{"id":2697,"date":"2015-05-30T10:17:40","date_gmt":"2015-05-30T10:17:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2697"},"modified":"2015-06-03T17:40:17","modified_gmt":"2015-06-03T17:40:17","slug":"schwedenplatzpartie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2697","title":{"rendered":"Schwedenplatzpartie"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2697&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2697&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich sag dir gleich einmal vorweg, dass die Geschichte nicht spannend wird. Ja, du bist gemeint, der Leser. Wie soll sie auch spannend werden? Ich bin ein Jungautor, der glaubt, als Einziger zu wissen, was wirklich Sache ist und das der ganzen Welt mitteilen zu m\u00fcssen, weil alle anderen selbstverst\u00e4ndlich zu bl\u00f6d sind, um selbst draufzukommen. Somit werde ich Themen behandeln, von denen ich glaube, dass sie noch nie erw\u00e4hnt bzw. niedergeschrieben wurden, weil ich ja der Einzige bin, der die Welt wirklich richtig sieht, und alle anderen ziellos durchs Leben taumeln.<br \/>\nWenn man dann von dieser Phase ein wenig Abstand hat, bemerkt man ganz erstaunt, dass alle anderen im gleichen Alter dasselbe denken und erschrickt \u00fcber die Tatsache, wie jemand, der nur so kurze Zeit auf der Welt ist, glauben kann, alles besser zu wissen und \u00e4rgert sich \u00fcber die Engstirnigkeit und Bl\u00f6dheit der anderen und wie falsch deren Betrachtung des Lebens ist und wie einfach es nicht w\u00e4re, wenn diese Menschen die Ansichten von einem selbst h\u00e4tten und\u2026\u2026..<br \/>\nManche kommen nie dar\u00fcber hinweg. Egal, ich muss dir was erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Das ist jetzt schon bisschen l\u00e4nger her. Also es war Freitagabend und ich bin zu Hause gesessen und war mir nicht sicher, ob ich rausgehen soll oder nicht. Vor allem allein ist das meistens irgendwie nicht so ganz das, was man sich vorstellt, also w\u00e4re es praktisch, jemanden anzurufen. Nur wen? Da geht man dann im Kopf alle m\u00f6glichen Kandidaten durch und entdeckt bei jedem irgendeinen schwerwiegenden Nachteil, den man sich ein andermal vielleicht, aber heute sicher nicht geben m\u00f6chte, wobei umgekehrt w\u00e4re unter Umst\u00e4nden\u2026<br \/>\nMein Handy klingelt und ich h\u00f6re meinen quirligen Freund Andi aus dem Handy plappern: \u201eHallo Peter. Wie geht\u2019s? Sitzt schon wieda daheim? Das kann\u2019s jetzt aba nicht sein, heast. Najo, wuascht. Die Petra, der Markus und ich gehen am Schwedenplatz, magst mit?\u201c<br \/>\n\u201eJa, hallo. Phu\u2026 also\u2026 hm\u2026, ich wei\u00df irgendwie nicht. In welches Lokal wollts\u2019n?\u201c<br \/>\nEr: \u201eWas hei\u00dft, du wei\u00dft irgendwie nicht? Du willst doch jetzt nicht ernsthaft an einem Freitagabend allein daheim vorm PC hocken, oda? Und das mit dem Lokal is nicht so dings, wei\u00dft doch eh. Wir machen\u2019s so wie imma am Schwedenplatz, halt von einem Lokal ins andere. Also komm jetzt. Um neun bist am Schwedenplatz beim M\u00e4ci.\u201c<br \/>\nIch: \u201eJa, gut gut. Zu Befehl.