{"id":2628,"date":"2015-05-19T17:24:09","date_gmt":"2015-05-19T17:24:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2628"},"modified":"2015-06-16T07:18:35","modified_gmt":"2015-06-16T07:18:35","slug":"zahnfee-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2628","title":{"rendered":"Zahnfee reloaded"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2628&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2628&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Man sieht mich auf dem Sozius einer Harley sitzen. Ich bin eine kleine Person von zierlicher Statur und das ist auch auf dem gro\u00dfformatigen Bild zu sehen. In meinem wei\u00dfen Kittel, mit aufgestecktem Haar und ohne Helm sitze ich dort. Und wer genau hinsieht, der erkennt, ich habe meine Lupenbrille auf und ein sehr sanftes L\u00e4cheln im Gesicht. Meine H\u00e4nde liegen entspannt auf den Schultern des schwarzgekleideten Fahrers. Dieser tr\u00e4gt einen dunklen Helm mit offenem Visier und l\u00e4chelt dem Bildbetrachter mit strahlend wei\u00dfen Z\u00e4hnen extrabreit entgegen. Das alles ist fein und naturalistisch gemalt, genauer gesagt aufgespr\u00fcht. Ein Sonnenuntergang in kr\u00e4ftigen Lila-Orange-T\u00f6nen, die zu den R\u00e4ndern pastellig auslaufen, bildet die Kulisse f\u00fcr diese surreale Szene.<br \/>\nMeine gesammelten Sch\u00e4tze h\u00e4ngen im Eingangs- und Wartebereich: Bilder zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstler, im Laufe von Jahrzehnten erworben, pr\u00e4sentiere ich hier gerne meinen Patienten. So entsteht mancher Kunstdiskurs und es tr\u00e4gt au\u00dferdem zur Entspannung bei. Aber manches wird auch missbilligt. Es sind exzentrische und unkonventionelle Werke darunter, die Ansto\u00df erregen oder man behauptet, das auf ihnen Dargestellte sei schlicht abstrus.<br \/>\nKeines meiner Bilder wird jedoch neuerdings so kontrovers kommentiert wie ebenjenes eine, surreale, das seit etwa zwei Monaten an der Wand gleich links neben der Rezeption h\u00e4ngt. Das Gesprayte ist in Airbrush-Technik auf ein rechteckiges St\u00fcck Blech aufgebracht.<br \/>\nIch werde auf dem Motorrad erkannt und oft darauf angesprochen.<\/p>\n<p>Abwechselnd in zwei nebeneinanderliegenden Praxisr\u00e4umen behandle ich meine Patienten. Bei dem einen erfolgt die Anamnese und meist folgt eine An\u00e4sthesie, die einwirken muss, bevor ich mit der Therapie beginnen kann. W\u00e4hrenddessen wechsle ich ins Nebenzimmer zum n\u00e4chsten Patienten, der die Zahnsteinentfernung, durchgef\u00fchrt von meiner Assistentin Bea, dann meist schon hinter sich hat.<br \/>\nAn einem Vormittag im Fr\u00fchsommer trat Bea mit hochrotem Gesicht und ziemlich aufgebracht zu mir in die Praxis: \u201eStellen Sie sich vor, der Typ da drinnen hat mich einfach weggeschubst, als ich mit dem Zahnsteinentfernen beginnen wollte. <i>Das will er nicht und braucht er nicht<\/i>, hat er gemeint.\u201c<br \/>\nSo vorgewarnt von meiner Assistentin, betrat ich den Behandlungsraum. Mein Herz begann beim Anblick des Mannes schneller zu klopfen: ein gro\u00dfgewachsener korpulenter, b\u00e4rtiger, etwa 40-j\u00e4hriger Mann in Motorradmontur, der mit h\u00e4ngenden Schultern, mit seinem Helm in H\u00e4nden auf dem Behandlungsstuhl sa\u00df. Allerdings schr\u00e4g und nicht in der zur Untersuchung vorgesehenen Position, sondern derart, als ob er unter allen Umst\u00e4nden unverz\u00fcglich wieder weggehen wollte. Er sah dabei einigerma\u00dfen kl\u00e4glich aus, weil seine Beine wegen der ungewohnten Sitzh\u00f6he unbeholfen umherbaumelten, das r\u00fchrte mich.<br \/>\nIch stellte mich ihm vor und es war mir dabei ein wenig bang. \u201eGuten Tag, wir beide kennen uns noch nicht, am besten ich schaue mir Ihr Problem einmal in aller Ruhe an. Legen Sie doch Ihre Jacke dort auf dem Sessel ab, es ist warm hier. Zeigen Sie mir, wo es Ihnen wehtut?