{"id":2497,"date":"2015-05-01T18:08:13","date_gmt":"2015-05-01T18:08:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2497"},"modified":"2015-05-03T17:50:01","modified_gmt":"2015-05-03T17:50:01","slug":"hymne-auf-einen-bemerkenswerten-vogel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2497","title":{"rendered":"Hymne auf einen bemerkenswerten Vogel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2497&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2497&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Bist nicht Gans und auch nicht Ente, an Eleganz und Anmut kaum zu \u00fcberbieten. Und neidlos zugegeben, im Wasser ein Talent, ge\u00fcbt in Sachen Schwimmen. Auf sanften Wellen treibend, majest\u00e4tisch, hoheitsvoll und grazi\u00f6s, wiegst, still bewundert, du gerne dich auf dunklen Wassern. Rauschst fl\u00fcgelquietschend \u00fcber Seen und Teich. In deinen weichen Daunen trotzt du jedem Wetter, ganz gleich ob Regen oder Schnee, auch wenn sich niemals Nebel lichten. Ziehst in verwunsch\u00b4nen Nachen Helden mir nichts dir nichts fort in eine andre Welt. Verwandelst, unbemerkt vor unseren abgelenkten Blicken, zun\u00e4chst noch h\u00e4sslich, nach kurzer Zeit dich zur Vollkommenheit. Jedoch, singst du beim Mondschein einsam und allein dein Lied, ehe du stirbst, so ist\u00b4s, als w\u00e4r es eines S\u00e4ngers letzter Auftritt.<br \/>\nDu Mittler zwischen Traumgespinst und Wirklichkeit. Allegorie der Reinheit, unnahbar sch\u00f6n und eitel doch zugleich. Verf\u00fchrerisch wie eh und je die S\u00fcnde. Mit deinem stolzen Hals, als Attribut der Sch\u00f6nheit, hoheitsvoll, stets elegant getragen, n\u00e4hrst du den Hunger ungestillter Sehnsucht. Dem Irdischen erscheint wohl gar nichts heilig. Profan, wie diese Welt nun einmal ist, das Vorbild solcher Biegsamkeit, dient ihm als Halterung zur Leseleuchte. Verbindungselement, halbsteif und doch elastisch. Gewendelter Metallschlauch sozusagen. Man sagt, ein Traum von dir soll heilsam wirken? Verf\u00fchrt uns gar zu Liebesabenteuern? Du wei\u00dfer, reiner Vogel giltst, schier unber\u00fchrt, als Bindeglied f\u00fcr hier und dr\u00fcben, f\u00fcr einst und jetzt, f\u00fcr g\u00f6ttlich und f\u00fcr sterblich. Dein Trauerflor jedoch verhei\u00dft den Tod.<\/p>\n<p>Dein Anblick l\u00e4sst uns Ungeahntes hoffen. Es wird gesagt, du stehst f\u00fcr Treue und Vollendung. Dennoch, zwei Seelen stecken, ach, in deiner Brust. Wirst gar vom Lamm zum Wolf, wenn du mit vorgestrecktem Hals und Zischen, schlangengleich, zum Angriff \u00fcbergehst. Wenn du so bist, so soll dies gar von B\u00f6sem k\u00fcnden. Nichtsdestotrotz bedeutest du das Licht am Horizont, bist oft Musik und Virtuos\u00b4 zugleich. Ach, heil uns, blo\u00df durch dein Erscheinen!<br \/>\nIm Dienst der G\u00f6tter scheinst du einst gewesen, du Bote, der dich zu den Asen trug. Walk\u00fcren, unverletzbar, k\u00fcnden laut in deinem Federkleid vom Schicksal. Entf\u00fchren gern gefall\u00b4ne Helden nach Walhalla, der Grenze zwischen Jetzt und Ewigkeit. Der G\u00f6ttervater selbst, der Schelm, getarnt in flauschigem Gefieder, verfolgt vom Adler, sucht\u00b4 Schutz im Scho\u00dfe der Geliebten. Und Leda selbst? Das kennt man ja! Anfangs zwar keusch, doch bald schon siegt die Wollust.