{"id":2478,"date":"2015-04-18T16:57:46","date_gmt":"2015-04-18T16:57:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2478"},"modified":"2015-04-20T16:06:28","modified_gmt":"2015-04-20T16:06:28","slug":"papa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2478","title":{"rendered":"Liebster Papa"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2478&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2478&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Liebster Papa!<br \/>\nIch hoffe, dort wo du jetzt bist, geht es dir gut? Heute habe ich dir vieles zu berichten. Angenehmes, aber auch Unangenehmes. Aber h\u00f6re selbst. Das Leben hier hat sich, seit du von uns fort bist, sehr ver\u00e4ndert. Wei\u00df nicht, ob man sagen kann, zum Vorteil. Oft vermeinte ich schon, den Weltuntergang zu ahnen. Erinnerst du dich, Hemingway: \u201eAber der Weltuntergang l\u00e4uft nicht so ab, wie Bobby es auf einem der gro\u00dfen Gem\u00e4lde projektiert hatte. Er kommt mit einem von den Inseljungen, der die Stra\u00dfe vom Postamt heraufeilt, ein Radiotelegramm bringt und sagt: Bitte unterschreiben Sie hier auf dem abrei\u00dfbaren Teil des Umschlags. Es tut uns leid, Mr. Tom!\u201c<br \/>\nZu mir hat der Postmensch nicht gesagt \u201eEs tut uns leid.\u201c Er hat gar nichts gesagt, au\u00dfer: \u201eEin Einschreiben.\u201c Er h\u00e4lt mir den Stift hin. \u201eDa unten. Fest aufdr\u00fccken! Auf Wiederschaun.\u201c Vom Finanzamt. Ich denke daran, wegzufahren. Auf meine Insel.<\/p>\n<p>Ach, Papa, wer auf meine Insel kommt, macht eine Zeitreise. Die H\u00e4user, die Pflastersteine in den engen Gassen, die kleine Kirche oben am H\u00fcgel. Alles ist einige Hundert Jahre alt. In der n\u00e4heren Umgebung gibt es eine \u00d6lm\u00fchle, ein paar Weinkeller und Stallungen, inmitten von Olivenhainen, ges\u00e4umt von Orangen- und Zitronenb\u00e4umen. Die alten Gem\u00e4uer \u2013 alles liebevoll restauriert, den alten Stil beibehalten. Nichts, was das Auge st\u00f6rt. Kaum Asphalt.<br \/>\nNicht so wie hier! Jeder Feldweg zuasphaltiert. Auch die Einfahrt beim B\u00fcrgermeister. Aber dort? Alles gr\u00fcn, dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federw\u00f6lkchen, ganz hoch, nur ein Hauch. Eine Oase der Ruhe und Entspannung, gepr\u00e4gt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche.<br \/>\nAch, Papa, ich wollte, du k\u00f6nntest es sehen! Ich wei\u00df, dir w\u00e4re es viel zu hei\u00df hier. Hitze konntest du nie ausstehen. Bist mehr der Typ f\u00fcrs K\u00fchle. Mama w\u00e4re gerne hier, denke ich, schon wegen ihrer Gicht. Auf der Insel gibt es kein Gemeindeamt. \u00dcberhaupt kein Amt. Gott sei Dank! Die Administration ist weit, weit weg, irgendwo auf dem Festland. Und Exekutive ist nicht n\u00f6tig hier. Alles geht seinen jahrhundertealten Weg. Eintr\u00e4chtig, besonnen. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Ros\u00e9. Man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne sofort einen Schwips zu kriegen. Und das Brot! Dieses Brot, olivig, mit ein wenig Oregano, himmlisches Manna ganz einfach!<\/p>\n<p>Auf meiner Insel ist eben alles anders. Die Jungen, wenn sie Spa\u00df wollen, nehmen ein Boot und fahren ans Festland. Und wenn es daheim Feste zu feiern gibt, bleiben sie alle da. Die Alten, die haben das Sagen. Vor denen hat man Respekt. Nicht wie bei uns. Und die Jungen lassen sich was sagen von ihnen. H\u00f6ren auf ihre Ratschl\u00e4ge.<br \/>\nNicht so, wie \u2026 aber, h\u00f6re selbst: Gar nicht so weit von uns beginnen die Jugendlichen zu rebellieren. Sie verw\u00fcsten die Innenst\u00e4dte, z\u00fcnden Autos an, werfen die Auslagenscheiben ein. Fragt man sich, warum? Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht wollen sie die Kontrolle \u00fcber die Stra\u00dfe haben. Ein wenig Machtfantasien ausleben. Macht, die sie nicht besitzen. Darum pl\u00fcndern sie, um das alles endlich auch zu besitzen, was die anderen schon lange haben.<br \/>\nWei\u00dft du, ich denke, ihnen fehlt das soziale Bewusstsein. Wir Wirtschaftswunderkinder, wir sind da anders. Wir hatten erst nichts, dann ein wenig und schlie\u00dflich haben wir alles gehabt. Radio, Fernsehen, Video. Richtig satt sind wir. Denen aber fehlt der Bezug zur Gesellschaft, w\u00fcrdest du sagen. Die Hoffnungslosigkeit hat sie erfasst. Aber diese Modefummel, oder was wei\u00df ich, das alles ist kein Ersatz f\u00fcr das, was ihnen wirklich fehlt. Sie reden verschl\u00fcsselt und du kommst nicht ran an sie. Ihre virtuelle Welt ist aus dem Nichts entstanden, nicht gewachsen, wie unsere. Sie praktizieren eine Kultur des Diebstahls und der Fantasie, v\u00f6llig ohne Regeln. Und weil ihnen niemand zuh\u00f6rt, m\u00fcssen sie jeden Furz, den sie lassen, auch noch www-m\u00e4\u00dfig posten.<br \/>\nAber eine ungeregelte Welt funktioniert nicht. Du wei\u00dft das, Papa. Ein Mensch braucht Regeln, hast du immer gesagt, wei\u00dft du noch?<\/p>\n<p>Hier, auf meiner Insel, wird nicht viel geschrieben. Alles, was man so h\u00f6rt, lebt aus Erz\u00e4hlungen. Was man wissen muss, wird von Mund zu Mund weitergegeben. Meinetwegen wo\u2019s die besten Fischgr\u00fcnde gibt, wo noch nicht alles leergefischt ist. Oder wo man eine tolle Disco findet. Auch der Mythos lebt aus den Erz\u00e4hlungen der Alten. Gottlob gibt es auf der Insel keine Politiker. Jeder macht seinen Job.<br \/>\nF\u00fcr Hobbys hat man hier keine Zeit. Auch zum Streiten nicht. Nachdem hier niemand reich ist, gibt es auch keinen Neid, vor allem aber keine sozialen Spannungen und Gegens\u00e4tze. Kein Stress, wer den gr\u00f6\u00dferen SUV hat und so. Wei\u00dft du, Papa, als ich damals zum ersten Mal hier an Land gegangen bin, wollte niemand eine Dienstbeschreibung von mir haben. Keiner wollte meine Zeugnisse sehen. Ist vielleicht auch besser so.<br \/>\nAuf ein Glas Wein haben sie mich eingeladen und wir haben gelacht, als ich erz\u00e4hlt habe, wo ich herkomme, wenn auch erst hinterher, denn: \u201eKommunista! Kommunista!\u201c, hat der Priester gebr\u00fcllt, als ich \u00d6sterreich sagte und ist von seinem Stuhl aufgesprungen und der wilde lange, graue Bart hob und senkte sich rhythmisch mit dem schweren Atem seines Besitzers. Aber der Lehrer hat ihn beruhigt. \u201eNo no, Avustria, Kreisky, Kreisky!\u201c, hat er gesagt und ihn mit einer Hand an der Schulter genommen und wieder in den Sessel gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Lehrer und der Priester, die beiden sitzen immer zusammen vor der Kneipe, sind mittlerweile meine Freunde. Einer der Fischer, Jannis, mit wei\u00dfen Bartstoppeln im Gesicht und einigen Zahnl\u00fccken, hat mich fr\u00fcher immer zum Korallenriff mitgenommen, wo sie meistens fischen. Er ist im vorigen Sommer verstorben.<br \/>\nDort liegt das Wrack eines alten Frachters. Es hatte Westwind gegeben, damals, sagte er. Die Wellen sollen f\u00fcnf Meter hoch gewesen sein. Dann sind sie auf dem Riff hier h\u00e4ngengeblieben und schlie\u00dflich gekentert. Einige aus der Mannschaft hatten sich retten k\u00f6nnen. Der Steuermann ist nicht mehr in seine Heimat zur\u00fcckgekehrt, sondern hiergeblieben. Vor zwei Jahren ist auch er verstorben. Wir haben ihn alle sehr gemocht, f\u00fcgte er hinzu. Portugiese. Er liegt jetzt auf dem winzigen Friedhof hinter der Kapelle, unweit von Jannis\u00b4 Grab.<br \/>\nWenn ich mich so umsehe, denke ich, dass ich auch einmal dort liegen m\u00f6chte. Es ist ein so friedlicher Ort. Keine aufgeblasenen Grabsteine, mit f\u00fcr sich vereinnahmten Riesenengeln, um die Wichtigkeit der darunter Liegenden pomp\u00f6s zu untermauern, wer sie nicht alle waren, und was sie zu Lebzeiten nicht alles besessen haben. Dort, Papa, sp\u00e4testens dort sind wir alle gleich.