{"id":2598,"date":"2015-05-16T08:05:02","date_gmt":"2015-05-16T08:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2598"},"modified":"2015-05-17T08:25:29","modified_gmt":"2015-05-17T08:25:29","slug":"das-verhoer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2598","title":{"rendered":"Das Verh\u00f6r"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2598&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2598&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In einer st\u00fcrmischen Gewitternacht entdeckt das Stubenm\u00e4dchen eines privaten Kurheimes, Fr\u00e4ulein Trixi, beim abendlichen Zimmerdurchgang die Leiche einer \u00e4lteren Pflegebed\u00fcrftigen. Wurde sie erstickt? Wom\u00f6glich mit einem Polster? W\u00e4hrend sich die \u00fcbrigen G\u00e4ste im Salon des Hauses beim Bridgespiel vergn\u00fcgen, ruft man unterdessen diskret Polizei und Rettung. Ein Kommissar wird noch in derselben Nacht zur Untersuchung des Falles abgestellt. Kommissar Braum\u00fcller beginnt sein Verh\u00f6r konsequent und nimmt sich systematisch jeden vor, der ihm verd\u00e4chtig erscheint. Sein Hauptverdacht gilt nicht zuletzt dem Gatten der Ermordeten, der \u00fcberdies noch mit seiner Geliebten in ein und demselben Hause weilt, wie auch einer gewissen Frau Trinks, die er durch seine konsequenten Fragen in die Enge zu treiben versucht.<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eFrau Trinks\u201c, fragte Braum\u00fcller, \u201ewaren Sie an diesem Abend im Zimmer von Frau Rabitsch oder nicht?\u201c Die Trinks stockte, und fl\u00fcsterte nach l\u00e4ngerem Warten ein leises \u201e Ja\u201c. \u201eNa bitte, also dr\u00fcben waren Sie bei ihr, das steht wohl jetzt eindeutig fest.\u201c Der Kommissar z\u00fcndete sich die n\u00e4chste Zigarette an. Jetzt wurde Professor Ebner wieder etwas munterer. Er konnte sich nicht mehr zur\u00fcckhalten und hob z\u00f6gernd die Hand, als ob er etwas sagen wollte, reine Gewohnheit, ein ewiger Schulmann eben.<br \/>\nAber der Kommissar bemerkte es nicht. Er inhalierte in tiefen Z\u00fcgen und rannte wieder auf und ab, stoppte j\u00e4h vor einer Topfpalme, die als Raumteiler diente und kehrte wieder um. Hin und her, wie ein Tier in seinem K\u00e4fig. \u201eHm! Was k\u00f6nnte das zu bedeuten haben\u201c, fuhr der Kommissar fort, und diesmal fixierte er die Trinks mit stechendem Blick, \u201eFrau Trinks, wenn eine Person, die mit einem Polster erstickt werden soll, ihre H\u00e4nde nicht in Abwehrstellung gegen den Polster erhebt, sondern die H\u00e4nde so h\u00e4lt, als wollte sie dem T\u00e4ter dabei noch behilflich sein, den Polster sozusagen von oben her noch zu sich heran dr\u00fcckt?\u201c<br \/>\nSybilla Trinks starrte ihn lange an und sagte nichts. \u201eFrau Trinks, ich habe Sie etwas gefragt?\u201c Braum\u00fcller lie\u00df nicht locker. Professor Ebner fiel vor innerer Erregung beinahe vom Stuhl. Er \u00f6ffnete den Mund und schloss ihn wieder, schnappte nach Luft wie ein frisch gefangener Karpfen und sein Gesicht gl\u00fchte f\u00f6rmlich und war blutrot. \u201eIch bin kein Kriminalist\u201c, sagte Sybilla Trinks pl\u00f6tzlich z\u00f6gernd. \u201eSind Sie nicht, ich wei\u00df. Aber ich bin einer. Und ich k\u00f6nnte daraus Verschiedenes schlie\u00dfen. Aber ich tue es nicht. Ich stelle es einfach in den Raum \u2013 einfach in den Raum, ja!\u201c<\/p>\n<p>Es folgte eine unertr\u00e4gliche Stille, in der Professor Ebner Moll ansah, Moll den Professor. Traunstein beobachtete beide. Manon hatte die Augen geschlossen und d\u00f6ste so vor sich hin. Die Maar blickte beinahe siegessicher und mit hoch erhobenem Haupt zu Sybilla Trinks hin\u00fcber, w\u00e4hrend Irene Hase unentwegt in ihren kleinen, rosafarbenen Schminkspiegel starrte. Fr\u00e4ulein Trixi sah unruhig von einem zum anderen und verstand die Welt nicht mehr. Von drau\u00dfen h\u00f6rte man eine Nachtigall schlagen und von weiter her ein K\u00e4uzchen rufen. Un\u00fcberh\u00f6rbar \u2013 die Pendeluhr.<br \/>\nDer Kommissar sah auf seine eigene Uhr und seufzte. Aber seine Gedanken waren schon wieder ganz wo anders, denn schlie\u00dflich war er ja hier nicht zur Kur. Er ging auf Manon zu. \u201eSchlafen Sie schon, junger Mann?\u201c, fragte er. Manon, aus seinem kurzen Nickerchen gerissen, stammelte ein \u201eNein, nein\u201c. \u201eGut. Ich m\u00f6chte von Ihnen noch etwas wissen. Haben Sie jemals mit Herrn Rabitsch gesprochen? So \u2013 Belangloses, muss gar nicht wichtig gewesen sein?\u201c Manon fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, dunkles Haar. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dann dachte er an den Vortrag, den ihm Rabitsch gehalten hatte. Er z\u00f6gerte noch. \u201eHaben Sie, oder haben Sie nicht?\u201c, fragte Braum\u00fcller erbarmungslos. \u201eHerr Rabitsch hat schon &#8230;\u201c \u201eWas?\u201c, fragte der Kommissar ungeduldig. \u201eNa, er hat mich \u2013 \u00e4h, er hat mir die Situation am Arbeitsmarkt erkl\u00e4rt.\u201c<br \/>\n\u201eWas waren Sie von Beruf?\u201c, fragte der Kommissar Rabitsch. \u201eIch? Ich war Prokurist in einer Lebensmittelfirma.\u201c \u201eWie lange ist das her?\u201c \u201eUngef\u00e4hr \u2013 zwanzig Jahre\u201c, sagte Rabitsch. \u201eDa sind Sie eigentlich weg vom Fenster, was?\u201c, lachte Braum\u00fcller. \u201eWie kommen Sie in diese beratende Funktion, w\u00fcrde mich interessieren?\u201c Rabitsch war grantig, das sah man ihm an. \u201eNun, ich lese Zeitung\u201c, sagte er, ohne seinen \u00c4rger zu verheimlichen. \u201eZeitung lesen Sie? Glauben Sie, dass Ihnen das die notwendige Legitimation gew\u00e4hrt, Arbeitsmarktberichte abzugeben?\u201c, grinste der Kommissar. Die anderen schmunzelten. \u201eWas hat er noch gesagt?\u201c, erkundigte sich Braum\u00fcller bei Manon. \u201eJa, irgendwie hat er gemeint, dass die jungen Leute heutzutage nichts mehr angreifen wollen, und gleich viel Geld verdienen wollen und so. Und er hat auch gesagt, dass er und Frau Maar die Sonne und das Meer lieben.<\/p>\n<p>Das war alles.\u201c Braum\u00fcller zog eine Zigarette aus der Packung, z\u00fcndete sie an, und blies den Rauch in kleinen W\u00f6lkchen vor sich her. \u201eWer nicht, Herrschaften, wer nicht, was?