{"id":2543,"date":"2015-05-17T16:16:59","date_gmt":"2015-05-17T16:16:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2543"},"modified":"2015-05-19T17:13:59","modified_gmt":"2015-05-19T17:13:59","slug":"ruinenruin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2543","title":{"rendered":"Ruinenruin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2543&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2543&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><strong><\/strong><strong><\/strong>Am Beginn des Fu\u00df- und Radweges parallel zur Rohrbacher Bundesstra\u00dfe mahnt eine Hinweistafel alle Fu\u00dfg\u00e4nger, sich links zu halten, also dicht neben der stark frequentierten Fahrbahn zu verbleiben. Wegen des Steinschlags aus den Kl\u00fcften der Urfahrw\u00e4nd, der, obzwar durch die allj\u00e4hrlichen Felsr\u00e4umungen, durch aufwendige Armierungen, Fangnetze, Stahlanker und Betoninjektionen im Zaum gehalten, eben nicht v\u00f6llig ausgeschlossen werden kann. Hier, entlang einer vollst\u00e4ndig abgebrochenen Ortschaft,\u00a0 rauscht weniger die Donau als vielmehr der Verkehr vorbei. Zwar gibt es auch einen inoffiziellen Steig, der dem Flussufer folgt, aber der gilt als Parcours der Hundef\u00fchrer.<br \/>\nEinem schnappigen K\u00f6ter oder seinem nicht minder bissigen Halter auf handtuchbreiter Fl\u00e4che auszuweichen, l\u00e4sst sich nicht immer mit der gebotenen Eleganz vollf\u00fchren. Wenngleich sich eine Pumpgun im L\u00e4rmschatten von Bahntrasse und vierspuriger Bundesstra\u00dfe wahrscheinlich weniger auff\u00e4llig abfeuern lie\u00dfe als unter der Zeugenschaft unz\u00e4hliger vorbeifahrender Automobilisten. Aber es ist ja so: Man erschie\u00dft ja nicht nur den Pitbull und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter kommt man wirklich in die Bredouille und weil man sich vielleicht nicht auf Notwehr ausreden kann, fasst man bei bisheriger Unbescholtenheit trotzdem einige Jahre Gef\u00e4ngnis aus, die man zusammen mit diversen Stumpfk\u00f6pfen in Stein oder Graz-Karlau verbringt und damit der Gesellschaft der verlorenen Seelen ein weiteres Mitglied hinzuaddiert. Und Doris Day kriegt man ebenfalls nicht als Bew\u00e4hrungshelferin zugeteilt.<\/p>\n<p>Man bleibt also auf dem Streifen Asphalt neben der Rohrbacher Bundesstra\u00dfe, der man aber nat\u00fcrlich nicht bis Rohrbach, sondern nur bis Puchenau zu folgen beabsichtigt. Gekommen war man durch die Ottensheimer Stra\u00dfe, war mit einer Mischung aus schwerm\u00fctiger Erinnerung und schwelendem Groll durch dieses Quartier gestapft, das ironischerweise immer noch Alt-Urfahr hei\u00dft, gleichwohl die wirklich alte Bausubstanz bald nur noch an der Hand eines S\u00e4gewerksarbeiters abzuz\u00e4hlen sein wird. Den Rest des lieblichen Ensembles bilden entkernte Geb\u00e4ude mit konservierten Blendfassaden und der schlichte Barock der Neureichen \u2013 diese Allerweltshochstapelei phantasielos konzipierter Wohneinheiten mit obligatorischem Planschbecken im Vorgarten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich will man es nicht darauf anlegen, von einem zuf\u00e4llig herabkollernden Stein erschlagen zu werden, in Quasi-Adaptierung des \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th-Abgangs enden, dem bekanntlich ein herabfallender Platanenast auf den Champs-\u00c9lys\u00e9es das Lebenslicht ausblies. Aber andererseits muss man auf die Radfahrer achtgeben, von denen man nicht wei\u00df, ob sie auf einen achtgeben. Der typische Neurastheniker am Velo ist ja bekanntlich von eher schlichter Anwandlung: nach oben buckeln, nach unten treten \u2013 und das mit einer bewundernswerten Unabl\u00e4ssigkeit, die selbst die Einsicht in die Notwendigkeit elementarer Verkehrsregeln nicht zu bremsen vermag. Am allerlustigsten sind Kinder unterwegs, wenn sie, im Herumeiern Schwung nehmend, ihren Altvorderen fr\u00f6hlich kr\u00e4hend in die Parade fahren. Aber sie tragen wenigstens Helm und radeln allf\u00e4lligem Felsgeriesel immer schon voraus.