{"id":2554,"date":"2015-05-04T16:48:39","date_gmt":"2015-05-04T16:48:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2554"},"modified":"2015-06-10T12:04:21","modified_gmt":"2015-06-10T12:04:21","slug":"der-buerokrat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2554","title":{"rendered":"Die Krise 2 &#8211; Der B\u00fcrokrat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2554&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2554&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ja, in Krisenzeiten h\u00e4tte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt. Vielleicht, k\u00f6nnte sein, meinte der B\u00fcrgermeister. Jedenfalls m\u00fcsste man schon froh sein, wenn einmal etwas in Farbe w\u00e4re, meinte der B\u00fcrgermeister zu Stefanie Raymundo, die ihm am n\u00e4chsten stand, und das m\u00fcsse man der K\u00fcnstlerin zugutehalten. Raymundo hob erstaunt ihren Kopf, als w\u00e4re sie von dieser Frage pl\u00f6tzlich \u00fcberrascht worden. Mirando packte die Gelegenheit sofort beim Schopf. Schlie\u00dflich war man hier in Zwicklingsau und nicht irgendwo! Das musste man doch kl\u00e4ren. Seht doch, wie sie gleich erschrocken sei! Wer w\u00fcsste schon, woran sie gerade gedacht h\u00e4tte?, sagte er. Und er, Mirando, setzte sein unversch\u00e4mtestes Grinsen auf, das er in seinem Repertoire hatte, an welchem unschwer abzulesen war, woran er eben gedacht hatte.<\/p>\n<p>Ob er sie zum Buffet begleiten d\u00fcrfe?, nutzte Mirando sofort die kurze Ohnmacht Stefanie Raymundos aus, die, v\u00f6llig perplex \u00fcber dessen mehrdeutige Anspielung, kein Wort herausbrachte. Beinahe ferngelenkt willigte sie doch ein und \u00e4rgerte sich gleich darauf ma\u00dflos dar\u00fcber, wie bl\u00f6d sie eigentlich sei, diesem Idioten auch noch zu folgen. Sie lie\u00dfen den B\u00fcrgermeister und Escortin ganz einfach stehen und gingen zum Buffet hin\u00fcber. Die Front der Gattinnen hatte sich vor\u00fcbergehend in ein lockeres Gemenge aufgel\u00f6st, welches gut verteilt im Raum herumstand und vor allem den beiden keine Beachtung schenkte. Und das war vorl\u00e4ufig auch gut so. Mirando bat die Buffetkraft um zwei Gl\u00e4ser Sekt, schlie\u00dflich war alles hier gratis. Ob sie Orangensaft dazu m\u00f6chte, fragte er Stefanie. Ja bitte, aber nicht zu viel. Rembert Mirando goss etwas gepressten Orangensaft aus der gl\u00e4sernen Karaffe in ihr Glas. Sie sahen sich in die Augen. Man prostete sich zu. Die Gl\u00e4ser stie\u00dfen klirrend zusammen. So \u00fcbel war er vielleicht gar nicht, durchfuhr es Stefanie, bis auf seine bl\u00f6den Witze vielleicht, na, und das d\u00e4mlich Grinsen. Aber sonst? Vielleicht lie\u00dfe sie sich eines Tages zu einer Dummheit \u00fcberreden, wer konnte es wissen? Schlie\u00dflich war Rembert Mirando ein attraktiver Mann, und begehrenswert, zumindest wenn er den Mund hielt.<br \/>\nKurze Zeit sp\u00e4ter wandelten Stefanie und Rembert mit ihren Sektgl\u00e4sern interessiert von Bild zu Bild. Als sie an der K\u00fcnstlerin Eva Vanin vorbeikamen, l\u00f6ste sich diese vom Kreise ihrer Bewunderer und streifte wie zuf\u00e4llig mit ihrem Handr\u00fccken der rechten Hand an jenen der linken Stefanies. Niemand der Anwesenden k\u00f6nnte etwas bemerkt haben, so zart, so unauff\u00e4llig, so zuf\u00e4llig war dies geschehen. Wer denn der schmucke Amigo an ihrer Seite w\u00e4re?, fragte Eva, deren Tonfall man beinahe etwas Zynismus