\u201c, meinte er. \u201eAber leider, heute sind wir hier, und nicht in \u2013 Bibione! Dorthin fahren Sie ja so gerne, Herr \u2013 Rabitsch?\u201c Braum\u00fcller hob die Brauen und sah Rabitsch scharf an. \u201eDas soll ja nicht gerade gratis sein, wie ich immer h\u00f6re. Unsereiner kann sich das nicht leisten\u201c, sagte er mit leiser Stimme. \u201eMit einer kleinen Rente ist das \u00fcberdies nicht m\u00f6glich. Darf ich fragen, wer Ihre Reisen zu finanzieren pflegt?\u201c<br \/>\nRabitsch begann sich aufzuplustern wie ein Truthahn. \u201eIch glaube nicht, dass das f\u00fcr Sie von Belang ist\u201c, meinte erbost. \u201eOh doch, lieber Herr, das ist sehr wohl von Belang f\u00fcr mich. Frau Maar, bezahlen Sie das, wenn ich so frei sein darf?\u201c, wandte er sich an die Geliebte Rabitschs. Sie wurde rot wie eine Tomate. \u201eNein. Ja, nat\u00fcrlich. Also, halb halb\u201c, stotterte sie. \u201eHervorragend, das war wieder eine Antwort! Darf ich es mir jetzt aussuchen, wie die Sache liegt, oder was?\u201c<br \/>\nJetzt setzte sich Rabitsch in Position. \u201eNat\u00fcrlich bezahle ich das, das ist doch selbstverst\u00e4ndlich.\u201c \u201eSie sind ja schlie\u00dflich der Gentleman, ich verstehe. Die Rechnungen hier in der Pension bezahlt alle Ihre Gattin, soweit ich das in der kurzen Zeit feststellen konnte. Sie sind also von ihr eingeladen, wenn ich das richtig verstehe, oder?\u201c Rabitsch zerkn\u00fcllte nur sein Taschentuch mit den Buchstaben B.R. \u201eIch habe geerbt\u201c, sagte er pl\u00f6tzlich. \u201eSch\u00f6n f\u00fcr Sie. Und von wem, wenn man fragen darf?\u201c<br \/>\n\u201eD\u00fcrfen Sie nicht!\u201c, sagte Rabitsch schlagfertig. \u201eGut! Ich habe in Ihrem Zimmer eine Dokumentenmappe gefunden. Darin befindet sich unter anderem auch ein Testament Ihrer Gattin.\u201c Rabitsch wurde noch eine Stufe blasser.<br \/>\nDie anderen hoben ruckartig ihre K\u00f6pfe. Professor Ebner wollte schon seine Hand heben, lie\u00df sie aber wieder sinken. \u201eHaben Sie dazu eine Order?\u201c, fragte Rabitsch erbost. \u201eIch brauche keine Order. In so einem Fall darf ich alles, beinahe alles\u201c, brummte Braum\u00fcller. \u201eIch habe in dieser Mappe hochinteressante Dinge entdeckt, Herr \u2013 Rabitsch!\u201c, fuhr der Kommissar fort. \u201eUnd welche, wenn erlaubt ist, zu fragen?\u201c, zischte er. \u201eNun, Sie sind darin beispielsweise in einer Ablebensversicherung als Universalerbe eingesetzt, Herr Rabitsch!\u201c<br \/>\nDieser Satz fuhr wie ein Donnerschlag in die Runde ein. Rabitsch war aufgesprungen. \u201eWas wollen Sie damit sagen?\u201c, fragte er ganz langsam, gepresst. Alle anderen redeten heftig aufeinander ein. Der Kommissar schien den allgemeinen Aufruhr aufs H\u00f6chste zu genie\u00dfen und sog gen\u00fcsslich an seiner Zigarette, die beinahe schon bis zum Filter gl\u00fchte. \u201eWas, zum Donnerwetter, soll das? Was bezwecken Sie mit dieser Bemerkung? Wollen Sie mich hier als \u2013 M\u00f6rder blo\u00dfstellen, wie? Ich m\u00f6chte sofort meinen Anwalt anrufen! Jetzt! Mitten in der Nacht! Das ist unerh\u00f6rt, was ich mir hier bieten lassen muss! Unerh\u00f6rt!\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Er ging jetzt aufgeregt auf und ab, zu aufgebracht, um seinen Platz beizubehalten. \u201eBeruhigen Sie sich wieder, Herr Rabitsch. Ich habe doch gar nichts gesagt, au\u00dfer, dass ich dieses Dokument vorgefunden habe. Sonst nichts! Was regen Sie sich denn so k\u00fcnstlich auf?\u201c \u201eSoll ich nicht? Soll ich mich nicht aufregen? Sie legen mir ja f\u00f6rmlich in den Mund, dass ich es gewesen sein muss, oder etwa nicht? Jetzt haben Sie Ihr verdammtes Indiz! Jetzt haben Sie es gefunden! Darauf wollten Sie doch von Anfang an hinaus, nicht wahr?\u201c<br \/>\nBraum\u00fcller d\u00e4mpfte seelenruhig seine Zigarette im Aschenbecher aus. \u201eNoch ist hier niemand schuldig gesprochen, ja? Stellen wir das einmal fest. Wie Sie sehen konnten, ist die Wirkung dieser Mitteilung nicht ganz unbemerkt geblieben\u201c, meinte der Kommissar ostentativ. \u201eEine unerh\u00f6rte Blo\u00dfstellung, das! In diesem Haus kann ich mich ja nicht mehr sehen lassen!\u201c, tobte Rabitsch und zog an seiner Schalkrawatte, um sich etwas Luft zu verschaffen. \u201eNun verlieren Sie doch nicht gleich die Contenance\u201c, riet ihm Graf Traunstein, \u201edas ist ja unertr\u00e4glich, welcher nervlichen Belastung man uns hier aussetzt. Schlie\u00dflich sind wir allesamt nicht gesund und zur Rehabilitation hier. Ich w\u00fcrde sagen, man sollte dieses Verh\u00f6r am Tage anberaumen, das muss man sich ja nicht gefallen lassen, nicht wahr?\u201c<br \/>\nDa schien Kommissar Braum\u00fcller auf einmal etwas verunsichert, ob er nicht doch zu weit gegangen war. \u201eVielleicht haben Sie recht, Herr \u2013 Traunstein\u201c, sagte er, \u201eich brauche nicht mehr lange. Morgen ist ja auch noch ein Tag, ja, Sie haben v\u00f6llig recht.\u201c Er verschr\u00e4nkte seine Arme \u00fcber dem Sakko mit den Lederflecken an den \u00c4rmeln und schickte sich an, wieder seinen Marsch zu beginnen, hin zur Topfpalme, wieder zur\u00fcck bis zum Sofa und so fort.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Anwesenden verdrehten enerviert die Augen. \u201eMan bietet hier alle Arten von Massagen an, h\u00f6re ich. B\u00e4der, Moorb\u00e4der, Sch\u00f6nheitspackungen. Gesichts- und K\u00f6rperbehandlungen oder \u2013 Vital-Pakete und so ein Zeug. Waren Sie schon einmal in der Gradieranlage?\u201c, fragte Braum\u00fcller Rabitsch. \u201eWas soll das jetzt? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?\u201c, sagte dieser verunsichert. \u201eNur so. Ich wollte fragen, welche Art von Behandlungen Sie hier machen.\u201c \u201eKeine\u201c, antwortete Rabitsch kurz. \u201eWarum nicht?\u201c \u201eWeil ich nicht krank bin, deshalb. Ich bin mit meiner Gattin hierher gefahren, damit ich f\u00fcr sie &#8230;\u201c. \u201eHerr Rabitsch\u201c, l\u00e4chelte der Kommissar pl\u00f6tzlich, \u201eSie haben mit Ihrer Gattin doch hier gar nichts zu tun. Sie wohnen in einem anderen Zimmer, Sie gehen tags\u00fcber ihre Wege und spielen des Nachts hier herunten Karten und geben sich dem Gesellschaftsleben hin. Wieso sind Sie nicht woanders hingefahren? Ihre Frau braucht Sie ja gar nicht?