{"id":2609,"date":"2015-05-17T09:14:01","date_gmt":"2015-05-17T09:14:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2609"},"modified":"2015-06-10T12:04:04","modified_gmt":"2015-06-10T12:04:04","slug":"der-deal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2609","title":{"rendered":"Die Krise 3 &#8211; Der Deal"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2609&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2609&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wer den Ort kannte, Zwicklingsau oder Hintertupfing, das blieb sich gleich, Kaffs wie diese gleichen einander wie ein Ei dem anderen, mochte unschwer feststellen, wie sich in den letzten Jahren eine zunehmende Rechtslastigkeit und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu etablieren begonnen hatte. Man zeigte sich \u00e4ngstlich gegen\u00fcber den wenigen muslimischen Gemeindearbeitern und gewissen unberechenbaren Einfl\u00fcssen von au\u00dfen.<br \/>\nIn der Kommunalpolitik transformierten notwendige Entscheidungen oftmals zugunsten schwammiger Unentschlossenheit. Im Zweifel sa\u00df man Probleme eben aus.<br \/>\nGesetzm\u00e4\u00dfigkeiten einer Soap-Opera hielten Einzug in viele Bereiche des politischen und allt\u00e4glichen Lebens. Die Grundhaltung blieb ernst. Seltene Scherze galten mitunter als rettender Ausbruch allgemeiner Bedr\u00fccktheit, h\u00e4ufig bem\u00fchtes geistiges Relikt aus dem Reich des Unbewussten.<br \/>\nMan versuchte damit, Konflikte zu verkleinern und l\u00e4cherlich zu machen, um sie mit Hilfe der Zeit aus dem Ged\u00e4chtnis bewusster Wahrnehmung zu dr\u00e4ngen. Nicht zuletzt erzeugten sie nebenher einen gewissen Lustgewinn. Auf diese Weise konnte man sich auch leichter \u00fcber seine eigene dunkle Vergangenheit hinwegsetzen. Man wurde dadurch sozusagen unverletzlich, in gewisser Weise auch f\u00fcr einen Augenblick zum Gewinner, wenn man auch sonst eine Niete war. Und wenn dann gelacht wurde, widerfuhr einem eine Art Seelentrost, \u00fcber den man f\u00fcr einen Moment lang die Tatsache vergessen konnte, in was f\u00fcr einer beschissenen kleinen Welt man eigentlich lebte.<\/p>\n<p>Vor allem aber durfte man hier eines nicht, n\u00e4mlich leidenschaftlich und mit Hirn politisieren. Diese Tatsache war Rembert Mirando bekannt, ebenso wie ihm auch bewusst war, dass seine berufliche Doppelaktion dem Neid der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in diesem kleinen Ort ausreichend Nahrung geben w\u00fcrde. Aber er w\u00fcrde sich nicht darum k\u00fcmmern, hatte er beschlossen, obwohl der Gemeinderat der Meinung war, dass Doppeleinkommen, egal welcher Art, in Krisenzeiten f\u00fcr den sozialen Frieden des Ortes l\u00e4ngerfristig nicht zutr\u00e4glich sein w\u00fcrden. Aber was f\u00fcr den B\u00fcrgermeister recht und billig war, schlie\u00dflich sa\u00df dieser in zahllosen Aufsichtsr\u00e4ten und hatte mehr als vier Einkommen, sollte es doch immerhin auch f\u00fcr ihn sein, denn er hatte ja blo\u00df zwei.<\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4ch Rembert Mirandos mit dem B\u00fcrgermeister war relativ glimpflich, wenn auch nicht ohne dessen gewohnte Cholerik verlaufen. Wie weit er mit Escortin sei, wollte dieser wissen und wann man mit dem Geld rechnen k\u00f6nne? Mirando musste die ganze Zeit \u00fcber an Anica Escortin denken und daran, was letzte Nacht zwischen ihr und ihm passiert war. Das st\u00e4rkte ihm den R\u00fccken, indem er den B\u00fcrgermeister zun\u00e4chst ein wenig zappeln lie\u00df, ehe er ihm eine Antwort auf seine Frage gab, dass es eben noch ein wenig Diplomatie erfordern w\u00fcrde, bis es so weit w\u00e4re, die Sache aber kurz vor dem Abschluss st\u00fcnde.