{"id":2807,"date":"2015-06-14T15:57:19","date_gmt":"2015-06-14T15:57:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2807"},"modified":"2015-06-15T08:01:39","modified_gmt":"2015-06-15T08:01:39","slug":"der-wohlstandstrinker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2807","title":{"rendered":"Der Wohlstandstrinker"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2807&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2807&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>W\u00e4hrend ich zwischendurch an einem Glas Single Malt nippe, krame ich in meinen B\u00fcchern und Manuskripten. \u00dcbrigens nicht uninteressant, der Geschmack, angenehm duftendes Bouquet \u2026 ist es Birne? Walnuss oder Eiche? Oder gar alles zusammen? Ein wirklich geschmeidiger Single Malt, zw\u00f6lf Jahre im Sherryfass gelagert, atmet er weiters ein w\u00fcrziges Arom von Honig und frischen Pfirsicht\u00f6nen aus. Im Finish vielleicht noch beerig, dazu etwas harzig get\u00f6nt. Na, der Fantasie sind gottlob kaum Grenzen gesetzt.<br \/>\nAlso, wie bereits gesagt, w\u00e4hrend ich hier bei einem Glas Whisky sitze, muss ich unweigerlich an Dichter und Schriftsteller denken, die nicht nur \u00fcber den Alkoholismus geschrieben haben, sondern selbst mehr oder weniger dem Alkoholgenuss durchaus nicht abgeneigt waren, wie beispielsweise Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, Joseph Roth oder D. H. Lawrence, um nur einige zu nennen.<br \/>\nUnd dreht man die Zeit ein wenig zur\u00fcck, finden sich jede Menge begnadeter dichtender Schluckspechte schon in der Antike. Getrunken ist auf dieser Welt offensichtlich immer schon worden. Gedichtet auch. Wer schreibt, der trinkt auch, hei\u00dft es. Ein dichtender Chinese, Li Tai-Bo, einige Jahrhunderte vor Christi Geburt, kam im Rausch zu Tode, als er das Spiegelbild des Mondes umarmen wollte. Anakreon, griechischer Textk\u00fcnstler, fand sich in der Rolle &#8211; besser betrunken am Boden als tot &#8211; bestens besetzt.<\/p>\n<p>Ach ja, der Alkohol! Tr\u00f6ster und M\u00f6rder in einer Gestalt. Was ist nicht alles geschrieben worden im Suff? Was wurde nicht schon alles \u00fcber das Trinken geschrieben? W\u00fcrde man zu einer literarischen Verkostung von Trunkenheitsliteratur geladen, pr\u00e4sentierte sich diese wohl in einer Unmenge \u201ealkoholhaltiger\u201c Leseproben. Vielleicht sollte man sich die Men\u00fckarte einer solchen Verkostung einmal genauer ansehen?<br \/>\nDa gibt es B\u00fccher \u00fcber die Weinkunde, \u00fcber Etiketten, ja sogar Weinatlanten, die einen mit Tralala in die Welt des \u00a0vergorenen Traubensaftes f\u00fchren. Wieder andere verweisen dezent auf teils verborgene Weinpfade, auf Whiskytrails oder historische Bierreisen, allesamt begehrte Pilgerst\u00e4tten gepflegten S\u00e4uferdaseins. Jedes (hoch)prozentige Getr\u00e4nk hat mittlerweile seinen \u201eOskar\u201c, wird pr\u00e4miert, gepriesen und gef\u00f6rdert und in eigens daf\u00fcr geschaffenen Seminaren wird man dar\u00fcber belehrt, wie man leert.<\/p>\n<p>Ist das normal? Ist die Sauferei nicht gesellschaftsgef\u00e4hrdend? Sind wir bereits ein Volk der weichen Birnen? Angeblich trinkt jeder Vierte unter uns professionell. Das hei\u00dft, pro Kopf und Leber zum Beispiel 256 Liter Bier im Jahresdurchschnitt. Da ist vom Wein noch gar nicht die Rede. Ganz zu schweigen vom Schnapserl.<br \/>\nAber damit nicht gleich alles so schrecklich ungesund und s\u00fcndhaft klingt, geben wir den Gl\u00e4sern, aus denen wir ihn trinken, den verwerflichen Saft, gerne verniedlichende Namen wie Kr\u00fcgerl, Seiderl, Vierterl, Achterl, Glaserl oder Stamperl. Nicht zu vergessen eine beinahe v\u00f6llig verschwindende Gr\u00f6\u00dfe unter den Gl\u00e4sern, die echte Profis kaum w\u00e4hlen, der Pfiff, oder noch kleiner, das Pfifferl. Nein nein nein nein! Das ist etwas f\u00fcr betagte Damen oder den \u00e4lteren Herren. Ein Amateurgebinde quasi.<br \/>\nDer echte Trinker hat seine Halbe, seine Ma\u00df, sein Kr\u00fcgel, sein Seidl oder sein Viertel, alle ohne das verharmlosende \u201er\u201c vorm letzten Konsonanten. Ohnehin blo\u00df Schnickschnack f\u00fcr Heimlichtrinker.<br \/>\nZur Definition des Zustandes danach werden Vergleiche aus dem Tierreich herangezogen, um ihn anschaulich zu beschreiben, wie etwa einen \u201eAffen\u201c haben, einen \u201eSpitz\u201c oder \u201eB\u00e4ren\u201c. Manch einer hat eine \u201eSau\u201c, einen \u201eEsel\u201c oder ganz einfach \u201eK\u00e4lber\u201c oder \u201eG\u00e4nse\u201c. Wem das zu exotisch ist, kann sich ja mit \u201eDampf\u201c, \u201eFlieger\u201c, \u201eFahne\u201c oder mit \u201eeinen in der Krone haben\u201c begn\u00fcgen. Man gie\u00dft sich entweder \u201eeinen auf die Lampe\u201c oder auch \u201ehinter die Binde\u201c. Im Prinzip kommt es auf dasselbe heraus. Oder kurz gesagt, ganz gleich wie, das Ergebnis hinterher ist immer eindeutig. Besoffen, berauscht, fett, trunken oder schlicht und einfach voll, abgef\u00fcllt, zu.<\/p>\n<p>Ich frage mich oft, was hat die Menschheit dazu gebracht, sich seit Jahrhunderten wenn nicht schon l\u00e4nger, Alkoholisches so mir nichts dir nichts hineinzusch\u00fctten? Liegen die Ursachen darin, die Welt nicht mehr verstanden zu haben, im Epochenwechsel etwa? Haben die politischen oder sozialen Verh\u00e4ltnisse dazu gef\u00fchrt? Waren die r\u00f6mischen Galeeren oder die kolumbus\u00b4schen Koggen ma\u00dfgeblich an der weltweiten Verteilung von Wein- oder Rumrationen beteiligt? Ist den Menschen Guttenbergs Massendruckerei zu rasch zu Kopf gestiegen oder hat man blo\u00df aus Jux und Tollerei gesoffen?<br \/>\nVielleicht war die Erringung neuer geistiger Werteskalen ausschlaggebend, um der Trunksucht den geeigneten Teppich zu legen? Die Menschheit f\u00fchlte sich \u00fcberfordert und griff zum Glas, damit sie das alles ertrug. Zugegeben, die neue Rolle des B\u00fcrgertums als Kulturtr\u00e4ger war sicherlich auch nicht leicht zu ertragen. Worum sollte man sich nicht noch k\u00fcmmern?<\/p>\n<p>Dann darf man aber auch nicht den Aufschwung der St\u00e4dte vergessen, den des Handels, des Gewerbes und Handwerkes und damit eng verbunden die Geldwirtschaft. Schlie\u00dflich musste so ein Rausch ja auch bezahlt werden. Wie h\u00e4tte denn der Wirt sonst \u00fcberlebt?