{"id":2521,"date":"2015-05-02T17:33:15","date_gmt":"2015-05-02T17:33:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2521"},"modified":"2015-05-03T17:56:25","modified_gmt":"2015-05-03T17:56:25","slug":"der-soldat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2521","title":{"rendered":"Der Soldat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2521&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2521&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Waffenruh. Keiner mehr da, der auf den zielen k\u00f6nnte, den er unter anderen Umst\u00e4nden vielleicht seinen Bruder genannt h\u00e4tte. Tiefe, laue Nacht. Und ein Sternenhimmel wie zur Friedenszeit. Mondlicht.<\/p>\n<p>Er sa\u00df am Rande des Schlachtfeldes. Mutterseelenallein. Wo mochte sie jetzt wohl sein, die Mutter? Welchen Rat w\u00fcrde sie ihrem Fleisch und Blut wohl erteilen? Wie lange hatte er ihn nicht geh\u00f6rt, den Rat der guten Mutter?<\/p>\n<p>Stille. Beinahe aufdringlich. Ein Segen nach dem L\u00e4rm jenes Ger\u00e4ts, das Menschen erfunden hatten, um ihresgleichen zu vertilgen. Doch die Stille hatte ihren Preis. Sie alle waren nicht mehr. Sie alle, die sich Kameraden genannt hatten. Feind genannt hatten. Sie alle, die Menschen gewesen waren.<\/p>\n<p>Er hatte den Wahnsinn \u00fcberlebt. Gab es au\u00dfer ihm noch jemanden? Sein Blick ruhte auf den Leibern, die die Nacht gn\u00e4dig bedeckte. Das Antlitz des Hasses, hier offenbarte es sich. Im Mondenschein waren alle Waffenr\u00f6cke grau. Konnte nicht mehr unterschieden werden zwischen Freund und Feind. Wie lange sa\u00df er bereits hier? Inmitten der gewollten, angeordneten Vernichtung? Der Ruf hatte sie ereilt und sie waren ihm gefolgt. F\u00fcr ein Vaterland. F\u00fcr eine Parole. F\u00fcr einen, der sich besser und kl\u00fcger w\u00e4hnte als der Rest \u201eseines\u201c Volkes. F\u00fcr jene Kriegshetzer, die jegliches Leben ohne Skrupel opferten. F\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Idee.<\/p>\n<p>Ob die Mutter noch lebte? Und warum hatte das Schicksal ihn verschont? Warum war er noch im Diesseits? Um Zeuge zu sein f\u00fcr Grausamkeiten, die jenseits der menschlichen Vorstellungskraft lagen? Um daran zu zerbrechen? Durfte er sich nun Kriegsveteran nennen? Nach dieser H\u00f6lle? Sie hatten die Waffen gesegnet. Auch seine. Hatten sie jenem Gott geweiht, den sie angefleht hatten, ihnen zum Sieg zu verhelfen. Sie alle hatten ein Vaterunser vor der Schlacht gebetet. Auch er. Und jetzt? Sollte er es abermals beten? Zum Dank f\u00fcr sein Leben?<\/p>\n<p>Die Schulter tat ihm weh. Doch er wollte die Verwundung nicht in sein Bewusstsein dringen lassen. Irgendwie war sie passiert. Irgendwann hatte er den Schmerz versp\u00fcrt. Und ihn ausgeblendet. Ein Tier zog sich zur\u00fcck und leckte seine Wunden. F\u00fcr ihn gab es keinen Ort, der ihn lockte. So sa\u00df er hier am Rande des Schlachtfeldes und schaute wie gebannt die Gefallenen an. Der Kampf war vorbei. Auch f\u00fcr ihn. Was verteidigte er eigentlich mit seinem Leben? Wusste er es noch? Oder hatten ihm die Jahre seinen Glauben geraubt? Die Heimat war fern des Herzens. Fern des Empfindens. Fern der Sehnsucht. Dies hier war die Wirklichkeit. Wohin also sollte er gehen? Mit seinen Wunden?