\u201c Ich musste lachen und legte auf. Jetzt erst merkte ich, wie derma\u00dfen ich keine Lust hatte, zum Schwedenplatz zu fahren, um Unmengen an Geld daf\u00fcr auszugeben, dass ich \u201egut drauf\u201c bin, durch Getr\u00e4nke, die meinen K\u00f6rper gewaltsam dazu zwingen. Andererseits wusste ich, dass ich das Richtige tat. Es ist gesund und gut, regelm\u00e4\u00dfig unter Leute zu gehen und es macht auch jedes Mal Spa\u00df, aber eben erst, wenn man sich dazu \u00fcberwunden hat. Da hab ich halt in der Richtung irgendwie einen psychischen Schaden.<\/p>\n<p>Also nahm ich meine Lederjacke, schaute mich noch einmal in meiner Wohnung um, ob ich eh nichts vergessen hatte, ging raus auf den Gang, schloss die T\u00fcr und\u2026 schei\u00dfe, mein Geldb\u00f6rsel. Also wieder m\u00fchsam aufsperren und mit Geldb\u00f6rsel endlich den Weg zum Schwedenplatz mit den \u00d6ffentlichen antreten. MIT DEN \u00d6FFENTLICHEN, allein das war ja schon wieder m\u00fchsam. Nur daf\u00fcr, dass man Getr\u00e4nke trinken kann, die den Geist bet\u00e4uben, muss man den Weg zu dem Ort, an dem es diese Getr\u00e4nke gibt, auch noch unangenehmer als notwendig zur\u00fccklegen. Da zahlt man extra jedes Monat Unmengen an Geld f\u00fcr Auto und Motorrad und dann sowas. Egal, das ist es wert, weil es Menschen gibt, die sich dar\u00fcber freuen, Zeit mit mir verbringen zu k\u00f6nnen, und mich freut es ja schlie\u00dflich auch, die alle wiederzusehen, nur nicht die Umst\u00e4nde und vor allem nicht die \u00d6rtlichkeit.<\/p>\n<p>Bereits in der U-Bahn stehend, schaute ich mir die Leute an, die da sonst noch waren. Alle waren sie auf dem Weg zu einem gemeinsamen Bes\u00e4ufnis und alle schienen sie jetzt schon mehr Spa\u00df zu haben als ich den ganzen Abend. Warum tu ich mir das an? W\u00e4re ich doch gleich daheimgeblieben. H\u00e4tte mich wenigstens kein Geld gekostet. Mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Schwedenplatz aus und h\u00f6rte hinter mir die U-Bahnt\u00fcren fr\u00f6hlich tutend zugehen. Nach dem relativ langen Weg durch die kahlen unfreundlichen U-Bahng\u00e4nge endlich an der Oberfl\u00e4che angekommen, offenbarte sich mir wie jedes Mal der charmante Schwedenplatz. Wie ein Kumpel, der einem freundschaftlich den Arm um die Schulter legt, weil er sich freut, einen zu sehen. Auf dem kurzen Weg von der U-Bahnstation zum M\u00e4ci kamen mir schon unendlich viele, bereits ziemlich besoffene, Leute entgegen und ich fragte mich wie jedes Mal, ob ich, mit der gleichen Alkoholmenge intus, tats\u00e4chlich genauso wirkte, mich bewegte und aussah.<\/p>\n<p>Fast beim M\u00e4ci angekommen, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich links von mir: \u201eSCHATZIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!\u201c Ich drehte mich nach links und bevor ich noch wusste, wie mir geschah, wurde ich schon von Petra angesprungen und so liebevoll umarmt, dass Atmen nur noch unter gro\u00dfen Anstrengungen m\u00f6glich war. \u201eNa, wie geht\u2019s dir, mein Peterchen?