<br \/>\nUnd viele dr\u00e4ngte es vom Dorf ins Stadtleben. Dort schien die Gesellschaft in soziale Unordnung zu geraten, was wiederum dem Griff zum Becher f\u00f6rderlich war, wie Beispiele aus Quellen, die sich mit dem Laster der Trunksucht besch\u00e4ftigten, best\u00e4tigen.<br \/>\nNat\u00fcrlich wollte man vorerst nichts besch\u00f6nigen, durchaus nicht. Die Literatur bahnte sich ihren Weg \u00fcber die Satire zum Alkoholproblem, \u00fcber Schriften zur Bek\u00e4mpfung dieser Untugend bis hin zur Glorifizierung des alkoholischen Getr\u00e4nkes. Und zur neuen Geistigkeit der Reformation schienen geistige Getr\u00e4nke recht gut zu passen, wenn man sich ein wenig im 16. Jahrhundert umsieht. Ganz klar, der Mensch war verunsichert. Das wirkte sich auf die Lebensgewohnheiten aus, die sicher nicht nur Freude verhie\u00dfen, sondern ebenso Leid und Verzweiflung zum Inhalt hatten.<br \/>\nEiner der Arbeitstage, die f\u00fcr das Gesinde, f\u00fcr die Lehrlinge wie auch f\u00fcr die Gesellen, die Bediensteten, Hilfskr\u00e4fte und Lohnarbeiter fr\u00fchmorgens nach der Morgensuppe begannen und sieben bis f\u00fcnfzehn Stunden dauerten, hie\u00df bezeichnenderweise \u201eblauer Montag\u201c, hatte aber mit \u201eBlau-Sein\u201c nichts gemeinsam. Vielmehr ging er auf den alten Brauch, den Handwerksgesellen am Montag freizugeben, zur\u00fcck. Ob dies aus logischer Konsequenz geschah, weil die Typen am Montag ihren Dampf vom Wochenende ausschlafen mussten, sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Daneben jedoch bl\u00fchte das Leben, und diejenigen, die es sich leisten konnten, bis zum heutigen Tag kein Unterschied, fr\u00f6nten dem guten Essen und Trinken, der Geselligkeit, dem Spiel, der Jagd, aber auch dem M\u00fc\u00dfiggang, der V\u00f6llerei, dem Luxus wie auch der Wonne und dem Genusse bei Festen wie dem Vogelschie\u00dfen und der Weinernte, ebenso wie anl\u00e4sslich privater Feste, Zunftfeste oder an Reichstagen.<br \/>\nWer von uns kennt den Brauch ums Zutrinken nicht aus eigener Erfahrung, um den Ruhm der Trinkfestigkeit und die Unsitte, den anderen unter den Tisch zu trinken? Besoffenheit galt durchaus nicht als diffamierend. Und es gab genug Tavernen und Schenken, in denen auf st\u00e4ndische Art schrankenlos gesoffen wurde.<br \/>\nVerd\u00e4chtig derjenige, der nicht trank. Arglistig und gar von niederem Wert sei dieser. Sauf, hie\u00df es, als allm\u00e4chtiger Abgott, wer auch immer diesen Spruch in die Welt gesetzt hat. Ein Schelm, der behauptet, Martin Luther selbst h\u00e4tte das verbreitet.<br \/>\nDas Kammergericht hatte wegen der Trunksucht jedenfalls genug zu tun. Delikte von Gottesl\u00e4sterung bis hin zum Totschlag geh\u00f6rten zum Alltag. Die Sauferei m\u00fcndete in Ehebruch, s\u00e4te Zwietracht unter die Menschen und f\u00fchrte zu Meuterei und Verrat.<\/p>\n<p>Aber, was w\u00e4re der Mensch schon ohne Laster? Die Laster sind den Tugenden beigemischt, wie die Gifte der Arznei. Unsere Intelligenz verbindet sie und m\u00e4\u00dfigt sie, und bedient sich ihrer mit Nutzen gegen die \u00dcbel des Daseins. Schlie\u00dflich erwarten uns die Laster auf dem Weg unseres Lebens wie Herbergen, bei denen wir unbedingt einkehren m\u00fcssen. Man muss daher zutiefst bezweifeln, dass wir sie aus Erfahrung meiden w\u00fcrden, wenn uns verg\u00f6nnt w\u00e4re, den Weg unseres Lebens zumindest zweimal zu gehen, steht irgendwo.<\/p>\n<p>Doch was die einen guthei\u00dfen, verdammen die anderen. Im Alten Testament ist vom beseligenden Getr\u00e4nk des Weines die Rede. Im Neuen Testament gibt es den Vergleich vom Weinstock und der Rebe. Wir verehren Weinheilige und Schutzpatrone, etwa die Traubenmadonnen.<br \/>\nSind Sie Buddhist oder Moslem, kriegen Sie mit dem Alkohol ein Problem. Aber wir Trinker haben f\u00fcr alles eine Erkl\u00e4rung, die mit dem Alkoholgenuss zu tun hat. Ist etwa Wein im Manne, ist der Verstand in der Kanne. Oder, beim Trunk geht die Zunge auf Stelzen. Denken Sie an den Dorfrichter Adam bei Kleist. Es ist der Wein, der die Zunge erst geschickt macht, den K\u00e4se zu schmecken. Ein anderer: S\u00fc\u00df getrunken, sauer bezahlt. Klingt echt hart. Nicht zu vergessen, ein guter Trunk macht Alte jung! Und die R\u00f6mer? Die alten R\u00f6mer? Waren auch nicht ohne. In vino veritas, Sie erinnern sich? Verachten Sie mir die Germanen nicht! Frankenwein, Krankenwein. Na bitte! Oder Rheinwein, fein Wein! Noch so ein sinniger Spruch, Neckar Wein, schlecker Wein. Der Reim ist nicht ganz rein, hoffentlich ist es der Wein.<br \/>\nUnd schon wieder Herr Luther, wenn\u00b4s stimmt, red, was wahr ist, iss, was gar ist, trink, was klar ist. Dazu ist nichts zu sagen.<\/p>\n<p>Nun, es muss nicht immer Wein sein, wenn gereimt wird. Wie w\u00e4r\u00b4s einmal mit Bier? Riecht es aus dem Schrank nach Bier, wei\u00df der Bauer, der Knecht war hier. Kein Wunder also, wenn manche von uns schlaftrunken sind, wissensdurstig, von Rachedurst getrieben, im Liebes- oder Siegesrausch sind. Dem Kellner geben wir auf alle F\u00e4lle Trinkgeld. Jedoch, wer trunken wird, ist schuldig, nicht der Wein.<br \/>\nMitunter verm\u00f6gen Trinkspr\u00fcche oft recht praktische Bereiche anzusprechen, wenn es da hei\u00dft, sauf, dass dir die Nase gl\u00fcht, rot wie ein Furunkel, dass sie dir als Lampe dient, in des Lebens Dunkel!<br \/>\nDer akademische Mensch h\u00e4lt zuweilen sehr viel von solchen Philosophien, wie alte Studentenlieder beweisen: Um den Jammer zu vertreiben, will dir ein Rezept verschreiben, oft schon hat es zugetroffen, es wird immer fortgesoffen. Oder wie der Gro\u00dfvater meines lieben ungarischen Freundes zu sagen pflegte, Alkohol w\u00e4re in kleinen Mengen Medizin, in gro\u00dfen Mengen Medikament. Wenn da noch jemand von ma\u00dfvollem Trinken spricht, kann es sich dabei nur um einen Widerspruch per se handeln. Die kalten Schauer k\u00f6nnen einem bei dem Gedanken hinunterlaufen. Wie ein bekanntes Sinngedicht auch best\u00e4tigt: Denn es frieret selbst im w\u00e4rmsten Rock der S\u00e4ufer und der Hurenbock!