{"id":2576,"date":"2015-05-07T15:50:12","date_gmt":"2015-05-07T15:50:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2576"},"modified":"2015-07-05T13:09:17","modified_gmt":"2015-07-05T13:09:17","slug":"das-bild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2576","title":{"rendered":"Das Bild"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2576&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2576&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich warte darauf, dass das Bild mir von sich erz\u00e4hlt. Aber noch ist es nicht so weit. Noch schweigt es. Es ist weit gereist, von Wien in die Steiermark, immerhin. Ob es mitbekommen hat, dass es nicht mehr in der Mappe seines Sch\u00f6pfers liegt? Dass es ein neues Zuhause hat? Wo ist sein neues Zuhause? In meiner linken Hand, w\u00e4hrend die rechte schreibt? Ich werde es auf rotes Papier legen und dann rahmen. In meinem Wohnzimmer wird es ein w\u00fcrdiges Pl\u00e4tzchen finden.<\/p>\n<p>Kohle auf dickem, wei\u00dfem Zeichenpapier. Ganz laienhaft ausgedr\u00fcckt. Ich verstehe nicht viel von der bildenden Kunst, kann kein Motiv in ein Bild umwandeln. So werde ich das meine beschreiben. Format A4. Ein Clowngesicht im Profil. Schwarz-grau-wei\u00df. Verwischte Kohle. Haare, Augenbraue, Nase, Mund, Ohr. Er h\u00e4lt etwas nahe dem Gesicht, vielleicht ist es eine kleine Trommel. Oder ein Korb. Das Bild ist signiert und gewidmet. Roter Filzstift: F\u00fcr eine Seelenverwandte. Ich habe mir diese Widmung ausgesucht. Das Bild hat mich ber\u00fchrt und als ich eines von den vielen w\u00e4hlen durfte, fiel mir dies nicht schwer. Ich sah es und wusste, was der K\u00fcnstler beim Malen empfunden hat.<\/p>\n<p>Der Zirkus. Sammelsurium von Menschen, die ihr t\u00e4glich Brot dort verdienen, wo mit offenem Mund und voller Ehrfurcht gestaunt wird. Wo Erwachsene sich ihrer Kindheit erinnern und eine leise Ahnung von ihr finden. Einen Hauch kindlicher Seligkeit. Strahlende Augen folgen jeder Bewegung des K\u00fcnstlers. Des tollpatschigen Clowns. Des waghalsigen Artisten. Beherrschung des K\u00f6rpers und des Geistes. Perfekte Arbeit. Hartes Training. Kein Raum f\u00fcr Zirkusromantik. Drau\u00dfen in der Manege urteilt das Publikum. \u00dcber Gedeih oder Verderb. \u00dcber Rampenlicht oder Verschwinden in der Versenkung. Und st\u00e4ndig soll die Nummer ein Magnet sein. Noch waghalsiger, mutiger, selbstloser. Und Monaco hei\u00dft der Traum, der einem wie eine Seifenblase auf der Nase herumtanzt. Einen mitunter ordentlich bel\u00e4stigt. Trommelt und pfeift und grinst. Weite Welt. Fremde L\u00e4nder. Fremde St\u00e4dte. Doch wie ungebunden ist das Herz? Und wo hat es seine Heimat? Und wo hat es sein Zuhause? Was alles muss sie ersetzen, die Manege? Wem wird etwas vorgegaukelt? Denn im Zirkus, da werden Illusionen verkauft. Hat die Welt in Ordnung zu sein. Flitter und Sternenlicht. Echte Menschen in glitzernden Kost\u00fcmen. Wie heimelig ist ein Zirkuswagen?<\/p>\n<p>W\u00fcrde. Wir alle ringen um unsere W\u00fcrde. Der Clown im Zirkusrund. Und die, die sich von ihm unterhalten lassen. Sie lachen \u00fcber die komische Gestalt, die immer wieder auf die Nase f\u00e4llt. Die immer wieder \u00fcber die eigenen F\u00fc\u00dfe stolpert. Die sich selbst im Wege ist. Die Darbietung ist ein Gaudium f\u00fcr Klein und Gro\u00df. Das Publikum applaudiert und hat Gefallen am Zerrbild seiner selbst. F\u00fcr Geld bekommt es einen Spiegel vorgehalten. Und manch einer ist so weise, sich selbst darin zu erkennen. Einzugestehen, dass das Leben selbst ein mehr oder weniger liebensw\u00fcrdiges Chaos ist, das der Weisheit eines Clowns bedarf. Einzusehen, dass die Fr\u00f6hlichkeit vor einem Abgrund tanzt, musiziert, ihre Sp\u00e4\u00dfe treibt. Dieser Abgrund nennt sich Schicksal. Versagen. Abschied. Dort, wo gelacht wird, wartet auch die Erf\u00fcllung allen Seins. Und diese Tragik ist die Triebfeder jener Menschen, die f\u00fcr Applaus und Lachen den Hanswurst mimen. Lebenserfahrung, so hei\u00dft ihr Spiel. Ein ewig altes, ein ewig neues Spiel.<\/p>\n<p>Das Bild erz\u00e4hlt. Von der unumkehrbaren, festgeschriebenen Wahrheit, die ein gef\u00e4lliges Gesicht zeigt \u2013 wenn es ihr beliebt. Manchmal schminkt sie sich und verbirgt das Antlitz hinter einem gn\u00e4digen Grinsen. Manchmal geruht sie zu spielen. Doch dass sie auch anders agieren kann \u2013 wer w\u00fcsste das nicht? Eine Frage dr\u00e4ngt sich mir auf: Ist das Schicksal per se b\u00f6sartig? Und was bleibt, wenn der Wind dar\u00fcber gegangen ist?<\/p>\n<p>Schwarz-grau. Meines Clowns Seelenfarben. Des K\u00fcnstlers Wirklichkeit. Wie d\u00fcster kann ein Lachen sein! Wie tragisch eine Gestalt! Tiefste Verzweiflung. Und vielleicht ein wenig Fassungslosigkeit dar\u00fcber, dass das Leben genau so ist, wie es ist. Widerstand. Ein Sich-Aufb\u00e4umen gegen die Hand, die allzu hart den Z\u00fcgel f\u00fchrt. Und doch ist ein Clown ein duales Wesen. Kennt alle Facetten menschlichen Leides. Kennt die unersch\u00fctterliche Hoffnung. Kennt die Unbek\u00fcmmertheit, die ihn aus Kinderaugen freundlich anlacht. Was mag mein Clown wohl denken? Was mag er wohl f\u00fchlen? Das wird immer sein Geheimnis bleiben. Sein Gesicht ist eingefangen in einem Moment, der zur Ewigkeit geworden ist. F\u00fcr ihn zur Ewigkeit. F\u00fcr mich zur Ewigkeit. In dir erkenne ich meine Welt. Erkenne aber auch den tiefen Frieden, den die Akzeptanz gro\u00dfz\u00fcgig verschenkt. Wundersame Begegnung. Wundersame Ber\u00fchrung, f\u00fcr die ich dankbar bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Luise F\u00f6tsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 15049<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich warte darauf, dass das Bild mir von sich erz\u00e4hlt. Aber noch ist es nicht so weit. Noch schweigt es. Es ist weit gereist, von Wien in die Steiermark, immerhin. Ob es mitbekommen hat, dass es nicht mehr in der Mappe seines Sch\u00f6pfers liegt? Dass es ein neues Zuhause hat? Wo ist sein neues Zuhause? 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