<\/p>\n<p>Ob er sich nicht vorstellen k\u00f6nne, dass es pressierte, fragte ihn der B\u00fcrgermeister. Schlie\u00dflich ginge es derzeit um jeden Cent und vor allen Dingen auch um seine Karriere, Remberts Karriere, f\u00fcgte er hinzu, wenn dieser jemals Mandatar werden wolle. Niemand in der Gemeinde k\u00f6nne einsehen, warum man noch mehr Schulden machen solle, um eine Krise zu bek\u00e4mpfen. Man m\u00fcsse die Baut\u00e4tigkeit ankurbeln, und zwar jetzt, wo die Auftragsvergabe erleichtert werde und die Grenzen f\u00fcr die freie Vergabe von Bau- und Infrastrukturauftr\u00e4gen angehoben w\u00fcrden.<br \/>\nUnd man m\u00fcsse die Arbeitslosen endlich aus den Wirtsh\u00e4usern und Deutschkursen holen. Und schlie\u00dflich m\u00fcsse man den einzigen Autoh\u00e4ndler im Ort unterst\u00fctzen. Daher br\u00e4uchte die Partei schlie\u00dflich einen Haufen Geld, um das alles umzusetzen. Und das w\u00fcrde ohne einen Zuschuss so nicht gehen. Und daf\u00fcr w\u00e4re Escortin eben unentbehrlich.<br \/>\nRembert hob den Kopf. Den Autoh\u00e4ndler?, fragte er. Nat\u00fcrlich, oder ob er wolle, dass der Betrieb zusperren solle? Rembert sch\u00fcttelte den Kopf. Er, der Ortschef, k\u00f6nne schlie\u00dflich nichts daf\u00fcr, dass niemand ein neues Auto kaufe. Man k\u00f6nne es in Zeiten wie diesen auch niemandem \u00fcbel nehmen, sein sauer verdientes Geld in ein Auto zu stecken, nicht wahr? Das sah auch Rembert ein. Er f\u00fcrchte, dass niemand so recht wisse, was derzeit die richtige Wirtschaftspolitik sei, sagte dieser. Ein selten kluger Satz. Da habe er auch wieder Recht, best\u00e4tigte der B\u00fcrgermeister.<\/p>\n<p>Aber wenn man schon den Autoh\u00e4ndler unterst\u00fctze, warum nicht auch den einzigen Metzger, dem jetzt das Aus drohe, wo doch im Ort erst vor Kurzem drei Superm\u00e4rkte er\u00f6ffnet hatten, die so zentral lagen, dass sie von allen Bewohnern zu Fu\u00df in der gleichen kurzen Zeit zu erreichen waren.<br \/>\nUnd Rembert dachte an die entz\u00fcckende Tochter des Metzgers, die ihn immer so freundlich bediente, auch wenn er blo\u00df rasch nach einer Wurstsemmel verlangt hatte. Erfreuen w\u00fcrde man sich an ihrem Anblick wohl noch d\u00fcrfen, nicht mehr. Schlie\u00dflich war er verheiratet und seine Gattin im Ort wohlangesehen, nicht nur als P\u00e4dagogin. Aber die Tochter des Metzgers legte ihm auch immer, wenn er darum gebeten hatte, gerne einen Kranz Blutwurst zur\u00fcck, wenn frisch geschlachtet worden war. Und dieses Privileg hatte nicht ein jeder.<br \/>\nUnd wenn er ihr einen Witz erz\u00e4hlte, meist einen unanst\u00e4ndigen, dann lachte sie ganz besonders laut und das gefiel Rembert Mirando sehr und hob sein Selbstwertgef\u00fchl. Vielleicht konnte er ja eines Tages doch noch geheim bei ihr landen? Wer konnte es wissen? Es w\u00fcrde ja niemand erfahren. Wenn er schon zwei Jobs h\u00e4tte, warum nicht auch zwei Frauen? Alle VIPs lebten so, dachte Mirando insgeheim.<\/p>\n<p>Wenn er den Metzger unterst\u00fctzte, schw\u00e4chte er die Fleischh\u00e4ndler in den Superm\u00e4rkten, entgegnete der B\u00fcrgermeister heftig, wobei er im Gesicht rot anlief, als er an die hohen Schmiergelder dachte, die er damals von den Eigent\u00fcmern erhalten hatte, um die geeigneten Gemeindegr\u00fcnde f\u00fcr die Fl\u00e4chenwidmung zu organisieren.