{"id":2818,"date":"2015-06-14T16:34:20","date_gmt":"2015-06-14T16:34:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2818"},"modified":"2015-07-10T07:49:08","modified_gmt":"2015-07-10T07:49:08","slug":"das-totenmahl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2818","title":{"rendered":"Das Totenmahl"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2818&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2818&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Liebe Constance!<\/p>\n<p>Da ich dich telefonisch nicht erreiche, schreibe ich dir ganz einfach. Ich muss zugeben, ein v\u00f6llig neues Gef\u00fchl. Ich brauche nicht zu versuchen, mir deine Stimme vorzustellen, denn ich h\u00f6re sie andauernd in mir, sie ist mir in all den Jahren zu vertraut geworden, dies solltest du wissen. Nach anf\u00e4nglichem Entsetzen \u00fcber deine schriftliche Nachricht, du w\u00fcrdest nun in Paris bleiben, es sind nun einige Tage vergangen, habe ich mich so weit gefasst, dass ich in der Lage bin, dir meine Situation zu schildern, in die du mich durch deine, eine f\u00fcr mich v\u00f6llig neue Seite an dir, ungez\u00fcgelte Triebhaftigkeit gebracht hast, oder Liebe, wie du es nennst, und m\u00f6chte dir mitteilen, dass ich beabsichtige, mich von dir zu trennen, weil ich die augenblickliche Situation nicht l\u00e4nger ertragen kann.<br \/>\nWenn ich mir vorstelle, dass dich dieser breitschultrige Affe Tag und Nacht ber\u00fchrt, wohl mehr noch, empfinde ich Ekel und Wut gleichzeitig und bezweifle zutiefst, dich je wieder unvorein-genommen in die Arme schlie\u00dfen und dich lieben zu k\u00f6nnen, wie ich es bisher getan habe. Vielleicht war ich all die Jahre auch nur ein Spielzeug f\u00fcr dich, welches du jetzt, dessen \u00fcberdr\u00fcssig geworden, ganz einfach weggeworfen hast.<\/p>\n<p>Ich kann den Sinn unserer Beziehung nicht mehr erkennen und denke, dass dies der beste Weg f\u00fcr uns beide sein wird. Wenn du zur\u00fcckkommst, werde ich nicht mehr in unserer Wohnung sein. Meine B\u00fccher, die Regale und den Fernseher nehme ich mit, schlie\u00dflich sind sie mein Eigentum und so gut wie alles, was ich vorl\u00e4ufig brauche. Bez\u00fcglich der Wohnung, des Autos und all der anderen Sachen k\u00f6nnen wir uns \u00fcber Klaus verst\u00e4ndigen, den ich als Anwalt kontaktieren werde. Ich hoffe, es st\u00f6rt dich nicht, dass ich ihn damit beauftrage. Wenn mich mein siebter Sinn nicht im Stich l\u00e4sst, warst du ja einmal sehr eng mit ihm befreundet. Ich ersuche dich lediglich, unsere finanziellen Angelegenheiten mit deiner Bank so zu regeln, dass du die H\u00e4lfte unseres gemeinsamen Kredites nunmehr wieder auf dich umschreiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich habe dir sonst nichts mehr zu sagen, als dass ich von ungeheurem Schmerz \u00fcber das j\u00e4he Ende unserer Gemeinsamkeiten wie gel\u00e4hmt bin, unf\u00e4hig, jetzt noch l\u00e4nger dar\u00fcber nachzudenken. Neunzehn Jahre sind schlie\u00dflich nicht irgendwas. Ich w\u00fcnsche dir nicht zuletzt, dass du das, was wir in diesen Jahren gemeinsam erlebt und genossen haben, nicht gegen minder Qualitatives eintauschen musst und dich die Wahl, die du nun getroffen hast, nicht eines Tages reut. <i>In Liebe<\/i> \u2026 Arno hatte diese Worte mit dem Tintenkiller wieder ausgel\u00f6scht und durch \u201eIn Freundschaft, Arno\u201c ersetzt. Er wollte eigentlich \u201edein Arno\u201c schreiben, aber pl\u00f6tzlich war ihm bewusst, dass er nicht mehr \u201eihr Arno\u201c war.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig, dachte er, es st\u00f6rte ihn jetzt gar nicht so sehr, dass sie ihn so pl\u00f6tzlich verlassen hatte. Eine L\u00fcge? Zum Selbstschutz? Immerhin, sie war ja bereits zweimal wieder zur\u00fcckgekommen, seit sie mit diesem\u2026 L\u00e4cherliches Theater! Eine Aff\u00e4re eben. K\u00e4me in den besten Familien vor, versuchte er sich einzureden. Aber diesmal? Er konnte sich nicht erkl\u00e4ren, was sie diesmal f\u00fcr eine Show abzuziehen gedachte. Dabei hatte er sie stets f\u00fcr eine kluge Frau gehalten, f\u00fcr eine gebildete, beinahe zu berechnende Frau. Zu berechnend! Eine mit Anstand und Moral. Nein? Und wenn schon. Einen Arno Schmidt verl\u00e4sst man eben nicht, durchfuhr es ihn, obwohl er dem Wahrheitsgehalt solcher und \u00e4hnlicher Aussagen selbst kaum gro\u00dfe Bedeutung beima\u00df.