<\/p>\n<p>Wenn ich es recht bedenke, ist es gar kein so gro\u00dfes Problem, an eine ordentliche Flasche Schnaps heranzukommen, auch wenn der S\u00e4ckel noch so leer ist. Um zehn Euro bekommt man schon einen brauchbaren Obstler, Weinbrand oder Whiskey. Zugegeben, der gepflegte Trinker leistet sich nat\u00fcrlich teureren Stoff. Schlie\u00dflich geht es um Geschmack, um Stil und Tradition. Nicht zuletzt auch um die Gesellschaftsf\u00e4higkeit. Ich mache jetzt eine kleine Schreibpause und nehme einen Schluck von meinem Glas. Nach kurzer Zeit werde ich versuchen, meinen Zustand zu analysieren. Ja, ich merke bereits, wie der Alkohol wirkt. Wohlige W\u00e4rme durchzieht meine Magengegend und entspannt meine Muskeln. Immerhin sitze ich schon eine geraume Weile vor dem Laptop und tippe. Ich geh\u00f6re noch nicht zu den Schnelltrinkern, die bereits am Morgen ihre Ration hinunterkippen m\u00fcssen, um \u00fcberhaupt einmal die Kaffeeschale ruhig halten zu k\u00f6nnen. Daher komme ich mit einer Flasche eine gute Woche durch. Der zweite Schluck bereits hebt mein Selbstwertgef\u00fchl in k\u00fcrzester Zeit enorm. Ich setze das Glas ab. Nun werde ich versuchen, im Text fortzufahren.<\/p>\n<p>Ich krame in einer alten Mitschrift aus meiner Studienzeit, die sich mit Trunkenheitsliteratur auseinandersetzte. Beim Lesen entsinne ich mich der hervorragend beschriebenen Wirtshausszenen Seyfried Helblings, Pflichtliteratur damals, einem Spielmann in der N\u00e4he Zwettls gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Ein ge\u00fcbter Schreiber, der gegen den allgemeinen Sittenverfall und aufkommende Modetorheiten wettert und versucht, dem Leser mit seinen Schriften eine Art Spiegel vorzuhalten, damit er sich darin in seinen Irrt\u00fcmern erkennen und wom\u00f6glich bessern m\u00f6ge.<br \/>\nDen Leuten einen Spiegel vorhalten erwies sich stets als probates Mittel, die Menschheit vor Gefahren und Dummheiten bewahren zu wollen. Damit stand er nicht allein da. Ein gewisser Berthold von Regensburg, 1272 verstorben, steht ihm um nichts nach und fordert in seinen Predigten wortgewaltig die mangelnde Besinnung der Menschen auf sich selbst. Es ist eine Zeit, in der die Moralsatire eine Bl\u00fctezeit erlebt und sich h\u00f6chst moralisch an den Lastern und der Liederlichkeiten der Epoche versucht.<br \/>\nUnd Weltverbesserer gab es damals genug. Ich finde einen Hugo von Trimberg und den Meister Renau\u00df, Meister ironischer Lehrgedichte, etwa \u201eDes Teufels Netz\u201c, worin es um den Wein und die Liebe geht. Die literarischen Inhalte beziehen sich oft auf opulentes Essen wie sechsg\u00e4ngige Men\u00fcs, Trinken aus volumin\u00f6sen zinnernen Kannen, das Spiel und die Jagd. Und nicht zuletzt standen die ausgepr\u00e4gtesten Leidenschaften der damaligen Zeit eng im Zusammenhang mit dem ma\u00dflosen Genuss von Alkohol. Eigentlich nicht viel anders als heutzutage, vom Zinn einmal abgesehen.<\/p>\n<p>Offensichtlich waren die Folgen des Alkoholmissbrauchs den Beh\u00f6rden irgendwann einmal zu viel geworden, sodass man sich 1512, unter der Regentschaft von Karl dem V., dazu entschloss, ein Reichsgesetz gegen das Saufen zu verordnen, welches Trunkenbolde mit hohen Strafen belegen sollte. Nebenbei wurde auch gleich ein anderes Gesetz versch\u00e4rft, n\u00e4mlich der T\u00f6tungsparagraf. Wesentlich h\u00f6her bestraft sollte werden, wer einen Weinbauern t\u00f6tete. F\u00fcr passionierte Trinker ein nachvollziehbarer Schritt der Justizbeh\u00f6rde, oder? Schlimm stand es auch um den Schankwirt, wenn er dabei erwischt wurde, dass sein Wein verw\u00e4ssert war. In diesem Falle drohte das h\u00f6chst ungesunde Eingemauertwerden bei lebendigem Leibe.<\/p>\n<p>Dabei f\u00e4llt mir ein Satz ein, ohne zu wissen, von wem er stammt: Jugend ist Trunkenheit ohne Wein. War das von Goethe? Aus dem west\u00f6stlichen Diwan? Ich wei\u00df es nicht mehr. Nun, da ich nicht mehr jung bin, muss ich zusehen, wodurch ich trunken werden k\u00f6nnte. Ab einem gewissen Alter scheidet Trunkenheit durch Liebe aus. Also gie\u00dfe ich einen weiteren kleinen Schluck aus der Flasche in mein Glas und setze es an die Lippen.<br \/>\nWie ich eingangs schon betonte, z\u00e4hle ich mich selbst zu den sogenannten Genusstrinkern, oder bilde mir zumindest ein, es zu sein. Sollte ich mich einmal \u00fcber etwas oder jemanden ge\u00e4rgert haben, mir etwas gegen den Strich gegangen sein, kann es schon einmal vorkommen, dass so ein Tatbestand unvorhergesehenerweise einen etwas gr\u00f6\u00dferen Schluck zur Folge haben kann. \u00dcberdies wage ich seit einer Begegnung mit einem Facharzt der Geriatrie, auch wenn sie schon etwas l\u00e4nger zur\u00fcckliegt und rein zuf\u00e4llig bei einem Heurigen in Wien Grinzing stattgefunden hat, ohne meinen stets mit Whisky gef\u00fcllten Flachmann kaum einen Schritt mehr au\u00dfer Hauses.<br \/>\nHat mir nicht jener Spezialist auf eindrucksvollste Weise von seiner eigenen Erfahrung mit einem pl\u00f6tzlichen Herzinfarkt erz\u00e4hlt, den er mit einem ordentlichen Schluck aus seiner Brustflasche soweit in den Griff gebracht hatte, dass er aus diesem Grund nicht zum pathologischen Fall wurde? Unter diesem \u00e4u\u00dferst beruhigenden Eindruck erlaube ich mir, rein pr\u00e4ventiv versteht sich, noch einen Kleinen zu genehmigen. Schlie\u00dflich wei\u00df man ja nie!<\/p>\n<p>So eine Alkoholsucht hat eigentlich etwas Furchtbares und Abschreckendes. Als Kind schon hatte ich eine Heidenangst vor Betrunkenen entwickelt, wenn manchmal welche sogar am hellichten Tag vor unserem Gartenzaun vorbeitorkelten, vor sich hinlallend, singend oder lauthals herumbr\u00fcllend. Einer von ihnen, stets mit einem alten Hanfseil ausger\u00fcstet, um damit zum Nordpol aufzubrechen, soll von einem Blitz gestreift und in der Folge um den Verstand gebracht worden sein. Dieses Erlebnis habe ihn zum S\u00e4ufer gemacht.<br \/>\nUnbest\u00e4tigten Tratschereien zufolge hatte es jedoch gar keines Blitzes bedurft, vielmehr habe der Gute immer schon gesoffen. Ein ber\u00fchrendes Menschenschicksal! In diesem Zusammenhang f\u00e4llt dann schon einmal der Begriff Elendsalkoholismus.<\/p>\n<p>Das Gegenteil davon ist wahrscheinlich der Wohlstandsalkoholismus, denke ich. Dazu z\u00e4hle ich mich. Wenn mir jemand an seinem Geburtstag ein Glas anbietet, nehme ich es artig und auch noch ein zweites, wenn es sein muss. Schlie\u00dflich m\u00f6chte ich nicht unh\u00f6flich erscheinen. Und vielleicht noch ein drittes, wenn es der Anstand, oder besser gesagt mein Zustand, erlaubt. Man trinkt eben gemeinsam auf sein oder ihr Wohl. Nat\u00fcrlich auch auf mein eigenes, oder das der Anwesenden, der Nachbarn, der Menschen auf der Stra\u00dfe und so weiter, es findet sich immer irgendein Anlass zum Zuprosten.