entnehmen konnte, neugierig. Oder sollte man Eifersucht sagen? Stefanie zeigte ihr makelloses Gebiss. Es sollte ein L\u00e4cheln darstellen. Der hier hie\u00dfe Rembert Mirando. Ein aufdringlicher Bursche, wie sie nach kurzer \u00dcberpr\u00fcfung sofort festgestellt habe. Solcher Menschen k\u00f6nne man sich in Gesellschaft unschwer rasch entledigen, ohne dabei nicht gleich einen Skandal nach sich zu ziehen. Aber Eva sollte sich keine Sorgen machen, wenn sie ginge, bliebe er noch hier! Diese Aussage schien die K\u00fcnstlerin zu beruhigen, denn sie versuchte sich in einem g\u00fctigen L\u00e4cheln, hinter dem sich gelbe Eifersucht verborgen hielt.<br \/>\nStefanie Raymundo lie\u00df sie keinen Augenblick unbeobachtet, als sie sagte, man sollte vom Staat ein Konjunkturprojekt f\u00fcr K\u00fcnstler einfordern, etwa in der H\u00f6he von einigen Hunderttausend Euro und endlich von den Unsinnigkeiten des Deficit Spending f\u00fcr Autoh\u00e4user und Verkehrswege absehen. Etwas mehr Kultur h\u00e4tte der Menschheit noch nie geschadet. Daraufhin meinte Mirando, er verst\u00fcnde, dass man heutzutage von der Kunst allein nicht leben k\u00f6nne. Andererseits jedoch f\u00fchrte, wie man wei\u00df, eine angemessene Enthaltsamkeit bei K\u00fcnstlern zu einem gewissen Zweck. Dann f\u00fcgte er noch rasch hinzu, sie wisse doch, nur ein hungriger K\u00fcnstler sei ein guter K\u00fcnstler. Stefanie verdrehte h\u00f6chst gelangweilt ihre Augen und versuchte, Eva Vanin in Schutz vor Mirandos b\u00f6sem Mundwerk zu nehmen, indem sie meinte, Gott sei Dank g\u00e4be es zwischen den unz\u00e4hligen Langweilern in diesem Ort auch solche, die sich nicht blo\u00df mit Fernsehen und Fu\u00dfball zufriedengeben w\u00fcrden. Eva Vanin, zu Stefanie gewandt, fl\u00fcsterte, sie st\u00fcnde zwar immer noch unter ihrem eigenen Geburtsschock, und es w\u00e4re \u00fcberhaupt ein Wunder gewesen, diesen \u00fcberlebt zu haben, aber der Kerl hier w\u00e4re geeignet, sie erneut an die Gr\u00e4uel des ungewollt In-die-Welt-geworfen-Seins zu erinnern.<br \/>\nRembert Mirando l\u00e4chelte sicherheitshalber trotzdem, obwohl er etwas verunsichert war und f\u00fcgte hinzu, dass man der Wahrheit ins Auge sehen m\u00fcsse und den Tod nicht verdr\u00e4ngen d\u00fcrfe. Dies w\u00fcrde helfen, bewusster zu leben. Und er bewundere trotz allem ihre Streich- und Pinselarbeiten, als er Eva Vanin tief in die Augen blickte, um sie ein wenig aus der Reserve zu locken. Allerdings nur ihm, als Einzigem, war der zarte Ber\u00fchrungsaustausch zwischen ihr und Stefanie vorhin, trotz aller Vorsichtsma\u00dfnahmen Evas, aufgefallen, als seine Blicke die beiden zuf\u00e4llig gestreift hatten. Zwei Lesben treffen sich, begann er pl\u00f6tzlich, und grinste d\u00e4mlich, sagt die eine \u2026 Stefanie, die jetzt ganz nahe vor ihm stand, hob reflexartig ihr rechtes Knie in Richtung Mirandos Gem\u00e4cht und traf. Dieser, kurz in leicht geb\u00fcckte Haltung zusammenknickend, beendete seinen vermutlich gezielt beabsichtigten und h\u00f6chstwahrscheinlich anz\u00fcglichen Scherz damit, indem er schmerzverzerrt st\u00f6hnte, sie solle sich nichts daraus machen, dieser Zustand w\u00e4re heilbar. Das h\u00e4tte ihnen der Klerus neulich offiziell best\u00e4tigt. Dann lachte er nur noch gequ\u00e4lt und verabschiedete sich in Richtung Herrentoilette, in der er f\u00fcr eine ganze Weile verschwunden blieb.