<\/p>\n<p>Man blickt also ab und zu in die Wand, bzw. die Felsw\u00e4nde und -vorspr\u00fcnge hoch, sucht das Relief des verwitternden Granits nach Auff\u00e4lligkeiten ab, von denen man aber nat\u00fcrlich nicht wei\u00df, wie sie auszusehen h\u00e4tten. \u00dcberh\u00e4ngende Steinbrocken, die anmuten, als w\u00fcrden sie sich kaum wahrnehmbar im Luftzug wiegen, als Gefahrenquelle ausnehmen kann jeder, der auch nur halbwegs seinen Augen traut. Man blickt aber auch regelm\u00e4\u00dfig den Weg zur\u00fcck, um allenfalls aufschlie\u00dfende Radfahrer rechtzeitig zu gew\u00e4rtigen.<br \/>\nMan hat einen Blick f\u00fcr das Gestr\u00e4uch in Sepia, das filzig und dornenreich die Flanken der Abh\u00e4nge hochkriecht und sich im Vorfr\u00fchling noch nicht sattgr\u00fcn wie zur Hochzeit der Vegetation zeigt. Man h\u00e4lt im Unterholz des ausgewiesenen Naturschutzgebietes nach den letzten Ruinen der devastierten Ortschaft Ausschau, die man vor Jahren noch gesehen glaubte. Reste einer gemauerten Vorhausfl\u00e4che, Ans\u00e4tze eines Kellerabgangs, aufgehendes<i> <\/i>Mauerwerk. Das \u201eGasthaus zur Schiffm\u00fchle\u201c kann man nicht mehr lokalisieren. Den Aufgang in den Urfahrer K\u00f6nigsweg ebenso wenig.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber, am jenseitigen Ufer der Donau, zeigt sich die pittoreske Kirchenlandschaft von St. Margarethen. Mit der einzigen Einsiedelei in Landeshauptstadtn\u00e4he, die bedauerlicherweise von keinem schrulligen Schratt mehr unterhalten wird. Klar, wenn der Kirche schon die Priester ausgehen, werden auch die gottesf\u00fcrchtigen Selbstgei\u00dfler nicht Schlange stehen, sich um eine schimmelige Bleibe in einem Kab\u00e4uschen in grottiger Einschicht zu raufen.<br \/>\nWeil die B\u00e4ume noch kahl sind wie jene Weihnachtstannen, die, wenn sie nicht l\u00e4ngst verheizt oder geh\u00e4ckselt wurden, sich sp\u00e4testens ab Maria Lichtmess im Wohnzimmer als armseliges Staudengerippe pr\u00e4sentieren, sieht man die Umrisse der sogenannten Rosenburg auf der benachbarten Anh\u00f6he ganz gut durch einen struppigen Wald durchscheinen. Die Phantasiefestung des Edward Schiller, die diesen nicht gl\u00fccklich machte, allenfalls die Kinder, die zum Lampionfest pilgerten, das die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten einst hier veranstaltete.<\/p>\n<p>Man dackelt weiter und gewinnt schlie\u00dflich den Puchenauer Ortsteil Anschlussmauer. Der Name verweist freilich nicht darauf, dass im 1938er Jahr zu viele Landsleute dem Anschluss die Mauer gemacht haben, vielleicht sogar die gleichen, die sich dann 1945 als erste Opfer verstanden, sondern auf die sogenannte Anschlussmauer als Teil des Bollwerks der Maximilianischen Befestigungsanlage. Und die war genau hundert Jahre fr\u00fcher entstanden, nie wirklich zum Schuss gekommen und kaum einmal zwanzig Jahre als milit\u00e4rische Anlage in Betrieb gewesen, ehe man sie aufgab.<\/p>\n<p>Die H\u00e4user von Anschlussmauer sind in die Leite einer der Ausl\u00e4ufer der Flanken des P\u00f6stlingberges gebaut und etwas l\u00e4rmgesch\u00fctzt dank einer Wand, die die Sicht auf die Bundesstra\u00dfe verbarrikadiert. Das erinnert einen an jene vereinsamte Alte, die, in Waldegg an einer Stra\u00dfenf\u00fchrung parallel zur Westbahnstrecke wohnend, damit drohte sich umzubringen, falls die hochgezogenen L\u00e4rmschutzw\u00e4nde ihr die Sicht auf die rangierenden Z\u00fcge nehmen w\u00fcrden.