<br \/>\nArm angewinkelt, in die Pupille geschaut und runter damit! Alles eine Frage der Tisch- oder Stehtischsitten. Lehrhafte Tischsittenliteratur, Benimmb\u00fccher oder Anstandsliteratur gibt es schlie\u00dflich seit dem 12. Jahrhundert, dazu bestimmt, sie auswendig zu beherrschen und sich ihrer Anweisungen zu bedienen, wenn es der Anstand gebietet.<\/p>\n<p>Unter anderen hat auch der allen bekannte Hans Sachs eine solche Anleitung verfasst. Wer hingegen mehr auf Derbes steht, sollte zu Sebastian Brants \u201eNarrenschiff\u201c greifen. Dort ist man in bester Gesellschaft, so, wie sie nicht sein sollte. Brandt k\u00fcrt darin seinen Starprotagonisten, den \u201eGrobian\u201c, zum Schutzpatron aller S\u00e4ufer. Durch ihn sollte der ahnungslosen Menschheit wieder einmal der ber\u00fchmte Spiegel vorgehalten und die Narren in ihrer unendlich ausgepr\u00e4gten Vielfalt als S\u00fcnder bekehrt werden. Auch nicht zu verachten ist \u201eDer Weinschwelg\u201c, um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden. Handelt von einem Typen, der dem Suff quasi alles opfert.<br \/>\nUm die Liste der Saufliteratur zu vervollst\u00e4ndigen, darf dabei \u201eDer Weinschlund\u201c vom Stricker nicht fehlen, ebenso ein Werk mit dem Arbeitstitel im Genitiv, \u201eDer Wiener Meerfahrt\u201c, auch so um 1260 bis 80 entstanden. Nicht zu vergessen Meier Helmbrechts \u201eWernher der G\u00e4rtner\u201c, oder \u201eDer Welsche Gast\u201c, Literatur, dazu berufen, mit ihrem mahnenden Fingerzeig auf die dringende Notwendigkeit moralischer Besserung hinzuweisen. Man wei\u00df \u00fcber die Folgen der Trunksucht Bescheid und warnt vor den Sch\u00e4den an Leib und Seele, an Besitz und nicht zuletzt an der Ehre. Ludwig Uhland macht das Laster des Alkohols zum Leitmotiv in seinen Schlummer- und Trinkliedern und setzt damit dem Wein als Sorgenbrecher und Freudenspender zugleich ein literarisches Denkmal.<\/p>\n<p>Ich hingegen frage mich, ob mein eigenes Wohlstandstrinken so hin und wieder nicht doch schon Konflikttrinken ist? Ein Schluck blo\u00df, um mir psychische Erleichterung zu schaffen, wenn dir die heimische Politik so aus der H\u00fcfte heraus pl\u00f6tzlich zweieinhalb Jahre mehr bis zur Pension aufbrummt oder sie dir die n\u00e4chste Nulllohnrunde orakelt. Wenn sich \u00fcber Nacht die Pr\u00e4mie meiner m\u00fchsam zusammengekratzten Bausparvertr\u00e4ge halbiert. Ja dann \u2026 im Gegenzug lie\u00dfe sich vielleicht auch bei anderen Gelegenheiten etwas mehr von dem Zeug saufen, gar anl\u00e4sslich eines lustigen Festes? Man verliert bei dieser Art des Trinkens ja nicht gleich die Kontrolle \u00fcber sich. Eventuell l\u00e4sst man sich in so einem Fall leichter dazu hinrei\u00dfen, noch in derselben Nacht eine zornige Mail an seine Interessenvertretung zu senden, in der man sich nach Herzenslust \u00fcber deren Unf\u00e4higkeit ausl\u00e4sst und die sofortige K\u00fcndigung bei derselben in den Raum stellt, weil man sich nicht vertreten f\u00fchlt?<br \/>\nWer wei\u00df? Bin ich also jetzt seelisch und k\u00f6rperlich schon abh\u00e4ngig vom Freudenspender? Vom Sorgenbrecher? Eines kann ich vorl\u00e4ufig zumindest mit Sicherheit ausschlie\u00dfen, n\u00e4mlich Spiegeltrinker zu sein. Gewohnheitsm\u00e4\u00dfig das gewisse Quantum in mich hineinzusch\u00fctten und den Alkoholgehalt gleichm\u00e4\u00dfig in mir aufrechtzuerhalten. Quartalsm\u00e4\u00dfiges Saufen, also mit periodischen totalen Umfallern und so, kann ich mir ohnehin nicht leisten. Das w\u00fcrde der Kreislauf nicht mehr verzeihen. Und \u00fcberdies m\u00f6chte ich am n\u00e4chsten Tag auch noch Lust auf das Zeug haben, was nach einer totalen \u201eSonnenfinsternis\u201c nicht immer stimmig erscheint. Also belasse ich es bei Alltagssorgen bedecken, Stimmung heben oder \u201ewarum soll ich mir nicht hin und wieder was Gutes tun\u201c.<br \/>\nAuch bilde ich mir ein, die vorprogrammierten Ged\u00e4chtnisl\u00fccken ausschlie\u00dflich auf mein fortgeschrittenes Alter zur\u00fcckzuf\u00fchren. Schlie\u00dflich muss ich ein Leben lang schon eine Menge unsinniges Zeug in meinem geplagten Gehirn speichern. Da kann schon mal die eine oder andere Info ausbleiben. R\u00e4tselhaft bleibt, warum ich mich oft an das letzte Glas des Vorabends nicht mehr erinnern kann.<\/p>\n<p>Beim Bl\u00e4ttern in meinen Aufzeichnungen sto\u00dfe ich auf den Satiriker und Franziskanerm\u00f6nch Thomas Murner, der einen Vergleich seiner Fachkompetenz mit Martin Luther durchaus nicht zu scheuen brauchte, hatte ich damals aufgeschrieben. Murner wollte es seinem Vorbild Sebastian Brandt gerne gleichtun und auf dessen Erfolgswelle mitreiten. Aus heutiger Sicht w\u00e4re er ein Plagiateur, w\u00fcrde man sagen, wo er doch bereits im Vorwort von Brandt abgeschrieben haben soll. Mehrfacher Doktor der Theologie und Juristerei? Da lie\u00dfe sich sicher noch was Unrechtes finden, wie die Erfahrung der j\u00fcngsten Vergangenheit gezeigt hat, nicht wahr? Nun, wollen wir es heute dabei belassen.<br \/>\nWortgewaltig und als Seelsorger mit der volkst\u00fcmlichen Ausdrucksweise vertraut, schreibt er in eindrucksvollen einpr\u00e4gsamen Redewendungen satirisch Provokantes, wobei er es sich nicht verkneifen kann, den allgemeinen Sittenverfall vom \u201eF\u00fcllen und Prassen\u201c zu verdammen. Im Gegensatz zum sogenannten Spiegeltrinker also ein Spiegelschreiber.<br \/>\nDagegen nimmt sich ein Werk eines Herrn Obsopeus zum Thema Alkohol, ich hoffe, dass ich den Namen richtig geschrieben habe, endlich einmal ein wenig positiver aus, wenn er \u00fcber die Entfaltung des Ma\u00dfhaltens schreibt und den Trinker zum Genie\u00dfer werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Nach all den Wasserpredigern tut es richtig gut, wenn endlich einer einmal nicht gegen die sch\u00e4dlichen Folgen des Alkoholkonsums wettert, finde ich und greife zum Glas, in dem nur noch ein trauriges Tr\u00f6pfchen goldfarbenen Gerstenbrandes sein k\u00fcmmerliches Dasein fristet. Diesen Zustand wollen wir sogleich bereinigen, indem ich etwas aus dieser sympathischen Flasche vor mir nachschenke. Und hast du es nicht gesehen, kann man in Grimms M\u00e4rchen oftmals lesen, fl\u00f6\u00dfe ich mir flugs etwas von der Medizin ein, die ich manchmal ben\u00f6tige, um besser durch den Tag zu kommen, wenn Seele oder gar Kreislauf irritiert scheinen. Alles jedoch mit dem Vorbehalt auf Pr\u00e4vention. Und da es noch nicht so sp\u00e4t ist, dem allabendlichen Ritual zu folgen, den D\u00e4mmerschoppen zu nehmen, benenne ich diesen hier den Trunkenheitsliteraturnachmittagserinnerungsdrink, damit das Kind einen Namen hat und ich eine Entschuldigung. H\u00f6rt sich an, als w\u00fcrde ich andauernd an Alkoholisches denken. Da kann ich nur dr\u00fcber lachen!