\u201c<br \/>\n\u201eSie sind wirklich unversch\u00e4mt\u201c, sagte Rabitsch und wandte sich von ihm ab. \u201eJa, ja. Das ist so meine Natur. Gegen\u00fcber der Gradieranlage ist ein Reiseb\u00fcro. Im Zimmer von Frau Maar liegen zwei Karten f\u00fcr eine Schiffsreise. Ich denke, es war eine Kreuzfahrt. So genau habe ich es nicht gelesen. Und wenn ich mich nicht get\u00e4uscht habe, dann fahren Sie morgen ab. Ist das richtig? Ihre Frau bleibt aber noch zwei Wochen. Allein, wie ich annehme? Oder?\u201c Rabitsch sagte nichts.<\/p>\n<p align=\"left\">Linda Maar rieb sich die m\u00fcden Augen mit den Fingern beider H\u00e4nde. \u201eWann werden Sie fahren?\u201c, fragte Braum\u00fcller, \u201ees ist ziemlich weit bis Genua. Sie nehmen doch Ihr Auto, nicht wahr? Es ist noch kein Jahr alt. Hat Ihnen das Ihre Gattin zum Geburtstag geschenkt? F\u00fcr das aufopfernde Verhalten ihr gegen\u00fcber?\u201c, \u00e4tzte der Kommissar. \u201ePff!\u201c, machte Rabitsch. \u201eAlso gut. Das geh\u00f6rt nicht hierher. Ich weise Sie allerdings darauf hin, dass Sie ab sofort den Ort nicht zu verlassen und sich alle zwei Stunden im Kommissariat zu melden haben. Ist das klar?\u201c<br \/>\nRabitsch kochte vor Wut. Aber er nickte zustimmend. Die Maar schluchzte einmal kurz auf.<\/p>\n<p align=\"left\">Moll bemerkte ein anderes Plakat, ebenfalls in T\u00fcrn\u00e4he. Die Jagd- und Naturausstellung w\u00e4re ab jetzt t\u00e4glich ge\u00f6ffnet, oben, auf der Alm. Das k\u00f6nnte er morgen schaffen, nach dem Gang um den See. Wenn man doch endlich schlafen gehen k\u00f6nnte! Professor Ebner bat, austreten zu d\u00fcrfen. Das kam dem Kommissar sehr gelegen und er ging gleich mit ihm. So trat eine Weile Ruhe ein im Salon. Rabitsch wich den Blicken der anderen unentwegt aus. Der Graf fl\u00fcsterte etwas mit Frau Hase. Die Trinks g\u00e4hnte gelangweilt vor sich hin. Die architektonische Pracht des postromantischen Salons begann unter der M\u00fcdigkeit seiner Betrachter immer mehr zu verblassen und die Faszination des von dunklen Holzbalken umgebenen Kamins schwand mit jedem Schlag der dominierenden Pendeluhr, die ihm den Rang abzulaufen begann.<br \/>\nDa betraten Ebner und der Kommissar wieder den Salon. Ebner setzte sich artig, erleichtert, als h\u00e4tte er eben gebeichtet. Aber vielleicht war es auch nur wegen des Wasserlassens. Kommissar Braum\u00fcller stellte sich provozierend in die Mitte des Raumes, h\u00fcstelte ein wenig und griff dann in seine Rocktasche, um sich abermals eine Zigarette zu angeln und sie anzuz\u00fcnden. \u201eFrau \u2013 \u00e4h, Frau Trinks\u201c, begann der Kommissar. Moll spitzte die Ohren. Hatte der Professor irgendetwas Dummes gesagt, da drau\u00dfen? Das s\u00e4he ihm \u00e4hnlich, dachte er.<\/p>\n<p>\u201eIch habe noch eine kleine Frage an Sie.\u201c Sybilla Trinks sah ihn erwartungsvoll an. \u201eFinden Sie, dass es richtig ist, das Leben eines Menschen nicht um jeden Preis zu erhalten, oder sagen wir, zu verl\u00e4ngern, wenn beispielsweise \u2013 nehmen wir einmal an, ja? Wenn also beispielsweise der Leidenszustand des oder der Kranken nicht mehr, \u00e4h \u2013 behoben werden kann? Wenn das Leben zur Qual geworden ist, ja, nicht mehr lebenswert ist? Frau Trinks?\u201c Der Kommissar sah sie lange und ganz genau an. Sybilla Trinks verzog keine Miene. Sie dachte nach, was sie antworten sollte. Braum\u00fcller lie\u00df ihr diesmal Zeit. Viel Zeit. Schlie\u00dflich gab sie ihm folgende Antwort: \u201eWenn ich Sie recht verstehe, fragen Sie aus einer ganz bestimmten Absicht heraus?\u201c Der Kommissar nickte: \u201eIch frage stets in einer bestimmten Absicht, ja, das ist mein Beruf!\u201c, sagte er. \u201eIch k\u00f6nnte mir durchaus vorstellen, dass man ein so unlebenswertes Leben unter besonderen Umst\u00e4nden beenden k\u00f6nnte, wenn eine todkranke Person das so will, vorausgesetzt, dass sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kr\u00e4fte ist, so einen Schritt f\u00fcr sich selbst entscheiden zu k\u00f6nnen, ja!\u201c, sagte sie entschlossen.<br \/>\nMoll wurde ganz schwach in den Beinen. Jetzt ist sie dran, dachte er! Sie muss verr\u00fcckt geworden sein. Es gibt \u00fcberhaupt keine Beweise daf\u00fcr, dass sie &#8230; Wahnsinn, das alles! \u201eAha! Sie meinen also, Euthanasie h\u00e4tte Berechtigung, lebensunwertem Leben aus Gr\u00fcnden des, \u00e4h, wie auch immer man es bezeichnet, nennen wir es \u2013 Mitleid \u2013 durch den Gnadentod zu &#8211; wie soll ich es ausdr\u00fccken &#8211; eben ein Ende zu bereiten. Ist das richtig?\u201c \u201eJa, durchaus. K\u00f6nnte ich mir vorstellen. Wenn die Schmerzen unertr\u00e4glich werden &#8211; ja ja, ich w\u00fcrde das f\u00fcr mich beanspruchen.\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Der Kommissar ging rascher auf und ab. Er kratzte sich jetzt einmal an seiner Glatze, dann wieder am Kinn. Er strich seinen Schnurrbart, um sich hinterher wieder an der Glatze zu kratzen. Seine Zigarette glimmte wie ein Hochofen. Die Anwesenden wurden unruhig. Die Augen des Professors gl\u00fchten wie Kohlen und sein Mund schnitt eine Grimasse nach der anderen. Seine Z\u00e4hne mahlten und er schwitzte auf seiner roten Stirn, als ob er in der Sauna s\u00e4\u00dfe. Graf Traunstein hatte sich aufgesetzt und verga\u00df beinahe, zu atmen.<br \/>\nDie Damen wischten ihre feuchten H\u00e4nde in Servietten und Papiertaschent\u00fccher, w\u00e4hrend Manon bl\u00f6de vor sich hingrinste. Fr\u00e4ulein Trixi aber verstand die Welt noch immer nicht und sch\u00fcttelte ihr br\u00fcnettes K\u00f6pfchen vor Verwunderung \u00fcber das, was hier ablief. \u201eIst Ihnen bekannt, Frau Trinks, dass schon einmal in diesem, nein, im vorigen Jahrhundert im Zusammenhang mit unheilbar kranken Menschen von&#8230;\u201c, er machte eine kleine Pause, \u201eleeren Menschenh\u00fclsen und Ballastexistenzen die Rede war?\u201c Sybilla Trinks lachte kurz auf. \u201eNein, tut mir leid. So etwas hab\u2018 ich noch nie geh\u00f6rt, ehrlich!\u201c Dann lachte sie abermals. \u201eSollten Sie aber, Verehrteste, sollten Sie aber!