushalten.<\/p>\n<p>Die Frau Malazka war da altersbedingt aber schon l\u00e4ngst anderer Ansicht.<br \/>\nSie st\u00f6hnte, nur kurz, nur einmal, nur erstickt, unabsichtlich, und dann, dann war ihr einer Fu\u00df wieder auf einer der Sprossen oben, auf einmal, beim ersten Versuch, dann gleich der andere, und die Frau Malazka kam unten an, deutlich sanfter als vorher der Langkornreis, den sie ganz ohne Jammern vom Boden aufhob und zum Brot auf die Echtholzvitrine dazustellte.<br \/>\nSie wollte sich von ihrem Missgeschick vorher zwar nichts anmerken lassen, hatte es aber mit dem fehlenden Jammern nach den Langkornreisaufheben schon getan.<br \/>\nSie meinte:<br \/>\n\u201eJa! Da schaun \u2019S, ha? Ham \u2019S schon g\u2019laubt, jetz is vorbei mit uns beidn und Sie stehn da gleich allein da nebn ana totn Frau als Hauptv\u00e4d\u00e4chtiga. Des w\u00e4r doch was g\u2019wesn f\u00fcrn Sonntag am Nachmittag, oda? Schon, g\u00f6? Da w\u00e4r wieda amal was los g\u2019wesn, das ganze G\u2019sch\u00e4ft volla Leute, wie fr\u00fcha. Da hab i ja no was zum tun g\u2019habt andauernd, aba jetz? I glaub ja, es is das ganze Sitzn, warum alles hin wird innen drin bei mia. Und findn \u2019S amal an g\u2019scheitn Sessl irgendwo! Bei den ganzn modernen, die ham ja alle irgndwelche Orthop\u00e4dn mitentwicklt, alle san \u2019s orthop\u00e4disch, na was glaubn \u2019S? Wern si de da alle selbst a Haxl stelln? Ich sag \u2019s Ihnan, vorige Wochn war i bei da Seniorengymnastik, wie die da alle am Bodn umadumstrampln dortn, die lachn uns aus alle, da bin i ma sicha. Die lachn sich zum Kr\u00fcppl bei denen ihren dauerndn Orthop\u00e4dnkongressn da in da UNO-City, Tr\u00e4nen in die Augn ham \u2019s a Wochn lang! Aba, die Nudln! Die Nudln warn dann aba das letzte dann, oda?\u201c<br \/>\nJa.<br \/>\nDie Nudeln, die waren das Letzte.<\/p>\n<p>Das Letzte, und Herbert Kritzendorfer wusste, er brauchte noch gar nicht anfangen damit, das Geldb\u00f6rsl hinten raus aus der Ges\u00e4\u00dftasche seiner zu engen Hose zu zw\u00e4ngen, die Frau Malazka hatte die Nudeln ja am besten f\u00fcr sich schlecht erreichbar im Regal liegen, weder unten, noch oben, dazwischen. Dazwischen, auf sinnvoller H\u00f6he, dort, wo sie nur ungeschaut mit der Hand h\u00e4tte hingreifen m\u00fcssen, ohne irgendwelche Schwierigkeiten, w\u00e4ren da nicht die vielen uralten Marmeladegl\u00e4ser gewesen, die um die Nudeln herum, bis rauf zum n\u00e4chsten Regalboden vierst\u00f6ckig aufgeschlichtet, ihr selbstgemachtes Gef\u00e4ngnis aufzogen. Dort, dahinter, hinter dieser viereckigen, l\u00e4ngst abgelaufenen Mauer aus Marmeladegl\u00e4sern mit ihren h\u00fcbsch polierten Ziegeln voll geronnenem Dunkelorange und Dunkelbraun und Schwarz, dort lagen sie, die Spaghetti, die Herbert Kritzendorfer bestellt hatte, dort drinnen eingeschlossen, mit den Fleckerln und den Spiralen, alle drei Sorten wie durchgemischt. Herbert Kritzendorfer wusste das, er hatte was jetzt dann folgen w\u00fcrde ja schon \u00f6fter mitangesehen, er wusste, dass die Frau Malazka das am Liebsten hatte, wie sie Marmeladeglas f\u00fcr Marmeladeglas vorsichtig w\u00fcrde abr\u00e4umen m\u00fcssen, eins nach dem anderen, bis sie irgendwie endlich mit der Hand zu den Nudeln dazukam, durch durch das vier bis sechs Marmeladenglas gro\u00dfe Loch oben vorn im Nudelgef\u00e4ngnis und die Frau Malazka dann die richtigen Nudeln mit den Fingerspitzen an der Form ertasten musste, weil vorher hineinschauen tat sie nie.