{"id":2682,"date":"2015-05-28T15:05:21","date_gmt":"2015-05-28T15:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2682"},"modified":"2015-05-29T15:50:28","modified_gmt":"2015-05-29T15:50:28","slug":"unfair-fair","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2682","title":{"rendered":"Unfair, fair"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2682&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2682&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Vivien durfte sich von dem erb\u00e4rmlichen Anblick, den Jeremiahs Eltern abgaben, nicht t\u00e4uschen lassen. Der erste Schock w\u00fcrde bald \u00fcberwunden sein und sie w\u00fcrden sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie einen Sohn hatten. Seine Mutter hatte verheulte Augen und zitterte am ganzen K\u00f6rper in den Armen ihres Mannes, der offensichtlich seit Tagen nicht geschlafen hatte. Er hob seinen Kopf und starrte Vivien mit leeren Augen an.<br \/>\nEr wusste es. Viviens Herz raste. Sein Blick schien durch sie hindurchzugehen. Er wandte sein Gesicht ab und vergrub es in den zerzausten Haaren seiner Frau. Nein, er konnte es nicht wissen. Dazu war er viel zu sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt.<br \/>\nIm ganzen Turnsaal der Schule wuselten andere Eltern herum und versuchten, sich gegenseitig in ihrer Anteilnahme zu \u00fcbertreffen, w\u00e4hrend sie heilfroh dar\u00fcber waren, dass nicht das Foto ihres eigenen Kindes als Plakat an der Wand hing.<br \/>\nSeit f\u00fcnf Tagen wurde Jerry vermisst, mittlerweile beteiligte sich fast die ganze Vorstadt an der Suche. Auch von au\u00dfen wurde zus\u00e4tzliche Hilfe angefordert, Helikopter kreisten \u00fcber den W\u00e4ldern und Suchhunde schn\u00fcffelten sich durch die Gegend. Jeremiahs Eltern hatten wirklich Talent, Menschen f\u00fcr ihre Sache zu gewinnen, das musste man ihnen lassen.<br \/>\nAber sie w\u00fcrden ihn nicht finden.<\/p>\n<p>Vivien wusste, dass es falsch war, einen Lieblingssch\u00fcler zu haben, aber diesen aufgeweckten Sechsj\u00e4hrigen konnte man nur gern haben. Sie hatte immer versucht, ihn nicht den anderen Kindern vorzuziehen, was ihr manchmal mehr, manchmal weniger gelang. Im Laufe des letzten Jahres war Jerry immer stiller geworden und Vivien musste mit ansehen, wie sich eine gewisse Traurigkeit \u00fcber seine kindliche Neugier legte und sie zu ersticken drohte.<br \/>\nSie war in den ersten drei Tagen immer auf den Beinen, stapfte mit den Suchtrupps durch die Landschaft und heuchelte Jerrys Eltern ihre Anteilnahme vor. Mittlerweile musste sie fast nichts mehr vorheucheln, das Mitleid war echt geworden. Das hatte sie nicht erwartet. Eng umschlungen sa\u00dfen sie in der Mitte des Turnsaales auf einer alten Turnbank, w\u00e4hrend um sie herum die Suchtrupps koordiniert wurden und Freiwillige deren Verpflegung herbeischafften. Die Turnbank stand tats\u00e4chlich fast genau auf der Mittellinie des im Saal aufgezeichneten Fu\u00dfballfeldes, genau dar\u00fcber hing eine Natriumdampflampe und leuchtete den Mittelkreis aus. Vivien hatte sich schon gefragt, ob das Zufall war oder wirklich einer absichtlichen Inszenierung zugrunde lag.<br \/>\nIhr Herz raste noch immer. Sie riss ihren Blick von Jeremiahs Eltern, steuerte mit schnellen Schritten auf den Hinterausgang zu und st\u00fcrzte atemlos in die kalte Herbstnacht. Sie wollte sich \u00fcbergeben, aber der Brechreiz blieb aus. Sie musste jetzt stark bleiben, sie hatte das Richtige getan.