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich war es da. Verwundert sah er es an, w\u00e4hnte sich verr\u00fcckt. Jetzt war es so weit. Sein Verstand verlie\u00df ihn. Narrte ihn. Er bildete sich doch tats\u00e4chlich ein, ein Kind vor sich zu sehen. Ein Kind! Seine Halluzination war ein kleines M\u00e4dchen mit gelockten Haaren. Es trug ein Kleidchen mit einer Weste dar\u00fcber. Er schloss die Augen, verharrte ein paar Sekunden und \u00f6ffnete sie wieder. Doch das Trugbild war noch immer hier. Falls seine Sinne ihn nicht t\u00e4uschten und dieses \u00fcberirdische Wesen in der Realit\u00e4t bestand \u2013 woher kam es so unerwartet? Die Kleine war im Mondlicht allerliebst anzuschauen. Ein Schleifchen zierte ihr Haar. Wie alt sie wohl sein mochte? Vier? F\u00fcnf?<\/p>\n<p>\u201eWer bist denn du?\u201c, fragte er heiser. Doch das Kind schaute ihn nur an. Mit gro\u00dfen, wachen Augen. Ob es ein verirrtes Fl\u00fcchtlingskind war? War die Familie mit seiner Armee mitgeflohen? Bevor der Feind ihrer habhaft werden konnte?<\/p>\n<p>\u201eWo ist deine Mama?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df ich nicht \u2026\u201c Die Stimme klang hell und glockenrein.<\/p>\n<p>\u201eUnd dein Papa?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIm Himmel beim lieben Gott.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie hei\u00dft du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Anna.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAha \u2026\u201c Zu mehr war er im Moment nicht f\u00e4hig. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er musste sie ordnen. Seiner \u00dcberraschung Herr werden. Sich auf die neue Situation einstellen. Der Fl\u00fcchtlingsstrom \u2013 war er aufgerieben worden? Eingeholt vom feindlichen Heer? Und die Mutter der Kleinen? Ob sie noch lebte?<\/p>\n<p>\u201eWie ist dein Familienname?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df ich nicht \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd woher kommst du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00df ich nicht \u2026\u201c<\/p>\n<p>War sie nicht alt genug, um Nachnamen und Heimatstadt zu wissen? Schon wollte er nachhaken, als ihm bewusst wurde, was das Kind durchgemacht haben musste. Das Entsetzen packte ihn an. Er als Erwachsener tat sich schwer genug, die furchtbaren Eindr\u00fccke und Erlebnisse zu verarbeiten. Was also musste in der Kleinen vor sich gehen? Womit musste sie fertig werden? Die Mutter war entweder tot oder verschollen. Einerlei. Freiwillig h\u00e4tte sie ihr Kind nie im Stich gelassen. Eine liebevolle Mutter, die in h\u00f6chster Gefahr ihrem Kind das Haar frisierte und es band. Das r\u00fchrte ihn. Schon lange hatte ihn nichts so ber\u00fchrt wie diese Schleife. Und jetzt? Kein Mensch weit und breit, der sich um das M\u00e4dchen k\u00fcmmerte. Gott allein wusste, wie lange es bereits umherirrte. \u00dcber Schlachtfelder ging. Es war ein Wunder, dass es noch am Leben war. Und ihn d\u00fcnkte, dass nun er gefordert war. Anna war auf die Hilfe einer alten Frontsau angewiesen. Eine alte Frontsau, ja, das war er wohl. Ganz vulg\u00e4r ausgedr\u00fcckt. Und nun hatte er ein Kind an seiner Seite. Es war unfassbar.