\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eWie meinen Sie das?\u201c, fragte sie naiv. \u201eDamals war davon die Rede, man m\u00fcsse solche Menschen absto\u00dfen, wie verfaulte Organismen, und das war nicht nur gegen verbl\u00f6dete Kinder gerichtet, oder Psychopathen, durchaus nicht. Man hatte daran gedacht, nicht nur alle m\u00f6glichen Geisteskrankheiten auszurotten \u2013 durch Euthanasie \u2013, sondern auch anderen Erbkrankheiten auf diese Weise den Garaus zu machen.\u201c Er blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Runde.<br \/>\n\u201eJetzt gehen Sie aber wirklich zu weit!\u201c, rief der Graf erbost, \u201ewas f\u00e4llt Ihnen ein, solche Assoziationen zwischen diesen ekelhaften Dingen und Frau Trinks herzustellen? Wer glauben Sie, dass Sie sind?\u201c Der Graf war au\u00dfer sich.<br \/>\n\u201eBleiben S\u2018 ruhig, Herr Traunstein. Ich stelle wie immer nur Dinge in den Raum, die f\u00fcr mich durchaus relevant sind \u2013 in meinen \u00dcberlegungen, wenn Sie verstehen, was ich meine?\u201c Traunstein hatte sich wieder Irene Hase zugewandt und fl\u00fcsterte ihr abermals etwas ins Ohr. \u201eWenn Sie was zu sagen haben, Herr Traunstein, dann tun Sie es laut, damit wir alle was davon haben, ja?\u201c, ermahnte Braum\u00fcller den Grafen. \u201eIst nicht von Belang f\u00fcr Sie!\u201c, antwortete Traunstein trotzig. \u201eWo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Frau Trinks, stellen Sie sich vor, das macht Schule! Die Billigung einer Art Gnadentod-Aktion, z z z , stellen Sie sich das alle einmal vor, Herrschaften. Ja, wo k\u00e4men wir denn da hin? Wer sollte denn das entscheiden, wann so etwas legitim ist? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Ganz zu schweigen davon, dass sich jeder Dahergelaufene dazu berufen f\u00fchlen k\u00f6nnte, so einem Wunsch auf eigene Faust nachzukommen, oder etwa nicht, Frau Trinks?\u201c<br \/>\nSyblla Trinks legte ihre linke Hand auf die Brust und atmete schwer. \u201eWie reden Sie denn mit mir?\u201c, fauchte sie den Kommissar an, \u201eoder \u2013 halten Sie mich etwa f\u00fcr die&#8230;\u201c. \u201eIch habe mit keinem Wort angedeutet, dass ich Sie in irgendeiner Form belasten w\u00fcrde. Ich habe lediglich versucht, Ihnen ein Beispiel zu nennen. Was den Tod von Frau Rabitsch betrifft, so habe ich hier meine eigene Theorie und ich werde sie Ihnen bekannt geben, sobald ich meine Befragung f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt habe. Punktum!\u201c<br \/>\nFrau Trinks lehnte sich emp\u00f6rt zur\u00fcck. \u201eIch werde Ihre Fragen nicht mehr beantworten!\u201c, sagte sie entschlossen und warf ihren Kopf stolz in den Nacken. \u201eBitte, kann ich Ihnen nicht ver\u00fcbeln. Sie haben das Recht als Zeuge, die Auskunft \u00fcber solche Fragen zu verweigern, wenn Sie der Auffassung sind, deren Beantwortung k\u00f6nnte f\u00fcr Sie die Gefahr einer Strafverfolgung in sich bergen. Gestehe ich Ihnen zu. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam\u201c, und der Kommissar hob die rechte Hand und streckte seinen Zeigefinger senkrecht empor, \u201edass Sie dazu verpflichtet sind, den ordnungsgem\u00e4\u00dfen Ablauf dieser Befragung hier, der f\u00fcr den sp\u00e4teren Beweis der Wahrheitsfindung erforderlich ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu unterst\u00fctzen und \u00fcber Ihre konkreten Wahrnehmungen bez\u00fcglich diverser vergangener Tatbest\u00e4nde und Zust\u00e4nde, und darauf lege ich besonderen Wert, Zust\u00e4nde!\u201c, er wiederholte dieses Wort langsam und mit besonderem Nachdruck, \u201eZeugnis ablegen. Ist Ihnen das klar, Frau Trinks?\u201c<br \/>\nSybilla Trinks sagte nichts. \u201eGut\u201c, begn\u00fcgte sich Braum\u00fcller vorl\u00e4ufig damit, \u201ewerde ich meine Gedanken eben alleine weiterspinnen und dabei hoffen, einigerma\u00dfen Ihrem Geschmack zu entsprechen\u201c, setzte er zynisch hinzu. \u201e\u00dcbrigens wollte ich vorhin noch erg\u00e4nzen, dass sich damals \u00c4rzte, die Kirche und vor allen Dingen die Juristen absolut dagegen ausgesprochen haben. Und, Frau Trinks, glauben Sie mir, das w\u00fcrde heute nicht anders sein. Es kann niemand von uns auf diese Weise \u00fcber Leben und Tod entscheiden, das sollten Sie sich einpr\u00e4gen. Haben Sie geh\u00f6rt? Sich einpr\u00e4gen \u2013 einpr\u00e4gen!\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Moll war, als verhallten die Worte des Kommissars wie ein Echo. Er meinte, geschlafen zu haben, und \u2013 pl\u00f6tzlich erwacht zu sein, dann aber wieder &#8211; aber nein, da waren sie ja alle, der Graf, die Maar und die Hase, Manon, Fr\u00e4ulein Trixi, und dieser entsetzliche Kommissar, der st\u00e4ndig vor ihnen auf und ab lief, zum Greifen nahe, alle, wie sie lebten.<br \/>\n\u201eUnd noch etwas, Frau Trinks, nach dem Krieg hat es zahlreiche Prozesse gegeben, zahlreiche, sag ich Ihnen, in denen sowohl \u00c4rzte als auch das Pflegepersonal einiger Heilanstalten, welche f\u00fcr die T\u00f6tungen ma\u00dfgeblich beteiligt waren, zur Verantwortung gezogen worden sind. Haben Sie das gewusst?\u201c<br \/>\nDoch Sybilla Trinks blickte nur demonstrativ zur Decke hoch. Als ob sie das Fries betrachtete, dachte Moll, und er bekam wieder diese Angst, eine uns\u00e4gliche Angst vor dem n\u00e4chsten Tag, an dem er sich wieder selbst ertragen musste, solange, bis ihn am Abend endlich der Schlaf \u00fcberw\u00e4ltigte und in eine andere Welt hin\u00fcbertrug, in eine, in der er sich nicht mehr selbst zur Last fiel und von sich erholen konnte.