{"id":2637,"date":"2015-05-20T18:23:09","date_gmt":"2015-05-20T18:23:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2637"},"modified":"2015-06-03T17:36:21","modified_gmt":"2015-06-03T17:36:21","slug":"die-nuss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2637","title":{"rendered":"Die Nuss"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2637&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2637&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich war noch sehr jung.<br \/>\nAber egal wie alt ich damals auch gewesen sein mag, manche Dinge begreift man erst, wenn man \u201eerwachsen\u201c wird. \u2013 Andere Dinge daf\u00fcr nie wieder.<\/p>\n<p>Es geschah an einem hei\u00dfen Tag im Sommer. Die Sonne hatte \u00fcber die Erde gel\u00e4chelt als kannte sie nichts B\u00f6ses, denn nur wenig Wolken hangen als wei\u00dfwachende Gesichter am Himmel. An jenem Tag besuchten mein Vater und ich seinen Bruder, den wir lange Zeit nicht mehr gesehen hatten, und so fuhren wir mit dem neuen Automobil hinaus aufs Land.<br \/>\nW\u00e4hrend der Fahrt wagte ich weder von etwas zu erz\u00e4hlen noch mich zu erkundigen, wie lange wir denn unterwegs w\u00e4ren, da es damals nicht \u00fcblich war, den Vater mit Nebens\u00e4chlichkeiten zu bel\u00e4stigen, weswegen rege Stille zwischen uns herrschte.<\/p>\n<p>Gegen Ende der Fahrt hin machte mich mein Vater jedoch aufmerksam auf die Landschaft, die sich gleich auf meiner Fensterseite erstrecken w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eSieh, Sohn\u201c, bedeutete er, und sodann sah ich nach rechts:<br \/>\nZuerst erblickte ich blo\u00df einige B\u00e4ume, die in rasender Geschwindigkeit an uns vorbeiliefen, aber hernach, nachdem alle vor\u00fcber waren, klaffte ein weiter Landstrich auf, der sich bis zum Horizont ausbreitete, und best\u00fcckt war mit einem Volk aus Nussb\u00e4umen. Reihe an Reihe wachten sie im Wind, der \u00fcber ihre H\u00e4upter hinwegzog, und starr be\u00e4ugten sie hinter dem Zaun das schnelle Automobil, das die staubige Stra\u00dfe hinaufjagte. Die Plantage war riesig, und erst als mein Vater sie im folgenden Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnte, entdeckte ich zwischen den Beinen der B\u00e4ume die Arbeiter, die wie Ameisen unter den m\u00e4chtigen Kronen umherliefen.<\/p>\n<p>\u201eMein Bruder hat hier gearbeitet\u201c, erw\u00e4hnte mein Vater: \u201eEs war wohl gleichzeitig sein Verderben.\u201c<br \/>\nTrotzdem ich meinen Onkel lange Zeit nicht mehr gesehen hatte, erinnerte ich mich doch daran, dass er ein kr\u00e4ftiger Mann gewesen war. Umso mehr wunderte ich mich \u00fcber die Aussage meines Vaters.<br \/>\n\u201eEr schrieb mir \u2013 neulich\u201c, begann mein Vater pl\u00f6tzlich, als h\u00e4tte er meine Gedanken geh\u00f6rt: \u201eAnscheinend war es der Regen gewesen. Der k\u00fcnstliche nat\u00fcrlich \u2013 der aus den Wassersprinklern. Durch den Wind und die N\u00e4sse, denen er ausgesetzt war \u2026 -\u201c, er r\u00e4usperte sich: \u201e- das vertrug sein K\u00f6rper nicht. Sklavenarbeit!, hab ich ihm gesagt, sei das, Sklavenarbeit! Du kennst sie ja, die Plantagen in Amerika \u2013 die mit den Negern \u2013 so etwas.\u201c<\/p>\n<p>Inzwischen wanderte das Nussvolk an uns vor\u00fcber und wir bogen von der Stra\u00dfe auf einen Schotterweg ab. Demnach mussten wir gleich angekommen sein.<br \/>\n\u201eJetzt schmerzen ihn die Gelenke oder Glieder \u2013 was wei\u00df ich \u2013 er schreibt, er kann sich kaum noch r\u00fchren \u2013 jedenfalls. Starr ihn ja nicht an! H\u00f6rst du?\u201c<br \/>\n\u201eJa, Vater\u201c, antwortete ich ihm, als wir ausstiegen.<\/p>\n<p>Wir kamen durch ein Tor in den gro\u00dfen Garten meines Onkels mit glattrasiertem Rasen und in Form geschnittenen B\u00fcschen. Man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, es w\u00e4ren hunderte G\u00e4rtner am Werk gewesen, so zahm wie die Natur auf diesem Grundst\u00fcck war. W\u00e4hrend ich noch \u00fcber den Garten staunte, und das Knirschen des Kieses auf dem angelegten Weg meinen Schritt begleitete, rief ein Mann von Weitem: \u201eBruder!\u201c<br \/>\nIch sah zum Haus, das in der Sonne blitzend wei\u00df erstrahlte, und entdeckte meinen Onkel auf der Veranda in einer H\u00e4ngeschaukel sitzend. Als wir herankamen, begr\u00fc\u00dften sich die beiden M\u00e4nner und mein Vater stellte mich seinem Bruder vor: \u201eVielleicht kannst du dich nicht mehr erinnern: mein Sohn\u201c, pr\u00e4sentierte er mich und schob mich vor sich hin.