<br \/>\nMan wei\u00df nicht, was aus ihr wurde. Die zwei Stockwerke hohen H\u00fcrden stehen jedenfalls und wurden schon bald nach ihrer Errichtung innerseits der Gleisanlagen mit dem Schriftzug \u201eShamsir\u201c an verschiedenen Stellen verunziert, was vielleicht auf den gleichnamigen persischen S\u00e4bel verweisen soll und wohl ein Signet des islamischen Wahnsinns darstellt.<\/p>\n<p>Das Ensemble der \u00dcberreste des sogenannten Linzer Lagers wurde nie unter Schutz gestellt, wie es die ausgewiesene Kunsthistorikerin Renate Wagner-Rieger bereits in den 1960er Jahren gefordert hatte. Vielmehrt wurde seither den Relikten beim Zerbr\u00f6seln zugesehen, sowie da und dort auch noch ein bisschen nachgeholfen. Dass 1975 die linke Klause Kunigunde \u2013 s\u00e4mtliche Bauten unterstanden dem Patrozinium weiblicher Heiliger \u2013 geschliffen wurde, war der Notwendigkeit geschuldet, dem stetig wachsenden Verkehrsaufkommen durch Ausbau der Bundesstra\u00dfe Rechnung zu tragen. Somit also Folge eines Sachzwangs. Dennoch ist es schade um den Anschlussturm, der zuletzt als Wohngeb\u00e4ude in \u201everkehrsg\u00fcnstiger Lage\u201c, wie es im Immobilienmaklereuphemismus hei\u00dft, gedient hatte: auf einer Insel zwischen Bahngleis und Autopiste.<\/p>\n<p>Jetzt steht man am Waldsaum vor einem \u00fcberwachsenen Felsblock, der eine f\u00fcr das M\u00fchlviertel typische Verwitterungsform aufzuweisen scheint: Steinlagen wie geschlichtete Tortenb\u00f6den. Nach genauerem Hinsehen erkennt man das blo\u00dfgelegte Mauerwerk aus ineinander gepackten Bruchsteinen, den Rest jener hangw\u00e4rts f\u00fchrenden Anschlussmauer, die sich hier mit der Klause verband, allein einen Fuhrwerksdurchlass offenlassend, der im Bedarfsfall massiv verbarrikadiert werden konnte.<br \/>\nMan \u00fcberlegt, weiter nach Puchenau hineinzugehen, in diesen Ort ohne Zentrum, in dem Roland Rainer seine Idee der Gartenstadt in die Realit\u00e4t umsetzen konnte, sich gewisserma\u00dfen als Harry Gl\u00fcck des verdichteten Flachbaus verwirklichte, weniger als austriakischer Ebenezer Howard auf potenziellem \u00dcberschwemmungsgel\u00e4nde. Beschlie\u00dft dann aber den Hang hoch durch den Wald zu stapfen, was einen gleich keuchen macht und einem den Ratschlag seines praktischen Arztes in Erinnerung ruft, man k\u00f6nne doch das eine oder andere Bier von mehreren am Abend des Vortags getrunkenen ebenso gut auch <em>nicht<\/em> trinken. Allerdings, der Springinsfeld ist man ohnehin nicht mehr und Bier reinigt bekanntlich die Nieren und \u00fcberhaupt: Was sind schon f\u00fcnf Bier, wenn man zehn eh nicht getrunken hat?<\/p>\n<p>Durchs Laub schlurfend, w\u00fchlt man eine mutma\u00dfliche Granatenkartusche oder B\u00fcchsenkart\u00e4tsche aus der Humusdecke und will die Sache gleich gar nicht n\u00e4her in Augenschein oder gar mit nach Hause nehmen, um sie, in den Schraubstock eingezw\u00e4ngt, experimentell anzubohren. Wie es jener Jugendliche mit seinem brisanten Fundgut gemacht haben musste, ehe der mitsamt Elternhaus in die Luft flog. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man den Entminungsdienst alarmieren und den Spezialisten, die sich von nervenaufreibender Fliegerbombenentsch\u00e4rfung erholen, den Sonntag damit ruinieren, dass man sie zur Bergung eines, wie sich dann herausstellt, leicht angerosteten, uralten Sodawassersiphons rief.