<\/p>\n<p align=\"left\">Aber der Kommissar ging noch immer auf und ab und rauchte in einem fort. Professor Ebner hingegen schien gar nicht zufrieden zu sein mit dem Ergebnis der letzten Befragung von Trinks durch den Kommissar, und Moll qu\u00e4lten die Gedanken zu Tode, wor\u00fcber dieser entsetzliche Schulmensch wohl mit ihm gesprochen haben mochte? Es musste irgendwo einen Schl\u00fcssel in die Vergangenheit geben, ja, ganz offensichtlich, die in Molls Gegenwart eine wichtige Rolle zu spielen schien, eine Art Mythologie, die sich in seinem Inneren abzuspielen anschickte, ausgehend von einem wichtigen Ereignis, dessen er sich augenblicklich nicht zu entsinnen vermochte, ob es im Zusammenhang zu seiner momentanen individuellen Entwicklung st\u00fcnde, gar aus einem Bed\u00fcrfnis heraus, einem unerf\u00fcllten Wunschdenken vielleicht, dessen Ursachen er sich nicht erkl\u00e4ren konnte. Aber eines sp\u00fcrte er, dass es sich aus einer konflikthaften Anregung um das Tagesgeschehen handeln musste, von der er meinte, dass sie sich ihm bewusst darstellte und er all diese Verdr\u00e4ngungen, die damit in unmittelbarem Zusammenhang standen, auf irgendeine Weise gel\u00f6st haben wollte. Die Geschehnisse des Tages und diese \u2013 diese Reize der Vergangenheit, waren nicht identisch mit dem, was ihm hier widerfuhr, dachte er.<br \/>\nEr konnte mit der Person dieses Kommissars nichts anfangen. Und Moll bem\u00fchte sich, dessen Gesicht zu erkennen, was ihm nicht gelingen wollte. Einmal meinte er, kurz jenes eines guten Freundes in ihm zu sehen, dann wiederum eine Figur aus einem Film, ja, aus irgendeinem Film wahrscheinlich. Diese Schranke zur bewussten Wahrnehmung konnte und konnte er in diesem Fall nicht \u00fcberschreiten, aber andererseits war ihm, als w\u00fcrde ihm alles Unbewusste von einer fremden Macht aus dem Bewussten entzogen. F\u00fcr Moll hatte alles Wahrheitsgehalt, was hier vor sich ging, keine Frage. Nichts kam ihm dabei wirr oder unzusammenh\u00e4ngend vor, oder gar widerspr\u00fcchlich, auch wenn die Person des Kommissars durch eine andere Person ersetzt schien, f\u00fcr Augenblicke zumindest.<br \/>\nDie Zeugeneinvernahme lief vor seinen Augen ab wie eine Art Halluzination, in der er gewisserma\u00dfen die Wunscherf\u00fcllung sah, aber wessen? Das war doch nicht sein Wunsch, dass jemand Sybilla Trinks derart belastete? Er bangte um sie, obwohl er nichts mehr f\u00fcr sie empfinden konnte, sie nicht mehr f\u00fchlte und merkw\u00fcrdigerweise sich selbst auch nicht. Doch l\u00f6ste dieses Verh\u00f6r des Kommissars in ihm eine weitere Angst aus, anders als jene, sich vor sich selbst zu Tode zu langweilen, nein, es war eine Angst vor dem Unbewussten, welches Gefahr lief, in seine Wahrnehmung der eigenen Wirklichkeit einzudringen.<br \/>\nMoll diagnostizierte eine verst\u00e4rkte Gehirnt\u00e4tigkeit, tats\u00e4chlich, dieser Fall besch\u00e4ftigte ihn unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig heftig, und er f\u00fchlte eine unglaubliche Aktivit\u00e4t seiner Aug\u00e4pfel, was ihm sonderbar vorkam. Eine Halluzination \u2013 kam es ihm nochmals in den Sinn \u2013 sollte es ihm m\u00f6glich sein, eine derart anschauliche Vorstellung von etwas zu haben, ohne entsprechenden Sinnesreiz, wie beim \u00dcbergang vom Wachsein in den Schlaf, oder umgekehrt, wie es von jedem erlebt werden konnte? Eine Vorstufe zum Delirium tremens etwa, oder zu manisch depressivem Irresein? Aber nein \u2013 da waren ja alle wieder \u2013 vollz\u00e4hlig &#8211; wie ihm vorkam.<\/p>\n<p align=\"left\">Der Kommissar war da. Ging auf und ab, die ganze Zeit \u00fcber. \u201eWenn ich nun zu dem Schluss kommen w\u00fcrde, Frau Trinks, dass Sie, als Vertraute \u2013 als einzige Vertraute hier im Hause, in einer Stellung, und ich wage zu behaupten, eine, die nicht einmal ihr Gatte Herr Rabitsch eingenommen hatte &#8211; Frau Gertrude Rabitsch einen Wunsch erf\u00fcllt h\u00e4tten? Einen unerf\u00fcllbaren Wunsch \u2013 n\u00e4mlich den, die ungl\u00fcckselige Frau Rabitsch von ihrer entsetzlichen Atemnot zu befreien \u2013 f\u00fcr immer, Frau Trinks! Was w\u00fcrden Sie mir da zur Antwort geben?\u201c Sybilla Trinks war blass geworden, sehr blass. Norman Moll wollte von seinem Sessel aufspringen, konnte sich aber nicht bewegen, um diesem Kommissar an die Gurgel zu fahren, es war ihm v\u00f6llig unm\u00f6glich, seine Hand gegen ihn zu erheben, so als ob er gel\u00e4hmt w\u00e4re.<br \/>\nSybilla Trinks bedeckte ihr Gesicht mit beiden H\u00e4nden. Der Kommissar schritt hoch erhobenen Hauptes auf und ab. Er schien sich seiner Sache nun v\u00f6llig sicher. Bodo Rabitsch schlug das Herz bis zum Halse. Er war in seinem Sessel die ganze Zeit tiefer und tiefer nach unten gerutscht, und sa\u00df schon mehr auf der Lendenwirbels\u00e4ule als auf seinem Ges\u00e4\u00df. Sollte nicht Rabitsch&#8230;?<\/p>\n<p align=\"left\">Moll verstand nichts mehr. Rabitsch war doch das Rabenaas. Wieso die Trinks? Von Anfang an spielte f\u00fcr ihn nur dieser aufgeblasene Kerl die Rolle des B\u00f6sewichts. Und nun sollte die Gute die B\u00f6se sein? Moll warf sich hin und her und er geriet zunehmend in einen inneren Konflikt, nicht mehr unterscheiden zu k\u00f6nnen zwischen dem, was nunmehr Ordnung war, was Traum, Chaos oder Wirklichkeit h\u00e4tte sein sollen. Er war nicht mehr dazu in der Lage, sich durch die Vorstellung sinnvoller Nachfolgebeziehungen vorzustellen, was ablief. Er hatte sich erwartet, dass durch das Verh\u00f6r diejenigen Personen in ihren wesentlichen Merkmalen zusammengefasst w\u00fcrden, die tats\u00e4chlich f\u00fcr die Durchf\u00fchrung jener schrecklichen Tat verantwortlich gemacht werden konnten.<br \/>\nAber doch nicht Sybilla Trinks! Aber \u2013 so viele k\u00e4men eigentlich gar nicht infrage, kam ihm in den Sinn. Ordnung schaffen musste man! Gemeinsame Merkmale suchen, die den T\u00e4terkreis auf ein Minimum der Infragekommenden schrumpfen und dadurch selektionsf\u00e4hig machen w\u00fcrde, und diesen an gemeinsamen Charaktereigenschaften festmachen und zuletzt eben &#8230;<\/p>\n<p>Und Moll suchte verzweifelt nach den Ursachen f\u00fcr den furchtbaren Irrtum Braum\u00fcllers, sie dem Chaos &#8211; jenem universalen G\u00e4hnen dieser Welt &#8211; zuzuordnen, so, wie es von der griechischen Wortbedeutung abgeleitet worden war, was Martin Luther mit Wirrwarr, mit der Unordnung bezeichnet hatte, und er fand einen unermesslichen Raum um sich vor, einen Raum, der vor allen Dingen gewesen schien und vor dessen Existenz der Mythos regiert hatte, form- und gesetzloser Urzustand des Tohu-wa-bohu.