<\/p>\n<p>Um noch einmal auf den Obsopeus zu kommen und sein \u00e4u\u00dferst sympathisches Werk \u00fcber die Kunst des Trinkens, in welchem er Bacchus zum Schutzpatron der S\u00e4ufer, den sogenannten Bacchanten, hochstilisiert, jedoch trotz allem zum Ma\u00dfhalten r\u00e4t wie auch zur richtigen Wahl derjenigen Menschen, mit denen man sich bei Speis und Trank umgibt. Er warnt vor raschem Trunkensein, indem man diesem mittels ausreichender Nahrung entgegenwirke. Zu allererst m\u00fcsste man einmal ein Fundament schaffen, eine Grundlage, hat auch einer meiner Bekannten stets gemeint, vielleicht erg\u00e4nzt durch den Verzehr von Rettich, getrockneten Feigen oder bitteren Mandeln.<br \/>\nEin persischer Freund hat mir immer von Trinkgelagen an einem bestimmten See im Iran erz\u00e4hlt, wo man es hervorragend verstanden haben soll, professionell zu feiern. Vor der Revolution versteht sich. Bier, erz\u00e4hlte er, Wein und so weiter, waren nicht genug. Whisky musste es sein. Dabei schmunzelte er vielsagend. Hatte man zu viel getrunken, nahm man etwas Saft vom Granatapfel zu sich. Danach konnte man wieder hervorragend weitersaufen, hatte er hinzugef\u00fcgt. Man lagerte dazu auf eigens daf\u00fcr mitgebrachten Teppichen, die man am Seeufer ausgelegt hatte. Und brach dann unweigerlich einmal der Sonntagabend an, hie\u00df es, gehen Sie nicht am Sonntag, bleiben Sie bis Montag. Ich war fasziniert und habe ihn noch Jahre sp\u00e4ter immer wieder gebeten, mir doch wieder von seinen Festen zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Doch noch einmal zur\u00fcck zum Obsopeus. In seinem zweiten Buch erz\u00e4hlt er vom Garten der M\u00e4\u00dfigkeit, von Tanz und Speisen, von m\u00e4\u00dfigem Spiel, und er warnt eindringlich vor der Unm\u00e4\u00dfigkeit beim Trunke, welche den Menschen zum Tier werden lie\u00dfe, welches sich mit anderen herumpr\u00fcgle. K\u00fcnstlich m\u00fcsse man trinken, hei\u00dft es hier, sich in der Kunst des Trinkens \u00fcben, wobei er empfiehlt, dem Wein etwas Wasser beizugeben, ein Gedanke, zu dem ich mich nicht weiter \u00e4u\u00dfern m\u00f6chte.<br \/>\nWenngleich es sich bei dieser Literatur immerhin um ein eher m\u00e4\u00dfigendes Medium im Umgang mit der Sauferei handelte, hatte der Klerus trotzdem ein scharfes Auge darauf und die Prediger wurden angewiesen, eindringlich vor den verheerenden Folgen des Alkoholmissbrauchs zu warnen. Der B\u00fcrger sollte die moralischen, sozialen und politischen Folgen der Trunksucht bedenken, welche die Menschheit zum Kriege verleiten w\u00fcrde, zu Bauernkriegen, zu Kriegserkl\u00e4rungen im Rausch, zu Diebstahl, Totschlag und Misshandlungen. S\u00e4uferleben ende am Galgen oder in der Prostitution, hie\u00df es.<br \/>\nEs bed\u00fcrfe sachlicher Ratschl\u00e4ge. Man nannte F\u00fcrsten als Vorbilder und warnte gleichzeitig vor den Folgen des J\u00fcngsten Tages, wenn immer mehr im Glas als im Wasser ertrinken w\u00fcrden. Gescheh\u2018n in einer Zeit, als fahrende Kaufleute gerade Auerbachs Keller und Hof so \u00fcber die Ma\u00dfen lobten. Nun, eine zeitgem\u00e4\u00dfe Predigt gegen das Laster des Alkoholmissbrauchs k\u00f6nnte zum aktuellen Zeitpunkt etwa so aussehen: Sie wissen, dass die regelm\u00e4\u00dfige Einnahme alkoholischer Getr\u00e4nke heutzutage in alle sozialen Schichten Einzug gehalten hat. Aufgrund dieser Tatsache warnen wir eindringlich vor \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Genuss geistiger Getr\u00e4nke hinsichtlich der drohenden Abh\u00e4ngigkeit von Alkoholika, welcher nicht zuletzt zu diversen neurologischen Erkrankungen f\u00fchren kann. Durch regelm\u00e4\u00dfige Alkoholzufuhr erh\u00f6ht sich in der Folge das Risiko f\u00fcr Sie, physische und psychische Sch\u00e4den zu erleiden, enorm. Beachten Sie daher die Ihnen zutr\u00e4gliche Tagesdosis genau, die bei M\u00e4nnern zwischen 20 bis 24, bei Frauen hingegen schon bei 10 bis 12 Gramm liegt. Bedenken Sie \u00fcberdies, diese Menge nicht t\u00e4glich zu konsumieren.<br \/>\nBereits der geringste Rauschzustand hat psychopathologische wie auch neurologische Auswirkungen auf Ihren Organismus. Unterbewerten Sie nicht den bereits nach den ersten Schlucken auftretenden leichten Erregungszustand und vermeiden Sie jede weitere Tr\u00fcbung Ihres Bewusstseins durch die fortgesetzte Einnahme alkoholischer Substanzen, die vorerst zur Erm\u00fcdung, in weiterer Folge sogar bis zum Koma f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Nach dem Durchlesen meiner letzten Zeilen muss ich mir eingestehen, dass ich in dieser besonderen Sache \u00e4u\u00dferst wenig Talent zum Prediger zeige. Obendrein hat das viele Lesen meine Augen m\u00fcde gemacht, und w\u00e4hrend ich mich einem langen G\u00e4hnen voll und ganz hingebe, pr\u00fcfe ich den Pegelstand in meinem Whiskyglas \u00fcber einen ganz bestimmten Augenwinkel, wobei ich feststelle, dass dieser wieder einmal mehr ziemlich stark gesunken ist. Ich \u00fcberlege daher, ob ich nicht vielleicht noch etwas Medizin zugie\u00dfen sollte?<br \/>\nIn solchen Momenten habe ich auch stets mein Rauchger\u00e4t in der N\u00e4he, denn genau dann erfasst mich zumeist der innere Wunsch, ein Trieb beinahe schon, nach meiner Pfeife italienischer Provenienz in der rechten Rocktasche zu greifen, um diese aus ihrem dumpfen Gef\u00e4ngnis zu befreien. Leidenschaftlich ertasten meine Finger die rustizierte Struktur des Pfeifenkopfes, ge\u00fcbter und durch die Jahre hindurch ritualisierter Ber\u00fchrungsablauf. Wenn es ums Design ging, scheint den Italienern von jeher stets das Hervorragendste zu gelingen, seien es Autos, Kleidung oder was sonst noch alles.<br \/>\nIch sch\u00e4tze diese Pfeife ganz besonders und werde nicht m\u00fcde, sie zu bewundern, sie t\u00e4glich erneut zu ertasten und in ihren Konturen zu erfahren, nicht zuletzt auch ihrer anthrazitfarbenen T\u00f6nung wegen, die in mir etwas wie die Wehmut eines verlorenen und pl\u00f6tzlich wiedergewonnenen Horizontes auszul\u00f6sen vermag. Oft schon hervorgerufen durch eine kleine, unscheinbare Farbauslassung am Ende des Holms. Die nussbraun schimmernde Lasur oder der h\u00f6lzerne Urgrund, dazu angetan, in mir jene s\u00fc\u00dfe Ahnung zu entlocken, wenngleich auch nur auf Dauer des Bruchteils einer Sekunde. Und das allein durch einen schmalen Streifen hellen Holzes zwischen dieser Stelle und dem Rest gl\u00e4nzendem Dunkel wie undurchdringlicher Steinkohle.