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich fiel ihm seine eigene kurze Liaison mit Clara ein, die mit dem Nitrogeschmack auf den Lippen und dem gelenkigen K\u00f6rper. Armins Schwester. Und \u00fcberhaupt, er hatte eine Menge zu tun gehabt, mit Schwestern von Freunden und so, \u00fcberlegte er. Mochte wohl alles eine Frage der Gelegenheit sein. Und erst Lissi Radner! Aber nein, da war nichts. Wie denn auch? Wegen mangelnder Erotik. Du liebe Zeit! Wie schnell doch dieses Leben ablief. Die ist auch \u00e4lter geworden, \u00fcberlegte er, und dachte voll Grauen an die peinliche Szene in einem Lokal im Zuge des Totenmahls im September, wo sie ihn, so ganz ohne Vorwarnung und ohne jeglichen f\u00fcr ihn ersichtlichen Grund \u00f6ffentlich blo\u00dfgestellt hatte. Bl\u00f6de Kuh!<br \/>\nEr w\u00e4re ganz einfach anders geworden, \u00fcberlegte er, w\u00e4hrend dieser Zeit, irgendwie anders. Jetzt w\u00e4re er nicht mehr so wie damals vor Abh\u00e4ngigkeit und Sehnsucht nach Constance gestorben, vor lauter Dem\u00fctigung durch ihr Verh\u00e4ltnis mit diesem Franzosen abgestumpft, apathisch, irgendwie am Ende. Anfangs vielleicht, ja. Da hatte er noch gek\u00e4mpft um sie. Aber jetzt? Sinnlos. Es w\u00e4re ihm gleichg\u00fcltig, wie die Sache sich entwickeln mochte, beschloss er f\u00fcr sich. Und er dachte an ihre zahlreichen Briefe, die er bis jetzt von ihr bekommen hatte, und die Worte darin, die ihm wie Eisen im Fleisch steckten.<\/p>\n<p>Die Briefe! Wo hab ich die Briefe nur hinger\u00e4umt, \u00fcberlegte Arno fieberhaft. Ich wei\u00df, dass du vor Sehnsucht vergehst, begannen die ersten Worte in einem davon, und \u2026 so wie ich hier vor Schmerz zerrissen bin, in Paris, zerrissen zwischen dir und ihm \u2026 ach, er war ja doch betroffen. Arno f\u00fchlte sich betroffen, ja, gleichzeitig aber auch getroffen, sich selbst einen Spiegel vorhalten zu m\u00fcssen, in dem er zu erkennen glaubte, seine eigene Ehrlichkeit in Frage stellen zu m\u00fcssen. War nicht ein solcher Mensch, der seine Fehler und Schw\u00e4chen offen und ehrlich zugab, der bessere Mensch? War Constance in ihren Verfehlungen und ihrem Schmerz dar\u00fcber nicht ehrlicher als er selbst in seinen Vorw\u00fcrfen ihr gegen\u00fcber? Da waren noch seine kleinen Spielchen mit Clara, mit Marion, mit Lea und wei\u00df Gott noch mit wem?<br \/>\nIn diesem Augenblick hasste er sich! Er hasste sich f\u00fcr seine Kleinb\u00fcrgerlichkeit, f\u00fcr seine \u00c4ngstlichkeit, f\u00fcr seinen Irrglauben, dieses Leben hier w\u00fcrde ewig dauern und w\u00fcrde sich ohne sein Zutun, etwas an seiner eigenen Situation \u00e4ndern zu wollen, zum Besseren wenden. L\u00e4cherlich das alles!, raunte er vor sich hin.<br \/>\nEr w\u00fcrde sich dem Gespr\u00e4ch mit Constance stellen m\u00fcssen, ob er nun wollte oder nicht. Jetzt, wenn sie blo\u00df da w\u00e4re, dachte er. Gleich! Sofort! Er war ja doch immer blo\u00df auf der Flucht gewesen. Oder besser mit Lea mit dem letzten Geld in den S\u00fcden fahren? Und danach? Vielleicht k\u00e4me Constance inzwischen zur\u00fcck? Schwachsinn!<\/p>\n<p>Bald kam das neue Jahr. Und die Aussichten waren nicht gerade rosig. Schlie\u00dflich war Rezession angesagt. Kurzarbeit lag in der Luft<i>, gar keine<\/i> bei ihm. Noch. Vielleicht w\u00fcrde es etwas mit dem Roman. Diesen Roman m\u00fcsste er schreiben, sagte er zu sich ja immer. Die Idee lie\u00df ihn nicht los. Was sei er doch f\u00fcr ein heilloser Tr\u00e4umer!, haderte er mit sich.<br \/>\nIch muss es ihr sagen, dass ich f\u00fcr ihren pers\u00f6nlichen Jammer keine Zeit mehr habe. Ich verreise ganz einfach. I can\u2019t feel her on my skin \u2026 dabei l\u00e4chelte er, als er sich dabei ertappte, diese Melodie leise vor sich hin zu pfeifen, ganz von selber, unbewusst.