<br \/>\nNur der Geist w\u00e4re jetzt dazu bef\u00e4higt, die Logik der Regelm\u00e4\u00dfigkeit und vor allem der Gerechtigkeit zu erkennen, jenen Punkt, an dem die Naturphilosophen die g\u00f6ttliche Sch\u00f6pferkraft erwarteten, wenn schon die Wirklichkeit nicht erkl\u00e4rbar war. Und er war \u00fcberzeugt davon, der Kommissar irrte, irrte deshalb, weil er die Differenz zwischen dem Subjekt Bodo Rabitsch und der unschuldigen Sybilla Trinks nicht erkennend, f\u00fcr ihn, Norman Moll, zumindest, verarbeiten konnte.<\/p>\n<p align=\"left\">Doch hier ging es um mehr als nur um die naive und sentimentale Aufkl\u00e4rung eines dubiosen Mordfalles. Das Erstellen eines naturalistischen T\u00e4terprofils, so wie es sich Braum\u00fcller vorstellte, als Kopie einer Wirklichkeit, wie sie diesem genehm gewesen w\u00e4re, entbehrte jeglicher realistischen Gestaltung, zwar wirklichkeitstreu und den nat\u00fcrlichen Tatsachen eines solchen Rechnung tragend, jedoch &#8211; wo blieb die Kunst des Urteils \u00fcber die gesellschaftlichen und seelischen Befindlichkeiten jener unverwechselbaren Sybilla Trinks?<br \/>\nMoll erschrak. Hatte er sie jetzt eben selbst kriminalisiert? War das ein unbewusstes Zugest\u00e4ndnis an Braum\u00fcller, diesen kriminalistischen Dilettanten? Es pochte und h\u00e4mmerte in ihm wie verr\u00fcckt und aus dem Stimmengewirr, das an seine Ohren drang, vernahm er die Worte: \u201eSie haben die Pflicht, als Zeuge in einem Verh\u00f6r auszusagen und die Richtigkeit Ihrer Aussage zu beeiden. Dem kann sich niemand entziehen, auch Sie nicht, Frau Trinks!<br \/>\nEs ist meine Pflicht, verehrte Anwesende, hier und jetzt im Mordfall Gertrude Rabitsch die objektive Wahrheit zu ergr\u00fcnden und es steht mir jederzeit zu, auch Zeugen anzuh\u00f6ren, deren Vernehmung von niemandem sonst beantragt wurde au\u00dfer von mir, und wiederum nur von mir! Ich habe bisher auf Ihre eidesstattlichen Aussagen verzichtet, und zwar aus guten Gr\u00fcnden, die ich hier nicht nennen m\u00f6chte.\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Moll versuchte sich, dem ohrenbet\u00e4ubenden Schall dieser ihm v\u00f6llig unbekannten Stimme zu entziehen, da blieb es auch schon still um ihn. Nur sein Herz h\u00f6rte er pochen, nicht regelm\u00e4\u00dfig, eher hinkend, eins, zwei, drei, dann nichts, dann eine doppelter Schlag, und das Atmen fiel ihm schwer, das Atmen, und er versuchte sich vorzustellen, wie Frau Rabitsch unter dem Polster, Todes\u00e4ngsten ausgesetzt, es konnte unm\u00f6glich ihr Wunsch gewesen sein \u2026 auf diese Weise &#8230; ums Weiterleben gek\u00e4mpft haben musste.<br \/>\nUnd unm\u00f6glich, dass Sybilla Trinks \u2013 v\u00f6llig ausgeschlossen, dass eine Frau wie sie auf so entsetzliche Weise&#8230; nein und noch einmal nein! Auf der Ebene f\u00fcnf des Wiener AKH hatte er selbst das Notfallspraktikum absolviert, im ersten Semester seines sp\u00e4ter abgebrochenen Medizinstudiums, als ein Assistent erschienen war, sich auf das Katheder setzte und gen\u00fcsslich, so, als ob es um die Erz\u00e4hlung eines Rezeptes f\u00fcr die Herstellung eines Apfelstrudels gegangen w\u00e4re, erkl\u00e4rt hatte: \u201eHerrschaften, heute lernen wir \u00fcber das Erw\u00fcrgen und Erdrosseln. Stellen Sie sich vor, Sie m\u00f6chten jemanden erw\u00fcrgen, dann kann ich Ihnen gleich sagen, das ist ein m\u00fchseliges Unterfangen. Wie w\u00fcrden Sie es anstellen? Mit blo\u00dfen H\u00e4nden? Also, davon w\u00fcrde ich abraten. Sie haben nicht die Kraft dazu! Mit einer Drahtschlinge gelingt das schon eher, glauben Sie mir, ich empfehle eine Drahtschlinge! Aber, damit allein ist es noch nicht getan. Sobald Sie n\u00e4mlich beginnen, diese zuzuziehen, nutzen Sie die Hebelwirkung. Man ben\u00f6tigt einen Gegenstand, um die Schlinge zusammenziehen zu k\u00f6nnen, einen Schraubenzieher oder was eben greifbar ist, Sie verstehen?<br \/>\nAlso, drehen Sie das Opfer weg von sich. Es ist furchtbar, mitanzusehen, wie nach und nach die Augen aus den H\u00f6hlen quellen, ein Blutspr\u00fchregen wird sich \u00fcber Sie ergie\u00dfen, also, nein, das ist alles unappetitlich! Drehen Sie das Opfer von sich weg, kann ich Ihnen nur dringend empfehlen.\u201c Einige Studentinnen und Studenten in den ersten Reihen waren blass geworden. Der Assistent fuhr fort. \u201eSehen Sie, der Atmungsapparat ist die Kontaktstelle zwischen Blut und Luft. Im Inneren des K\u00f6rpers ist eine Stelle vorhanden, an der die Blutgef\u00e4\u00dfe engsten Kontakt zur Luft bekommen, aus der sie den Sauerstoff entnehmen.<br \/>\n\u00dcbrigens wird dort auch Kohlendioxyd abgegeben. Also, die Lungen besorgen den Gastransport, klar? Und die Lunge ist auch der eigentliche Ort, an dem Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxyd abgegeben wird. Sie werden verstehen, dass die Luftwege aus ganz bestimmten Gr\u00fcnden relativ starrwandig sein m\u00fcssen, damit sie nicht so leicht abgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Der Assistent lachte. \u201eUnd schlie\u00dflich gibt es auch noch Verst\u00e4rkungen, zum Beispiel durch die Knorpelringe der Luftr\u00f6hre. Genau dort m\u00fcssen Sie nat\u00fcrlich st\u00e4rker zudr\u00fccken, wenn Sie zu einem zielf\u00fchrenden Ergebnis kommen wollen.\u201c Er lachte abermals. \u201eWenn Sie also entsprechend lange und fest zugedr\u00fcckt haben, dann platzen die Bl\u00e4schen in der Lunge. Und das gibt dann einen feinen Spr\u00fchregen, der eben durch die Nase austritt. Und wenn Sie Ihr Opfer also dummerweise nicht von sich weggedreht haben, dann schauen Sie sch\u00f6n aus, was?\u201c Einige Studenten hatten nur dumm gelacht. Die meisten anderen aber hatten das gar nicht lustig gefunden.<br \/>\nAuch Norman Moll nicht, und er erinnerte sich, dass er sich f\u00fcrchterlich dar\u00fcber ge\u00e4rgert hatte, \u00fcber die fehlende Ethik dieses dozierenden Kurpfuschers und daran, dass man solchen Leuten irgendwann einmal v\u00f6llig ausgeliefert sein w\u00fcrde. Und wenn es auch <i>nur <\/i>ein Polster gewesen sein sollte, lie\u00df Moll die Vorstellung \u00fcber den Erstickungstod Frau Rabitschs die kalten Schauer \u00fcber den R\u00fccken laufen.