<br \/>\nStattdessen setzt man die Besteigung des mit lichtem Mischwald bewachsenen Berghangs fort, w\u00e4hnt auf dieser wilden Passage unweigerlich, weil logischerweise, auf jenen Wanderweg treffen zu m\u00fcssen, der von der Schie\u00dfst\u00e4ttenstra\u00dfe als Kreuzweg abgeht und im Wald schlie\u00dflich als Turmstra\u00dfe an Ruinen der Maximilianischen Befestigungsanlage vorbeif\u00fchrt. Kommt aber pl\u00f6tzlich vor einem J\u00e4gerzaun zum Stehen, der ein Areal mit Jungb\u00e4umen einhegt, um sie solcherart vor Wildverbiss zu bewahren. Den J\u00e4gerzaun im schwierigen Gel\u00e4nde zu umgehen wird insofern zur Herausforderung, als von unterbrochener Waldarbeit loses Ge\u00e4st herumliegt, zu Scheiterrundlingen portionierte St\u00e4mme des Aufgelesenwerdens harren und das Erdreich zudem durch Ziehen und R\u00fccken der H\u00f6lzer mit dem Sappel so aufgew\u00fchlt wurde als w\u00e4ren die Eber durchmarschiert.<\/p>\n<p>Man legt eine kurze Rast ein, sondiert die Lage, <em>rekognosziert das Terrain<\/em>, wie man fr\u00fcher im Milit\u00e4rsprech zu sagen pflegte und lenkt seine Schritte dann <em>traversiere<\/em> zum Hang. Damit weicht man einerseits dem J\u00e4gerzaun aus, h\u00e4lt andererseits auf die Anschlussmauer zu, die sich als un\u00fcbersehbare Barriere vom Ort herauf in sturgerader Linie durch den Wald zieht.<br \/>\nMan erschreckt zwei Rehe, die zun\u00e4chst auf die Mauer zuschie\u00dfen, sich aber noch rechtzeitig abwenden, ehe sie an ihr zerschellen. Unter erregtem Ohrenspiel, was eine gewisse Emp\u00f6rung kundzutun scheint, traben sie aus dem Sichtfeld hangabw\u00e4rts.<br \/>\nDie Anschlussmauer zeigt sich als ein mit dem Felsmaterial der Gegend versehenes<i> <\/i>Blo\u00dfsteinmauerwerk, dem ein Bewuchs aus Stauden und struppigen Baumkr\u00fcppeln aufsitzt. Ihre gesch\u00e4tzten drei Meter H\u00f6he mit herangef\u00fchrten Leitern zu \u00fcberklettern, w\u00e4re jetzt keine Schwierigkeit und vor hundertsechzig Jahren wahrscheinlich auch keine gewesen, wenn sich das Gel\u00e4nde damals so pr\u00e4sentiert h\u00e4tte wie heute. Aber zu Zeiten des Biedermeiers gab es hier keinen Wald und man h\u00e4tte sich unweigerlich ins Schussfeld der im Schartenstock der Edelburga-Warte auf Posten befindlichen F\u00fcsiliere begeben. Selbst Geschosse abgefeuert aus Steinschlossgewehren k\u00f6nnen einem das weitere Vorgehen ganz sch\u00f6n verhageln.<\/p>\n<p>Die Anschlussmauer endet mit einem absurden rechteckigen Durchguck knapp \u00fcber Kopfh\u00f6he an der Au\u00dfenmauer der ehemaligen Warte, einer Bastion \u00fcber halbkreisf\u00f6rmigem Grundriss. Am Mauerfu\u00df sammelt sich Ziegelbruch von den Fensterlaibungen. Man streift am leicht nach innen geneigten Gem\u00e4uerhalbrund entlang, trifft jetzt nach einigen Schritten tats\u00e4chlich auf einen Weg und steht gleich darauf am ehemaligen Einlass in den Wehrbau. Massive T\u00fcrangeln finden sich dort in den Stein gef\u00fcgt. Auf solche Weise verankert, dass es unm\u00f6glich bleibt sie herauszuziehen, auch wenn eine sich in lockerer Haltung vermeintlich zu l\u00f6sen scheint. Das deutet darauf hin, dass sie nicht eingestemmt, sondern vielmehr beim Versehen der Steinmauer in die vorbereiteten Ausnehmungen einer Lage eingelegt und verkeilt worden sind.