<\/p>\n<p>Stefanie schob Eva beiseite, um mit ihr kurz allein zu sein. Die Gatten hatten sich indes ein wenig zerstreut. Mochte sein, dass sie den auf ihren H\u00e4uptern lastenden Druck ihrer Gattinnen nicht l\u00e4nger ertrugen. Schlie\u00dflich war man ja gemeinsam hierhergekommen. Es schien also angebracht, mit diesen hin und wieder auch ein paar Worte austauschen zu wollen und so trank man eben ausreichend Sekt und genoss die bereitgestellten Br\u00f6tchen. Was das Buffet anlangte, war von einer Krise nichts zu bemerken. Wie \u00fcberhaupt man diesen Menschen nicht ansehen konnte, dass sie auch nur im Geringsten mit einer solchen zu tun h\u00e4tten. In der Krise l\u00e4sst sich eine gro\u00dfe Verunsicherung der Bev\u00f6lkerung beobachten. G\u00e4ngige Trends nehmen oft unerwartete Wendungen. Man beginnt, sich mehr an der Meinung von Leuten zu orientieren, von denen man glaubt, dass sie eine Ahnung haben. Und es kommt zu einem vermehrten Auftreten von Depressionen. Von alledem war hier nichts zu sp\u00fcren. Vern\u00fcnftigerweise hatte man sich in fr\u00fcheren Zeiten n\u00e4her zusammengerottet, sagte man, aber heute w\u00e4re man isoliert, s\u00e4\u00dfe paralysiert vor der Glotze und warte auf bessere Zeiten. Auch davon war hier nichts zu bemerken.<\/p>\n<p>Rembert Mirando war von der Toilette zur\u00fcckgekommen und sah sich um. Stefanie und Eva standen jetzt dr\u00fcben, zusammen mit dem B\u00fcrgermeister und Escortin, jenem Mann also, der hier das Geld hatte und daher auch die Macht. Und Macht bedeutete, zu wissen, was f\u00fcr das Land gut ist und vor allem galt hier wie auch anderswo, wer Geld hatte, schaffte an. Besonders das, was f\u00fcr einen selbst gut war. Aber trotzdem war Temperament gefragt. \u00dcbervorsichtige w\u00e4ren von vornherein verd\u00e4chtig. Man m\u00fcsse dynamisch, ehrgeizig und konsequent sein. Auch unbequeme Entscheidungen treffen k\u00f6nnen. Kein Intrigant sein, wissen, woran man mit jemandem war. Und so einer wollte Mirando werden. Und es war h\u00f6chst an der Zeit, sich endlich an Escortin heranzumachen, ihn weichzukriegen, sodass er etwas Geld auslie\u00dfe, mit dem die Partei f\u00fcr den kommenden Wahlkampf finanziert werden k\u00f6nnte. Im Laufe des Abends gewann Rembert Mirando bei Escortin nun schlie\u00dflich doch etwas Boden unter den F\u00fc\u00dfen. Escortin, anfangs ein wenig brummig, aber doch stolz auf seine Position, lauschte irgendwann etwas aufmerksamer als sonst den gezielten Ausf\u00fchrungen des Bittstellers, als ihn dieser in einer schwer zug\u00e4nglichen Nische des Ausstellungsraumes f\u00f6rmlich festgenagelt hatte und ihm den Ausgang verstellte.<br \/>\nW\u00fcrde er, Escortin, sich bereit erkl\u00e4ren, der Gemeinde einen Betrag von einhundertf\u00fcnfzigtausend Euro zur Verf\u00fcgung stellen, k\u00f6nne man \u00fcber das bislang noch nicht umgewidmete Bauland, auf dem Escortin seine neue Villa zu bauen beabsichtigte, ernsthaft reden. Bauland, welches sich so ganz nebenbei in einem Natur- und Wasserschutzgebiet befand. So jedenfalls lautete der Auftrag des B\u00fcrgermeisters an Mirando. Ins Boot holen, hatte er es genannt, der B\u00fcrgermeister. Escortin kratzte sich an seiner schwitzenden Glatze und steckte sich sofort wieder eine neue Zigarre an. Es w\u00fcrde ihm zwar gerade jetzt sehr gut passen, meinte er, denn es g\u00e4be bereits Pl\u00e4ne eines bekannten Architekten, der f\u00fcr ihn eben auch nur jetzt Zeit haben