\u201c \u201eJetzt lass mich doch einmal den s\u00fc\u00dfen, liebesfilmreifen Moment der Begr\u00fc\u00dfung genie\u00dfen und mir die Vorstellung der weiteren romantischen Szenen am heutigen Abend und unsere aufkeimende Liebe zueinander ausmalen, die sich zu sp\u00e4terer Stunde auf einem Parkb\u00e4nkchen unter diesem wie daf\u00fcr gemachten Sternenhimmel zu einem Kuss entwickelt und unsere Herzen, die sich freuen, ein Teil dieses Momentes sein zu d\u00fcrfen, kr\u00e4ftig und bestimmt schlagen zu f\u00fchlen, w\u00e4hrend sich unsere Lippen leidenschaftlich und doch sanft und gef\u00fchlvoll umschmeicheln.\u201c \u201eDu bist SOOOOOOOOOOOOOOOOOOO bl\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6d.\u201c<br \/>\nIch zwinkerte sie an, sie l\u00e4chelte zur\u00fcck und wir gingen gemeinsam zu den anderen beiden, die sich ebenfalls sichtlich freuten, mich zu sehen und mich fr\u00f6hlich begr\u00fc\u00dften. \u201eUnd du Trottel wolltest heute daheimbleiben\u201c, dachte ich mir und stellte mir vor, wie ich mich selbst von oben herab ansah, mit einem absch\u00e4tzig strafenden Blick, den ich ja tats\u00e4chlich verdient hatte.<\/p>\n<p>\u201eGeh ma danzn.\u201c \u201eNEIN\u201c h\u00f6rte ich mich schreien, bevor ich noch \u00fcber das eben Geh\u00f6rte \u00fcberhaupt nachdenken konnte. \u201eTrink das, dann is es leichter auszuhalten\u201c, h\u00f6rte ich von links und sah dann eine Eineinhalbliter-Flasche, mit nach frischem Motor\u00f6l aussehender Fl\u00fcssigkeit gef\u00fcllt, vor mir wackeln. Er k\u00fcmmert sich ja immer so lieb um mich, der gute Andi. Zuerst \u00fcberwindet er mich f\u00fcr mich selbst auf den Schwedenplatz zu kommen, durch einen Anruf, und dann erleichtert er mir das Besuchen eines Tanzlokals mit Wodkaredbull, wie sich ein paar Schlucke sp\u00e4ter herausstellte. Auch das Mischverh\u00e4ltnis war meiner Begeisterung \u00fcber den Besuch eines Tanzlokals sehr angemessen. Soll hei\u00dfen: eine Flasche Wodka, also einen dreiviertel Liter, und den Rest liebevoll aufgef\u00fcllt mit Redbull eben. Lauwarm vom st\u00e4ndigen Halten, versteht sich, und Schluck f\u00fcr Schluck brechreizverursachend.<br \/>\nNach einem gesch\u00e4tzten Viertelliter bekam ich wie durch ein Wunder pl\u00f6tzlich eine andere Einstellung zu dem heutigen Abend und alles Schreckliche, das ich mir vorher ausgemalt hatte, wurde pl\u00f6tzlich positiv und alle Nachteile l\u00e4cherlich. Ich machte gr\u00f6\u00dfere Schritte, grinste \u00f6fter und breiter und machte schlechtere Witze, die besser ankamen als die guten in n\u00fcchternem Zustand. Wenn ich genauer dr\u00fcber nachdachte, war eigentlich das gesamte Leben absolut genial und ein sehr gro\u00dfz\u00fcgiges, wundervolles Geschenk. Wie stark sich pl\u00f6tzlich meine Arme anf\u00fchlten und eigentlich mein gesamter K\u00f6rper. Ach wie gut hatte ich es denn erwischt mit meinem Leben? So viel Gl\u00fcck auf einmal geh\u00f6rt geteilt mit Menschen, die es nicht so gut haben. Ich wollte pl\u00f6tzlich der ganzen Welt helfen, ganz Afrika zu mir einladen auf selbstgekochte Spaghetti mit wundervoller selbstgemachter Sauce. Und w\u00e4hrend ich mir gerade vorstellte, wie sich meine eingeladenen G\u00e4ste aus Afrika meine Spaghetti schmecken lie\u00dfen und wie sch\u00f6n es w\u00e4re, danach dar\u00fcber zu plaudern, welche Musik ihnen gef\u00e4llt und worauf sie da h\u00f6ren, inklusive einer kleinen Vorstellung meiner eigenen, selbstgeschriebenen Lieder auf meiner E-Gitarre, stellte ich fest, dass wir bei dem Lokal angekommen waren und mir versetze es einen Stich ins Herz.