<br \/>\nGr\u00f6\u00dfe haben, w\u00e4re gefragt. Gr\u00f6\u00dfe. Die Gr\u00f6\u00dfe, hinzugehen und ihr zu sagen, sch\u00f6n, dass du wieder da bist, wenn sie hier w\u00e4re. Wenn sie blo\u00df hier w\u00e4re! Ist was passiert? Du musst wissen, ich verreise, mit \u2026 Vielleicht w\u00fcrde sie ihm schon gleich zu Beginn ins Wort fallen? Dann w\u00fcrde sie erz\u00e4hlen, wieso sie \u00fcberhaupt wieder zur\u00fcckgekommen w\u00e4re und so weiter. Seine Gehirnm\u00fchle mahlte und mahlte.<\/p>\n<p>Und im \u00dcbrigen, was war falsch daran gewesen, neulich mit Marion ins Bett zu gehen? Schlie\u00dflich lebten sie zu der Zeit sozusagen getrennt voneinander. H\u00e4tte er auf Constance warten sollen, bis sie wiederkam? Vielleicht, bis zum j\u00fcngsten Tag? Ach Quatsch!<\/p>\n<p>Arno dachte an sein bereits begonnenes Manuskript, diesen k\u00fcmmerlichen Versuch, sprachliche Divergenzen seiner subjektiven Wahrnehmung umzusetzen, jener tiefen Betroffenheit, den Vorg\u00e4ngen zwischen ihm und seiner unmittelbaren Beziehung zur Au\u00dfenwelt ein sprachliches Gesicht zu geben, wie er das nannte. Ein schlechter Liebesroman w\u00fcrde es werden, sonst nichts. Leicht durchschaubare Mischszenen zwischen ihm und seinem eigenen Versagen, Constance das zu bieten, was sie offenbar woanders suchte.<br \/>\nZielloser Aktionismus vertrackter, diametral auseinanderlaufender Lebensl\u00e4ufe im Visier eines psychotisch-neurotischen Blindg\u00e4ngers, der drauf und dran war, mit seinen ungewollten Liebesabenteuern das Chaos zu perfektionieren, wo er doch nur eines im Sinn hatte, mit Constance ein normales Leben zu f\u00fchren. Er w\u00fcrde hineingehen zu ihr, wenn sie jetzt da w\u00e4re, sicher. Sie w\u00fcrden \u00fcber alles reden und danach w\u00fcrde man dann die gro\u00dfen Dinge angehen. Sie die ihren, er die seinen.<br \/>\nUnd er selbst nahm sich vor, dabei ganz locker dar\u00fcberzustehen, ohne sich gleich zu fragen, was anders geworden w\u00e4re, wenn \u2026 Wir sind doch nicht so wie die andern, die sich blo\u00df verlieben und dann weiterwandern, verhallte Udo Lindenberg in ihm.<\/p>\n<p>Aber dann \u2026. ach ja, dieses Totenmahl, durchzuckte ihn die Erinnerung zum wiederholten Mal. War doch l\u00e4ngst Vergangenheit. Arno starrte L\u00f6cher in die Luft. Wie war das gleich noch damals? Das Rad war heute nicht zu stoppen! Er war gerade noch rechtzeitig eingetroffen, in dem kleinen Lokal am Hauptplatz, um wenigstens das \u201eTotenmahl\u201c nicht zu vers\u00e4umen. Der Verstorbene war l\u00e4ngst erfolgreich in die Gruft versenkt worden, worin Stiefvater und tats\u00e4chliche Mutter schon seit geraumer Zeit ruhten, alles in allem h\u00f6chst unkonventionell, mit Getute und Geblase von New-Orleans-Blues untermalt, wie ihm zu Ohren gekommen war. Arno betrat soeben das kleine Kaffeehaus, in dem die Trauerg\u00e4ste den Abschied ihres lieben Freunds begossen, wobei er, als Zusp\u00e4tkommender, Anekdoten zu lauschen gedachte, die sich um den Verblichenen rankten, aber auch, um alte Freunde wiederzutreffen, auch Freundinnen, von denen er \u00fcberzeugt war, dass sie es auch noch immer waren.<br \/>\nGleich am ersten Tisch begr\u00fc\u00dfte ihn die Organisatorin dieses Himmelfahrtsevents mit einem sanften Kuss, den Arno nur zu gerne erwiderte. Caro Ass, Arnos ziemlich bester Freund und Beichtvater, wenn man so wollte, winkte aus der hintersten Ecke, der Leibesf\u00fclle halber kaum zu \u00fcbersehen. Arno begann, all die zahlreichen Gesichter abzuklappern, blickte in bekannte und unbekannte Augenpaare, mit dem Gef\u00fchl, absolut nichts zu vers\u00e4umen, wenn er deren Besitzer auch nicht alle gleich begr\u00fc\u00dfte, um sich diesen eventuell auch zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt widmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer aber war der frisch Verblichene? Nun, der Tote war ein Mann der ersten Stunde der