w\u00fcrde, ein Konzept zu erstellen. Und er werde sich die Sache mit der Finanzierung bis morgen Abend \u00fcberlegen, aber, na ja, mal sehen. Schlie\u00dflich sei dieser Betrag selbst f\u00fcr einen Escortin keine Kleinigkeit und es galt, so eine schwerwiegende Entscheidung sorgf\u00e4ltig zu \u00fcberlegen. \u00dcberdies war da noch seine ehrgeizige Gattin, die l\u00e4ngst in ein neues Haus zu ziehen gedachte und es l\u00e4ge an dir, Hase, hatte sie schon vor l\u00e4ngerer Zeit ge\u00e4u\u00dfert, mich ganz gl\u00fccklich zu machen. Da war Escortin klar geworden, dass es wahrscheinlich kein Zur\u00fcck in dieser Angelegenheit mehr gab. Was sein musste, musste eben sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf sein heftiges Dr\u00e4ngen hin hatte Rembert Mirando vor l\u00e4ngerer Zeit eine Sekret\u00e4rin zugeteilt bekommen. Der B\u00fcrgermeister hatte nachgegeben. Erst war Harald Rahmani f\u00fcr diese T\u00e4tigkeit vorgeschlagen worden. Ein stiller, junger B\u00fcrolehrling. Etwas blutarm, aber flei\u00dfig und nicht allzu klug, sodass Mirando sich als Vorgesetzter ihm gegen\u00fcber an Know-How und Wissen doch immer noch \u00fcberlegen h\u00e4tte f\u00fchlen k\u00f6nnen. Aber Mirando wollte partout eine weibliche Hilfskraft haben. Und er hatte sie ganz gegen den Willen des B\u00fcrgermeisters durchgesetzt, wobei er sich bereits im Geheimen der Hoffnung hingab, alle unangenehmen Arbeiten leichter an eine Frau delegieren zu k\u00f6nnen als an Rahmani, der trotz seines stillen Wesens ein wenig aufm\u00fcpfig sein konnte, wie man schon \u00f6fter aus der Kanzlei geh\u00f6rt hatte. Da sa\u00df sie nun, seine Sekret\u00e4rin, Fr\u00e4ulein Charlotte Mileva. Blond, vollschlank, h\u00e4tte man vor drei\u00dfig Jahren gesagt, mit aufgesetzten Fingern\u00e4geln, die beim Tippen in die Tastatur des PC vernehmlich klapperten. Sie trug stets einen kurzen Rock. Und wenn Mirandos Zimmert\u00fcre offen stand, konnte er, wenn er mit seinem B\u00fcrosessel etwas zur\u00fccksetzte, ganz leicht bis zu ihren Schenkeln hoch sehen. Mehr w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen, da ihre kr\u00e4ftigen Oberschenkel alles andere, was es sonst noch zu entdecken gegeben h\u00e4tte, verdeckt hielten. Neulich, als gerade ein junger Techniker dabei war, die Jalousien im B\u00fcro zu reparieren, machte Mirando so eine Bemerkung, dass jener aufpassen m\u00fcsse, denn Fr\u00e4ulein Mileva h\u00e4tte eine perverse Neigung jungen M\u00e4nnern gegen\u00fcber und er solle sie nicht von ihrer Arbeit ablenken. Aber Fr\u00e4ulein Mileva hielt das gar nicht f\u00fcr einen gelungenen Scherz. Ohne dar\u00fcber zu lachen, verharrte sie tippend mit gesenktem Kopf \u00fcber ihrer PC-Tastatur.<\/p>\n<p>Fr\u00e4ulein Mileva hatte immer viel zu tun. Ihre eigentliche Aufgabe bestand prim\u00e4r darin, den dichten Veranstaltungskalender der Kulturabteilung zu aktualisieren, Einladungen zu schreiben, diese zu kuvertieren und mit Hunderten von Adressen aus der Adressatenkartei zu bekleben. Zwischendurch hielt sie Nagelpflege und legte zahllose Kaffeepausen ein, in denen sie manchmal mitgebrachte Cremeschnitten mit Hei\u00dfhunger verspeiste. Sekund\u00e4r, aber ebenso wichtig, oblag ihr die Pflicht, unangenehme Telefonanrufe an ihren Vorgesetzten Mirando abzufangen und nicht weiterzuleiten, wenn er es signalisierte.