<\/p>\n<p>Setzt man mit k\u00fchnem Schwung durch das Portal, st\u00fcrzt man unweigerlich in eine Grube, die sich an der Stelle auftut, wo schon vor langem eine Zwischendecke eingebrochen ist. Den Bau eines armierten milit\u00e4rischen Beobachtungsstandes als eine Anordnung von Fallgruben zu denken wie die Theaterb\u00fchne von Alfred Jarry, daraus in Gestalt einer einzigen Person im Bedarfsfall die gesamte polnische Armee entsteigt, w\u00e4re denn doch etwas hirnrissig. Um in das Innere der Warte zu gelangen, ohne ein Fall f\u00fcr die Bergrettung zu werden, klettert man eben durch eine der Fensterh\u00f6hlen und landet im ehemaligen Magazinstock auf dem Schutt eingest\u00fcrzter Gew\u00f6lbe. Die Anmutung des Ruineninneren hat weniger etwas Beklemmendes als vielmehr etwas Beklagenswertes: Warum musste der funktionslos gewordene Massivbau auch so verkommen? Als man vom Verdeck das provisorisch gedachte Holzdach abnahm, um es zu Ofenscheitern zu zerkleinern, wurde die dar\u00fcber aufgebrachte Erdschicht, die urspr\u00fcnglich als Splitterschutz fungiert hatte, zur Humusdecke f\u00fcr die mit dem Wind verbrachten Pflanzensamen. Man m\u00f6chte sich ausmalen, die hier und in den anderen T\u00fcrmen stationierten Kanoniere h\u00e4tten in Friedenszeiten auf abgedunkelter Erde Champignons gez\u00fcchtet, wie weiland der Spitzweg\u2019sche Vorposten, der Socken strickte \u2013 mit nicht aus der Ruhe zu bringender Raffinesse. Den verschiedenen Wetterbedingungen im Jahreszeitenwechsel ausgesetzt, konnte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis das Mauerwerk anfing, Schaden zu nehmen. Von der Kehre oberhalb der Warte betrachtet, sitzt dieser regelrecht ein W\u00e4ldchen auf. Eine Wald-in-Wald-Idylle? Eine pittoreske Szene mit Ablaufdatum jedenfalls.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man dar\u00fcber nachdenkt und sich versonnen endlich wieder nach dem Weg wendet, f\u00e4hrt man unversehens einer L\u00e4uferin in die Parade, die mit aufgesetztem Kopfh\u00f6rer in hochfahrender Gazelleneleganz die ehemalige Turmstra\u00dfe heruntergesportelt kommt. Das Malheur ist nat\u00fcrlich nicht damit aus der Welt, dass man sich entschuldigt, dabei peinlich darauf bedacht, nicht das von sich zu geben, was man sich <em>eigentlich<\/em> denkt. Sie f\u00e4ngt sich, eben so wie man sich f\u00e4ngt, schlingt ihren Kopfh\u00f6rer um den Hals, daraus irgendetwas Unzumutbares greint, das nur Menschen f\u00fcr Musik halten k\u00f6nnen, deren Geh\u00f6rschaden irgendwo zwischen Thalamus und prim\u00e4rer H\u00f6rrinde zu lokalisieren w\u00e4re. Der Austausch von Unfreundlichkeiten unterbleibt trotzdem. Man einigt sich darauf, dass, wenn schon nichts anderes, so doch der Fr\u00fchling bald kommt. Dann nimmt sie das Laufen wieder auf und man sieht ihrem flatternden Haar noch eine Weile nach und glaubt, es seien die Korinther gewesen, die den Spartanerinnen nachsagten, sie h\u00e4tten alle einen Vogel. Aber vielleicht brachten die Ersteren das nur deswegen auf, weil sie bei Zweiteren so gar kein Leiberl hatten.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter steht man vor dem Turmruinenrund des Turms 15, Luitgarde, der, im Gegensatz zur Warte, nicht in den Hang, sondern auf verebnetes Gel\u00e4nde gesetzt worden war. Es umfangen ihn noch der Graben und jenes Erdwerk, das man das Glacis nannte, sodass sich die Anlage gegen die gedachte Angriffslinie als ein in seine unmittelbare Umgebung eingebetteter Kegelstumpf pr\u00e4sentierte. In unseren Tagen betritt man durch den aufgerissenen Eingang an der sogenannten Kehle einen gro\u00dfen, hohlen Gugelhupf, der dadurch entstanden ist, dass von drei konzentrischen Rundg\u00e4ngen nur noch der \u00e4u\u00dfere erhalten geblieben ist, die Balkendecken der inneren l\u00e4ngst den Weg allen Irdischen gegangen sind. Wahrscheinlich wurde nach dem Verkauf der einzelnen Bastionen der Sache des Verfalls auch hier etwas nachgeholfen. Deckenholz lie\u00df sich, zugeschnitten, als gut getrocknete Feuernahrung in jeden Ofen schieben.