<\/p>\n<p align=\"left\">Norman Moll suchte indessen erneut, beinahe fieberhaft, nach jenem Schl\u00fcssel in die Vergangenheit, welcher ihn in die Gegenwart zur\u00fcckf\u00fchren sollte, um diesen unertr\u00e4glichen Zustand so rasch wie m\u00f6glich zu beenden. Das Gesicht des Kommissars war jetzt wieder verschwommen, die Konturen seiner Gestalt diffus und Moll meinte, er w\u00e4re f\u00fcr kurze Zeit unsichtbar, aber \u2013 nein, da war er ja wieder, strich seinen Schnurrbart und kratzte sich \u2013 diesmal am Kinn. Jetzt aber kam ihm die ganze Sache doch etwas wirr und unzusammenh\u00e4ngend vor, ja, sogar widerspr\u00fcchlich, vor allem in den Hypothesen Braum\u00fcllers, nun eine bereits abgelegte Variante erneut auszubauen und zu erh\u00e4rten.<br \/>\nObwohl \u2013 diese kam ihm gelegener als jene, welche Sybilla Trinks belastet hatte, richtete sie sich doch gegen Rabitsch, und damit auch gegen alles, was dieser f\u00fcr ihn repr\u00e4sentierte, Autorit\u00e4t, in gewissem Sinne auch Macht und irgendwie die unterschwellige Angst, diesem Menschen, worin auch immer, unterlegen zu sein.<\/p>\n<p align=\"left\">Frau Maar verfiel zusehends und Bodo Rabitsch versuchte verzweifelt, ihr durch \u00fcbertriebene Gestik irgendwelche Botschaften zu vermitteln, die sie nicht entschl\u00fcsseln konnte. Es war f\u00fcr alle das Bild einer Welt entstanden, die ihre Verg\u00e4nglichkeit in den verzweifelten Handlungen eines Menschen widerspiegelte, der offenbar versucht hatte, sein k\u00fcmmerliches Leben, und damit auch seine Haut, auf eigene Art und Weise zu retten, indem er, in falschem Glauben gehandelt, noch einen allerletzten Vorteil f\u00fcr sich herauszuschinden gedachte, jenen der absoluten materiellen Unabh\u00e4ngigkeit etwa?<br \/>\nDieser Mann hatte doch bereits alles? Mehr noch, denn er hatte sich mit der Liaison zu Linda Maar Freir\u00e4ume geschaffen, die normalerweise streng tabu waren in einer Gesellschaft, die er repr\u00e4sentierte, und sonst \u00fcblicherweise klammheimlich passierten. Aber so?<br \/>\nRabitsch hatte sich nicht einmal bem\u00fcht, die Sache mit der Maar auch nur irgendwie zu verbergen. Mit \u00fcber siebzig war an sich so ziemlich alles gelaufen, sollte man meinen. Aber es war doch nicht genug, wie hier festgestellt worden war. Immerhin bezog er eine kleine Pension, seine Gattin war nicht gerade arm, und er hatte \u00fcberdies auch noch den einen oder anderen Besitz ver\u00e4u\u00dfert, um seinen Lebensstandard zu erh\u00f6hen.<br \/>\nWelche Rolle konnte da noch eine ausbezahlte Lebensversicherung spielen? Rabitschs Mercedes war neu, er konnte auch nicht mehr essen, als er vertrug, noch mehr reisen, vielleicht? Und trotzdem schien Norman Moll die ganze Angelegenheit eher unglaubw\u00fcrdig. So ein Mensch war er nicht, dieser Rabitsch, dass er einen Mord begehen k\u00f6nnte! Anstatt seine Pension zu genie\u00dfen&#8230; Moll erinnerte sich, als er ihn gefragt hatte, ob er selber schon in Pension w\u00e4re. Als ob das heutzutage so leicht ginge, \u00e4rgerte er sich.<br \/>\nIn seinem Alter musste man mit dem Kopf unterm Arm vorweisen, dass man zu nichts mehr taugte. Die verschwenderischen Jahre des Wirtschaftswunders waren eindeutig vor\u00fcber und der konservative Fl\u00fcgel der letzten Legislatur hatte dem Fr\u00fchrentnertum ein f\u00fcr alle Mal das Handwerk gelegt. Was w\u00e4re \u00fcberhaupt passiert, wenn Fr\u00e4ulein Anna noch einmal bei Gertrude Rabitsch vorbeigeschaut h\u00e4tte? Sie hatte tags\u00fcber ja auch des \u00d6fteren nach ihr gesehen. Vielleicht k\u00f6nnte Frau Rabitsch noch am Leben sein? Und schlie\u00dflich war Fr\u00e4ulein Anna auch ausgebildete Krankenschwester und Pflegerin.<\/p>\n<p align=\"left\">Ja, dachte Moll, nachsehen h\u00e4tte man sollen \u2013 einen Hilferuf loslassen \u2013 den rettenden Hilferuf \u2013 vielleicht war sie nur bewusstlos gewesen, anfangs \u2013 man h\u00e4tte den Puls f\u00fchlen k\u00f6nnen, ob noch Leben in ihr war \u2013 dann h\u00e4tte alles ganz rasch gehen m\u00fcssen: Das Festlegen des Herzmassagepunktes \u2013 vom Sternum aus, drei bis f\u00fcnf Zentimeter am Brustbein nach oben \u2013 Massagefrequenz sechzig bis achtzigmal pro Minute \u2013 ihre Rippenans\u00e4tze w\u00fcrden gekracht haben \u2013 Serienbr\u00fcche w\u00e4ren in diesem Alter unvermeidbar gewesen \u2013 schmerzhaft zwar, aber wenn es der Sache diente \u2013 nein, dem Leben! Und sofort wieder Puls f\u00fchlen \u2013 zwei Atemst\u00f6\u00dfe \u2013 Carotis, am besten beidseitig ertasten &#8211; Thoraxkontrolle, ob er sich hebt und senkt \u2013 nach der Carotis tasten \u2013 Zirkulation? Keine! Kreislauf weg \u2013 also los! F\u00fcnfzehn zu zwei! F\u00fcnfzehnmal Luft einblasen \u2013 zweimal Massage \u2013 Vorsicht! Nicht ruckartig \u2013 krachen tut es immer \u2013 nach dem ersten Zyklus sollte sie erwachen \u2013 dann stabile Seitenlage \u2013 der Assistent!<br \/>\nMein Gott! Der Assistent fiel ihm ein! W\u00fcrgen ist schlecht, hatte der gesagt, zu anstrengend! Besser erdrosseln! Das Gesicht schwillt an! Blutverblasungen! Das freut den Gerichtsmediziner, wenn der Erw\u00fcrgte krampft! Im Affekt erw\u00fcrgen ist nicht m\u00f6glich, hat er noch gesagt! Daf\u00fcr dauert es zu lange! Das sind sechs bis neun Minuten schwere Arbeit \u2013 hat er gemeint.<\/p>\n<p align=\"left\">Moll zuckte mit den Augenlidern. Langsam wird die Hautfarbe rosiger \u2013 die Pupillen verkleinern sich \u2013 es w\u00e4re ein Fehler, den Thorax auf zu weicher Unterlage zu betten \u2013 man h\u00e4tte sie aus dem Bett nehmen m\u00fcssen \u2013 auf den harten Boden legen \u2013 h\u00e4tte, h\u00e4tte! Und wenn es nun doch ein Asthmaanfall gewesen war? Hervorgerufen durch eine pl\u00f6tzliche Schwellung der Bronchialschleimhaut &#8211; in Verbindung mit einem Spasmus der Bronchialmuskulatur? Einhergehend mit Sekreteindickung? Grund genug h\u00e4tte sie ja gehabt, f\u00fcr eine psychische Aufregung, wegen ihrem Mann und der Maar nat\u00fcrlich! Das konnte ihm niemand weismachen, dass sie die ganze Situation kalt gelassen h\u00e4tte!<br \/>\nNiemanden l\u00e4sst so etwas kalt, dachte Moll. Und in der Angst ihrer Hyperaktivit\u00e4t hatte sie vielleicht selbst einen Polster \u00fcber ihr Gesicht gelegt, zu sich her gedr\u00fcckt \u2013 vor Verzweiflung gar? Und ist erstickt? Aber sicher nicht am Gewicht des Polsters! Er k\u00f6nnte nicht mehr an diesem Zimmer vorbeigehen, sagte er sich. Zu schwer lastete der Tod Gertrude Rabitschs auf seiner Brust. Norman Moll war irgendwie unruhig geworden.