<\/p>\n<p>\u201eTypisch is des! Da stehn \u2019s herum seit ewige Zeitn, alle mit Liebe g\u2019macht, alle mitananda! Aba keina braucht \u2019s! Ich sag\u2019s Ihnan, z\u2019Flei\u00df is des, das meine ganzn Marmeladn ma da bis ins Grab da im Weg umadumstehn. Als h\u00e4tt i \u2019s extra nua daf\u00fcr einkocht und dann abg\u2019f\u00fcllt und dann in Deckl draufgschraubt und noch a Maschal drumherum bundn. I mein, wer machtn scho sowas? Aba ja, Sie wissn eh, ma muss ja net alles vastehn auf dera Welt, oda? G\u00f6? Scho. I mein, kost ja nix. Die f\u00fcnfhundat Schilling, gehn \u2019S bitte, dasselbe Preis seit imma, seit i meine Marmeladn da aufstelln hab m\u00fcssn um die Nudln herum, weil sonst ja ka Platz is nirgenst. Und f\u00fcnfhundert Schilling, also ernsthaft jetz, das is ja ka Preis f\u00fcr was Hausg\u2019machtes. \u00dcbaall schrein \u2019s da do danach heutzutage im Fernsehkastl drin, aba da, da schaun \u2019S: I bring \u2019s und bring \u2019s net an, meine Marmeladn. Als w\u00e4rn \u2019s aus irgendam deppatn Grund unsinnign unvak\u00e4uflich!\u201c<br \/>\n\u201eUnvak\u00e4uflich.\u201c<br \/>\nDie Frau Malazka wiederholte ihr letztes Wort konzentriert wie beim Fliegerbombenentsch\u00e4rfen, mit der Zunge im Mundwinkel, mit ihren Unterlippe \u00fcber der oberen, und da hatte sie das Packerl Spaghetti auch schon routiniert von den Fleckerln und den Spiralen vom Gef\u00fchl her an seiner L\u00e4nge unterschieden, aber dann: Dann wollte die Frau Malazka das halbe Kilo Spaghetti, von dem Herbert Kritzendorfer wieder jedes Mal viel zu viel machen w\u00fcrde aus Angst es k\u00f6nnte zu wenig werden, die Frau Malazka, sie wollte es gerade behutsam herausheben aus dem gerade gro\u00dfgenugen Loch in der Marmeladeglasmauer drumherum, in der ihre Hand fast bis zum Ellbogen drinsteckte, und im d\u00fcmmsten, im letzten Moment stie\u00df sie an. Ganz leicht nur, mit dem Knorpel au\u00dfen am Handgelenk, der fast schon drau\u00dfen war, es war mehr ein Streicheln, ein weiches Anstreifen, kaum dass sich das ber\u00fchrte Marmeladeglas auch nur bewegt h\u00e4tte, w\u00e4re die Frau Malazka nicht davon schon so \u00fcberrascht gewesen, wie es in ihrem Gesicht geschrieben stand.<\/p>\n<p>Herbert Kritzendorfer h\u00e4tte sich nie gedacht, dass er das einmal miterleben d\u00fcrfte.<br \/>\nWie die Frau Malazka beim Nudelholen die Marmeladen alle runterschmei\u00dft.<br \/>\nAber da: Ein erschrockenes Ganzk\u00f6rperzucken, ein Augenaufrei\u00dfen, und schon ging alles ganz schnell, und ganz abw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Eins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf, sechs, sieben, immer schneller, die Frau Malazka, sie stand da, ohne Dagegenhalten, ohne Dasschlimmsteverhindern, mit den Augen zu, wie als reichte ihr das Ger\u00e4usch, mit dem um ihre F\u00fc\u00dfe herum die Marillen und die Brombeeren und der Rhabarber von vor Jahrzehnten nacheinander aufschlugen, wie sie ihre Verglasung klatschend davonsprengten, wie sie viel fester waren als fl\u00fcssig. Fester, zwischen und in und auf den Scherben, da lagen sie, die Marmeladen, wie dicke, br\u00f6cklige Gummiw\u00fcrstl mit abgehackten Enden, wie jetzt offiziell zum Verzehr ungeeignet, wie Magenauspumpen schon vom Hinschauen, und es roch wie nach gar nichts. Es roch nach nichts, wie als w\u00e4re da kein Geruch mehr da, als w\u00e4re da nur noch das Ehklar in der Luft, dass das irgendwann passieren hatte m\u00fcssen, und die Frau Malazka watete mit verkanteten Augenbrauen durch durch das ganze Malheur und legte die Spaghetti oben auf die Echtholzvitrine zum Brot und zum Langkornreis und sie fragte:<br \/>\n\u201eUnd? Ham \u2019S das g\u2019sehn jetz? A Sauarei is des sondagleichn, oda? Da passt amal kurz net auf, und scho is alles weg, als w\u00e4r net amal aufs Hirn a Verlass mehr. Typisch! Typisch is des, sag ich ihnan, is ja auf nix mehr a Verlass heutzutage. Aba ja, von mia aus, dann halt net, denk ich ma langsam, mach i ma halt a paar neue Marmeladn, is ja ka Hexerei und Zwetschkn san eh in Saison grad, schlepp i mi halt wieder ab damit, ka Problem. Ich mein, sonst liegn die Nudln am End