<\/p>\n<p>Dass der Autoh\u00e4ndler im Ort bliebe, h\u00e4tte Symbolcharakter, sagte er dann. An dem Zustand, wie schlecht oder gut es diesem ginge, k\u00f6nne die Bev\u00f6lkerung die Gesundheit der heimischen Wirtschaft ablesen und w\u00fcrde weniger hysterisch reagieren, wenn schon der eine oder andere zusperren m\u00fcsse, was ja auch bereits der Fall war. Es bliebe ihnen gar nichts anderes \u00fcbrig, als so wie bisher weiterzuwursteln, das sei ihm doch klar, sagte er, und sah Mirando pr\u00fcfend an. Selbstverst\u00e4ndlich, best\u00e4tigte dieser, konnte er doch nicht anderer Meinung sein als sein Dienstgeber.<\/p>\n<p>Und was er ihm schon l\u00e4ngst sagen wollte, ganz nebenbei, dass Frauen, in der Wirtschaft oder gar Politik, zu schade w\u00e4ren f\u00fcr so einen Job. Der B\u00fcrgermeister grinste, als er das sagte. Und Mirando solle sich das merken. F\u00fchrungspositionen w\u00e4ren ganz einfach nicht f\u00fcr Frauen geschaffen. Im \u00dcbrigen w\u00fcrde er ihm verzeihen, dass er damals Fr\u00e4ulein Mileva so vehement f\u00fcr sein eigenes B\u00fcro begehrt hatte. Der wahre Grund, warum er sich anfangs so sehr gegen diese Ver\u00e4nderung im Gemeindeamt ausgesprochen hatte, sei der gewesen, dass er sie gerne f\u00fcr sich selbst beansprucht h\u00e4tte, ihres \u00c4u\u00dferen wegen, betonte er und grinste.<br \/>\nNiemand w\u00fcrde das besser verstehen als er, meinte Mirando rasch, und er dachte an die stets leicht ge\u00f6ffneten Schenkel Charlotte Milevas unter ihrem Schreibtisch, obwohl man wegen ihrer st\u00e4rkeren Oberschenkel eben sonst nichts zu sehen bekam. Nicht einmal die Farbe ihrer H\u00f6schen hatte er bisher erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit schien das Gespr\u00e4ch zwischen Mirando und dem B\u00fcrgermeister beendet. Bevor dieser jedoch gehen wollte, fragte ihn der Ortschef pl\u00f6tzlich, ob er auch zu denen geh\u00f6rte, die sich gegen eine Adaptierung des alten Gutshofes f\u00fcr die Sozialf\u00e4lle des Ortes aussprechen werde? Gegen das Projekt g\u00e4be es ja bereits massiven Widerstand seitens der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Mirando \u00fcberlegte eine Weile. Bei so einer Frage hie\u00df es vorsichtig sein, weil man nie wissen konnte, auf welcher Seite man sich befand, wenn man einmal seine Meinung gesagt hatte. Daher richtete er eine Gegenfrage an den B\u00fcrgermeister, ob dieser glaube, was sinnvoller sei, n\u00e4mlich die ortsbekannten Alkoholiker jede Nacht aufsammeln zu lassen, oder sie sozusagen in sicherem Gewahrsam zu wissen? Und daf\u00fcr w\u00e4re der Gutshof nicht nur wegen seiner strategischen Lage, er befand sich gegen\u00fcber der hiesigen Polizeistation, sondern auch wegen der geeigneten Bausubstanz ein echt gro\u00dfartiger Wurf. Der B\u00fcrgermeister hustete vernehmlich, gab sich aber mit einem kurzen Nicken zufrieden, ohne weitere Worte dar\u00fcber zu verlieren.<\/p>\n<p>In der Stadt h\u00e4tten sie ganz andere Probleme, nutzte Mirando rasch die Gelegenheit, sich beim B\u00fcrgermeister Respekt f\u00fcr sein Wissen zu verschaffen. Was w\u00e4ren die paar Trunkenbolde und Inz\u00fcchtler hier schon gegen die Radler-Rowdys, die r\u00fccksichtslosen Autofahrer und Fu\u00dfg\u00e4nger, die stets ohne links und rechts zu schauen, pl\u00f6tzlich die Fahrbahnen unsicher machten? Gott sei Dank habe man hier keine U-Bahn und damit auch nicht die ganze Beschwerdeflut wegen des verbotenen Verzehrs stinkender Kebabs oder Pizzas und st\u00e4ndigem Handygequatsche im Personenverkehr. Und die Horden undisziplinierter Jugendlicher, die obendrein noch dazu die F\u00fc\u00dfe auf den Sitzb\u00e4nken h\u00e4tten! So weit w\u00e4re man hier noch lange nicht und im \u00dcbrigen w\u00fcrde es hier nie so weit kommen.