<\/p>\n<p>Mirando hingegen hatte schlie\u00dflich Wichtigeres zu tun, als sich mit dem gemeinen Volk herumzuschlagen. Er war f\u00fcr die PR verantwortlich, bastelte stunden- und tagelang an Plakaten herum, deren Schriftteile er abwechselnd vergr\u00f6\u00dferte, dann wieder verkleinerte, neu formatierte, verschob und alles wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machte. Zwischendurch betrachtete er sein Werk mittels Gesamtansichtstaste solange, bis es ihm angemessen schien, es auszudrucken. Dann wurde kopiert. Mirandos Zeitaufwand, daf\u00fcr das geeignete Papier zu w\u00e4hlen, vor allem, welche Farbe wohl f\u00fcr das jeweilige Plakat am besten geeignet w\u00e4re, war enorm. Seiner Gattin, die Professorin am hiesigen Gymnasium war, teilte er stets mit, wie wichtig er sei und wie \u00fcberfordert von der F\u00fclle seiner Auftr\u00e4ge und dass er keine Zeit nebenher f\u00fcr nichts h\u00e4tte, weder f\u00fcrs Staubsaugen noch f\u00fcr sonst unn\u00f6tige T\u00e4tigkeiten im Haushalt. Und er trug die Zeiten, die er in seinem B\u00fcro verbrachte, minuti\u00f6s in sein Stundenbuch ein, um bei einer eventuellen Recherche \u00fcber seine Anwesenheit allenfalls ger\u00fcstet zu sein.<br \/>\n\u00dcberhaupt f\u00fchrte er \u00fcber alles Buch, was nur irgendwie mit Zahlen zu tun hatte, und sei es der Kilometerstand seines Autos, den er stets ins Tankbuch eintrug, immer dann, wenn er tankte. So f\u00fcllte er bereits seit Jahren B\u00fcchlein um B\u00fcchlein mit diesen Eintragungen und dachte insgeheim daran, dieselben eines Tages drucken zu lassen, damit man ersehen konnte, was f\u00fcr ein p\u00fcnktlicher, gewissenhafter und umsichtiger Mann er im Grunde doch sei. In dieser Zufriedenheit w\u00e4hnte er sich zu Recht als einen vom Schicksal Auserw\u00e4hlten f\u00fcr das Amt eines politischen Mandatars, wie auch sein Inneres ihm best\u00e4tigte, dass man mit seiner Wahl sicherlich einen guten Griff getan hatte.<br \/>\nUnd er war auch Musiker, aus tiefster \u00dcberzeugung, und hatte es als Klarinettist zumindest in die Blasmusik des Ortes geschafft, wenn es schon zur Philharmonie nicht gereicht hatte, und er war Dirigent, wenn man ihn dirigieren lie\u00df. Erst k\u00fcrzlich durfte er zum Dirigentenstab greifen, als die neue Kulturhalle eingeweiht worden war. Zuvor hatte ihm der B\u00fcrgermeister gestattet, ein paar Worte an die zahlreichen Anwesenden zu richten, was er dazu benutzt hatte, den sich darunter auch befindenden Bediensteten des hiesigen Gemeindeamtes budget\u00e4re Zugest\u00e4ndnisse f\u00fcr ihre Ressorts zu machen. Mirando hatte in irgendeiner Sitzung der letzten Wochen nicht aufgepasst und \u00fcberh\u00f6rt, dass in dieser Angelegenheit genau das Gegenteil eintreffen w\u00fcrde, n\u00e4mlich dass man Posten streichen und Budgets k\u00fcrzen werde.<\/p>\n<p>Kurzum, die Sache war ziemlich peinlich, denn der B\u00fcrgermeister, der diesen Entschluss h\u00f6chstpers\u00f6nlich mitgetragen hatte, sa\u00df mit hochrotem Kopf selbst in der ersten Reihe. Er starrte abwechselnd besch\u00e4mt zu Boden, dann wieder auf Mirando. Als dieser geendet hatte, eilte der oberste Musikmeister auf ihn zu, um ihn zu bitten, den nun folgenden Marsch der Stadtkapelle zu dirigieren. Und Rembert Mirando lie\u00df sich nicht zweimal bitten. Fest entschlossen, seinen Auftritt zu einem kulturellen Erlebnis f\u00fcr alle hier zu machen, gab er mit hocherhobenen H\u00e4nden den zackigen Auftakt. Die Musik setzte auf sein Kommando