aufbrechenden 68er, Theresianums-Z\u00f6gling, danach erst DJ, dann Fahrlehrer, schlie\u00dflich K\u00fcnstler und Lebensk\u00fcnstler mit wenig Geschick in beiden Disziplinen. Immerhin passiver Aktivist des aktiven Widerstandes gegen das Establishment, gegen den Konservativismus, gegen die Heuchelei, gegen die Pr\u00e4potenz und die Dummheit, gegen jede Art von Verherrlichung des Krieges oder dessen Herbeireden, einer, der im Kampf in der Errichtung seiner freidenkerischen Windm\u00fchlen gefallen war, von deren sich im Winde drehenden Fl\u00fcgeln er sich K\u00fchlung seines Lebens- wie auch Liebeskummers erhofft hatte.<br \/>\nRein optisch gesehen scheinbarer Klon zwischen Peter Fonda und Chris Kristofferson, schlohwei\u00dfe M\u00e4hne mit dazupassendem Vollbart, Ray-Ban-Brille in Gold mit gro\u00dfen Gl\u00e4sern. Dass der Abgang dieses lieben Freundes schmerzte, der bisweilen auch unbequem sein konnte, wenn man die Finger in seine Wunden legte oder nicht damit hinterm Berg hielt, seiner immer wieder aufgew\u00e4rmten Geschichten m\u00fcde zu sein, war allen bewusst, wie auch die Tatsache, dass sein konsequentes Sitzenbleiben, zum \u00dcberdruss f\u00fcr alle Beteiligten, oftmals die Nacht zum Tag gemacht hatte.<br \/>\nDoch nur wenige wussten um seine wahre Leidenschaft, die Malerei. Eingeweihte hingegen sch\u00e4tzten ihn als wenngleich ruhmlosen, doch \u00e4u\u00dferst geheimen Rat der Pinselkunst. (In diesem Land musste man erst tot sein, um Lorbeeren in so einer Disziplin zu erlangen, oder man hatte Beziehungen.) Immerhin, er hatte einige Semester an der Akademie absolviert, doch dann hatte ihn das Schicksal mit List in die Welt des Profanen katapultiert und es sich zur Aufgabe gemacht, ihn stets mit Gewalt von dem fernzuhalten, wovon er glaubte, dass es seine Bestimmung sei.<br \/>\nVielleicht war er ganz einfach zu bescheiden im Umgang mit seiner Begabung und hatte es nicht verstanden, sich zu verkaufen?<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu ihm pflegte in seinem Heimatort manch Hobbyk\u00fcnstler gro\u00dfmanns\u00fcchtig sich die Lorbeeren selbst aufs Haupt zu dr\u00fccken und mit sinnigen Spr\u00fcchen wie, \u201eHier wohnt die Kunst\u201c \u00fcber dem Hauseingang zu protzen, was in Vor\u00fcbergehenden wiederum die Ahnung n\u00e4hren mochte, dass in diesem Hause wohl eher der Kitsch als die Kunst zu Hause w\u00e4re, oder besser gesagt, nur ihr Ph\u00e4nomen, in Form der Verkennung \u00e4sthetischer Sinnzusammenh\u00e4nge, als verwesendes Ornament sozusagen, als unverf\u00e4lschter Ausdruck des Verfalls aller Kultur zur Massenkultur in der Moderne.<br \/>\nDenn heute, da das Bewusstsein der Herrschenden mit der Gesamttendenz der Gesellschaft zusammenzufallen beginne, zergehe die Spannung von Kultur und Kitsch, sagt Adorno zu Recht. Kunst sei nicht zuletzt das Sch\u00f6ne wie auch die Wahrheit. Alles andere sei Schein. Es sei schon ein St\u00fcck Wahrheit, die der K\u00fcnstler einf\u00e4ngt, auch wenn es lediglich der Abglanz derselben und mit unterschiedlicher Akzentsetzung ein Spiel <span style=\"color: #333333;\">mit den letzten Dingen <\/span>ist und er damit doch gewisserma\u00dfen ein Endspiel erreicht, das nicht blo\u00df erbauen und gef\u00e4llig sein will. Eine Wirklichkeit also, die in sch\u00f6ner Weise verschleiert, Wirklichkeit aber erst dadurch sichtbar macht, hat einen gewissen Anteil am Sch\u00f6nen als auch am H\u00e4sslichen.<br \/>\nForm und Inhalt unterscheiden sie und lassen alles an ihr sehen und erahnen, an dieser Kunst. Nichts jedoch ist wirklicher als das Unwirkliche in der Kunst. Kunst ist also konkret ein sch\u00f6pferischer Prozess mit Anspruch auf das Unaussprechliche, Unendliche, Unfassbare und Unbegreifbare. Und davon abgesehen, wer k\u00f6nne \u00fcberhaupt f\u00fcr mehr als eine bestimmte Gruppe bestimmen, was Kunst denn \u00fcberhaupt sei?