<\/p>\n<p>Ich sah die Leuchtschrift und als ich panisch woanders hinschauen wollte, stach mir der T\u00fcrsteher ins Auge. Der einzige Hoffnungsschimmer, der mir noch blieb, um nicht in dieses Lokal zu m\u00fcssen. Die T\u00fcr ging selbstst\u00e4ndig auf und auf der Schwelle standen Leute, die definitiv nicht meinen Musikgeschmack teilten und mich mit einem Blick, gemischt aus Verzweiflung und Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, was sie verbrochen hatten, dass sie mich in der N\u00e4he ihres Lokals sehen mussten, anschauten.<br \/>\n\u201eWos is mit eich? Geht\u2019s eine oda schleicht\u2018s eich\u201c, sprach der herzensgute, freundliche, gutgelaunte T\u00fcrsteher, w\u00e4hrend wieder selbstst\u00e4ndig die T\u00fcr aufging und ein paar Leute mehr von den rhythmisch elektronischen B\u00e4ssen aus dem Lokal gepumpt wurden.<\/p>\n<p>Nachdem der T\u00fcrsteher schon wieder Luft holte, gingen wir schnell in dieses sympathische Lokal, um nicht daf\u00fcr geschlagen zu werden, auf freiem Wiener Grund und Boden stehen zu wollen. W\u00e4hrend ich noch die Schlusskl\u00e4nge eines DUZDUZDUZBUMBUMBUM-Liedes mit Eichh\u00f6rnchenstimme h\u00f6ren durfte, schaute ich mich um und stellte fest, dass das Lokal an sich gar nicht so unsympathisch war. Niedlich klein, mit abgefuckten Stehtischchen, einem unarroganten, nett grinsenden Barkeeper und einer von \u00fcberall leicht einsehbaren Klot\u00fcr. Jetzt war sie da, die kurze Stille zwischen einem gerade gespielten Lied und dem, das gleich losbrechen wird. Dieser Moment beunruhigte mich gar nicht, schlimmer als vorher konnte es sowieso nicht kommen, aber pl\u00f6tzlich: \u201eDo you have the time\u2026 To listen to me whine\u2026 about nothing and everything all at once\u201d, Greenday, dieses wundervolle Ph\u00e4nomen. Unter normalen Umst\u00e4nden geh\u00f6rt, eine niedliche, liebevolle, kleine Band, mit gut gemachten kommerziellen Liedern, nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, man wei\u00df, was man kriegt, aber gemischt mit Alkohol sind diese Amiburschen von nur ganz wenigen auserkorenen Bands, die man an einer Hand abz\u00e4hlen kann, zu schlagen. Gro\u00dfe Selbstbeherrschung war n\u00f6tig, um nicht jedes Wort, jedes Gitarrenriff und jedes Schlagzeugbreak mitzusingen.<\/p>\n<p>\u201eHeast Oida, SAUUUUUUUUUUUUUF\u201c, unterbrach meine Unentschlossenheit \u00fcber das Mitgr\u00f6hlen und vor mir schaukelte ein schmales langes d\u00fcnnes Brettchen mit zehn Stamperln Wodka und der tief gebr\u00e4unte Bursche, frisch aus der Steckdosenkaribik kommend, schlug mir fr\u00f6hlich lallend vor: \u201ePass auf Oida\u2026 wenn ich g\u2019winn, dann holst du die n\u00e4chstn zehn Stampaln und wenn du g\u2019winnst, dann muss ich die n\u00e4chsten holn\u2026 aba zahln muss dann imma der, der was nicht die Stampaln holt\u2026 ok, Oida?