<br \/>\nIch habe sie erst vor Kurzem geraucht und es ist noch gen\u00fcgend Tabak darin vorhanden. Ge\u00fcbt ziehe ich das silberne Feuerzeug aus der schmalen \u00d6ffnung meines englischen Gilets, in der hehren Absicht, das pechschwarze Kraut darin erneut zu entflammen, welches, kaum mit dem Feuer in Ber\u00fchrung, sich in seinem Schmerz sogleich aufb\u00e4umt, um kurz darauf rubinrot zu ergl\u00fchen. Nun gilt es, die Intensit\u00e4t des Brandes zu bez\u00e4hmen, die Rauchschwaden auf ein Minimum zu reduzieren, die Hitze auf ein ertr\u00e4gliches Ma\u00df einzud\u00e4mmen, denn nur so kann sich die angenehme S\u00fc\u00dfe, das eigenwillige Bukett seines Aromas und der vollkommene Charakter dieser Mixtur aus hellem Virginia und dunklem Perique seinen Weg durch das Labyrinth meiner vom Whisky abgeh\u00e4rteten Geschmackspapillen suchen.<\/p>\n<p>All das geschieht stets in der Hoffnung, f\u00fcr stabile und zumindest f\u00fcr eine bestimmte Zeit nachhaltige Entwicklung der sich gleichm\u00e4\u00dfig ausbreitenden Glut zu sorgen. Diese zu bez\u00e4hmen und zu hegen ist mein Ziel, des Pfeifenrauchers innigstes Bestreben allgemein. Gleichzeitig aber liegt der tiefere Sinn in der Auspr\u00e4gung einer Disziplinierung, wie bereits erw\u00e4hnt, die Gifte, die ja wie Laster den Tugenden beigemischt scheinen, zu m\u00e4\u00dfigen, um sich ihrer, gewisserma\u00dfen als Trost im st\u00e4ndigen Kampf gegen die \u00dcbel des Daseins, zu bedienen.<br \/>\nIch blase schwere Rauchwolken vor mich hin und bin verz\u00fcckt vom Flair des Duftes. Wenngleich selber rauchen leider auch verminderte Wahrnehmung der Raumnote bedeutet. Die Raumnote ist es, die sich dem Passivraucher wesentlich intensiver, gleichsam als der wahre Charakter des Aromas in seiner urspr\u00fcnglichsten Form offenbart. Intensiver als man selbst in der Lage ist, sie zu erfahren. Eine Tatsache, wenn auch bedauerlich. Aber es st\u00f6rt mich nicht weiter, habe ich doch immerhin das individuelle Vergn\u00fcgen warmen, wohlgeformten Holzes in meinen H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Zeit gekommen, zur Flasche zu greifen und vorsichtig nachzugie\u00dfen. Bei den 24 Gramm war ich heute schon einmal angelangt, durchschie\u00dft mich der Gedanke. Nichtsdestotrotz ziehe ich ma\u00dfvoll an der Pfeife und nehme einen Schluck vom Glas. Die Harmonie zwischen dem Tabakrauch und dem Whiskygeschmack ist wahrhaft \u00fcberw\u00e4ltigend. Ja, jetzt sp\u00fcre ich sie, die M\u00fcdigkeit. Meine Beine f\u00fchlen sich schwer an, die Eingeweide durchzieht ein warmer Schauer. Jetzt ein Nickerchen w\u00e4r\u00b4 nicht schlecht, denke ich.<\/p>\n<p>Als mein Stapel Manuskriptbl\u00e4tter durch eine unachtsame Bewegung vom Schreibtisch auf den Boden knallt, erwache ich j\u00e4h. Der Bildschirm meines Laptops verdunkelt, in Schlafstellung wie ich selbst. Es mochten gut zwei Stunden vergangen sein, die ich in meinem Arbeitssessel d\u00f6send verbracht habe. Als ich die Bl\u00e4tter m\u00fchsam vom Boden auflese, f\u00e4llt mein Blick auf einen Buchtitel, \u201eDer vollen Br\u00fcder Orden\u201c, und muss hellauf lachen.<br \/>\nJetzt erinnere ich mich, ja, ich hatte einen Traum gehabt, ich w\u00e4re nach einem gewaltigen Rausch erwacht, irgendwann im Mittelalter, so kam es mir zumindest vor, und irgendwo im Gastzimmer einer Schenke. Mein Kopf brummte vom schweren Wein, den ich die Nacht \u00fcber getrunken hatte. Dennoch bestellte ich eine neue Kanne roten Weines, nachdem mich der Wirt aufmunternd einen treuen Diener Bacchus\u2018 bezeichnet hatte.<br \/>\nIch lalle irgendetwas vom S\u00e4uferlohn, von Krankheit und dem qualvollen Tod. Ich bin Bacchus, merke ich, inmitten einer illustren Gesellschaft, w\u00e4hrend mich der Teufel an einer Kette festh\u00e4lt. Um uns herum toben Schweine, Affen und K\u00e4lber. Unter den Tischen bl\u00f6ken Schafe, deren Hirten an der Schank stehen und einen Becher nach dem anderen leeren.<br \/>\nEin Weinspiel ist\u00b4s. Eine irrationale Kneipenszene im Wirtshaus \u201eZur blauen Ente\u201c, wie ich an einem bemalten Holzbalken zu erkennen vermag. Rings um mich all die Tiere, die frei herumlaufen. Komische Typen in merkw\u00fcrdigen Gew\u00e4ndern, die mir mit ihren Gl\u00e4sern zuprosten. Einer, der donnernd gegen das Saufen poltert. Dr\u00fcben in der Ecke ein Pfaffe unter Weinbauern mit blauen Sch\u00fcrzen, die in heftigen Reden den Wein in Schutz nehmen m\u00f6chten, indem sie seine Vorteile loben. Ich selbst, Gott Bacchus, doziere immer noch \u00fcber den S\u00e4uferlohn, und wie ich mein Reich stets durch die wachsende Zahl meiner J\u00fcnger st\u00e4rke. T\u00e4glich w\u00fcrden die Reihen meiner Diener l\u00e4nger.<br \/>\nAn der Wand hinter mir h\u00e4ngt ein Holzschnitt, auf dem ich als Kind abgebildet bin, ein Gesetzesbuch in H\u00e4nden. Soeben geleite ich meine Anh\u00e4nger zum Teufel hin, eine ausgelassene Gesellschaft, mit Schweinssch\u00e4deln, Eselsohren und G\u00e4nse- als auch B\u00e4renk\u00f6pfen. Satan selbst, an dem Treiben h\u00f6chst erfreut, \u00fcbt sich in Ratschl\u00e4gen \u00fcber das Saufen, und dar\u00fcber, dass der Wein mehr vermag als der Opfertod Christi. In einer anderen Szene bin ich meiner Gottschaft enthoben und zum gichtigen Alkoholiker degradiert, den Wein anklagend, der letztendlich von seiner Schuld freigesprochen wird.<\/p>\n<p>Ich reibe mir die vom Schlaf noch halb geschlossenen Augen. Ab welchem Zeitpunkt ist man Alkoholiker?, beginne ich mich zu fragen. Die paar Schlucke t\u00e4glich? Das kann doch nicht sein! Zugegeben, manchmal habe ich die ersten Gl\u00e4ser rasch geleert. Und hat es allzu lang gedauert, bis sich bei mir der gew\u00fcnschte Effekt eingestellt hat, bin ich umgestiegen. Was das hei\u00dft? Nun, vom Wein zum Schnaps, ist doch ganz einfach. Sollte unter meinen Freunden einmal die Rede von der Trunksucht sein, vermeide ich es tunlichst, mich zu outen. Im Gegenteil, ich mache Witze dar\u00fcber, ziehe die Sauferei ins L\u00e4cherliche oder so.