<\/p>\n<p>Wie auch immer. B\u00f6se Zungen behaupteten, das dahingeschiedene verkannte Genie h\u00e4tte sich zu Tode gesoffen. Mitnichten. Enteignet, ausgen\u00fctzt und hintergangen, l\u00e4ngst unter Beobachtung der Beh\u00f6rden, noch dazu vor den Augen einer Supermarktkassiererin gest\u00fcrzt, hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch eine daraus resultierende Embolie m\u00fchsam mit nach Hause geschleppt, vor der sein Geist und K\u00f6rper schlie\u00dflich endg\u00fcltig kapitulierten.<\/p>\n<p>Dass aber das Ableben dieses guten Freundes nicht blo\u00df in Arnos geistiger Registratur im Kanon der Erinnerungen ausgerechnet beinahe zeitgleich mit dem spektakul\u00e4r t\u00f6dlichen Blechsalat eines unverwechselbaren, seit Jahrzehnten die \u00d6ffentlichkeit an der Nase herumf\u00fchrenden Politgurus und Spitzbuben zusammenfallen w\u00fcrde, einem jener Gutmenschen, die alles besser wussten, durchtrieben, verlogen und betr\u00fcgerisch und der jetzt wom\u00f6glich am Himmelstor flehend \u201eIch bidde um Einlass, hicks! Wo gibt\u2019s hier f\u00fcr kleine Jungs?\u201c, lallen mochte, stie\u00df ihm h\u00f6chst sauer auf.<br \/>\nArno sah sich erst einmal um und wandte sich schlie\u00dflich den anwesenden G\u00e4sten zu.<\/p>\n<p>&#8211; Wo bist du denn gewesen, fragte ihn Lissi Radner, und versetzte dabei ihre blau geschatteten Basedow-Augen in gef\u00e4hrliche Rotationen. Arno, von dem j\u00e4hen Angriff \u00fcberrumpelt, murmelte irgendeine Ausrede, mit der sie sich zufriedengeben sollte. Die gute Lissi. Und er stellte sich vor, sie und seine Gattin Constance, in einer Klosterschule bei den T\u00f6chtern des g\u00f6ttlichen Heiland! Eigentlich unvorstellbar! Arno musste lachen. Vor f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahren! Mein Gott, wie die Zeit verging! Und sie hinterlie\u00df deutliche Spuren, nicht nur in den Gesichtern, sondern auch in den Seelen und Organen.<br \/>\n&#8211; Hab nicht wegk\u00f6nnen, wiederholte Arno eher so f\u00fcr sich, Ersatz f\u00fcr eine deutliche h\u00f6rbare Antwort. Zu viele Gesichter gleichzeitig!<br \/>\nLissis Frage w\u00e4re ja ohnehin blo\u00df rhetorischer Natur gewesen, denn, ohne Arnos Antwort abzuwarten, fuhr sie zu ihren Tischnachbarn fort:<br \/>\n&#8211; Was ich mitmache, mit meinen Herzrhythmusst\u00f6rungen, das kann sich kein Mensch vorstellen, jammerte Lissi und z\u00fcndete sich die n\u00e4chste Zigarette an, um Platz f\u00fcr den n\u00e4chsten Hustenanfall zu schaffen. An ihrer kaum zu \u00fcbersehenden Art simulierter Entspanntheit las Arno den Stand ihres Alkoholpegels ab. Zumindest das f\u00fcnfte Glas, diagnostizierte er so f\u00fcr sich. Ein rein empirischer Erfahrungswert.<br \/>\n&#8211; Und ihr k\u00f6nnt euch nicht vorstellen, wie ber\u00fchrend dieses Begr\u00e4bnis war, fuhr Lissi fort. Es waren nur seine besten Freunde hier. Er hatte ja sonst niemanden mehr, nur uns. Und die\u2026<br \/>\nDie Organisatorin fiel ihr ins Wort. Schlie\u00dflich ging es um ihr Ding:<br \/>\n&#8211; Stimmt! Ich habe alles daran gesetzt, dass er das bekommt, was er sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, sagte sie. Und diese Band! Gott und die Welt habe ich angerufen, damit die am Grab spielen. Ein Sousaphon haben sie auch gehabt, wie in .. also, wie damals in New Orleans eben. Er war ja schlie\u00dflich selbst mit, vor einigen Jahren. Wir hatten eine CD f\u00fcr ihn aufgenommen, die wir \u00fcber einen Lautsprecher abgespielt haben. Irre, sag ich dir, einfach irre. Unser Pfarrer hat sofort den Blues gekriegt. So ein Begr\u00e4bnis haben die Leute hier noch nicht erlebt!<\/p>\n<p>Arno nickte ungl\u00e4ubig. Er w\u00e4hlte ein Bier und einen Schinken-K\u00e4se-Toast als Totenmahl, der allerdings nie bei ihm ankommen sollte.