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht? Ein Wunder ist\u00b4s wohl kaum, wo just in diesem einen edlen Teil der Vogel einem Mann an \u00c4hnlichkeit kaum unterliegt. Was willst du mehr, du einzigartiges Symbol der Liebe? Besinn dich nur des Auftrags, Herr Lohengrin, der Herzogin zum Schutz gesandt zu werden! Dann dies, ein harter Schlag f\u00fcr dich, die Rollen neu verteilt. Nicht du, ein plumper Storch soll pl\u00f6tzlich kleine Kinder bringen! Was soll\u00b4s? Wenn du dich fl\u00fcgelschlagend aus den Wassern hebst, dann h\u00e4ngen, Trauben gleich, Poeten an karottengelben Flossen, frech, und faseln wie im Wahn von l\u00e4ngst verfloss\u00b4nem Eros, von Jugend und Verg\u00e4nglichkeit. Und was tun wir? In deine Daune fl\u00fcchten wir uns jede Nacht, wird uns der Tag zur untragbaren Last, in W\u00e4rme und Geborgenheit, wenn drau\u00dfen unbarmherzig Eisesst\u00fcrme toben.<br \/>\nSinnbild du, der hohen Kunst des Reimes! Und wie man h\u00f6rt, zierst du die Wappen edelster Geschlechter, von K\u00f6nigen und Pharaonen. H\u00e4ltst steinern Wache \u00fcber Teich und Zinnen. Heilig bist du, ja, heilig! Verbirgt nicht eine Jungfrau oder gar ein Prinz sich hinter aufgeplustertem Gefieder, die voller Sehnsucht auf Erl\u00f6sung warten?<\/p>\n<p>Woanders wiederum mimst ungeniert du die verzauberte ungl\u00fcckliche Prinzessin, die nur durch wahre Liebe die Erl\u00f6sung findet. Doch da, da vorn! Ein ganzer Schwarm von deinen Artgenossen! Der Trieb zur Jagd erfasst den jungen Prinzen. Wird\u00b4s jetzt nicht endlich Zeit f\u00fcr dich, ganz pl\u00f6tzlich aufzutauchen? Gewiss, im fahlen Mondlicht trittst du aus dem Wasser, verwandelt, in deiner unnachahmbaren Gestalt. Wenn der dir ew\u00b4ge Liebe schw\u00f6rt, dann kann er dich erl\u00f6sen. Es ist zu hoffen, er spielt die Rolle gut! Voll Grazie tanzen deine Schwestern und die Br\u00fcder.<\/p>\n<p>Den Part des Sterbenden beherrschst du wirklich gut, du hochverehrtes Opfertier! Schl\u00e4gst eindrucksvoll mit deinen Fl\u00fcgeln, indes du auf dem linken Knie solierst. Dein K\u00f6pfchen, von Federfl\u00e4chen, die dich tragen, schamhaft zwischendurch bedeckt.<br \/>\nDu stirbst in wirklich eindrucksvoller Anmut. Wenngleich, vielleicht ein wenig parodistisch, nicht? Das reicht f\u00fcr eine Nummer in der Tierrevue! Was soll dein theatralisches Verhalten? Hei\u00dft das, du bist ganz einfach hin, total Banane? Die ganze Zeit, durch diese schnulzige Romanze, ein Cello dich hin\u00fcbergeigt. Ist dir bewusst, so nebenbei, dass jemand eine Totschlagfalle nach deinem eleganten Hals benannt?<br \/>\nUnd weiter? Dem Orient orakelst du, die Welt entst\u00fcnd\u00b4 aus deinem Ei. Du Urquell aus der Sonne! Aus deinem fr\u00fchen Ovum entschl\u00fcpften einst ein Knabe und ein M\u00e4dchen. Du leistetest Apoll Gesellschaft. Am Schnabel der Weissagung h\u00e4ngend bot\u00b4st du Venus deine Fl\u00fcgel als Begleiter. Einer wie du macht unsre Tr\u00e4ume wahr.<\/p>\n<p>Bist stets Symbol f\u00fcr Gl\u00fcck und Liebe, du treuer Einzelg\u00e4nger du. Nur selten fliehst du sch\u00fctzendes Gew\u00e4sser, den Sumpf, den See, die flachen T\u00fcmpel oder Lacken. Und wo die Wasser nicht zu tief sind, dort stocherst du mit deinem L\u00f6ffel still nach Tang. Geschickt entgingst du bis zum heut\u00b4gen Tag dem Spie\u00df, das hast du nicht zuletzt dem Truthahn zu verdanken. Den derben Briten k\u00fcmmert\u00b4s wenig. Selbst in der Bibel steht zu lesen, man soll den Adler, Habicht, Fischreiher, die Weihe, Geier und auch Raben, den Strau\u00df, nicht Nacht- und Tageseulen, und auch nicht Kuckuck, Fledermaus, besonders dich, als auch die Rohrdommel nicht essen. Nur reine V\u00f6gel sollt ihr essen!