<\/p>\n<p>Die Kleine starrte ihn eindringlich an. Ihr Blick lie\u00df ihn schauern. Was hatten diese Augen wohl gesehen? Was hatten seine Augen gesehen? Zu viel, gro\u00dfer Gott, zu viel. Reue \u00fcberkam ihn. Warum hatte er sich nicht geweigert, damals, als der Einberufungsbefehl gekommen war? Weil sie ihn sofort exekutiert h\u00e4tten? Nun musste er daf\u00fcr geradestehen. Vor einem unschuldigen Kind, dem das Grauen zur aberwitzigen Heimat geworden war. Es lie\u00df sich nicht ermessen, welchen Schaden es davontrug. Aber es war am Leben. Genau wie er. Und beide hatten sie nicht mehr als dies nackte, armselige Leben. Und eine Schleife als Verm\u00e4chtnis einer Mutter. Tr\u00e4nen stiegen in ihm hoch, die er zu unterdr\u00fccken suchte. Er musste jetzt funktionieren. Genau jetzt. Die Kleine und sich selbst in Sicherheit bringen. Sie und sich selbst versorgen. Durch das Niemandsland seiner Seele spazierte ein kleiner Mensch. Arglos und unbedarft. War einfach da. Und die Wunde? Ach, vielleicht war sie nicht so schlimm. Er musste den Schmerz erdulden. Stark sein. Er hatte pl\u00f6tzlich eine Aufgabe. Eine, die Sinn machte. Mehr Sinn, als Menschen zu hassen, weil es irgendjemand befahl.<\/p>\n<p>M\u00fchsam erhob er sich. Doch, die Wunde schmerzte. Er musste sie ertr\u00e4glich halten, durfte die Schulter nicht belasten. Anna beobachtete jede seiner Bewegungen. Pl\u00f6tzlich stellte sie sich neben ihn und schob ihre Hand in seine: \u201eAnna mit.\u201c Er sp\u00fcrte den zarten Druck der kleinen Hand, ihre W\u00e4rme. Und ihm war, als h\u00e4tte sie sein Innerstes ganz sacht ber\u00fchrt. Diesmal rollten ihm die Tr\u00e4nen \u00fcber die Wangen, er war machtlos gegen sie. Die Kleine wartete. Wartete auf den ersten Schritt des Mannes.<\/p>\n<p>\u201eKomm\u201c, sagte er leise und merkte, wie sein Soldateninstinkt erwachte. Angestrengt lauschte er in die Nacht. Er musste sich zu den Kameraden durchschlagen. Mit dem Kind. Schleichwege finden. Deckung suchen. Der Schutz der Nacht war sein Verb\u00fcndeter. Wohin sollte er gehen? Er musste einen Bogen um den Feind machen. Durfte ihm nicht in die H\u00e4nde fallen. Seine Muskeln spannten sich, sein Kopf war wach, seine Gedanken klar. Er w\u00fcrde dieses Kind durchbringen. Er musste es. Versagen ausgeschlossen. Ein letztes stummes Sto\u00dfgebet gen Himmel. Ein inbr\u00fcnstiges Versprechen an die Mutter. Wo immer sie auch sein mochte. Das Kind schwieg. Doch von ihm ging eine Kraft aus, die sich auf ihn \u00fcbertrug. Er sp\u00fcrte die Leichtigkeit des Fr\u00fchlings, sp\u00fcrte, wie sie sich mit seiner Erfahrung verband. Und so gingen sie los. Der altgediente Soldat und das kleine M\u00e4dchen. Er wusste nicht, was auf sie wartete. Doch sein Schritt wurde fester. Sein Gang aufrechter. Er straffte die Schultern. Und Anna sah zu ihm auf. Demut \u00fcberkam ihn. Das Schicksal gab ihm einen Grund, ins Leben zur\u00fcckzukehren. Und wenn sie das hier \u00fcberlebten, mein Gott, wenn sie das hier \u00fcberlebten \u2026 Spielzeug wollte er ihr schenken und lernen, selbst eine Schleife ins Kinderhaar zu binden. Und so gingen sie voran. Hand in Hand einem neuen Morgen entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Luise F\u00f6tsch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 15044<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Waffenruh. Keiner mehr da, der auf den zielen k\u00f6nnte, den er unter anderen Umst\u00e4nden vielleicht seinen Bruder genannt h\u00e4tte. Tiefe, laue Nacht. Und ein Sternenhimmel wie zur Friedenszeit. Mondlicht. Er sa\u00df am Rande des Schlachtfeldes. Mutterseelenallein. Wo mochte sie jetzt wohl sein, die Mutter? 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