<br \/>\nLissi nippte stetig an ihrem Weinglas. Es war laut hier drinnen und verraucht, von garantiert an die drei\u00dfig, vierzig Leuten verursacht. Ein bunter Haufen. Der Richter, der auf teure Autos stand, der Versicherungsvertreter, der gerne Jurist geworden w\u00e4re, der Lebensmittelvertreter, der besser Gartenarchitekt h\u00e4tte werden sollen, der Diplomkaufmann, der nichts zu kaufen hatte, ein Fernfahrer ohne F\u00fchrerschein, weil man ihm den wegen Trunkenheit am Steuer abgenommen hatte, eine Verf\u00fchrerin, die Arno damals nicht wirklich hatte verf\u00fchren k\u00f6nnen, aber beabsichtigt hatte, dies eines Tages nachzuholen, eine p\u00e4dagogisch gebildete Kampftrinkerin, die nie aufgab, anzuecken, eine Kinderg\u00e4rtnerin mit Migr\u00e4ne, ein durch die Last der Jahre aus den Fugen geratenes M\u00f6chtegernmannequin und wei\u00df Gott wer noch alles hier anwesend war.<br \/>\nArno st\u00fctzte seinen Kopf in die Hand, Ellenbogen auf dem kleinen, runden Tisch vor ihm und h\u00f6rte aufmerksam zu. Lissi und die Organisatorin standen pl\u00f6tzlich auf, sich ruhelos von einem Tisch zum anderen begebend, um nichts zu vers\u00e4umen, was hier und dort gesprochen wurde. Schlie\u00dflich sah man sich nicht alle Tage. Arno ging an die Bar, wo der Richter und der Vertreter sa\u00dfen, um ein wenig Smalltalk zu treiben.<\/p>\n<p>&#8211; Alter Freund, begr\u00fc\u00dfte ihn der Richter, lass dich k\u00fcssen. Sie fielen sich in die Arme.<br \/>\n&#8211; Lange nicht gesehen, altes Haus, konterte Arno freudig. Der Richter, der sich die letzten Jahre so rar gemacht hatte in diesem illustren Kreis, sei es, um mit angeseheneren Leuten zu verkehren, sei es aus Bequemlichkeit, niemand wusste es so genau, bestellte eine Runde f\u00fcr alle. Sie plauderten \u00fcber dies und das, \u00fcber Aktienkurse, \u00fcber Innenpolitik, \u00fcber die Pension, die nach einer der ausgesprochen fiesesten und hinterh\u00e4ltigsten Politaktionen in diesem Lande f\u00fcr alle in weite Ferne ger\u00fcckt schien. Hinter ihnen Lissi und die Organisatorin. Beide schon ein wenig vom Alkohol gezeichnet, letztere das rabenschwarz gef\u00e4rbte Haar devastiert, dies in wilden Str\u00e4hnen ins Gesicht h\u00e4ngend, die Zunge noch bewegungsunt\u00fcchtiger als zuvor, jedoch durch nichts zum Stillstand zu bringen. Da pl\u00f6tzlich brach es heraus, das lange Angestaute, Zur\u00fcckgehaltene, wie ein Gewittersturm:<br \/>\n&#8211; Ach \u00fcbrigens, das wollte ich dir schon lange sagen, dich hab ich ja ohnehin nie leiden k\u00f6nnen!, schmetterte Lissi heraus in Richtung Organisatorin, die sich v\u00f6llig \u00fcberrascht ihr ruckartig zuwandte und in Abwehrhaltung verharrte.<br \/>\n&#8211; Das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, konterte diese und fuhr sich mit ihren Spinnenfingern durch die wirre M\u00e4hne, von vorn nach hinten, um die gl\u00fchenden Augen f\u00fcr den Zweikampf freizulegen.<\/p>\n<p>Arno und die anderen drehten sich nach ihnen um. Was? Wie? Was sollte das denn werden?<br \/>\n&#8211; Nur dass du Bescheid wei\u00dft, ich habe dich stets als arrogant, pr\u00e4potent und unnahbar empfunden, f\u00fcgte Lissi hinzu. Und \u00fcberhaupt, dass du diesen Mann bekommen hast, verg\u00f6nne ich dir schon \u00fcberhaupt nicht. Immerhin war er einer aus unserem Freundes- und Alterskreis. Auf den hatten wir Anspruch. Und dann bist du gekommen und hast \u2026 hast ganz einfach \u2026 aber so eine wie du, die kriegt ja immer alles, was? Betretenes Schweigen aller.<\/p>\n<p>&#8211; Damit du es nur wei\u00dft, ich habe dich von Anfang an unsympathisch gefunden. Du repr\u00e4sentierst f\u00fcr mich nichts als den Vorwurf und den Frust schlechthin!, schmetterte die Organisatorin dazwischen. Und dass ich den Mann gekriegt habe, den ich wollte, geht dich gar nichts an!, zischte sie giftig und holte rasselnd Atem, Zigarette in der einen, das Weinglas in der anderen.<\/p>\n<p>Arno begann zu ahnen, was hier ablaufen w\u00fcrde und ging friedensengelgleich langsam auf die beiden zu.<br \/>\n&#8211; Was ist denn in euch gefahren? Selbstfindungstrip heute, oder was?<br \/>\nGenau das h\u00e4tte er besser vermieden, denn kaum waren die Worte \u00fcber seine Lippen gekommen, nahm ihn Lissi auch schon in die Mangel.