\u201c<br \/>\nF\u00fcnfzehn Sekunden sp\u00e4ter meinte er: \u201eSchei\u00dfe Oida\u2026 unentschiedn\u2026 das kann ja ua nix\u2026 na is wuascht\u2026 heast Alex? Was macht ma bei unentschieden? Doppelt? Ok\u2026 na gut Oida\u2026 dann m\u00fcss ma jetzt zwanzig kaufen.\u201c<br \/>\nIch schaute ihn lachend an und entgegnete: \u201ePaaaaaaaaaasst\u2026 du hast ja jetzt die erste Runde zahlt, g\u00f6? Ich lad dich ein auf die zwanzig.\u201c Strahlend wie ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum entgegnete er \u201eOida, na passt, Oida\u2026 bist ja da ua Leiwande Oida.\u201c<\/p>\n<p>Ich grinste ihn noch einmal an und ging so selbstverst\u00e4ndlich wie m\u00f6glich aufs Klo. Die Eingangst\u00fcr zum Klo flog hinter mir zu und die Musik war nur mehr sehr dumpf zu h\u00f6ren. Es war au\u00dfer mir niemand hier. Ich packte aus und lie\u00df rinnen und w\u00e4hrend sich meine Blase nach und nach entspannte, wurde mir klar, dass ich der gl\u00fccklichste Mensch der Welt war. Das Leben ist einfach wundervoll und vor allem mein Leben ist absolut wundervoll. Ich packte ein, ging zum Waschbecken und sah im Spiegel den wohl l\u00e4ssigsten und leiwandsten Typen auf Erden freundlich sich selbst anl\u00e4cheln. \u201eAlso dann auf zur\u00fcck in die Menge, die vermissen mich sicher schon, wer auch nicht?\u201c, dachte ich mir und als ich die T\u00fcr \u00f6ffnete, h\u00f6rte ich: \u201cd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fcd\u00fc AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH\u201c, und da hielt ich es nicht mehr aus, es musste einfach raus.<br \/>\nIch holte tief Luft und schrie so laut ich konnte: \u201eDU BIST WIRKLICH SAUDUMM\u2026 DARUM GEHT\u2019S DIR GUT\u2026 HASS IST DEINE ATTIT\u00dcDE\u2026 ST\u00c4NDIG KOCHT DEIN BLUT.\u201c<br \/>\nEin paar Leute drehten sich erschrocken zu mir um, ein paar prosteten mir freundlich l\u00e4chelnd zu und ein paar, die gerade das Lokal betreten hatten, schauten peinlich ber\u00fchrt auf den Boden.<br \/>\n\u201eALLES MUSS MAN DIR ERKL\u00c4REN\u2026 WEIL DU WIRKLICH GAR NICHTS WEISST\u2026 H\u00d6CHSTWAHRSCHEINLICH NICHT EINMAL\u2026 WAS ATTIT\u00dcDE HEISST.\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrte ich links und rechts von mir H\u00e4nde auf meinen Schultern, drehte mich erschrocken zur Seite und sah zwei Typen, die lauthals mit mir mitschrien und zu h\u00fcpfen begannen, w\u00e4hrend sich ihre Arme nun vollst\u00e4ndig um meine Schultern gelegt hatten: \u201eDeine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe\u2026 deine Springerstiefeln sehnen sich nach Z\u00e4rtlichkeit\u2026 du hast nie gelernt, dich zu artikulieren\u2026 und deine Eltern hatten niemals f\u00fcr dich Zeit\u2026 OH OH OH\u201c, und jetzt gab es nur einige Wenige, deren F\u00e4uste nicht in die H\u00f6he gestreckt waren: \u201eARSCHLOCH\u201c, jetzt lie\u00dfen mich die beiden Typen los und begannen zu pogen, also f\u00fcr die \u00e4lteren Leser als Erkl\u00e4rung: Pogen bedeutet, einander unbegr\u00fcndet zu sto\u00dfen, ohne sich anschlie\u00dfend in eine Schl\u00e4gerei verwickeln zu m\u00fcssen, was die meisten aller Jugendlichen, warum auch immer, unter anderem als lustig und am\u00fcsant empfinden und auch \u201cSpa\u00df haben\u201c nennen. Da ich allerdings aufgrund des bereits reichlichen Konsums von Alkohol nicht mehr so perfekt wie sonst das Halten meines Gleichgewichts unter Kontrolle hatte, stolperte ich, flog auf einen Tisch, schob dadurch die sich auf dem Tisch befindlichen halb gef\u00fcllten Gl\u00e4ser auf den Scho\u00df des dort Sitzenden und landete danach auch noch auf demselben.