<\/p>\n<p>Jetzt brauche ich einen Schluck vom Glas. Ist noch genug drinnen. Ach, ich verga\u00df, ich hatte ja davor etwas geschlafen. Und \u00fcberhaupt, was soll das? Ich benehme mich ja so, als h\u00e4tte ich Schuldgef\u00fchle wegen der Sauferei. Obwohl, jeder tut es. Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, \u00fcber Tiere in den Tropen. Es gab da einen Mangobaum. Die Mangos waren alle \u00fcberreif und lagen auf dem Boden herum, bereits im G\u00e4rungsprozess. Eine Horde Affen hatte sich dar\u00fcber hergemacht. Die wussten genau, was in diesen Fr\u00fcchten steckt. Und alle waren besoffen. Die einen schlugen Purzelb\u00e4ume, die anderen bewegten sich im Zickzack oder kugelten ganz einfach auf dem Boden herum. Ziemlich menschlich haben sie ausgesehen in ihrem Dusel. Na und?<br \/>\nWenn du hier zum Internisten gehst, fragt er dich, trinken Sie? Was muss man antworten, damit man seine Ruhe hat? Gelegentlich. Gut, sagt der dann, aber ihre Leberwerte sind irgendwie auff\u00e4llig. Womit die Sache oft auch schon beendet ist. Gott sei Dank! Ja ja, nat\u00fcrlich habe ich oft dieses \u2013 dieses Verlangen nach mehr. Ich habe alles im Griff. Meine Freunde sehen mich manchmal so sonderbar an, wenn ich das f\u00fcnfte Bier bestelle. Ich beobachte das immer \u00f6fter. Dann sage ich, es w\u00e4re meine Sache, nicht? Wenn ich will, h\u00f6re ich einfach damit auf, verstanden?<br \/>\nVor zwei Jahren habe ich von heute auf morgen drei Monate keinen Schluck getrunken. Aber derzeit will ich trinken, und es ist mir egal, versteht ihr? Ja, es \u00e4rgert mich ma\u00dflos, wenn sie sagen, dass ich zu viel trinke. Weil\u00b4s nicht stimmt, deshalb! Und dass man am Abend mit mir nichts mehr anfangen kann, sagen sie. Bl\u00f6dsinn. Bin eben zu m\u00fcde, das ist alles. Interessiert mich eben derzeit nichts. Muss es?<br \/>\nStattdessen tr\u00e4ume ich gerne vor mich hin. Ist das vielleicht verboten? In einer Welt, die so aussieht, wie sie derzeit aussieht? Mit den verdammten V\u00f6lkermorden in Afrika, am Balkan, im Nahen Osten? Und die Griechen? Die Portugiesen? Die Italiener? Ist das alles nichts? Wer wei\u00df, was noch alles kommt? Da soll man nicht ab und zu einen zu sich nehmen d\u00fcrfen, wie?<\/p>\n<p>Wie soll man denn die ganze Schei\u00dfe aushalten ohne Alkohol? Ein Kiffer will ich ja schlie\u00dflich nicht werden, oder? Ich schenke ganz einfach nach. Es nervt mich, mich st\u00e4ndig vor anderen rechtfertigen zu m\u00fcssen, warum ich trinke. Ehrlich! Ich habe mir ein Lager angelegt. Lauter herrliche Dinge. Biere, Whiskies, Gin, Cognac, Port, Wodka und so weiter. Vom Feinsten. Schlie\u00dflich bin ich ja kein Sozialfall. Ich lache still in mich hinein. Ich geh\u00f6re nicht zu den Tetrapack- oder Dopplertrinkern, sage ich mir.<br \/>\nUnd meine kleinen Panikattacken zwischendurch gehen niemanden etwas an. Nehm\u00b4 ich eben einen Schluck aus dem Flachmann, dann geht\u00b4s gleich wieder besser. So ist das eben! Das nimmt mir die Angst. Die Angst vorm Leben, vor der Arbeitslosigkeit, davor, zu versagen. Ist doch gut, dass das so funktioniert, oder? Blo\u00df die Sache mit meinen Augen st\u00f6rt mich etwas. Irgendwie alles verschwommen. Ich versuche, mein Manuskript zu entziffern. Etwas weiter weghalten? Ja, so ist es besser. Ein kleiner Schluck dazwischen.<\/p>\n<p>Mein Traum f\u00e4llt mir wieder ein. Tr\u00e4ume ich eben noch? Keine Ahnung.<\/p>\n<p>Dem Onkel haben sie auch den Alkohol verboten, nach seinem Schlaganfall. Seither lacht er nicht mehr. Sitzt nur mehr teilnahmslos rum, randvoll mit Medikamenten. Beruhigungsmittel oder so. Das macht Sinn. Die Korbflasche dort auf dem Bild zieht mich ungeheuer an, sage ich mir. Warum eigentlich? Chianti m\u00fcsste drinnen sein. Wie damals, als wir auf dem Gut nahe Siena waren, Ostern neunzehnhundertund? Wei\u00df nicht mehr. Der G\u00e4rtner stellte uns jeden Morgen eine solche Flasche, mit Bast umwickelt, vor die Treppe zum Eingang. Vierzehn Volumsprozent Alkohol! Unser Schlummertrunk. Oft kriegte ich nicht einmal das zweite Glas leer, schon war ich sanft entschlummert. Habe die Abendzeche nicht zu Ende gebracht. Was f\u00fcr eine Zeit! Da hat man den Wein aus Potten, aus Pinten, Kelchen, Kellen und Trinkschalen gesch\u00e4lt.<br \/>\nWie komm ich jetzt da drauf? D\u00f6se so vor mich hin. Das Manuskript rutscht langsam wieder zu Boden. He, Wirtsknecht, schenk ein! Hundesohn, verdammter! Zu meinen Zechgenossen: \u201eLasst uns vom Trinken parlieren! Was war zuerst?\u201c, rufe ich, \u201ewar\u00b4s der Durst oder war\u00b4s der Trank?\u201c Die anderen gr\u00f6len und jubeln. Nur nicht den Mut sinken lassen. So singt, dass keiner trinke! Und trinkt, dass keiner singe! So ein Schwachsinn! Wo gel\u00f6scht wird, muss es gebrannt haben, wie? Was, ein so kleines Glas? Was soll der Fingerhut, mein Freund?<br \/>\nEin Film schiebt sich vor meine nebelige Erinnerung. H\u00e4uptling F\u00fcnff\u00e4sser verhandelt mit dem Whiskyh\u00e4ndler. Er soll ihm drei Wagen Whisky geben, oder er w\u00fcrde ihn nicht passieren lassen. \u201eHolt Orakeljones!\u201c, rufen die M\u00e4nner. \u201eJa, holt Orakel, der wird uns sagen, was wir tun sollen!\u201c, schallt es aus der Menge. Der Mann wird geholt. Ein Typ, kahlk\u00f6pfig, Vollbart, leerer Blick. \u201eWas siehst du?\u201c, fragt einer. \u201eJa, sag uns, wie der Winter wird!\u201c, fordern ihn die anderen auf. Einer f\u00fcllt ihm sein Glas mit Whisky. Orakel leert es mit einem Schluck. \u201eDie Bisons fressen wie verr\u00fcckt. Die Eichh\u00f6rnchen und Biber sammeln ungew\u00f6hnlich viele Vorr\u00e4te. Oben am Pass liegt bereits der erste Schnee. Wenn wir jetzt keine Wagenlieferung mehr bekommen, m\u00fcssen wir den Winter \u00fcber ohne Whisky auskommen!\u201c Er trinkt ein zweites Glas mit einem Schluck.<\/p>\n<p>Blankes Entsetzen macht sich unter den M\u00e4nnern breit. Ich schrecke hoch. Was? Kein Whisky mehr da? M\u00fchsam rapple ich mich hoch und schiebe meine Hand unter das Regal vorm Fenster. Alles noch da. F\u00fcnf Flaschen hier, drei andere lagern im Kleiderschrank. Kein Grund zu Panik. Es ist vorgesorgt. Ich muss mir keine Sorgen machen. Die Kiste Bier ist unten im K\u00fchlschrank eingek\u00fchlt. Was soll mir noch passieren? Tabak ist auch genug da. Gerettet! Alles in Ordnung. Alles wird gut. Orakel nimmt jetzt die ganze Flasche. Er hebt sie zum Mund und setzt sie an. \u201eIch sehe eine Wagenladung Whisky kommen. F\u00fcnf, zehn\u201c, er macht eine Pause, trinkt, \u201ezwanzig, drei\u00dfig, vierzig Wagenladungen!