{"id":2490,"date":"2015-04-23T17:28:44","date_gmt":"2015-04-23T17:28:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2490"},"modified":"2015-04-24T08:00:36","modified_gmt":"2015-04-24T08:00:36","slug":"fragment","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2490","title":{"rendered":"Fragment"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2490&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2490&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Der erste Absatz des Textes ist von Nobelpreistr\u00e4ger Patrick Modiano, den Rest habe ich erg\u00e4nzt.<\/em><\/p>\n<p>Oft hatte ich Angst, und um wieder Mut zu sch\u00f6pfen, w\u00e4re ich gerne zu meiner Mutter gelaufen, aber ich h\u00e4tte sie nur bei der Arbeit gest\u00f6rt. Heute wei\u00df ich, sie h\u00e4tte mich nicht ausgeschimpft, denn in jener Nacht, als sie mich vom Polizeirevier abholte, habe ich von ihr keinen Vorwurf geh\u00f6rt, keine Drohung, keine Moralpredigt. Wir gingen stumm nebeneinander. Mitten auf der Stra\u00dfe h\u00f6rte ich sie mit teilnahmsloser Stimme sagen: \u201eMeine arme Kleine!\u201c Ich fragte mich jedoch, ob sie zu mir sprach oder zu sich selbst. Sie hat gewartet, bis ich ausgezogen war und im Bett lag, dann kam sie zu mir ins Zimmer. Sie setzte sich ans Fu\u00dfende und schwieg. Und ich ebenfalls. Schlie\u00dflich l\u00e4chelte sie. Sie hat gesagt: \u201eWir sind beide nicht sehr gespr\u00e4chig!\u201c Und sie hat mir gerade in die Augen geblickt.<\/p>\n<p>\u201eIch mache uns einen Kakao\u201c, hat sie dann gesagt, \u201ees gibt nichts Besseres zum Einschlafen.\u201c Ich wusste nicht, was ich sagen \u2013 wo ich beginnen sollte. Gerade weil sie mich nicht, wie fr\u00fcher als Volksschulkind, zum Beichten zwingen wollte, hatte ich eine Sperre im Hals. Aber vielleicht l\u00f6st sie sich im warmen, s\u00fc\u00dfen Kakao auf, diese Sperre im Hals? Ganz sch\u00f6n schlau, meine Mutter.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist der Grund ein anderer? Vielleicht ist sie auch unsicher, verletzt, weil ihre liebevolle Erziehung solche stinkenden Fr\u00fcchte tr\u00e4gt? Entt\u00e4uscht, weil sie mich nicht mehr versteht? Ja, das ist es, sie versteht mich einfach nicht mehr \u2013 sie wei\u00df nicht, was f\u00fcr mich wichtiger ist als das t\u00e4gliche Geradeaus-Denken, die Pflichten, die ewige Routine, das langweilige immer gleiche harmlose \u201esicher\u201c Leben! Das kann ja nicht alles sein! Ich bin jung, ich will was erleben, andere Burschen und M\u00e4dchen kennenlernen, ohne dauernde Kontrolle, ob der oder die \u201ein Ordnung\u201c ist. Wenn ich das schon h\u00f6re \u201ein Ordnung\u201c! Nichts ist in Ordnung, au\u00dfer dass es jeden Morgen hell und jeden Abend dunkel wird. Ich hasse die braven Klamotten und die langlebigen \u201eguten\u201c Schuhe, ich will was Buntes, Ausgeflipptes, Aufregendes, ich will nicht immer angepasst, leise und h\u00f6flich sein; wenn einer sich wie ein seniler Trottel auff\u00fchrt, dann sage ich ihm das, auch wenn\u2018s der Schuldirektor ist.<\/p>\n<p>Ja, es war Schei\u00dfe, dass ich mit dem Herbert von der Klasse \u00fcber mir mitgegangen bin und mir in seiner Runde einen Joint aufdr\u00e4ngen hab lassen. Aber dass ich hinterher gekotzt habe wie ein Reiher, war wohl Strafe genug!<br \/>\nSo, jetzt kommt meine Mutter mit dem Kakao, wie gut der riecht! Aber dass sie mein Kinderh\u00e4ferl mit dem Elefanten genommen hat, ist echt ungeil. Ich bin doch kein Kind mehr, ich hab schon ein Jahr meine Periode.<br \/>\nJa, danke Mama! Eigentlich ist es urkomisch \u2013 auf der einen Seite kotzt mich der gutb\u00fcrgerliche Schei\u00df an, aber zu Hause im Bett mit einem Kakao ist wunderbar und urgem\u00fctlich. Wie passt das zusammen?<\/p>\n<p>Wahnsinn, Mutter kann Gedanken lesen: \u201eIch wei\u00df, es ist eine schwierige Zeit f\u00fcr dich\u201c, sagt sie, \u201edein K\u00f6rper w\u00e4chst und die Hormone spielen verr\u00fcckt, und ich wusste in deinem Alter auch oft nicht, wer ich bin und was ich will. Ich will dir nicht im Weg stehen, ich m\u00f6chte, dass du deinen eigenen Weg gehst, aber zuerst musst du ihn finden.\u201c Sie lehnt sich zur\u00fcck und trinkt einen Schluck Kakao, da sehe ich, dass ihre Augen nass sind. \u201eMama, was ist mit dir?\u201c frage ich. \u201eDu wirst erwachsen, und das ist der Beginn unserer Trennung\u201c, sagt sie leise, \u201eaber ich will ja nur, dass du nur deinem eigenen Willen folgst, lass dich nie von anderen dumm machen und zu etwas \u00fcberreden!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a>| Inventarnummer: 15041<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Absatz des Textes ist von Nobelpreistr\u00e4ger Patrick Modiano, den Rest habe ich erg\u00e4nzt. 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