<br \/>\n&#8211; Du hast es ja n\u00f6tig, hier einen Auftritt zu inszenieren!, herrschte sie ihn an. Das Ex-Mannequin lachte h\u00f6hnisch. Mit dir bin ich ohnehin noch nicht fertig. K\u00f6nntest du \u00fcberhaupt versuchen, mit uns einmal normal zu reden? Ja? Schaffst du das? Du Halbintellektueller, du \u2026 erinnerst du dich an die Geburtstagsfeier damals? Den ganzen Abend hast du damit zugebracht, uns lauthals zu signalisieren, wer du nicht jetzt bist, du\u2026 du Doktor du! Du Doktor!, wiederholte sie in einem fort.<br \/>\nUnd sie verunglimpfte diesen akademischen Grad bewusst genussvoll mundartlich zu \u201eDoukta\u201c. Arno stand da wie angewurzelt. Meinte sie ihn? Meinte sie wirklich ihn? Er konnte sich an keine Geburtstagsfeier erinnern, wo sie anwesend gewesen w\u00e4re, und dass er wegen seiner erworbenen akademischen Ehren so ein Theater gemacht h\u00e4tte, auch nicht.<br \/>\nZugegeben, ein wenig stolz war er gewesen, schon, war ja schlie\u00dflich nicht irgendwas, ein Haufen Arbeit und Stress, aber \u2026 so wie Lissi das darstellte, konnte es nicht gewesen sein. Das war einfach nicht er. Arno zuckte mit den Schultern und sagte, es t\u00e4te ihm leid, wenn das ihr Eindruck gewesen sei.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt schien es in letzter Zeit schick zu sein, ihn zu schikanieren, dachte Arno. Arrogant w\u00e4re er, sagen die einen. War ihm nicht bewusst. Leichte Beute w\u00e4re er, der \u00c4lterwerdende, f\u00fcr B\u00fcrokraten, die an ihm herumzun\u00f6rgeln begannen, ihn hinausmobben wollten, aus Neid und Missgunst. Er war in letzter Zeit einige Male l\u00e4nger krank gewesen.<br \/>\nKunstst\u00fcck, man war ja auch nicht mehr der J\u00fcngste. In Teilkarenz wollte man ihn verbannen, ihn um seinen Vertrag prellen, ihn mit unlauteren Mitteln unter Druck setzen und Unterschriften und Zusagen von ihm erpressen. Aber da kannten sie ihn schlecht.<br \/>\nAuch wenn er schon etwas wackelig war, sein Kampfgeist war ungebremst und sein Widerstand gegen Ungerechtigkeiten ungebrochen. Ein \u201eRolling Stone\u201c, ein \u201eLet\u00b4s spend the night together\u201c, ein \u201eI can get no Satisfaction\u201c, ein \u201eThis ist the end\u201c w\u00e4re er immer noch! Nicht ein \u201eHundertj\u00e4hriger\u201c, wie die \u201eMigr\u00e4ne\u201c heimlich von ihm hinter seinem R\u00fccken behauptete, weil er immer so fr\u00fch nach Hause ging, m\u00fcde war, ersch\u00f6pft, des Lebens manchmal \u00fcberdr\u00fcssig.<\/p>\n<p>Insgeheim aber begann Arno irgendwie zum ersten Mal an der gesunden Wahrnehmung seiner Person in Relation durch sich selbst und im Vergleich durch Dritte zu zweifeln.<br \/>\n&#8211; Red ganz einfach normal mit uns!, bedr\u00e4ngte Lissi ihn weiter.<br \/>\n&#8211; Aber, was hab ich denn gesagt, um Himmels Willen?, fragte Arno beinahe hilflos.<br \/>\n&#8211; Du sollst nur normal mit uns reden, ganz einfach!, wiederholte sie stereotyp, sog heftig an ihrer Zigarette und goss sich Wei\u00dfwein gespritzt in die Kehle.<br \/>\n&#8211; Aber, aber, ich sag ja gar nichts!, beteuerte Arno, was hast du blo\u00df?<br \/>\n&#8211; Was ich hab? Du h\u00e4ttest dich h\u00f6ren sollen damals!, tobte sie f\u00f6rmlich aus lauter Lust an der augenblicklich g\u00fcnstigen Chance zur metaphysischen \u00dcberh\u00f6hung dieses offensichtlich lang herbeigesehnten willkommenen Konfliktes.<\/p>\n<p>Damals, damals! Das war Jahre her, \u00e4rgerte sich Arno. Ich bin doch kein \u00fcberheblicher Mensch, nicht jetzt, und damals auch nicht gewesen, Bl\u00f6dsinn, durchfuhr es Arno und er verstand die Welt nicht mehr. M\u00f6glicherweise war er noch zu tief in seinem Vokabularium gesteckt, Fachausdr\u00fccke, vielleicht ein paar zu viel, aber das w\u00e4re vorbei bitte! So normal wie er schien ihm keiner hier. Oder t\u00e4uschte er sich in sich selbst?<br \/>\n&#8211; Das stimmt, genau! Finde ich auch!, fiel nun auch die Organisatorin \u00fcber ihn her, von der er niemals gedacht h\u00e4tte, dass auch sie &#8230; jetzt verstand er gar nichts mehr. Und das K\u00fcsschen von vorhin? War das blo\u00df Routine? Macht man eben so, nicht? Aber hinterm R\u00fccken wird schon das Messer gewetzt.