<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister aber sagte nur, ja ja ja und das w\u00e4re alles f\u00fcr heute. Rembert hatte verstanden und verabschiedete sich.<\/p>\n<p>An einem dieser zahllosen grauen Morgen, welche sich seit vergangenem Oktober beharrlich weigerten, um keinen Preis auch nur einem einzigen, wenn auch blo\u00df zwielichtigen Sonnentag zu weichen, machte sich Rembert Mirando daran, einen unaufschiebbaren Termin mit Denis Escortin in dessen unaufh\u00f6rlich florierendem Imperium wahrzunehmen. Mirando f\u00fcrchtete diesen Tag, seit ihn der B\u00fcrgermeister eigens f\u00fcr ihn erfunden zu haben schien.<br \/>\nVor allem aber f\u00fcrchtete er, mit seinem Angebot bei Escortin abzublitzen, trotz seiner positiven Andeutungen damals bei der Vernissage. Und dies w\u00e4re sein eigenes politisches Ende gewesen. Jedoch so leicht gab er sich nicht geschlagen. Hatte ihm nicht dessen Gattin Anica nach einer Nacht voller Freudenspenden auf den Kopf zugesagt, sie werde die Sache mit ihrem Hasen schon f\u00fcr ihn einf\u00e4deln?<br \/>\nSchlie\u00dflich hatten sie seine treuherzigen Blicke nicht kalt gelassen, als er ihrem blaugr\u00fcnen Stahlblick begegnet war und ihr zartrosa Lippenstift silbern gl\u00e4nzende Spuren auf seinen Wangen hinterlassen hatte, wie sie Schnecken zu machen pflegten, wenn sie \u00fcber die Gr\u00e4ser glitten.<br \/>\nAnica Escortin, eine Frau, die M\u00e4nner um den Finger wickeln konnte wie ihren Seidenschal, oder wie Spinnen, die geschickt mit ihrem Faden zu hantieren vermochten, freilich in der Absicht, irgendwann auch zu t\u00f6ten. Und ihr Gatte bemerkte nichts. Vielleicht wollte er auch gar nichts bemerken, weil er kl\u00fcger war als andere dachten?<\/p>\n<p>Rembert parkte seinen Kleinwagen neben Escortins schwarzer, \u00fcberdimensionaler Limousine. Allein die H\u00f6he der Reifen dieses Wagens reichte ihm bis \u00fcber die Knie. Als er ausgestiegen war, f\u00fchlte er sich pl\u00f6tzlich genauso klein und unwichtig wie sein eigenes Fahrzeug. Die Knie begannen ihm zu zittern, die Kehle trocknete aus, die Krawatte w\u00fcrgte ihn, die neuen Schuhe, die er nur zu besonderen Anl\u00e4ssen trug, dr\u00fcckten wie verr\u00fcckt.<br \/>\nAber man konnte nichts \u00e4ndern und das verfluchte Schicksal musste seinen verdammten Lauf nehmen. Unsicher stieg er die Treppen zum Eingang der Luxusvilla empor. Dort fasste er sich f\u00fcr einen Moment lang, um kurz und heftig durchzuatmen, ehe er den messingenen Knopf der Klingel bet\u00e4tigte. Nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Zu lang w\u00e4re schlecht, weil dies Penetranz signalisieren k\u00f6nnte.<br \/>\nEscortin neigte zu cholerischen Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen, \u00e4hnlich wie der B\u00fcrgermeister. Und beide hatten dieselben blutroten K\u00f6pfe. Zu kurz w\u00e4re ebenso schlecht, weil sich dahinter zu viel Respekt verbergen k\u00f6nnte. Also galt es, eine Art Mitteldruck zu finden. Bei einer unbekannten Klingel gar nicht so leicht. Mirando war ja gelernter Musiker. Jedes Klavier reagierte anders. Warum nicht auch jede Klingel?<br \/>\nDer T\u00fcr\u00f6ffner schnarrte. Doch Escortin selbst \u00f6ffnete ihm nicht. Die T\u00fcre ging von ganz alleine auf. Kein gutes Zeichen, dachte Mirando. Er trat ein und sah sich vorsichtig um. Er m\u00f6ge doch weiterkommen, donnerte Escortin pl\u00f6tzlich von irgendeinem Zimmer heraus. Mirando nahm seinen ganzen Mut zusammen. Da erschien der Hausherr h\u00f6chstpers\u00f6nlich im T\u00fcrrahmen eines kleinen Seitenraumes. Was f\u00fcr eine Erscheinung! Der Mann musste gut und gern gesch\u00e4tzte einhundertf\u00fcnzig Kilo wiegen, durchfuhr es Mirando. Es gab eine Br\u00fcckenwaage im Ort, durchfuhr es ihn, auf der man die Stiere wog, ehe sie\u2026<\/p>\n<p>Da w\u00e4re er also, meinte Mirando und reichte Escortin die Hand.