<\/p>\n<p>Aus meinen bis jetzt gemachten Erfahrungen, h\u00e4tte ich mich entweder einem direkten Schlag ins Gesicht, oder zumindest dem Androhen eines solchen, stellen m\u00fcssen, doch es passierte zuerst einmal gar nichts. W\u00e4hrend ich mich aufrappelte, murmelte ich mittelm\u00e4\u00dfig verst\u00e4ndliche Entschuldigungen in Richtung Scho\u00df des Angesch\u00fctteten, doch es kam keine Reaktion.<br \/>\n\u00dcberrascht schaute ich in das Gesicht und sah einen etwa 50-j\u00e4hrigen Mann mit gepflegten zur\u00fcckgek\u00e4mmten Haaren und einem den Mund umrandenden Bart. Ich wei\u00df den Fachbegriff leider nicht daf\u00fcr, aber ich meine diesen DJ-\u00d6tzi-Bart, nur sah das bei dem Herrn nicht prolohaft, sondern edel aus. Sein Blick war weder b\u00f6se noch belustigt, sondern ruhig, unendlich ruhig, aber mit so einer St\u00e4rke dahinter, dass es mir einen Stich ins Herz versetzte. Ich bekam Panik und den Drang, wenigstens irgendetwas zu tun, dass diese Schande ein wenig geringer werden w\u00fcrde und h\u00f6rte mich sagen: \u201eTschuldigung\u2026 das war der Dopplereffekt\u2026 h\u00f6h\u00f6h\u00f6\u201c, und als mir bewusst wurde, was ich gerade gesagt hatte, f\u00fchlte sich diese Schmach an wie ein Peitschenschlag ins Gesicht.<br \/>\nSein Blick war immer noch ruhig und gelassen. Mit sehr viel Menschenkenntnis konnte man in seinen Augen einen Hauch von einem v\u00e4terlich liebevollen: \u201eHach\u2026 der Bua\u2026 mein Gott\u201c erahnen, jedoch sonst keine Regung. Erst jetzt begann er, mit routinierten und perfektionierten Handgriffen die Gl\u00e4ser, von denen keines zersprungen war, wieder auf den Tisch zu stellen und holte ein Tuch aus der Manteltasche des Mantels, den er neben sich aufgeh\u00e4ngt hatte, heraus, das aussah, als w\u00e4re es vor f\u00fcnf Minuten erzeugt und nach allen Normen der Faltkunst, mit einer Toleranz von einem Zehntelmillimeter, gefaltet worden. Noch w\u00e4hrend er seine H\u00e4nde damit gr\u00fcndlich s\u00e4uberte, sagte ich: \u201eReinigung\u2026 ich bring das in die Reinigung.\u201c<\/p>\n<p>Er: \u201eSchon gut\u2026 ich konnte keine Absicht hinter Ihren Handlungen erkennen und sehe, dass Sie ohnehin ein schlechtes Gewissen plagt\u2026 Hinzu kommt, dass die Strapazen deutlich gr\u00f6\u00dfere w\u00e4ren, wenn Sie die Reinigung meiner Kleidungsst\u00fccke \u00fcbernehmen w\u00fcrden.\u201c<br \/>\nIch: \u201eAber irgendetwas muss ich do..\u201c<br \/>\nPetra kam zu mir gest\u00fcrmt und fragte mich mit m\u00fctterlich umsorgten Augen: \u201eIs dir eh nix passiert? Alles in Ordnung?\u201c<br \/>\nIch: \u201eJa\u2026 aber\u2026\u201c, und schaute verzweifelt in Richtung des edlen Herrn, w\u00e4hrenddessen\u00a0 Petra sagte: \u201eNa Gott sei Dank.\u201c Obwohl sie noch sprach, umarmte sie mich herzlich und fragte: \u201eDu Peter? Kann ich heute bei dir schlafen?