<br \/>\nEr war davon \u00fcberzeugt, dass Getrude Rabitsch auferstehen w\u00fcrde, oder zumindest nicht ganz verschwunden war. Die Tote war gegenw\u00e4rtig, das sp\u00fcrte er, und sie w\u00fcrde es auch sein, wenn ihr Bodo sich des Nachts der drallen Linda n\u00e4herte, oder auch in den Tr\u00e4umen ihres Gatten. In diesen Augenblicken zweifelte Norman Moll nicht an der Existenz des Jenseits und er war davon \u00fcberzeugt, dass nichts aufh\u00f6rte, so pl\u00f6tzlich, was jemals am Leben war, und dass es sich in alle Ewigkeit fortsetzte, irgendwie. Die Erwartung des Weltendes, Bestandteil irdischen Seins, fixe Vision in Molls Denken, w\u00fcrde Klarheit dar\u00fcber bringen und ein Tag w\u00fcrde der letzte sein, dann w\u00fcrde eine unvorstellbare, eine ewige und unendliche Zeit anbrechen.<\/p>\n<p align=\"left\">Und es k\u00e4me zum Gericht, so hatte der Kaplan es damals erkl\u00e4rt, und diese Erkl\u00e4rung war aus seinem kindlichen Gem\u00fct nicht mehr auszul\u00f6schen gewesen. Dann w\u00fcrde die Wahrheit ans Licht kommen mit diesem Rabitsch, und schon malte er sich die H\u00f6llenqualen aus, die jenem erwachsen m\u00fcssten, verschlungen vom weit aufgerissenen Schlund der ewigen Verdammnis, durch den Kamin des Kraters \u00c4tna zum Beispiel, in dessen Innerem er von den ewigen Flammen gepeinigt und mit unvorstellbaren Folterinstrumenten misshandelt werden w\u00fcrde. Aber was, wenn Frau Rabitsch nun doch eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben war?<br \/>\nMoll erlebte ganz pl\u00f6tzlich das Versetztwerden auf irgendwie au\u00dfernat\u00fcrliche Weise in einen anderen Raum, der ihm unbekannt war, den er h\u00e4tte beschreiben k\u00f6nnen, dessen Inhalt er erleben konnte, als ob in ihm eine au\u00dferirdische Macht agierte. Ein Zustand der Ekstase, des Traumes, der Vision extra corpus, wie er meinte, denn er konnte sich selbst dabei beobachten. Ein Erlebnis, in dem er den normalen Bewusstseinsstrom unterbrochen, unterbunden glaubte, quasi den Sinnen entschritten!<br \/>\nEr durchwandelte das Stiegenhaus der Villa Langstein, am roten Sisal, einen irdischen Raum, durchaus nicht eschatologischer Natur, nein, ganz profan. Sogar die Bilder am Stiegenaufgang waren dieselben wie er sie schon einmal gesehen hatte, im vollen Bewusstsein des Tages, wie er meinte. Frau Rabitsch, die er nie zuvor gesehen hatte, stand an der obersten Treppe und winkte ihm zu, durchsichtig, blass, von wehendem Seidenstoff umh\u00fcllt.<\/p>\n<p align=\"left\">Moll warf sich herum. Die letzten Zweifel an der Existenz des Jenseits schienen f\u00fcr ihn beseitigt und er f\u00fchlte G\u00e4nsehaut am ganzen K\u00f6rper, die H\u00e4rchen an Armen und Beinen stellten sich ihm steil auf und er wurde von einem heftigen Sch\u00fcttelfrost geplagt. Der Tod, dachte er, ist nur ein \u00dcbergang, obwohl st\u00f6rend, weil bedrohlich. Er versuchte, sich gegen diese Vision zu wehren und in dem krampfhaften Suchen nach einer Welt des goldenen Moments, in dem die Triebkraft des Augenblicks dominierte, fl\u00fcchtete er in wirren Gedanken wieder zur\u00fcck ins Leben, aus den Albtr\u00e4umen von gestern in eine Welt, zur\u00fcck zur Sinnlichkeit der \u201eLust auf mehr\u201c, in eine Gastronomie des Herzens, um rasch im Geiste all die kultigen Treffpunkte, die ihm in der Eile einfielen, zu frequentieren, die angesagtesten Hotspots seiner Lieblingsstadt zu durchstreifen, um so schnell wie m\u00f6glich diesem Horror zu entfliehen. Nur noch peripher, am Rande dieser Kulisse dieses Schauspiels des Todes, empfand er Gertrude Rabitschs Tod als \u00dcberschreitung, die ihn dem Alltagsleben und seiner verstandesgepr\u00e4gten Gemeinschaft, wie auch seinen Erinnerungen und Phantasien, j\u00e4h entrissen, und den Banalit\u00e4ten Kommissars Braum\u00fcllers, wie auch dessen endlosen und h\u00f6chst peinlichen Verh\u00f6ren, hoffnungslos ausgeliefert hatte.<\/p>\n<p>Ist Sterben denn eine Belohnung?, fragte er sich benommen. War der Tod das Gl\u00fcck?, als er mit seinen Beinen an etwas Hartes stie\u00df. Instinktiv zog er die F\u00fc\u00dfe zu sich heran. Irgendetwas dr\u00fcckte ihn im Bereich seines Bauchnabels, etwas wie ein G\u00fcrtel. Er w\u00e4lzte sich unruhig hin und her und \u00f6ffnete pl\u00f6tzlich die Augen. Es war mit einem Male Tag geworden. Ja, er konnte die Sonnenstrahlen auf seinem Bett sehen. Und er lag da, im dunklen Sakko, samt den Stiefletten, die er am Abend noch getragen hatte.<br \/>\nEntsetzt setzte er sich auf und rieb seine Augen. Wie war er hierhergekommen, aus dem Salon so pl\u00f6tzlich&#8230;? Er sprang aus dem Bett, verga\u00df seine entsetzlichen R\u00fcckenschmerzen, eilte zur T\u00fcr und riss sie auf. Sie war nicht versperrt gewesen.<br \/>\nAuf dem Flur stand Fr\u00e4ulein Trixi, eben im Begriff, den Staubsauger zu bet\u00e4tigen, um den roten Sisalteppich zu saugen. \u201eEinen sch\u00f6nen guten Morgen\u201c, l\u00e4chelte sie, als ob nichts \u2026 \u201eMorgen! Wo ist Frau Rabitsch?\u201c, stotterte Moll. \u201eBehandlungen! Schon seit sieben, wie immer\u201c, wunderte sich Fr\u00e4ulein Trixi. Moll traten die Schwei\u00dfperlen auf die Stirn. \u201eHaben Sie vielleicht schlecht geschlafen?\u201c, fragte sie mitleidig. Moll sah sie lange an. \u201eNein. Nein nein\u201c, hauchte er, und schloss langsam die T\u00fcr zu seinem Zimmer, ganz langsam, v\u00f6llig ger\u00e4uschlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um \u2026<\/a>| Inventarnummer: 15052<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer st\u00fcrmischen Gewitternacht entdeckt das Stubenm\u00e4dchen eines privaten Kurheimes, Fr\u00e4ulein Trixi, beim abendlichen Zimmerdurchgang die Leiche einer \u00e4lteren Pflegebed\u00fcrftigen. Wurde sie erstickt? Wom\u00f6glich mit einem Polster? W\u00e4hrend sich die \u00fcbrigen G\u00e4ste im Salon des Hauses beim Bridgespiel vergn\u00fcgen, ruft man unterdessen diskret Polizei und Rettung. 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