<br \/>\nJa ja ja, es w\u00e4re schon gut und hier herein m\u00f6chte er kommen und sich setzen. Mirando folgte wie ein Hund dem Herrn. Platz, sagte Escortin. Oder hatte Rembert das \u201eBitte-nehmen-Sie\u201c \u00fcberh\u00f6rt? Es ging alles so schnell. \u00dcberbreite Ledergarnitur. An den W\u00e4nden geschmacklose nichtssagende \u00d6lgem\u00e4lde unbekannter Meister.<br \/>\nWasser oder was anderes, fragte Escortin. Gar nichts, danke. Mirando hatte seine kleine schwarze Aktenmappe ge\u00f6ffnet. Der \u00fcbertriebene Schwung seiner Bewegung, der Entschlossenheit mimen sollte, war zu heftig ausgefallen, sodass die darin befindlichen vorbereiteten Papiere herausgerutscht waren und nun verstreut vor Escortins Schreibtisch lagen. Dieser verzog blo\u00df den Mund, sagte aber nichts.<br \/>\nMirando sank auf beide Knie. In dieser Stellung las er die Bl\u00e4tter rasch auf, w\u00e4hrend Escortin kopfsch\u00fcttelnd auf ihn herabblickte und Mirando von unten zu ihm hoch.<br \/>\nAlles war blo\u00df eine Frage der Fallh\u00f6he, wie immer im Leben.<\/p>\n<p>Escortin wurde ungeduldig. Man solle endlich zur Sache kommen, meinte er. Der B\u00fcrgermeister beabsichtige, die Baut\u00e4tigkeit anzuregen. Das sollte er wirklich tun, grinste Escortin, indem er ihm das Grundst\u00fcck oben auf der Wasserwiese \u00fcberlassen m\u00f6ge. \u00dcber die Auftragsvergabe f\u00fcr die Bebauung desselben brauche er sich dann keine Sorge mehr zu machen, daf\u00fcr w\u00fcrde er selbst sorgen, lachte Escortin verschleimt und kehlig.<br \/>\nEine Zigarre wurde f\u00e4llig. Der Qualm, den Escortin beim Anz\u00fcnden verursachte, lie\u00df Mirando f\u00fcr Escortin beinahe unsichtbar werden. Jedoch genau diese Botschaft sollte Rembert \u00fcbermitteln. Also z\u00fcckte er eines der Papiere und hob es siegessicher empor, damit f\u00e4chelnd, nicht zuletzt auch, um die Rauchwolke vor ihm etwas zu lichten.<br \/>\nEr solle ihm das Papier zeigen, befahl Escortin. Rembert reichte es artig \u00fcber den Tisch. Escortin nahm es entgegen und glotzte durch seine Lesebrille, die wie ein verirrtes Insekt auf dessen Nasenspitze sa\u00df, starr auf den Text. Er atmete schwer, w\u00e4hrend er ebenso damit besch\u00e4ftigt war, den sich st\u00e4ndig bildenden Rauch aus seinem Mund loszuwerden, in dem die Zigarre wie ein Fremdk\u00f6rper steckte. Beinahe wie eine Art Bombe, mit einer unsichtbaren Z\u00fcndschnur versehen, die gloste, umschlossen von seinen zerkl\u00fcfteten groben Lippen und Gefahr im Verzug signalisierte. Wenn er an ihr zog, klappten die Wangen wie automatisch nach innen und w\u00f6lbten sich danach wieder zu ihrem Normalzustand auf. Immer ein und aus, wie die Kontraktionen einer Seegurke auf dem Meeresgrund.<br \/>\nSch\u00f6n sch\u00f6n, grunzte Escortin schlie\u00dflich. Geben Sie mir die anderen Sachen! Was ist mit dem Geld? Wohin soll ich \u00fcberweisen?, fragte er etwas m\u00fcrrisch.<br \/>\nRembert Mirando erhob sich affenartig aus seinem Folterstuhl und fuhr mit seinem Zeigefinger auf das kleinere Blatt, auf dem die Kontonummer der Gemeindekasse angegeben war. Auf dieses Konto m\u00f6ge er die gesch\u00e4tzte Summe von \u2026 \u00e4h, Rembert r\u00e4usperte sich, er wagte den Betrag nicht auszusprechen, \u00fcberweisen, wenn es Recht w\u00e4re.