\u201c<br \/>\nIch: \u201e\u00c4hm\u2026\u201c<br \/>\nSie: \u201eB\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00fctte\u201c, und ich sp\u00fcrte ihre warme Hand auf meiner Wange, die meinen Kopf mit sanftem Druck in Richtung ihres Gesichtes bewegte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, legte ihre H\u00e4nde um meinen Hals und ich sp\u00fcrte, wie sich ihre warmen, weichen Lippen um meine schlossen, mein Herz begann fester und schneller zu schlagen, und es breitete sich dieses wundervoll sch\u00f6ne Gef\u00fchl von St\u00e4rke, W\u00e4rme und Zufriedenheit aus, an das nur sehr wenige Dinge ann\u00e4hernd herankommen und selbst dann nicht wirklich vergleichbar sind. Wie direkt ich auf einmal sp\u00fcrte, wie gern sie mich hatte und wie leidenschaftlich sie mir genau das unter Beweis stellen wollte.<br \/>\nIch strich ihr \u00fcber ihre Wange mit der wohl weichsten Haut der Welt und l\u00f6ste meine Lippen von ihren, w\u00e4hrend sie mich mit einem Blick ansah, f\u00fcr den es keine Worte gibt, die sch\u00f6n genug w\u00e4ren, um ihn zu beschreiben. Pl\u00f6tzlich trat sie einen Schritt zur\u00fcck, nahm mich bei der Hand, nickte lieb schauend Richtung Ausgang und sagte: \u201eKomm Peter\u201c, mit einem anschlie\u00dfenden L\u00e4cheln, f\u00fcr das ich ihr am liebsten gleich nochmals um den Hals gefallen w\u00e4re. Doch w\u00e4hrend des Gehens machte sich wieder schlechtes Gewissen breit und ich rief in Richtung des edlen Herrn: \u201eEs tut mir wirklich leid\u2026 Entschuldigung\u201c, und bevor ich noch fertig gesprochen hatte, schloss er v\u00e4terlich verst\u00e4ndnisvoll seine Augen.<\/p>\n<p>Endlich drau\u00dfen aus dem Lokal, war es angenehm ruhig. Die gepflasterten Stra\u00dfen waren feucht, ohne dass jemand gemerkt h\u00e4tte, dass es geregnet hatte, und es wehte sanft und k\u00fchl der Wind. Nicht zu k\u00fchl, sondern genau richtig.<br \/>\n\u201eMir is kalt\u201c, h\u00f6rte ich von rechts neben mir und sp\u00fcrte gleichzeitig einen sanften liebevollen Rempler. Petra sah mich an wie ein kleines M\u00e4dchen, das ihre Eltern fragt, ob sie etwas naschen darf. Ich umarmte sie und sp\u00fcrte ihren Kopf auf meiner Brust, wodurch mein Herz \u00fcbernat\u00fcrlich laut und schneller als sonst zu schlagen begann. Es machte sich fast ein bisschen schlechtes Gewissen bei mir breit, weil ich mir vorstellte, wie laut es f\u00fcr sie sein musste, wenn sie doch genau mit dem Kopf auf der Brust lag. Fast ein wenig entschuldigend streichelte ich \u00fcber ihre s\u00fc\u00dfen weichen Wangen und sp\u00fcrte mit der anderen Hand, mit der ich sie umarmte, wie ihr Herz genauso laut und schnell zu schlagen begann wie meines. Da war es dann \u00fcberhaupt vorbei mit jeglichen Herzschlagbeeinflussungsversuchen. Ich schloss die Augen und merkte, wie das Gl\u00fcck vom Bauch in den Kopf stieg und stellte mir vor, wie wohl die kommenden Tage und Wochen aussehen w\u00fcrden, wie wundervoll sch\u00f6n alles sein w\u00fcrde und ob es \u00fcberhaupt noch etwas g\u00e4be, das unsere momentane Situation noch perfekter machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Bei