da nur so nackert da herum, das schaut ja dann a nix gleich, oda? Ebn. Und wissn \u2019S, gestern, wissn \u2019S, was ich ma da hab anh\u00f6rn m\u00fcssn beim Damenkr\u00e4nzchen von da Frau Hofbauer wegn da Optik vor vierzehn Tag? I sollt ma do die Haare f\u00e4rbn, rot oda lila oda sonst was, wegn dem jugendlichn Fl\u00e4r. Gut f\u00fcr\u2019s G\u2019sch\u00e4ft w\u00e4r das, weil grau is ja net mehr mit der Zeit gehen, hat \u2019s g\u2019sagt, und i hab ma \u00fcbalegt, ob i \u2019s net gleich gach umbring dortn. Warum net, hab i ma da dacht, warum net. Und ma, wie ma da Bauch wehtan hat vor lauter Lachn nur vom Vorstelln her wie i de Guakn dort in da Klosch\u00fcssl datrenk, da ham \u2019s wieda alle deppat g\u2019schaut, die ganzn altn Weiba. Aba ja: Daf\u00fcr brauch i halt ka Simpl mehr, erspar i ma in Eintritt, is ja a wos. So. Gut. H\u00e4tt ma das auch besprochn. Drei\u00dfig Schilling und vierzig Groschen w\u00e4rn das dann.\u201c<br \/>\nJa, so funktionierte das bei der Frau Malazka.<br \/>\nDeshalb kamen die Leute.<br \/>\nOder sie kamen nicht.<\/p>\n<p>Und als Herbert Kritzendorfer sein Geldb\u00f6rsl aufmachte und den genauen Betrag in M\u00fcnzen zusammensuchte, war er gekommen, der erste und einzige Moment, die Frage zu stellen, f\u00fcr die zu stellen er gerade genug Geld mithatte.<br \/>\n\u201eFlasche? Was meinen \u2019S f\u00fcr a Flasche? Nochamal? Aso! Aso die, die da drau\u00dfn in da Auslage. Na, seavas, gehn \u2019S bitte, fragn \u2019S mi bitte was Leichtares. Die steht scho so lang dortn, ka Ahnung mea, was da drin is und wo de herkommen is. Vielleicht vom meim Mann no, irgendein Schnaps so wie i den kenn. Aba ja, kommen \u2019S ma da jetz ja net auf bl\u00f6de Gedankn, g\u00f6n \u2019S. Wegn Ihnan mach i da jetz keine Experimente mea mit da Auslage, also das k\u00f6nnen \u2019S gleich amal vagessn. Was liegt, des pickt bei mia, und da fahrt die Eisnbahn dr\u00fcba. Also wirkli, Herr Kritzendorfer, Sie kennen mi do schon so lang, ham \u2019S wirklich nix g\u2019lernt von mir? Glauben \u2019S wirklich i mach ma da das Lebn unn\u00f6tig schwer, oda was? Also, bitte.\u201c<br \/>\nDie Frau Malazka grinste.<br \/>\nHerbert Kritzendorfer auch.<br \/>\n\u201eUnd? Hamma dann alles? Alles? Passt! Na, dann w\u00fcnsch i Ihnan an sch\u00f6nen Tag heut no. Morgn soll\u2019s eh wieda schirch werdn, ham \u2019s gestan ang\u2019sagt. Aba wissn \u2019S eh: Was die imma alles ansagn im Wettabericht! A Wahnsinn is des, was die da dauernd zamspinnen.\u201c<br \/>\nDas silberne Glockenspiel klingelte.<br \/>\n\u201eAuf Wiedaschaun, da Herr! Und passn \u2019S ma auf, h\u00f6rn \u2019S, auf die Stufn!\u201c<br \/>\nKurze Zeit passierte dann nichts.<br \/>\nNur die Frau Malazka, die ihre H\u00e4nde mit den Handfl\u00e4chen aneinander rieb.<br \/>\n\u201eGenau!<br \/>\nHaaref\u00e4rbn?<br \/>\nVon wegn!<br \/>\nPffft!<br \/>\nGenau!\u201c, und die Frau Malazka zog dann den alten Teddyb\u00e4r von unter der Echtholzvitrine heraus, und setzte ihn oben hin.<br \/>\n\u201eStell da vor\u201c, sagte sie, \u201eNa stell da nua amal voa.\u201c<br \/>\nSie sagte, \u201eStell da nua amal voa, was die sicha alles f\u00fcr Fragn habn, wenn n\u00e4chste Wochn du da pl\u00f6tzlich drau\u00dfn in da Auslage sitzt, hm?\u201c, und sie streichelte dem Teddyb\u00e4r \u00fcber den Kopf mit der einen Hand, und hob die Faust mit der andren.<\/p>\n<p align=\"right\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 13034<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal, um die Ecke, in Frau Malazkas Auslage, hinter der Glasscheibe, hinter dem gro\u00dfen \u201efrisches Obst und Gem\u00fcse\u201c-Pickerl von damals, als das frische Obst und Gem\u00fcse noch in Steigen am Gehsteig zum Verkauf gestanden war. 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