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Gugelhupfs erklimmt man einen vermeintlichen Schutth\u00fcgel, den die Feuerstelle einstiger Lagerfeuerromantik, selchig m\u00fcffelnde Asche und einiges Dosenblech kr\u00f6nt. Dort pflanzt man sich auf und betrachtet im Rundblick einen mit Baumbesatz \u00fcberzogenen Mauerkranz. Die sich nach und nach durch die Backsteintonnengew\u00f6lbe arbeitenden Wurzeltriebe werden letztlich der Ruinen Ruin sein, sinniert man und bedauert, dass der Eigent\u00fcmer, Stift Wilhering, nicht auslichten l\u00e4sst.<br \/>\nDer zentrale Schutth\u00fcgel inmitten der Turmruine ist gar keiner, sondern der innerste Raum, in dem entweder ein Brunnenschacht abgeteuft war wie im Leondinger Turm 9 oder im Heilhamer Turm 24, oder Sprengmittel eingelagert wurden. Ein von klafterdickem Mauerwerk umschlossener Zylinder mit Backsteinkuppel.<br \/>\nMan fragt sich, ob man hier \u00fcber dem vermuteten Zutritt einmal die Schaufel ansetzen sollte, um ins Innerste vorzudringen und\u00a0 \u2013 ja, auf was wohl zu sto\u00dfen? Auf Graffiti, die gelangweilte Sappeure Anno Tobak in den gebrannten Ton der Ziegel geritzt haben?<\/p>\n<p>F\u00fcr heute hat man keinen Klappspaten dabei und so macht man sich weiter auf der preisgegebenen Turmstra\u00dfe, der das Pflaster geraubt worden ist, das nirgendwo mehr vollst\u00e4ndig, sondern nur noch an bestimmten Stellen aufliegt. Man weicht vom Weg ab, um nach der Ruine der Batterie Thekla zu sehen, welche zusammen mit jener namens Klara einen niemals errichteten Turm 17 in den absch\u00fcssigen Lagen des P\u00f6stlingberges ersetzen half. Man streicht vorbei an den trostlosen \u00dcberresten des Seraphina-Turms 16 und tritt vom Wald heraus auf eine Wiese, in der jener Felsenkopf zu vermuten ist, der gesprengt worden war, um den Gesch\u00fctzen der in der N\u00e4he befindlichen Bastionen kein nat\u00fcrliches Hindernis innerhalb der Bestreichungsradien zu belassen. Bei dem Man\u00f6ver zerbr\u00f6selte der Felsen in weitum streuende, rasiermesserscharfe Splitter, die der \u00dcberlieferung nach einer Marketenderin das Leben kosteten. Noch vor einigen Jahren konnte man die Splitter von der Hochfl\u00e4che der markanten Erhebung auflesen. Jetzt findet sich eine Grasnarbe als Decke dar\u00fcber geschlagen.<\/p>\n<p>So nahe am Berg, der eine Basilika in der Nachfolge eines an einen Baum genagelten Gnadenbilds tr\u00e4gt, wei\u00df man nichts anderes mit sich anfangen, als ins Wirtshaus zu gehen. Dort isst und trinkt man unter Leuten, die es auch nicht anders betreiben. Sp\u00e4ter wird man dann entlang der Hohen Stra\u00dfe, die auch noch Hansbergstra\u00dfe hei\u00dft, nach Linz zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Man wird keine der zur \u00dcbung gewordenen Sonntagsbesuche mehr machen. Man wird daheimbleiben, in B\u00fcchern lesen und abends das Radio anmachen. So erf\u00e4hrt man, dass noch am gleichen Tag die Rohrbacher Stra\u00dfe auf beh\u00f6rdliche Anordnung gesperrt wurde. Es gingen Steine aus der Urfahrw\u00e4nd auf die Fahrbahn ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bernhard Hatmanstorfer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a title=\"spazierensehen\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2528\">spazierensehen<\/a> | Inventarnummer: 15045<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Beginn des Fu\u00df- und Radweges parallel zur Rohrbacher Bundesstra\u00dfe mahnt eine Hinweistafel alle Fu\u00dfg\u00e4nger, sich links zu halten, also dicht neben der stark frequentierten Fahrbahn zu verbleiben. 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