{"id":2592,"date":"2015-05-16T08:38:50","date_gmt":"2015-05-16T08:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2592"},"modified":"2015-05-17T08:30:04","modified_gmt":"2015-05-17T08:30:04","slug":"amsterdam-oder-der-vorteil-clowns-als-eltern-zu-haben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2592","title":{"rendered":"Amsterdam oder Der Vorteil, Clowns als Eltern zu haben"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2592&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2592&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich, als das Gras n\u00e4her kam. Es ber\u00fchrte mein Gesicht, kalt, ein bisschen nass, hoffentlich nicht von dem Erbrochenen. Nein, nur nass. Wenn sie n\u00e4mlich keine Clowns w\u00e4ren, h\u00e4tten sie das bestimmt ein bisschen ernster genommen. Das war das, was mir dann in den n\u00e4chsten Tagen einfiel. Die eigene Mutter anzurufen und ihr zu sagen, dass man glaube, man m\u00fcsse sterben, muss um einiges einfacher sein, wenn man Clowns als Eltern hat. Gl\u00fccklicherweise hatte sie auch schon mit diversen Substanzen experimentiert und konnte ihn einigerma\u00dfen beruhigen. Beide hie\u00dfen Thomas, im \u00dcbrigen. Also nicht die Mutter, sondern auch mein zweiter Freund, der das Gl\u00fcck hatte, an diesem denkw\u00fcrdigen Tag ein Teil unserer kleinen Gruppe zu sein. Wir schafften es ins Zimmer, wo ich mich noch einmal \u00fcbergab, was eigentlich komisch war, da ich bis dahin der einzige unserer Gruppe gewesen war, der noch ein bisschen Bezug zur Realit\u00e4t hatte.<\/p>\n<p>\u201eJetzt sollten wir dann langsam etwas sp\u00fcren\u201c, sagte ich. Nach ungef\u00e4hr einer Stunde, in der wir durch die Stadt gewandert, in den lustigen \u00f6ffentlichen Toilettenh\u00e4uschen uriniert, Essen gekauft und die Kan\u00e4le bewundert hatten, beschlossen wir, uns an eben einem dieser Kan\u00e4le niederzulassen und zu essen. Das Essen war typisch f\u00fcr unsere Reise, Baguette mit K\u00e4se und Tomaten. Geschmacklich und preislich gut, auf Dauer aber ein bisschen einseitig. Die Kan\u00e4le hatten mir schon von Anfang an extrem gut gefallen. Vor allem aber auch die H\u00e4user, die an beiden Seiten ebenjener Kan\u00e4le standen. So schmal und braun-rot und warm, fast zu sch\u00f6n, die der Stadt ebenjenes Gef\u00fchl von Intimit\u00e4t vermitteln, das sie so einzigartig macht. Das Famili\u00e4re eines Dorfes, mit den Touristen einer Gro\u00dfstadt. \u00dcberall w\u00fcrzig, freundliche Menschen, Wasser, teures Essen. Was will man mehr?<\/p>\n<p>Da wir am Anfang unserer Reise standen, schmeckte das Baguette mit K\u00e4se und Tomaten noch. Und pl\u00f6tzlich fing Thomas an zu lachen. Also der blonde Thomas, dessen Eltern keine Clowns sind. Und wir stiegen in dieses Lachen ein und lachten eine Minute oder mehr. W\u00e4hrenddessen, obwohl kein Mensch an uns vorbeigegangen war, fiel mir auf, wie eigenartig dieses Lachen auf einen Au\u00dfenstehenden wirken m\u00fcsste und dieser Gedanke machte mir Angst. Und wie um diese Stimmung, die gerade so unverhofft von mir Besitz ergriffen hatte, noch zu verst\u00e4rken, sagte Thomas: Bitte passt auf mich auf, mir geht\u2019s nicht gut.<\/p>\n<p>Mehr hatte es nicht gebraucht. Ich hob ab. Flog aus meinem K\u00f6rper hinaus, wieder hinein, der Wind viel zu kalt, das Wasser zu nah, die H\u00e4uschen zu klein, zu rot, zu sch\u00f6n. Menschen, die sich hinter Autos versteckten, Stra\u00dfenlaternen, die auf den ersten Blick wie Menschen aussahen, und ich flog. Leider gegen meinen Willen. Keine Ahnung, wie sich das anf\u00fchlen sollte. Das Unbekannte macht Angst; so wie immer. Jeder in seinem eigenen Universum, seinem Dschungel. Dagegen ank\u00e4mpfen, vollkommen zwecklos, emotionaler Tunnelblick. Wir gingen zu Stiegen, auf denen Menschen sa\u00dfen. Ein Mann, der vertrauensw\u00fcrdig erschien, sagte uns: ruhig bleiben, viel Zucker essen, geh Cola kaufen. Selten habe ich mich in einem Supermarkt so unwohl gef\u00fchlt, die G\u00e4nge, das viel zu grelle Licht, M\u00fcnzen z\u00e4hlen m\u00fcssen, alle beobachten mich. S\u00fc\u00dfigkeiten halfen leider nicht wirklich. Und dann sagte Clown-Thomas, dass er glaube, sterben zu m\u00fcssen. Seine ganze linke Seite strahle, sagte er. Und es schmerze unglaublich, vielleicht ein Herzinfarkt. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter war die Rettung da; und Polizei auf Pferden. Ich beobachtete durch das Fenster, wie sie Thomas im Wagen untersuchten, w\u00e4hrend tausend Ameisen \u00fcber meine Haut liefen. Oder in meiner Haut; und ich versuchte, sie wegzustreicheln, was nur bedingt von Erfolg gekr\u00f6nt war. W\u00e4hrenddessen verkrampfte sich Thomas neben mir und knirschte mit den Z\u00e4hnen. Wie soll ich ihren Eltern erkl\u00e4ren, dass meine beiden besten Freunde tot sind, schoss mir durch den Kopf. Keine Ahnung. Das Gef\u00fchl, selbst gleich ohnm\u00e4chtig zu werden und am n\u00e4chsten Tag im Krankenhaus zu erwachen, wurde st\u00e4rker. Mit\u00a0 Thomas ist alles ok, sagen die Sanit\u00e4ter. Kein Herzinfarkt. Pl\u00f6tzlich stand das Mercedes-Taxi vor uns. Ich verschmolz mit der R\u00fcckbank, k\u00e4mpfte mit den Ameisen und als ich ausstieg, kam die Wiese sehr schnell n\u00e4her und verschlang mich mit ihrer N\u00e4sse. Die ganze Welt drehte sich um mich. Oben und Unten tauschten ihren Platz, ich konnte mich nicht mehr halten. Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich.<\/p>\n<p>Als wir aus dem Zug ausstiegen, schien die Sonne. Verschwitzt von einer Nacht im Schlafabteil, hungrig, nicht ausgeschlafen. Die Stadt hatten wir schnell erkundet, so klein f\u00fchlte sie sich an, so intim. In einer Seitengasse rauchten wir, husteten aber die meiste Zeit. Und dann lie\u00dfen wir uns an dem Fluss nieder und sahen auf die wei\u00dfe Plastikt\u00fcte auf unserem Scho\u00df. Eine wei\u00dfe Plastikt\u00fcte als Versprechen eines Abenteuers, Gef\u00fchle, die man sonst nie erlebt, Freiheit, Wildnis, Traum. Ich sah mich um, blickte auf die H\u00e4user, mit den roten Ziegeln, das Wasser. Sah Stra\u00dfenlaternen und Menschen. Dann sah ich Thomas und Thomas an. Die Furcht vor dem Unbekannten wird \u00fcberdeckt von der Vorfreude, wie eine schlecht \u00fcbermalte Ziegelwand, hinter deren vordergr\u00fcndigem Wei\u00df noch das Rot der Ziegel durchblitzt. Wir standen auf und gingen zu dem gro\u00dfen Supermarkt. Wir entschieden uns f\u00fcr Baguette mit K\u00e4se und Tomaten als Abendessen. Das war g\u00fcnstig und geschmacklich auch sehr in Ordnung. Als wir den Supermarkt verlie\u00dfen, beschlossen wir, zum Wasser zu gehen und dort zu essen. Die erste Aufregung war verschwunden, aber eine gewisse Anspannung war doch vorhanden. \u201eJetzt sollten wir dann langsam etwas sp\u00fcren\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich. Thomas hatte seine Mutter angerufen. Als wir dann schon oben im Hotelzimmer waren und ich mich zum zweiten Mal \u00fcbergeben hatte. Und er sagte ihr, dass er glaube, sterben zu m\u00fcssen. Sie konnte ihn beruhigen, da sie auch schon mit diversen Substanzen experimentiert hatte. Die eigene Mutter anzurufen und ihr zu sagen, man glaube sterben zu m\u00fcssen, muss um einiges einfacher sein, wenn man Clowns als Eltern hat. Das war das, was mir dann sp\u00e4ter einfiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Maximilian Eberharter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 15051<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott sei Dank sind seine Eltern Clowns, dachte ich, als das Gras n\u00e4her kam. Es ber\u00fchrte mein Gesicht, kalt, ein bisschen nass, hoffentlich nicht von dem Erbrochenen. Nein, nur nass. 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