<br \/>\nVivien atmete ein paar Mal tief durch und zwang sich, wieder den Turnsaal zu betreten. Barbara, die Direktorin der Schule, legte im Vorbeigehen ihre Hand sanft auf Viviens Schulter und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie musste ziemlich mitgenommen aussehen. Das war ihr nur recht, als Jerrys Lehrerin musste sie nat\u00fcrlich besonders betroffen wirken. Das w\u00e4re sie auch wirklich gewesen, w\u00fcsste sie nicht, dass er jetzt an einem besseren Ort war.<br \/>\nDen Rest des Abends verbrachte Vivien damit, die sich abwechselnden Suchtrupps mit Essen und warmen Getr\u00e4nken zu versorgen. Sie versuchte dabei, Jeremiahs Eltern so fern wie m\u00f6glich zu bleiben, weil sie deren Anblick nur schwer ertragen konnte.<\/p>\n<p>Nach einer fast schlaflosen Nacht sa\u00df sie mit einer starken Tasse Kaffee an ihrem K\u00fcchentisch und dachte an Jeremiah. Ein herzensgutes Kind, von seinen ignoranten Eltern im Stich gelassen. Man wei\u00df etwas erst zu sch\u00e4tzen, wenn man es verloren hat, dachte Vivien. Im Fall der zwei war dieses Etwas ihr Sohn.<br \/>\nNun war es zu sp\u00e4t.<br \/>\nViviens Mitleid f\u00fcr Jerrys Eltern schwand wieder, jetzt, wo sie ihnen nicht in die Augen sehen musste. Sie starrte in die dampfende Kaffeetasse. Warum hatte sie \u00fcberhaupt Kaffee gemacht, sie war viel zu aufgekratzt, um an Schlaf auch nur zu denken.<br \/>\nSie sprang auf und rannte ins Badezimmer. Als sie sich \u00fcber die Klosch\u00fcssel beugte, blieb der Brechreiz wie am vorigen Abend wieder aus. Die Spannung zerriss sie innerlich, und es gab nur einen Weg, diese Qual etwas zu lindern.<\/p>\n<p>Vivien musste wissen, wie die Dinge standen, auch wenn das bedeutete, die Vereinbarung zu brechen. Sie musste Lisa fragen. Hastig zog sie ihren braunen Parka an und setzte sich die Pelzkapuze und eine gro\u00dfe Sonnenbrille auf. Von ihrer Wohnung bis zum Internetcafe waren es mit dem Auto f\u00fcnfzehn Minuten. Erleichtert kam sie, ohne jemanden von der Polizei gesehen zu haben, dort an. Sie und ein junger Asiate, der sie nicht beachtete, waren die einzigen dort so fr\u00fch am Morgen. Auch vom Besitzer war keine Spur zu sehen. Leise arabische Musik drang durch die Lautsprecher aus der Decke. Ohne die Kapuze oder ihre Sonnenbrille abzusetzen, ging sie auf den PC in der Ecke zu und bem\u00fchte sich, dabei so gelassen wie m\u00f6glich auszusehen. Sie warf ein paar s\u00e4uberlich abgewischte M\u00fcnzen in den Z\u00e4hler und loggte sich in das E-Mail Postfach ein, das sie f\u00fcr diesen Zweck angelegt hatte.<br \/>\nEine neue Nachricht. Vivien starrte auf die Meldung.<br \/>\nNur Lisa kannte diese Mailadresse. Das bedeutete, sie hatte sich auch nicht an die Abmachung gehalten. War etwas passiert?<br \/>\n\u201eWas haben wir getan. Warum habe ich mich von dir dazu \u00fcberreden lassen? Wir kommen niemals damit durch. Wir m\u00fcssen es zugeben. Ich drehe hier noch durch ohne dich. &#8211; B\u201c<br \/>\nEs w\u00e4re gelogen gewesen, wenn Vivien behauptet h\u00e4tte, nicht dasselbe gedacht zu haben. Sie \u00fcberlegte kurz. Hoffentlich hatte Lisa noch nichts Un\u00fcberlegtes getan.<br \/>\n\u201eF\u00fcr Reue ist es zu sp\u00e4t. Es ist auch f\u00fcr mich sehr schwer, aber wir m\u00fcssen stark bleiben. Erinnere dich daran, warum wir es getan haben. Es ist f\u00fcr alle das Beste, das wei\u00dft du. Er wird es auch bald verstehen. Bleib stark, es wird alles gut. &#8211; A<br \/>\nP.S.: Ich wei\u00df, dass es ihm bei dir gut geht, du musst auch f\u00fcr ihn die Nerven bewahren. Ich werde bei dir sein, sobald es m\u00f6glich ist.\u201c<\/p>\n<p>Vivien loggte sich aus, wischte mit ihrem \u00c4rmel die Tastatur ab und verlie\u00df das Cafe. Der andere Gast hatte nicht ein einziges Mal den Blick von seinem Bildschirm abgewandt.<br \/>\nAuf dem Weg zur Schule fuhr sie an einer Hundestaffel und einer Gruppe Freiwilliger vorbei. Sie blieb am Stra\u00dfenrand stehen und versuchte durchzuatmen.