ein. Was f\u00fcr ein erhebender Augenblick, wenn pl\u00f6tzlich zweiunddrei\u00dfig Menschen, darunter auch zahlreiche junge M\u00e4dchen, seinen Bewegungen Folge leisteten. Mirando genoss diesen Augenblick ganz ungemein, in dem er sich so voll und ganz in Szene zu setzen wusste, w\u00e4hrend sein Inneres nach mehr verlangte. Er wollte diesen Ort dirigieren. Warum nicht gar die ganze Welt? Ein ungemein erhebendes Gef\u00fchl bem\u00e4chtigte sich seiner, n\u00e4mlich jenes, als w\u00fcrden alle hier im Saal nach seiner Pfeife tanzen, wenn und wann er es wollte. Alle, bis auf den B\u00fcrgermeister, der ohnm\u00e4chtig vor Zorn vor sich hinstarrte.<\/p>\n<p>Nach seinem gelungenen Auftritt begab sich Mirando hinter die B\u00fchne, wo der Finanzsekret\u00e4r sich eben anschickte, f\u00fcr seine Rede nach drau\u00dfen zu gehen. Ob er gut gewesen sei, fragte ihn Mirando. Doch dieser sah Mirando nur scharf an, bevor er sich entschloss, die B\u00fchne zu betreten, um ihn rasch noch ganz diskret zu fragen, ob er denn verr\u00fcckt geworden sei und wie er es wagen k\u00f6nne, so einen Unsinn zu verbreiten? Mit diesen Worten stieg der Finanzsekret\u00e4r die Treppen zur Festb\u00fchne hinauf. Das hatten einige der Anwesenden geh\u00f6rt. Mirando suchte nach einem Mauseloch, in das er sich h\u00e4tte verkriechen k\u00f6nnen. Aber was geschehen war, war nun einmal geschehen. Nach Beendigung dieser Veranstaltung, und nachdem ihm letztendlich auch noch der B\u00fcrgermeister den Kopf gewaschen hatte, zog sich Rembert Mirando in die heiligen R\u00e4ume seiner kleinen Wohnung zur\u00fcck und dachte erst einmal nach, wann seine Gattin denn wieder von der Exkursion zur\u00fcckk\u00e4me, die sie mit ihrer Klasse seit mehr als einer halben Woche machte, als das Telefon l\u00e4utete. Rembert klappte das Handy auf. Anica Escortin! Er erstarrte. Wo er denn geblieben sei? Und warum er so rasch entschwunden sei? Und ob er sie nicht im Saal h\u00e4tte sitzen sehen, in der zweiten Reihe?<\/p>\n<p>Ja, Herrgott, er h\u00e4tte sie bemerken m\u00fcssen! Schlie\u00dflich war sie ja nicht zu \u00fcbersehen. Schon wegen ihrer imposanten Erscheinung nicht und schon gar nicht wegen dieses affigen gelben Seidenschals, den sie locker um ihren fetten Hals geschlungen hatte, knallgelb! Ja, da war sie gesessen, inmitten der Loden- und Leinenensembles der \u00fcbrigen Anwesenden! Ob man sich heute noch sehen w\u00fcrde. Rembert wand sich wie immer wurmartig, sein einziger Sport. Irgendwie hatte er heute genug von Gesellschaft und dem Posierenm\u00fcssen. Morgen w\u00e4re schlie\u00dflich auch noch ein Tag. Aber Anica Escortin gab nicht auf. Gut, also, wenn es sein m\u00fcsste, sie k\u00f6nne ja herkommen. Er h\u00e4tte noch etwas Huhn im K\u00fchlschrank und Mayonnaise. Essiggurken w\u00e4ren auch da.<\/p>\n<p>Die Escortin warf einen Blick ins Wohnzimmer, in dem ihr Hase tief und fest vor laufendem Fernseher eingeschlafen war. Und es konnte geschehen, dass Denis Escortin in dieser Stellung dort oftmals bis zum n\u00e4chsten Morgen ohne aufzuwachen verharrte. Anica Escortin nahm ihre Handtasche, steckte ein P\u00e4ckchen Zigaretten ein und lie\u00df die Autoschl\u00fcssel zu ihrem A3 in die Manteltasche gleiten. Dann eilte sie die Holztreppen hinunter. Sie \u00fcberquerte den mit wei\u00dfem Kies geschotterten Weg zur Doppelgarage.