{"id":270,"date":"2013-11-28T08:03:51","date_gmt":"2013-11-28T08:03:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=270"},"modified":"2014-03-25T12:41:30","modified_gmt":"2014-03-25T12:41:30","slug":"stams-in-tirol-12-august-1643","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=270","title":{"rendered":"Stams in Tirol, 12. August 1643"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts270&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts270&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Georg Matth\u00e4us Vischer wurde vom fr\u00fchen L\u00e4uten der Kirchenglocke aus dem Schlaf gerissen und richtete sich \u00e4chzend auf. Ein weiterer Tag in br\u00fctender Sonne und mit harter Feldarbeit lag vor ihm. Nicht zu vergessen das erste Morgengebet, zu dem er p\u00fcnktlich zu erscheinen hatte. Er f\u00fchlte sich wie ger\u00e4dert, ein Sonnenbrand auf dem R\u00fccken hatte ihn zum Schlafen in ungewohnter Bauchlage gezwungen, was er jetzt schmerzhaft in seiner Nackenmuskulatur zu sp\u00fcren bekam. Von den Muskelschmerzen in den Waden und im gesamten R\u00fccken ganz zu schweigen. So hatte er sich das Leben im Kloster wahrlich nicht vorgestellt!<\/p>\n<p>Seine Mutter hatte ihm dazu geraten, so lange wie m\u00f6glich im Kloster zu bleiben. Der Abt war stets erpicht, Novizen anzuwerben. Bis er das richtige Alter dazu hatte, war er daher gern geduldet, obwohl seine Mutter schon l\u00e4ngst kein Kostgeld mehr f\u00fcr ihn zahlte und seine Schuljahre bereits vorbei waren. Der Abt wusste ihn jedoch weiter ans Kloster zu binden, gab ihm eine eigene Kammer, kleine Gelegenheitsarbeiten, ja er lie\u00df ihn im Winter sogar in der Bibliothek mithelfen. Georg nutzte diese Gunst meist aus, um zu lesen und sein Interesse f\u00fcr Geografie zu stillen. Er war mehr Leser als Bibliotheksgehilfe, was der stiftseigene Bibliothekar meist mit g\u00f6nnerhaftem Kopfsch\u00fctteln zur Kenntnis nahm. Zu Georgs Gl\u00fcck war dieser keiner von der Sorte, die andere beim Abt schlecht machten.<\/p>\n<p>Heute war aber an Lesen nicht zu denken, denn Georg war den M\u00f6nchen als Erntehelfer zugeteilt. Die weitl\u00e4ufigen Kornfelder rund um das Klosterareal zogen sich an den goldgelben, leicht ansteigenden H\u00e4ngen bis zum Fu\u00df des niedrigen, dicht bewaldeten Vorgebirges hin.<br \/>\nErst dahinter ragten die gro\u00dfen Berge auf, denen er mit geh\u00f6rigem Respekt gegen\u00fcberstand, seit er einmal auf einem seiner Vermessungsg\u00e4nge in ein Gewitter geraten war und unter einem Felsvorsprung \u00fcbernachten hatte m\u00fcssen. Nie w\u00fcrde er die schaurigen Blitze vergessen und wie der Donner in den Bergen widerhallte, immer und immer wieder.<\/p>\n<p>Zu f\u00fcnft nebeneinander stehend, mussten sie sich gegenseitig gen\u00fcgend Raum geben, um den Schwung der Sense ausreichend weit setzen zu k\u00f6nnen und so m\u00f6glichst viel Korn zu erwischen. Am Anfang machte Georg den Fehler, zu tief ins Feld hinein zu m\u00e4hen, mit dem Ergebnis, dass die Sense immer wieder stecken blieb und er neuerlich Schwung holen musste. Heute \u2013 am dritten Erntetag in Folge \u2013 hantierte er bereits mit gro\u00dfer Routine. Die abgeschnittenen Getreidehalme wurden sofort in einer m\u00f6glichst geraden Linie aufgelegt und von anderen, meist \u00e4lteren M\u00f6nchen zu Garben zusammengefasst. Mehrere davon wurden dann stehend zum Trocknen gegeneinander gelehnt und oben grob zusammengebunden.