<br \/>\nVivien umklammerte fest das Lenkrad und musste an ihr letztes Gespr\u00e4ch mit Jerrys Eltern denken, drei Monate bevor er verschwunden war.<br \/>\nZu mehreren Anl\u00e4ssen schon hatte sie Jeremiahs Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass ein so aufgewecktes und neugieriges Kind besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchte und dass sie als seine Lehrerin nur als Unterst\u00fctzerin in seiner kindlichen Entwicklung dienen k\u00f6nnte. F\u00fcr seine Erziehung und F\u00f6rderung waren sie selbst zust\u00e4ndig. Und jedes Mal kam Vivien vor, als w\u00fcrde sie an den beiden vorbeireden. Ihnen war die Entwicklung ihres Sohnes schei\u00dfegal.<br \/>\nSie beteuerten anfangs noch, Jeremiah in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, aber je \u00f6fter Vivien mit ihnen redete, desto weniger strengten sie sich an, dieser l\u00e4stigen Lehrerin auch nur vorzumachen, um die Entwicklung ihres Sohnes besorgt zu sein. Jeremiahs Vater war mittlerweile sichtlich genervt von den Belehrungsversuchen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er mit der Frechheit, die Vivien sich herausnahm, ihm vorzuschreiben, wie er seinen Sohn zu erziehen hatte, nicht wirklich einverstanden war. Er blieb zwar immer h\u00f6flich, lie\u00df aber keinen Zweifel daran, dass er dieses Gespr\u00e4ch vergessen haben w\u00fcrde, sobald er den Raum verlassen hatte.<br \/>\nDas selbstgef\u00e4llige Grinsen war im Turnsaal von seinem Gesicht verschwunden. Jeremiahs\u00a0 Mutter gab sich zwar immer besorgt, war schlussendlich aber die gleiche Ignorantin wie ihr Mann. Was sollte man auch von Eltern, die beide in der Werbung unversch\u00e4mt viel Geld verdienten, erwarten.<\/p>\n<p>Vivien konnte sich nicht erkl\u00e4ren, warum ihr gerade Jerry so am Herzen lag, es gab in ihrer Klasse auch ein paar andere Kinder, denen etwas mehr Aufmerksamkeit gutt\u00e4te. Er hatte einfach etwas an sich, dem Vivien nicht widerstehen konnte. Warum seine Eltern das nicht so sahen, war ihr r\u00e4tselhaft. Seine Eltern schlugen ihn nicht, sie lie\u00dfen ihn nicht ohne Aufsicht allein, sie taten nichts, was eine Intervention von au\u00dfen rechtfertigte. Sie taten einfach gar nichts.<br \/>\nWenn er nicht in der Schule war, verbrachte Jerry die meiste Zeit mit den st\u00e4ndig wechselnden Kinderm\u00e4dchen, die sein Vater an- und vermutlich auch abschleppte. Das letzte Gespr\u00e4ch hatte wieder denselben Ausgang genommen. Jerry Eltern versprachen, sich mehr um ihn zu k\u00fcmmern und schwebten mit ihrem typisch herablassenden Grinsen aus dem Klassenraum. Jerry w\u00e4re an der Gleichg\u00fcltigkeit seiner Eltern noch zugrunde gegangen.<\/p>\n<p>Als sie nach dem Elternabend zuhause ankam, musste sie ihren Frust loswerden. Robert war noch im B\u00fcro, also musste sie ihre beste Freundin anrufen.<br \/>\n\u201eJerry mal wieder, hm?\u201c, wurde sie von Lisa begr\u00fc\u00dft.<br \/>\n\u201eWoher wusstest du das?\u201c<br \/>\n\u201eEs ist jetzt kurz nach sechs und wenn ich mich recht erinnere, hattest du heute Elternsprechtag.\u201c<br \/>\n\u201eEs ist einfach nicht fair, die k\u00f6nnen das arme Kind doch nicht ungestraft so vermurksen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Samuel Deisenberger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um \u2026<\/a>| Inventarnummer: 15064<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vivien durfte sich von dem erb\u00e4rmlichen Anblick, den Jeremiahs Eltern abgaben, nicht t\u00e4uschen lassen. Der erste Schock w\u00fcrde bald \u00fcberwunden sein und sie w\u00fcrden sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie einen Sohn hatten. 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