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re schon gut, und der Betrag w\u00fcrde heute noch \u00fcberwiesen, erwiderte der zentnerschwere Unternehmer und setzte seine Unterschrift kratzend unter die bezeichnete Stelle, auf die Remberts zittriger spitzer Finger gewiesen hatte, der schon ganz rot war vom Druck, den er damit auf das Blatt Papier am Schreibtisch ausge\u00fcbt hatte. Doch noch ehe Escortin zu schreiben begonnen hatte, nahm er ihn rasch von dort weg, um nur ja nicht im Wege zu sein auf der wunderbaren Reise zu seinem eigenen fulminanten Sieg.<br \/>\nDas w\u00e4re ja ganz einfach gegangen, atmete Mirando erleichtert auf und nahm das nun unterzeichnete Versprechen, der Partei eine au\u00dferordentliche Zuwendung in der H\u00f6he von huntertf\u00fcnfzigtausend Euro zu gew\u00e4hren, rasch an sich, welches er sogleich in seine Aktentasche schob, in der Angst, Escortin k\u00f6nnte es sich doch noch anders \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>So, junger Freund, das h\u00e4tten wir erledigt, rieb sich Escortin die fetten H\u00e4nde. Ob sonst noch was w\u00e4re? Aber es war nichts und Rembert Mirando bedankte sich im Namen der Gemeinde f\u00fcr die \u00fcberaus g\u00fctige Geste und das Wohlwollen, welches Escortin nun der Partei wie auch der Gemeinde entgegengebracht h\u00e4tte.<br \/>\nEine L\u00fcge! Jene merkw\u00fcrdige Form der H\u00f6flichkeit des ewigen Auf und Ab zwischen dem, was man sagen muss und eigentlich nicht sagen darf.<br \/>\nMirando dachte, wie froh er sei, dass der alte Sack das Geld herausger\u00fcckt hatte und dass er endlich verschwinden konnte, denn jetzt st\u00fcnde seiner eigenen Karriere als politischer Mandatar nichts mehr im Wege.<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister w\u00fcrde ihn upgraden m\u00fcssen, Fr\u00e4ulein Mileva d\u00fcrfte nicht mehr sein Zimmer betreten, ohne vorher anzuklopfen, und wenn man ihn sprechen wollte, g\u00e4be es eine genaue Reihung derjenigen, die vorgelassen werden wollten.<br \/>\nUnd er w\u00fcrde sie warten lassen. Und wie er sie alle w\u00fcrde warten lassen! Alle. Dieses Gef\u00fchl kostete er jetzt schon aus. Rembert Mirando tr\u00e4umte im Wachen, dass sich von nun an sein ganzes Leben komplett ver\u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als er bei seinem Wagen angelangt war und ihn kurz betrachtete, kam ihm dieser eigentlich gar nicht mehr so klein vor. Den Kopf in den Nacken geworfen setzte er sich ans Steuer. Er wandte seinen Blick nach rechts, zum Seitenfenster, wo das gesamte Sichtfeld aus dem linken Vorderrad von Escortins Limousine bestand. Mirando startete rasch und fuhr den Kiesweg hinab.<\/p>\n<p>Die Parteispende Denis Escortins hatte zur Folge, dass sich die Spirale um die Aktivit\u00e4ten zur Erschlie\u00dfung eines neu umzuwidmenden Grundst\u00fcckes an einer Stelle, die f\u00fcr Normalsterbliche weder zu erwerben noch zur Erlangung der Baugenehmigung m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, zu drehen begann. Ablehnende Gutachten verschwanden in Schubladen, aus denen sie nie mehr auftauchten. Interventionen von Strom- und Gasgesellschaften wurden so hingebogen, dass man darauf verwiesen hatte, in n\u00e4herer Zukunft dort ohnehin eine gemeinn\u00fctzige Genossenschaftssiedlung errichten zu wollen, um so die weit au\u00dferhalb des Ortes anzulegenden Zuleitungen zu rechtfertigen.