<br \/>\n\u201eEs ist lange her\u201c, antwortete sein Bruder, w\u00e4hrend er mich musterte: \u201eDu bist gewachsen.\u201c<\/p>\n<p>Und vor mir sa\u00df ein Mann, von dem ich schon so viel erfahren hatte, dass ich eine genaue Vorstellung besa\u00df, doch dieser Mann da vor mir, der erf\u00fcllte sie nicht. Was ich sah, war ein Mann in den besten Jahren seines Lebens, doch sein K\u00f6rper war bereits m\u00fcde und erschlafft, wie bei einem Greis.<br \/>\nSchwerf\u00e4llig hoben sich seine Arme f\u00fcr eine Umarmung, dabei schien er aber gl\u00fccklich. Der Schmerz kam nachher und l\u00f6ste sich in Form eines Aufst\u00f6hnens.<br \/>\nMein Vater ignorierte die Qualen, unter denen sein Bruder litt, und sagte stattdessen: \u201eWas f\u00fcr einen sch\u00f6nen Garten du hast.\u201c Dabei wandte er seinen Blick gew\u00e4hlt um und betrachtete zufrieden das Grundst\u00fcck, als geh\u00f6rte es ihm.<br \/>\n\u201eNicht wahr?\u201c, antwortete sein Bruder.<br \/>\n\u201eHat es dich von der Plantage in die eigenen vier W\u00e4nde getrieben?\u201c<br \/>\n\u201eMeine Frau ist wohl daf\u00fcr verantwortlich. Da ich die Arbeit auf der Nussplantage beenden musste, wegen meiner \u2026 Man \u00fcberlie\u00df mir das Haus und den Garten. Meine Frau -\u201c, er l\u00e4chelte: \u201e- sie versucht, alles auf Vordermann zu bringen.\u201c<\/p>\n<p>Da fragte mein Vater, wo seine Frau denn sei.<br \/>\n\u201eMeine Frau?\u201c, wiederholte mein Onkel und meinte, dass sie in der Stadt unterwegs sei, um einzukaufen. \u201eVielleicht werdet ihr sie noch erwischen.\u201c<br \/>\n\u201eDas w\u00e4re sch\u00f6n\u201c, antwortete mein Vater knapp.<br \/>\n\u201eWenn ihr wollt, k\u00f6nnen wir auch hineingehen.\u201c<br \/>\n\u201eNein, nein\u201c, blockierte mein Vater: \u201eWir werden ohnehin nicht so lange bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Sie unterhielten sich weiter, als h\u00e4tten sie einander nichts zu sagen. Sp\u00e4ter redete mein Vater \u00fcber die Arbeit: \u201eDu wei\u00dft, wie wichtig meine Arbeit ist\u201c, bekr\u00e4ftigte er.<br \/>\nMein Onkel hatte blo\u00df genickt, denn es war ihm schwer zu reden. Ein anderer h\u00e4tte vielleicht gemeint, es w\u00e4re ihm leid gewesen, sich mit meinem Vater im seichten Hin und Her zu unterhalten, aber ich erkannte genau, dass wir vor uns einen k\u00f6rperlich gebrochenen Mann sitzen hatten. Es schmerzte mich, und so verlor ich das Gespr\u00e4ch, bis mir irgendwann klar wurde, dass sie aufgeh\u00f6rt hatten zu sprechen.<\/p>\n<p>Es war das Ende unseres Besuches, und tats\u00e4chlich, erst zum gewissenhaften Schluss fragte mein Vater, als sich sein Bruder erhoben hatte, um f\u00fcr den Abschied vor ihn zu treten. \u201eWie geht es dir?\u201c<br \/>\nMein Onkel hatte ihn blo\u00df angesehen, und erst nach einigen Momenten diese Frage mit einer knappen Antwort gew\u00fcrdigt.<br \/>\n\u201eDann w\u00fcnsche ich dir gute Genesung\u201c, sagte mein Vater etwas verunsichert in seinem rechten Sinne: \u201eDenn die Gesundheit ist das Wichtigste im Leben.\u201c<\/p>\n<p>Der Weg durch den Garten schien zur\u00fcck deutlich l\u00e4nger zu sein, so die Autofahrt. Vielleicht lag es daran, dass mein Geist zutiefst zerr\u00fcttet durch die Zeichnung meines Vaters war.<br \/>\nDoch ich war sein Sohn, und mein Vater war stets im Recht.<\/p>\n<p>Wie froh bin ich heute noch, dass ich zur\u00fcckgerannt bin. Kurz vor dem Gartentor war ich einfach umgekehrt und war noch einmal zu meinem Onkel gelaufen, um ihm zu danken. Daf\u00fcr, was er mich gelehrt hatte.<br \/>\nDenn dem letzten Satz meines Vaters war er mit einem \u201eNein\u201c entgegengetreten.<br \/>\n\u201eNein\u201c, hatte er geantwortet und ihn umarmt: \u201eDas Wichtigste im Leben ist die Zufriedenheit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Tobias Vees<br \/>\n<a href=\"https:\/\/tobiasvees.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">tobiasvees.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 15057<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war noch sehr jung. Aber egal wie alt ich damals auch gewesen sein mag, manche Dinge begreift man erst, wenn man \u201eerwachsen\u201c wird. \u2013 Andere Dinge daf\u00fcr nie wieder. Es geschah an einem hei\u00dfen Tag im Sommer. 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