<\/p>\n<p>Apoll hast du die Gabe weiszusagen zugestanden, das ist doch so? Und ihm den Geist der Musen und Musik bewahrt? Du hast ihn mit der Gabe des Gesangs versehen, ihn in den Sternenhimmel hoch erhoben, wo heut\u00b4 er noch als helles Sternbild gl\u00e4nzt. Als W\u00e4chter gar im Reich der Toten, wo Mitternacht die Sonne hoch am Himmel steht, treibst du dich rum! Vermittler zwischen hier und dr\u00fcben. `Ne ziemlich graue Zone, wie? In zahllosen Legenden kommst du ganz gut weg, Symbol von Eros und der Liebe du! Zugvogel warst du, vor Venus\u00b4 und Amors W\u00e4gelchen gespannt.<br \/>\nDie Heil\u00b4ge Schrift vergleicht die Reinheit deiner Federn mit jener von Maria. Und der, der diese Schrift erneuert hat, Herr Luther, vergleicht sich selbst mit dir. Ist irre, oder etwa nicht? Du Kunstmotiv, du und dein Ritter Lohengrin! Ist kaum zu glauben, was dein Erscheinen so bewirkt. Die einen denken, es w\u00fcrden ihre W\u00fcnsche nie erf\u00fcllt. Den andren bist du Sch\u00f6nheit, Reichtum, Macht und Liebesgl\u00fcck zugleich. Unfassbar, von dieser Welt des Kapitals zum sch\u00fctzend\u00b4 Vogel des Gesch\u00e4fts erkoren! Du Wappentier schn\u00f6der \u00d6konomie!<\/p>\n<p>Wenn du zu Land recht unbeholfen und einsam durch die Gegend latscht, bedeutet dies, Verborg\u00b4nes wird ans Licht gef\u00fchrt. Na, hin und wieder schaffst du\u00b4s ja, den schweren K\u00f6rper in die Luft zu heben, das hei\u00dft, man w\u00fcrde demn\u00e4chst wohl genarrt. Dem andren wird ein Wunschtraum j\u00e4h erf\u00fcllt. Mag sein, dein Schneewei\u00df k\u00fcndigt eine gute Zukunft, dein dunkler Teint jedoch Tyrannis oder Tod. Du n\u00e4hrst sogar erotische Gel\u00fcste, die heimlich im Verborg\u00b4nen bl\u00fch\u00b4n. Wer denkt schon dran, wenn man dich f\u00fcttert, an treue Freundschaft bis zum Tod? Dein Kreischen oder Singen, das kann man glauben oder nicht, verk\u00fcndet schrill, dass einer stirbt. Drum bitt ich dich, sei endlich still! Wo noch dazu ein totes Exemplar von euch als Zeichen gilt von \u00dcberdruss. Mir ist das gleich, ich denk nicht gleich an Kindersegen, wenn ich dich seh! Auch glaub ich nicht, dass zwei von euch, im Doppelpack, verf\u00fchr\u00b4n zur Hoffnung an das Gute. Ich fleh dich daher an, h\u00f6r auf zu singen, und stirb gef\u00e4lligst, wo man dich nicht sieht! Du raubst uns unsre Illusion, dass alles einmal besser war, du schr\u00e4ger Vogel! Zu guter Letzt, sei nun bedankt, dass ich nicht anders kann. Zieh endlich in die weite Flut zur\u00fcck, dahin, wo du einst zogst den Kahn. Komm nur, wenn\u00b4s sein muss, hier zur\u00fcck, dann sei verdammt dein Dienst getan. Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<br \/>\nIn: Der Dreischneu\u00df, Anthologie. Marien-Blatt Verlag, L\u00fcbeck, Nr. 25, 8\/2013, Seite 36 -39<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 15043<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bist nicht Gans und auch nicht Ente, an Eleganz und Anmut kaum zu \u00fcberbieten. Und neidlos zugegeben, im Wasser ein Talent, ge\u00fcbt in Sachen Schwimmen. Auf sanften Wellen treibend, majest\u00e4tisch, hoheitsvoll und grazi\u00f6s, wiegst, still bewundert, du gerne dich auf dunklen Wassern. Rauschst fl\u00fcgelquietschend \u00fcber Seen und Teich. 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