mir zu Hause angekommen, ergab sich das letzte Puzzleteil zur absoluten Perfektion. Kaum hatte ich die T\u00fcr geschlossen, zog Petra mit beiden H\u00e4nden meinen Kopf zu ihrem und k\u00fcsste mich mit einer derartigen Leidenschaft, dass mir praktisch nichts anderes \u00fcbrig blieb, als sie von ihrem eng anliegenden Top (ich wei\u00df jetzt nicht, ob das der richtige Fachbegriff daf\u00fcr ist, aber ich meine diese eben eng anliegenden Leibchen mit den Spaghettitr\u00e4gern) zu befreien. Zwei Sekunden d\u00fcrfte ich das Top zu lang gehalten haben, schon nahm sie es mir bestimmt aus der Hand und warf es mit einer l\u00e4ssigen Bewegung aus dem Handgelenk quer durch meine Wohnung. Ungeduldig riss sie mir die Kleider vom Leib, fast ein bisschen grob. Kaum wollte ich zu ihrem kurzen Faltenr\u00f6ckchen greifen, hatte sie es auch schon ausgezogen, ihre Arme um meinen Hals gelegt, mich so zum Bett gef\u00fchrt, sich nach hinten fallen lassen und ihre Beine um meine H\u00fcfte geschlossen\u2026<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen (15:40) wachte ich auf und sp\u00fcrte gleich einmal leichte muskelkater\u00e4hnliche Schmerzen auf der Oberschenkelinnenseite. Ich schaute mich verschlafen um und sah Petra vollkommen angezogen auf einem Sessel vor dem Bett sitzen. Kein \u201eGuten Morgen\u201c sondern ein vorwurfsvolles \u201eDu hast ja \u00fcberhaupt nix daheim.\u201c bekam ich zu h\u00f6ren. \u201eIs aba eh wuascht\u2026 Ich muss sowieso gleich gehen\u2026 Ich treff mich n\u00e4mlich mim Bernhard\u2026 der is sooooooooooo s\u00fc\u00df.\u201c<br \/>\nIch setzte mich auf und zog die Augenbrauen hoch: \u201eWas f\u00fcr ein Bernhard?\u201c<br \/>\nPetra setzte einen Blick auf wie eine Mutter, die ihr Kind an das Lernen f\u00fcr die Schule erinnert: \u201eDas hab ich dir doch eh erz\u00e4hlt\u2026 Ich glaub, mit dem k\u00f6nnt\u2018s wirklich was werden\u2026 Ich bin schon total aufgeregt.\u201c<br \/>\n\u00c4rger stieg in mir hoch: \u201eUnd was is mit letzter Nacht?\u201c<br \/>\nMit einem Gesichtsausdruck, wie wenn ich gerade behauptet h\u00e4tte, dass eins plus eins drei sei, sagte sie: \u201eJa, wir war\u2018n betrunken\u2026 kann ja amal passiern\u2026 du ich muss jetzt wirklich gehen\u2026 also tsch\u00fcss\u2026 wir sehn uns.\u201c<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte die T\u00fcr klacken und f\u00fchlte mich, wie wenn jemand meine Eingeweide in eine Schrottpresse getan, anschlie\u00dfend angez\u00fcndet und darauf herumgetreten h\u00e4tte. Alle Gedanken, die mir in dem Moment durch den Kopf gingen, stie\u00dfen aneinander, wie Autos bei einem Auffahrunfall auf der Autobahn.<\/p>\n<p align=\"right\">Lukas Lachnit<br \/>\nKurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel \u00a92013<\/p>\n<p align=\"right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=432\">Vorhang auf f\u00fcr den Nachwuchs<\/a>| Inventarnummer: 15066<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sag dir gleich einmal vorweg, dass die Geschichte nicht spannend wird. Ja, du bist gemeint, der Leser. Wie soll sie auch spannend werden? 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