<br \/>\nDer B\u00fcrgermeister h\u00f6chstpers\u00f6nlich ordnete an, verf\u00fcgte, machte denjenigen, die Einw\u00e4nde vorbrachten, Versprechungen, die er am Ende nicht hielt und beauftragte Mirando, obwohl jener blo\u00df in der Kulturabteilung sa\u00df, mit der Aufgabe, sich \u00fcber die Fortschritte um die Erschlie\u00dfung von Escortins neuem Grundst\u00fcck zu erkundigen und ihn auf dem Laufenden zu halten. Mirando wuchs zu ungeahnter Gr\u00f6\u00dfe. Jetzt k\u00f6nnte er auch seiner Gattin einmal Paroli bieten, die immer so wichtigtat und in gewissem Sinne auch wichtiger war als er.<\/p>\n<p>Rembert Mirando war in seinem Element. Er hatte sich neu eingekleidet. Selbstverst\u00e4ndlich hielt er Schwarz f\u00fcr die Repr\u00e4sentation seiner Position angemessen. So uniformiert stolzierte er aufrechten Ganges, nicht zu hastig, mit entsprechender W\u00fcrde durch den Ort und die Menge der KirchenbankreserviererInnen bemerkte allesamt, dass er nun etwas darstellen mochte und gr\u00fc\u00dfte ihn von da an ehrf\u00fcrchtiger als vorher.<br \/>\nMan fand bald heraus, dass man \u00fcber ihn, wo er doch so gute Beziehungen zum B\u00fcrgermeister hatte, einiges erreichen konnte, was so nicht erreichbar gewesen w\u00e4re. Etwa die Genehmigung eines illegalen Zubaus, oder die Zulassung eines Brunnens f\u00fcr die WC-Sp\u00fclung, um der hohen Wasserrechnung zu entgehen.<br \/>\nUnd immer brachte man etwas mit, wenn man zu Mirando kam. Au\u00dfer dem \u00fcblichen Sekt oder teureren Rotwein auch Rabattscheine verschiedener Betriebe oder Superm\u00e4rkte, Eintrittskarten und manchmal auch Bares. Rembert Mirando lie\u00df alles unauff\u00e4llig in eine Schublade seines Schreibtisches gleiten, die versperrbar war. Schlie\u00dflich konnte man nicht wissen, wer hier hereinkam, wenn er nicht da war, abgesehen vom Reinigungspersonal, welches von einer Firma in der Stadt gestellt wurde und ausschlie\u00dflich aus S\u00fcdost-Migrantinnen bestand.<br \/>\nAlles in allem Vorg\u00e4nge, die \u00fcberall gang und g\u00e4be waren und zu denen auch anderswo geschwiegen und denen so der Anschein des Selbstverst\u00e4ndlichen und der Respektabilit\u00e4t verliehen wurde, was zur Folge hatte, dass das Sensorium zur Wahrnehmung derartiger getarnter Gegengesch\u00e4fte nicht gerade sensibilisiert, sondern eher abgenutzt wurde. Die wenigen Prominenten im Ort, allen voran Denis Escortin samt Gattin, waren ohnehin nie um die eine oder andere Intervention verlegen, wenn es aufgrund einer Verkehrsstrafe oder eines sonstigen Delikts galt, einen Erlass oder eine Herabsetzung ihrer Strafe zu bewirken, obwohl man \u00fcber die kleine finanzielle Einbu\u00dfe sicherlich erhaben gewesen w\u00e4re. Es war ganz einfach die reine Lust am Prominentsein, die sie dazu bewog, Einspruch zu erheben, um sich damit noch deutlicher vom P\u00f6bel abzuheben, der Sanktionen widerspruchslos hinnehmen musste.<\/p>\n<p>Fr\u00e4ulein Mileva, Mirandos Sekret\u00e4rin, hatte von nun an noch mehr zu tun als bisher und war dar\u00fcber gar nicht gl\u00fccklich. Ja, sie \u00fcberlegte sogar manchmal, ob sie nicht um Teilzeit ansuchen oder gar den Job wechseln sollte. Mirando arbeitete nur noch selten in seinem B\u00fcro und delegierte so ziemlich alles an seine Sekret\u00e4rin. Er war nicht erreichbar, kam und ging wann er wollte, und wenn er da war, erz\u00e4hlte er wie immer unanst\u00e4ndige frauenfeindliche Witze, zu denen er meistens selber am lautesten lachte. Die Kolleginnen und Kollegen tuschelten \u00fcber ihn, dass er sich in unbeobachteten Momenten angeblich seine Witze selbst erz\u00e4hlte und danach lauthals dar\u00fcber lachte.