<\/p>\n<p>Georg schwitzte und \u00e4chzte unter der einseitigen Bewegung des M\u00e4hens, und als nach zwei Stunden die beiden M\u00e4dchen mit den K\u00f6rben und Kr\u00fcgen kamen, war endlich eine Pause in Sicht. Sie hatten sich die R\u00f6cke etwas nach oben gerafft, um die Hitze besser zu ertragen, obwohl das im Beisein von M\u00e4nnern als besonders unziemlich galt. Im Schatten der B\u00e4ume genossen die ersch\u00f6pften Erntehelfer Most und Brot. Jeder erhielt ein ordentliches St\u00fcck geselchtes Fleisch. Georg sa\u00df an einen Baum gelehnt und gab sich noch einem anderen Genuss hin \u2013 er betrachtete ziemlich ungeniert die braungebrannten Waden der M\u00e4dchen, die plaudernd und lachend damit besch\u00e4ftigt waren, Brot und Getr\u00e4nke zu verteilen. Als sich eine der beiden tief zu ihm herunterbeugte, konnte er genau in ihren offenen Ausschnitt sehen. Nach einem langen Moment sah er erschrocken zu Boden. Sich Frauen zu n\u00e4hern, war ihm streng verboten. Sie bemerkte wohl sein Unbehagen, denn sie zwinkerte neckisch und fl\u00fcsterte ihm zu: \u00bbNa, na, h\u00f6chste Zeit, dass du einmal eine Frau aus der N\u00e4he siehst. Sonst wei\u00dft du ja nicht, was dir entgeht.\u00ab<\/p>\n<p>Gerade als Georg endlich etwas eingefallen war, was er h\u00e4tte erwidern k\u00f6nnen, kam in einer riesigen Staubwolke eine kleine Gruppe Soldaten des Weges. F\u00fcnf waren es, und sie blieben stehen. Das Interesse der M\u00e4dchen verlagerte sich augenblicklich zu ihnen. Sie gaben ihnen zu trinken und sch\u00e4kerten eine Zeit lang, bevor die M\u00e4nner weiterritten. Einer rief noch laut in Georgs Richtung: \u00bbDas Milit\u00e4r sucht noch M\u00e4nner, die reiten und k\u00e4mpfen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Georg \u00e4rgerte sich dar\u00fcber, dass die M\u00e4dchen dann in Gegenwart der M\u00f6nche \u00fcber die Soldaten redeten, als w\u00e4ren sie unter sich. Die schmucken Uniformen hatten es ihnen angetan, die S\u00e4bel und wei\u00df Gott was noch, alles an diesen Soldaten schien spannend und aufregend. Und sie sprachen und kicherten noch eine ganze Weile dar\u00fcber, w\u00e4hrend sie sich daran machten, Fallobst in einem Korb zu sammeln. Georg war richtig froh, wieder an die Arbeit gehen zu k\u00f6nnen und noch mehr \u00fcber die rasch heranziehenden grauen Wolken, die Regen und folglich einen kurzen Arbeitstag verhie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn das sein Vater w\u00fcsste, der bis zu seinem Tod die Verwaltung des klostereigenen Getreidespeichers \u00fcbergehabt hatte. Wenn er w\u00fcsste, dass Georg jetzt daf\u00fcr sorgte, dass das Korn in den Speicher kam. Was w\u00fcrde er wohl dazu sagen? W\u00fcrde er verstehen, dass sein Sohn nicht zufrieden mit der jetzigen Situation war, dass er gern etwas von der Welt sehen und etwas Neues lernen wollte? So wie die Soldaten, ja, genau so. Das war es! Das Auftauchen der Berittenen war ein Fingerzeig des Schicksals, Soldat wollte er werden! Uniform und Waffen w\u00fcrden ihm gut zu Gesicht stehen. Und beim Milit\u00e4r gab es immer etwas zu messen und zu berechnen. Dass ihm das nicht schon viel fr\u00fcher eingefallen war?!<\/p>\n<p>\u00bbGeorg, so pass doch auf, deine Sense ger\u00e4t ja schon fast an meine Kn\u00f6chel! Wo bist du nur mit deinen Gedanken?\u00ab Der neben ihm arbeitende Klosterbruder wies ihn mit einem zornigen Aufschrei zurecht. Bei einem Unfall mit der Sense konnten immerhin schlimme Verletzungen entstehen. Doch es gelang Georg nur schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, so sehr kreisten seine Gedanken um diese Idee, die im Lauf des Nachmittags immer mehr zu einem festen Vorhaben heranreifte.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, nach der Schlussandacht, w\u00fcrde der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Georg Matth\u00e4us Vischer das Kloster Stams heimlich verlassen, um sich den Soldaten anzuschlie\u00dfen und in den Krieg zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0Auszug aus dem Roman: <a title=\"Vischers Vermessenheit: Salzburg, Pustet 2013\" href=\"http:\/\/www.pustet.at\/Vischers-Vermessenheit_55_p266.html\" target=\"_blank\">Vischers Vermessenheit, Salzburg, Pustet, 2013<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 13031<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Matth\u00e4us Vischer wurde vom fr\u00fchen L\u00e4uten der Kirchenglocke aus dem Schlaf gerissen und richtete sich \u00e4chzend auf. 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