\u201c Die Menge jubelt. Ich bin wohl etwas eingenickt. Egal.<\/p>\n<p>Wie ich diese Kerle verstehe, ehrlich, ich mag sie! John Wayne, meine G\u00fcte! Ich muss einfach trinken, weil ich zu feige bin, mich auf direktem Wege ins Jenseits zu bef\u00f6rdern, oder? Ich lache laut. Oder weil mir der Mut fehlt, mein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Alkohol ist mein Notventil. Mein Ruhekissen. Meine Flucht vor mir selbst. Beim Trinken nehme ich mich aus der Verantwortung, f\u00fcr alles! Und alles wird dabei relativ, nicht mehr so wichtig. Frisst mich nicht so auf wie Alltag, Arbeit, Beruf und solche Sachen. Und ich bin in prominenter Gesellschaft. Die Typen von vorhin Gottfried Keller, E. T. A. Hoffmann und so, sp\u00e4ter Joseph Roth, Maler wie van Gogh, Henry Miller zum Beispiel. Was, der auch? Oder Oscar Wilde, Churchill mit der dicken Zigarre und so weiter.<br \/>\nDann kann ich ja noch was trinken, oder? Ich tu\u00b4s.<\/p>\n<p>Wo war ich doch gleich? Ah, genau, beim zu kleinen Glas. Schlie\u00dflich wollen wir Geschirr, bei dem man sich nicht gleich die Zunge anst\u00f6\u00dft. Ein Glas so gro\u00df wie ein Latz. Das ist die Vorstufe zum Wahnsinn, kommt mir in den diffusen Sinn. Der Wirt ist der Best\u00b4, ist voller als die G\u00e4st\u00b4! Der Wein macht keinen stumm, oder? Holt Wein, wir sollen fr\u00f6hlich sein! Wir trinken drum den guten Wein, die Sorgen zu vertreiben. Er setzt das Gl\u00e4schen an den Mund und trinkt es aus bis an den Grund, rezitiere ich.<br \/>\nEin wenig macht mir meine Zunge Schwierigkeiten, die Worte korrekt zu artikulieren. Aber das kommt von der M\u00fcdigkeit. Ich g\u00e4hne. Da haben wir\u00b4s. Schon Zeit f\u00fcrs Bett? Unm\u00f6glich!<\/p>\n<p>Langsam aber sicher habe ich wohl genug, meine ich. Mein Denken f\u00fchlt sich an wie in einem dumpfen, tiefen Kanal. Links und rechts f\u00e4llt mir nichts ein, keine Assoziationen, nichts. Auch gut. Beim Schlafen brauche ich nicht zu denken! Vor mir Dr. Schiwago, wie er mir einen Gummischlauch in den Mund schiebt, obendrauf ein Trichter, in den der Unmengen Wasser aus einem Krug sch\u00fcttet, in den er vorher ein kleines Fl\u00e4schchen entleert hatte, welches er aus seiner Instrumententasche genommen hatte. Man will mich gewaltsam ausn\u00fcchtern! Eine Magensp\u00fclung! Das ist doch alles l\u00e4cherlich! Ich f\u00fchle Wut aufsteigen, gepaart mit Ersch\u00f6pfungs- und Angstzust\u00e4nden.<br \/>\nSchei\u00dfe! Mir geht\u00b4s schlecht. Ich versuche, aufzustehen. Es gelingt nicht. Ich rei\u00dfe mir die Decke von den Beinen. Ich erwache. Kann mich an nichts erinnern. Wo bin ich eigentlich? Alles dreht sich um mich. Einmal von links nach rechts, dann von vorne nach unten, o Gott o Gott! Ich muss erbrechen!<br \/>\nJemand ruft nach Butyrophenon. Was soll das sein? Wenn ich l\u00e4ngere Zeit nichts trinke, also, das kommt kaum vor, oder? Wenn ich also l\u00e4ngere Zeit nichts trinke, beginnen immer meine H\u00e4nde zu zittern und ich fange an zu schwitzen. Gr\u00e4ulicher Zustand, das! Dann bin ich reizbar wie ein bengalischer Tiger. Ich schlafe unruhig, wenn \u00fcberhaupt und seit geraumer Zeit kommt mir vor, als w\u00e4re ich mir selber fremd. Besonders dann, wenn ich an gro\u00dfen Pl\u00e4tzen stehe, von denen aus ich manchmal nicht mehr weiter wei\u00df. Als h\u00e4tte ich irgendwie die Orientierung verloren, obwohl ich jeden Tag dort vorbeikomme. So was Dummes!<\/p>\n<p>Ich meine, ich werde alt. Irgendwie verwirrt. Das ist ganz normal. Aber dieses Zittern bereitet mir Sorgen. Unl\u00e4ngst habe ich schon vor dem Fr\u00fchst\u00fcck einen kleinen genommen. Danach waren meine H\u00e4nde ruhig. Na also! Man muss sich nur zu behandeln wissen, sage ich immer. Trotzdem, komische Situation das, wer trinkt, gilt hierzulande gewisserma\u00dfen als normal. Trinkst du nicht, betrachten sie dich als abartig.<br \/>\nAch, dann ist da noch dieses Kribbeln in den Beinen! Ich kratze und kratze schon die l\u00e4ngste Zeit und es wird nicht besser! Jetzt werden mir die Augen wieder schwerer und schwerer. Mein Kopf sinkt nach vorne. Nur noch ein letzter kleiner Schluck, einer noch, ein allerletzter.<\/p>\n<p>Wegen der argen Schmerzen in meinen Armen und Beinen f\u00e4llt es mir schwer, wirklich einzuschlafen. Vielleicht eine Viertelschlaftablette? Mit einem Schluck Whisky wirkt sie viel schneller. Dann brauche ich mich um nichts mehr zu k\u00fcmmern, bin weg, geh mir selber nicht mehr auf die Nerven, mache Urlaub vom Ich.<br \/>\nSchwei\u00dfausbr\u00fcche und Herzrasen befallen mich. Durch Sehschlitze erkenne ich fahl die Umrisse Udo Lindenbergs, der sich vor mir auf dem Boden windet und in meinen Ohren verklingen seine Worte: Wieder geht ein Tag zu Ende und die D\u00e4mmerung zieht rauf, leise zittern ihm die H\u00e4nde und der S\u00e4ufermond geht auf \u2026 gib mir noch ein kleines Gl\u00fcck, meine Nerven, die sind, ach, die sind heut\u00b4 wieder\u2018 n bisschen schwach\u2026mach mich bitte wieder wach \u2026 und der Whisky \u2013 der zieht runter und sein Blut wird schnell und warm, und jetzt nimmt ihn Lady Whisky ganz z\u00e4rtlich in den Arm\u2026 lass uns beide, du und ich, erstmal richtig einen saufen\u2026 und die Zimmerdecke hebt sich, und die W\u00e4nde brechen ein, auf dem Boden leere Flaschen, und er wieder so allein\u2026 in den Ohren ist ein Sirren und im Herzen ist ein Schlag, alle Fenster klirren, dieses Zimmer ist ein Sarg \u2026 aus dem Fenster zu den Sternen nur: Die kann er nicht mehr seh\u2018n, und in dunkler Wolkenferne scheint fahl der S\u00e4ufermond\u2026 ein Mann lag in seinem Zimmer\u2026 mit den Nerven wurd\u00b4 es schlimmer\u2026 jede Nacht \u00b4ne neue Qual, dieses Leben ist so arm \u2013 ferngesteuerte Qu\u00e4lerei, \u00f6ffne die Flasche Numero drei\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"s\u00fcffig\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=1490\">s\u00fcffig<\/a> | Inventarnummer: 15072<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich zwischendurch an einem Glas Single Malt nippe, krame ich in meinen B\u00fcchern und Manuskripten. \u00dcbrigens nicht uninteressant, der Geschmack, angenehm duftendes Bouquet \u2026 ist es Birne? Walnuss oder Eiche? Oder gar alles zusammen? 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