<\/p>\n<p>Als ihn der Abgeordnete Meier einmal auf die aktuelle Krise angesprochen hatte, soll Mirando gesagt haben, es sei alles halb so schlimm. Gewiss, man spr\u00e4che so gemeinhin von einer solchen, jedoch deute alles darauf hin, dass man vor einer gro\u00dfen Herausforderung st\u00fcnde und diese nutzen m\u00fcsse. Er, Rembert Mirando, sehe darin \u00fcberdies seine pers\u00f6nliche gro\u00dfe Chance als politischer Mandatar kommen und begr\u00fc\u00dfe die Krise, vor der man nicht verharren solle wie das Kaninchen vor der Schlange. Man m\u00fcsse nach vorne sehen, betonte er, und d\u00fcrfe sich nicht an ihrem \u00fcblen Beigeschmack sto\u00dfen, den sie mitunter zu haben schien, so, als ob einem die H\u00e4nde gebunden w\u00e4ren. Das w\u00e4re glatter Def\u00e4tismus.<br \/>\nAm Wirtschaftshorizont k\u00f6nne man bereits Anzeichen erkennen, dass es bald wieder aufw\u00e4rts ginge. Bis dahin w\u00fcrde man der heimischen Wirtschaft unter die Arme greifen, und dabei grinste er bis zu den Ohren, weil er an Escortin dachte und daran, dass er die Sache mit dessen Grundst\u00fcck auch ein wenig f\u00fcr sich werde n\u00fctzen k\u00f6nnen, auch wenn er noch nicht genau wusste, wie. Und nach einer kleinen Pause, die er dem Abgeordneten g\u00f6nnte, der bereits tief bereut hatte, Mirando jemals eine Frage gestellt zu haben, fuhr er fort, dass man nicht sinnlose Strukturen unterst\u00fctzen w\u00fcrde, sondern punktgenaue Strategien einsetzen werde. Zack! Das hatte gesessen.<\/p>\n<p>Der Abgeordnete Meier sei in Eile. Eine Frage wolle er trotzdem noch beantwortet wissen, n\u00e4mlich die, ob man weiter Schulden machen werde, wo doch strenger Sparkurs angesagt sei? Ja, man werde sehr wohl Schulden machen m\u00fcssen, sagte Mirando. Das machten die Privaten ja auch. Und \u00fcberdies w\u00fcrde die Wirtschaft sonst den Bach hinuntergehen. Jedoch unterst\u00fctze man nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern nur dort, wo es sich lohnen, wo es nachhaltig sein w\u00fcrde, wenn er wisse, was er meine. Und Rembert lachte abermals, so ganz f\u00fcr sich.<br \/>\nDer Abgeordnete nickte blo\u00df. Sie sehen also keine Krise, alles im Griff? Rembert baute sich vor Meier auf. Der Abgeordnete sagte nichts. Was denn mit den Arbeitslosen geschehe?, fragte er nach einer Nachdenkpause. Er h\u00e4tte von einem Sozialprojekt geh\u00f6rt hier im Ort.<br \/>\nKeine Sorge, sie erm\u00f6glichten auch das Unm\u00f6gliche, antwortete Mirando flink. Sie investierten in alle Bereiche gleichzeitig, m\u00fcsse er wissen, Arbeitspl\u00e4tze, Wirtschaft, Infrastruktur. Davon k\u00f6nne man anderswo nur tr\u00e4umen. Der Abgeordnete schien beeindruckt. Mirando dachte an den Taktstock. Wieder einmal schwang er ihn hoch \u00fcber den K\u00f6pfen der staunenden Zuh\u00f6rer, Fr\u00e4ulein Milevas und dem des Abgeordneten Meier. Ob der Finanzchef da mitspielte, wollte Meier wissen? Das verst\u00fcnde sich von selbst, erwiderte Mirando selbstbewusst, schlie\u00dflich sei es ja nicht dessen eigenes Geld, und er lachte zynisch, als er dies gesagt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15053<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Ort kannte, Zwicklingsau oder Hintertupfing, das blieb sich gleich, Kaffs wie diese gleichen einander wie ein Ei dem anderen, mochte unschwer feststellen, wie sich in den letzten Jahren eine zunehmende Rechtslastigkeit und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu etablieren begonnen hatte. Man zeigte sich \u00e4ngstlich gegen\u00fcber den wenigen muslimischen Gemeindearbeitern und gewissen unberechenbaren Einfl\u00fcssen von au\u00dfen. 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