<\/p>\n<p>Rembert Mirando hatte alle H\u00e4nde voll zu tun. Es war nicht aufger\u00e4umt, das Geschirr war nicht abgewaschen und die Toilette schon lange nicht geputzt worden. Wie denn auch, wenn er jeden Tag bis zwanzig Uhr und oft auch sp\u00e4ter im B\u00fcro oder ausw\u00e4rts zu tun hatte und die Frau Professor verreist war. Sie ist sicher eine verw\u00f6hnte Frau, dachte er, und er strengte sich m\u00e4chtig an, in dieser kurzen Zeit alles so gut wie m\u00f6glich in Ordnung zu bringen. Und kaum dass er mit dem Quickputz fertig war, l\u00e4utete es auch schon unten an der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Himmelherrgott, fluchte Mirando erneut und ausf\u00fchrlicher, ich komme ja schon! Er \u00f6ffnete. Da stand sie nun, die First Lady, mit Mantel, Hut und Seidenschal. Diesmal in Gr\u00fcn, aber genauso scheu\u00dflich wie der gelbe, den sie am Nachmittag in der Kulturhalle getragen hatte.<\/p>\n<p>Da sind Sie ja, Sie Schlawiner, begr\u00fc\u00dfte sie ihn und dr\u00e4ngte ihn ins Innere seiner Wohnung. Mirando hatte von Anfang an durchschaut, warum sie so rasch bei ihm aufgetaucht war und so ersparte er sich f\u00fcr dieses Mal die kleinen L\u00fcgen, die er f\u00fcr solche F\u00e4lle stets bereithielt. Vielmehr gab er ihrem Dr\u00e4ngen eine bestimmte Richtung vor, sodass sie, scheinbar v\u00f6llig unbeabsichtigt, pl\u00f6tzlich vor der breiten Couch im Wohnzimmer gelandet waren. Anica riss ihm f\u00f6rmlich die Kleider vom Leib, so wie er es mit den ihren tat. Beide fielen sie schwer auf das \u00fcberbreite Lager hin, keuchend und st\u00f6hnend und nahmen sich kaum Zeit, sich v\u00f6llig zu entkleiden, bis auf das Notwendigste, als es auch schon zum \u00c4u\u00dfersten gekommen war. Ihr delliger, gro\u00dfer wei\u00dfer Hintern sauste ohne Unterlass wie wahnsinnig auf Mirando auf und nieder. Das L\u00e4uten seines Handys just zu diesem Zeitpunkt dr\u00e4ngte irgendwie, die Sache so rasch wie m\u00f6glich zu beenden.<br \/>\nEs mochten f\u00fcnf Minuten vergangen sein, damit war der erste Akt vorbei. Schwer atmend lagen beide auf dem R\u00fccken, so, als ob ihre letzte Stunde gekommen w\u00e4re. In Remberts Gehirn drehte sich alles wie ein Karussell. Mein Gott, wenn der alte Escortin etwas erfuhr! Wo doch jetzt die Sache mit dem Grundst\u00fcck und der Finanzierung der Partei \u00fcber die B\u00fchne gehen sollte. Schon morgen war ein Termin f\u00e4llig. Der B\u00fcrgermeister w\u00fcrde ihn fristlos hinausschmei\u00dfen, wenn der Deal nicht zustande k\u00e4me! Die Escortin, immer noch nach Luft ringend, schwitzte, w\u00e4hrend ihr die Schwei\u00dfperlen in kleinen Tropfen \u00fcbers Gesicht liefen, den Hals hinunter, wo sie in den dunklen Tiefen ihrer rasierten Achselh\u00f6hlen versickerten. Sie verlangte nach einer Zigarette. Rembert musste eine aus ihrem Handt\u00e4schchen holen. Einen Aschenbecher auch, und Streichh\u00f6lzer nat\u00fcrlich! Gierig sog sie den Rauch der Marlborough Light in sich hinein. Rembert war zum Schrank hin\u00fcbergegangen, in dem die Hausbar integriert war und entnahm dieser eine Flasche Martini, extra trocken. Sie tranken aus flachen Cocktailgl\u00e4sern. Ob er nicht noch eine Olive f\u00fcr sie h\u00e4tte, fragte sie? Diesmal brachte er gleich das ganze Glas mit aus dem K\u00fchlschrank. Er sa\u00df, sein Glas in der Hand, mit dem R\u00fccken ihr zugewandt und starrte aus dem Fenster, w\u00e4hrend Anica Escortin seine Schultern ab und zu mit sanften K\u00fcssen bedeckte, aus spitzen Lippen fahle Rauchw\u00f6lkchen auf seine pickelige Haut absetzend.