<br \/>\nJa, sind hier alle bescheuert!, kam es Arno \u00fcber die Lippen. Was war denn mit denen los? Von Lissi war man ja gewohnt, dass sie alles schlechtredete, was andere gemacht hatten. Alles kleinzureden, das war typisch f\u00fcr jene, wo sie herkam. Nichts gelten lassen, was andere erreicht hatten, ein Menschenschlag, von Neid und Missgunst gepr\u00e4gt, verh\u00e4ngnisvolles Relikt geistiger Ohnmacht ihrer Vorfahren. Aber die Organisatorin? Also, das war wirklich ein starkes St\u00fcck! Von Lissi h\u00e4tte er auch mehr erwartet. Aber da konnte man eben nichts dran \u00e4ndern! All die Jahre der pers\u00f6nlichen Entwicklung und des positiven Fremdeinflusses waren offensichtlich nicht in der Lage, den krankhaften Infantilismus in ihr zu verdr\u00e4ngen und diesen wenigstens durch rudiment\u00e4re Ans\u00e4tze einer bislang zu vermissenden Reife zu ersetzen.<\/p>\n<p>Anstatt ihr jedoch zu zeigen, wie sch\u00e4big er sich vorkam, in aller \u00d6ffentlichkeit gema\u00dfregelt worden zu sein, nahm er die besoffene Lissi strategisch berechnend in die Arme und sagte:<br \/>\n&#8211; Wei\u00dft du, du solltest nicht so streng mit mir sein!, und k\u00fcsste sie auf den Mund, was zur Folge hatte, dass sie ein wenig unsicher wurde und zumindest l\u00e4chelte, so irritiert war sie von der unerwarteten Reaktion Arnos, der sich sicherheitshalber wieder den staunenden Freunden an der Bar zuwandte, um an diesem Abend zu retten, was noch zu retten war, w\u00e4hrend er f\u00fchlte, wie seine sorgf\u00e4ltig f\u00fcr sich ausgearbeitete Scheinwelt immer mehr und mehr im Sog des Boulevards zu versinken drohte.<br \/>\nWarum hatte es ihn blo\u00df hierher gezogen? Um sich ein blaues Auge zu holen? Und er beschloss, dass es f\u00fcr ihn kein n\u00e4chstes Mal mit diesen Leuten geben w\u00fcrde. So bestimmt nicht mehr! Wie Caro Ass dies hier ertragen konnte, war ihm ein R\u00e4tsel. Und er musste an Constance denken und daran, dass sie mit dem franz\u00f6sischen Gorilla, ihrem Geliebten, und damit musste er auch noch fertigwerden, vielleicht eben beim Diner sa\u00df, oder schlimmer noch \u2026. woraufhin er f\u00fcrchterlich w\u00fctend wurde, sich jedoch bezwang und diese St\u00e4tte der Dem\u00fctigung eher verlie\u00df als er vorgehabt hatte, alleine.<br \/>\nOder doch nicht ganz? Denn kurz vor ihm hatten Lissi und das Mannequin offensichtlich bereits denselben Gedanken gehabt, oder war es f\u00fcr sie eine wohl\u00fcberlegte Notwendigkeit gewesen, rechtzeitig zu verschwinden? Denn Lissi torkelte und taumelte trotz Mannequins gereichtem Arm als Henkel derart bedenklich, dass sie f\u00fcr zwei Meter vorw\u00e4rts einen Meter links und rechts zus\u00e4tzlich Raum ben\u00f6tigte, um \u00fcberhaupt noch vorw\u00e4rts zu gelangen. Alle Achtung!<\/p>\n<p>Ach, diesen Roman m\u00fcsste er jetzt endlich zu Ende schreiben! Und auch \u00fcber all den Mist hier einen Roman schreiben!, dachte er. Schon beim Hinausgehen legte er sich im Geiste zurecht, wie er sich selbst als seine eigene Romanfigur anlegen w\u00fcrde, an die er sich, rasch auf dem altersschwachen Dell hineingetippt, ja l\u00e4ngst herangewagt hatte. Diesen einen Roman, den er z\u00fcgig vollenden wollte, wenn nur die Zeiten f\u00fcr ihn wieder besser w\u00fcrden. Und er, darin Hauptfigur in seiner Rolle als Erlebender. Einer, n\u00e4mlich dieser seltsamen Welt, sich selbst zeichnend, einer, der zum Verfassen verkl\u00e4rter Biografien neigte, skurrilen Zufallsgeschichten ausgeliefert war, dem paradoxe Anekdoten nachhangen, der in melodramatische Beziehungskisten verstrickt und unausweichlichen Schicksalsschl\u00e4gen ausgeliefert war. Er selbst, mittendrin, voll von Ironie und mythomanischen Tagtr\u00e4umereien geplagt.<b><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 15073<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Constance! Da ich dich telefonisch nicht erreiche, schreibe ich dir ganz einfach. Ich muss zugeben, ein v\u00f6llig neues Gef\u00fchl. 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