\u201c<\/p>\n<p>Er erhob sich und zog schwerf\u00e4llig seine Lederjacke aus, wodurch die muskul\u00f6sen, dicht t\u00e4towierten Arme sichtbar wurden. \u201eMeine Z\u00e4hne sind eigentlich immer in Ordnung\u201c, brummte und quengelte der Mann unleidlich vor sich hin und legte sich schlie\u00dflich doch auf den Stuhl. \u201eIch bin schmerzempfindlich\u201c, das kam griesgr\u00e4mig und kaum h\u00f6rbar. Ich kritzelte mit rotem Farbstift ein A f\u00fcr Angstpatient auf seine Patientenkartei. Dann besah ich mir das bereitgelegte R\u00f6ntgenbild; allerdings nur kurz, weil ich es vermeintlich f\u00fcr das eines anderen Patienten hielt und einen Irrtum meiner Sprechstundenhilfe vermutete.<br \/>\n\u201eSo, ich werde vorerst nur hineinschauen, bitte \u00f6ffnen Sie den Mund weit.\u201c<br \/>\nDas was sich mir offenbarte, waren zwei gesunde, tadellos gepflegte Zahnb\u00f6gen. Ich war \u00fcberrascht. Bis auf den einen schmerzenden Backenzahn links unten waren seine Z\u00e4hne in einwandfreiem Zustand. \u201eDas sieht ja fast perfekt aus!\u201c, rief ich erfreut aus. \u201eLediglich hier in diesem einen Zwischenraum hat sich Karies gebildet. Wo waren Sie denn bisher in Behandlung?\u201c<br \/>\n\u201eVor Ihnen gab\u2019s nur die Zahnfee und das ist Jahrzehnte her\u201c, gab er mit leicht angespanntem Grinsen von sich. Mir fielen seine dunklen Augen auf.<br \/>\n\u201eIch werde Ihnen eine Spritze geben, die tut schon ein bisschen weh, ein kurzes gemeines Pieksen, aber das ist auszuhalten. Danach werde ich bohren, da sp\u00fcren Sie dann nur, wie der Bohrer die Karies rotierend abtr\u00e4gt, aber garantiert ohne Schmerz! Und nat\u00fcrlich ist da noch das unangenehme Bohrger\u00e4usch, aber da gebe ich Ihnen einen Kopfh\u00f6rer mit Musik. Mozart wird Sie entspannen. Danach bekommen Sie eine Kompositf\u00fcllung, das ist wei\u00dfer Kunststoff und hinterher nicht zu sehen. Keine Angst, das Ganze ist nur kurz unangenehm und rasch vor\u00fcber.\u201c<br \/>\nAls vertrauensbildende Ma\u00dfnahme ber\u00fchre ich meine Angstpatienten immer kurz an der Schulter. Das tat ich diesmal sogar etwas l\u00e4nger, denn ich sah, dass sich kleine Schwei\u00dftr\u00f6pfchen auf seiner Stirn gebildet hatten und er seine t\u00e4towierten H\u00e4nde fest ineinander verkrampft hielt.<br \/>\nErwartungsgem\u00e4\u00df ging alles gut und der ver\u00e4ngstigte Biker brachte zum Abschied sogar ein (an\u00e4sthesiebedingt schiefes) L\u00e4cheln als Dank zustande.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter stand eines Morgens vor der Praxist\u00fcr ein in Packpapier geh\u00fclltes Paket als Geschenk, das ein Gem\u00e4lde beinhaltete, begleitet von einem Visitenk\u00e4rtchen mit einem schlichten \u201eDanke\u201c. Mein damaliger Patient betreibt ein Airbrush-Atelier f\u00fcr Motorr\u00e4der und Helme und hatte sich netterweise mit dem Bild f\u00fcr meine f\u00fcrsorgliche Behandlung revanchiert und damit einen bleibenden Eindruck hinterlassen.<br \/>\nDie Auswahl der Kunstwerke in meiner Praxis wechsle ich zwei Mal j\u00e4hrlich. Wenn ich umh\u00e4nge, dann folgt meist eine kleine Vernissage unter Arztkolleginnen und \u2013kollegen. Dem gut gelaunten und situierten Publikum blieb der auff\u00e4llige Neuzugang nicht verborgen. Die gro\u00dfformatige, fotorealistische Hochglanzabbildung meiner Person fiel ins Auge und wurde entsprechend kommentiert: <i>dekorativ, postironisch, theatralisch, explizite Popart, angenehm unpolitisch, herrlich naiv, unverkopft kitschig<\/i>, ist nur eine Auswahl des Gesagten.<br \/>\n\u201eMeinen\u201c Airbrush-Designer hatte ich auch eingeladen und inszenierte ihn als aufstrebenden K\u00fcnstler. Er dankte es mit einem makellosen Siegerl\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 15055<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sieht mich auf dem Sozius einer Harley sitzen. Ich bin eine kleine Person von zierlicher Statur und das ist auch auf dem gro\u00dfformatigen Bild zu sehen. In meinem wei\u00dfen Kittel, mit aufgestecktem Haar und ohne Helm sitze ich dort. 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