<\/p>\n<p>Nachdem Mirando nun in Sekundenschnelle fieberhaft seine Situation \u00fcberdacht hatte, res\u00fcmierte er, dass diese Frau zum derzeitigen Augenblick offensichtlich unentbehrlich f\u00fcr ihn sein w\u00fcrde. Wenn sie ihrem Gatten gezielt solange zusetzte, dass er die Parteispende ausspuckte, w\u00e4re sein Leben als Mandatar und Referent gerettet. Der B\u00fcrgermeister h\u00e4tte keinen Grund, an seinen F\u00e4higkeiten zu zweifeln, verga\u00df man die Sache neulich mit den Budgetversprechungen. Aber wer von ihnen war schon ohne Makel? Ja, es stimmte. Dieser Escortin war wohlhabend. Er hingegen eher wohl nichtshabend. Aber die kleine Summe von hundertf\u00fcnfzigtausend stellte ja doch blo\u00df einen Kratzer auf dessen Bankkonto dar und mit dieser Summe lie\u00dfe sich ein Wahlkampf hier in Hintertupfing, oder wie der Ort in Wirklichkeit auch hei\u00dfen mochte, organisieren, der seinesgleichen w\u00fcrde suchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dann kriegte Escortin sein aufgeschlossenes Grundst\u00fcck und er selber w\u00fcrde zus\u00e4tzlich zu seinem Beamtengehalt eine Politikergage bekommen. Es gab viel zu tun. Also musste man mit Anica Escortin auch jenseits der Bettkante kooperieren.<\/p>\n<p>Ob sie nicht noch einen Martini m\u00f6chte, fragte er beflissen. Das sei sehr aufmerksam, sagte sie, vielleicht einen kleinen, denn schlie\u00dflich m\u00fcsse sie noch mit dem Wagen fahren. Oder ob sie nicht vielleicht \u2026 ihr Hase w\u00e4re ohnedies bereits hin\u00fcber, wie sie das beschrieb, und ob sie nicht etwa hier, bei ihm \u00fcbernachten k\u00f6nne? Sie w\u00fcrde diese Nacht niemandem abgehen, lachte sie. Rembert Mirando wurde etwas schwach bei dem Gedanken, seine heilige Ruhe einb\u00fc\u00dfen zu m\u00fcssen, und \u00fcberdies w\u00fcrde sie mit Garantie noch einmal \u00fcber ihn herfallen wollen, wurde ihm dabei klar. Aber was sollte er tun? Er brauchte sie. Also willigte er ein. Die Escortin tat einen Freudenschrei und dr\u00fcckte ihn an sich, fasste ihn mit ihren kr\u00e4ftigen H\u00e4nden am Hintern und zog ihn zu sich auf die Couch. Die Zweite, durchzuckte es Mirando, der mit Sorge an seine ger\u00f6teten Hautirritationen dachte. Aber es sollte noch nicht so weit sein. Darling, fl\u00f6tete Anica Escortin zuckers\u00fc\u00df, du hast vorhin am Telefon etwas von Kartoffelsalat und H\u00fchnchen erz\u00e4hlt. Ist da was Wahres dran?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15048<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, in Krisenzeiten h\u00e4tte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt. Vielleicht, k\u00f6nnte sein, meinte der B\u00fcrgermeister. Jedenfalls m\u00fcsste man schon froh sein, wenn einmal etwas in Farbe w\u00e4re, meinte der B\u00fcrgermeister zu Stefanie Raymundo, die ihm am n\u00e4chsten stand, und das m\u00fcsse man der K\u00fcnstlerin zugutehalten. Raymundo hob erstaunt ihren Kopf, als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[79],"tags":[11],"class_list":["post-2554","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-prenner-norbert-johannes","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2554"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2803,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2554\/revisions\/2803"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}