<\/p>\n<p>Im Norden der Insel liegen noch zwei kleinere D\u00f6rfer, mit ebenso malerisch wei\u00df leuchtenden H\u00e4usern und einem idyllischen Fischerhafen. Dahinter das karge Felsplateau mit seiner schroffen Steilk\u00fcste gegen Westen hin. Auf der anderen Seite aber habe ich eine versteckte, traumhaft wei\u00dfsandige Bucht vorgefunden, mit t\u00fcrkisfarbenem, beinahe cremigem Wasser. Anfangs seicht, so drei vier Meter weit hinein, dann leicht abfallend. Und erst weiter drau\u00dfen so um die zwanzig Meter tief.<br \/>\nWei\u00dft du, Papa, du hast mir nie das Schwimmen beigebracht. Ich musste es erst viel sp\u00e4ter m\u00fchsam lernen. Das hat dich alles nicht interessiert, ich wei\u00df. Du warst immer nur mit dir besch\u00e4ftigt, mit deinen Bildern. Wolltest auch hinaus, auf deine Insel. Aber du hast uns dabei vergessen. Deine Frau, deine Kinder, beinahe. Trotzdem. Ich h\u00e4tte deine Zuneigung so dringend gebraucht. Das Zehngang-Fahrrad! Alle hatten eins, blo\u00df ich nicht. Von meinen S\u00f6hnen hat jeder eines von mir bekommen. Ich wollte nicht denselben Fehler machen.<\/p>\n<p>Gestern war ich unten am Hafen. Mit Freunden. Es ist sp\u00e4t geworden. \u201eWirf diesen ganzen Ballast \u00fcber Bord, den du da mit dir immer herumschleppst\u201c, hat mir der Hafengj\u00f6rgi, der Kneipenwirt, geraten. \u201eDeine Notizb\u00fccher, die Dose mit den Schlaftabletten und das ganze andere Zeug. Alles Unsinn, Mann! Du nimmst dir f\u00fcr nichts richtig Zeit und dich selbst viel zu wichtig, du \u00d6sterreicher du\u201c, hat er gelacht! Dann hat er Ouzo f\u00fcr alle gebracht und hat sich eine Zigarette gedreht.<br \/>\nK\u00f6nnte es sein, dass ich etwas falsch mache? Aber das habe ich alles schon irgendwann einmal geh\u00f6rt, denke ich \u2013 in einem anderen Zusammenhang etwa? Der romantische Individualismus w\u00e4re tot und so! Wirf diesen Ballast \u00fcber Bord, Mensch! Einer wie du, der sich schon viel zu lange im Mittelpunkt seines eigenen Interesses aufh\u00e4lt, sollte in die Welt hinaus! Bin ich ja auch, Papa. Aber wie soll ich mich verwirklichen?<br \/>\nSoeben steckt das Finanzamt mein Urlaubsgeld ein. Ich h\u00e4tte im vergangenen Jahr zu viel verdient! Dass ich nicht lache. Nein, es ist eher zum Weinen. Diese Leute, die wir da immer w\u00e4hlen, und die angeblich so viel Verantwortung f\u00fcr uns \u00fcbernehmen, stecken sich die Taschen voll und verschwinden einfach, nachdem sie uns per Gesetz das Geld abgenommen haben. Das war schon immer so, h\u00f6re ich dich sagen. Du musst es ja wissen. Warst ja lange genug hier.<\/p>\n<p>Ach ja, und dieses Haus auf meiner Insel, in dem ich dann immer wohne, wenn ich hier bin, Papa, steht auf der h\u00f6chsten Stelle, einer Art Landzunge. Es ist stark gebaut, beinah wie \u2013 wie eine Festung. Und es hat zwei Hurricans standgehalten. Ringsherum stehen eine Menge Palmen, ein wenig schief gewachsen, wegen des dauernden Westwindes. Wenn ich auf der Terrasse stehe, \u00fcberblicke ich die S\u00fcdseite der Insel, den weiten, wei\u00dfen Strand. Nichts tr\u00fcbt meinen Blick. Nichts ist architektonisch k\u00fcnstlich hineingekleckert, so wie bei uns hier. Alles ist nat\u00fcrlich gewachsen.<br \/>\nNiemand wagt es hier, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Die H\u00e4user, die Wege, die steinernen Terrassen, auf denen der Wein w\u00e4chst, alles macht optisch irgendwie Sinn. Wirkt nicht so polarisierend wie bei uns. F\u00fcnf Bauten nebeneinander. F\u00fcnf verschiedene Architekten. F\u00fcnf grauenhafte Konstruktionen. Und jeder darf seinen Mist in die Landschaft hineinknallen, wohin, und wie er will, und die Gesetzeslage erm\u00f6glicht es auch noch. Alles gef\u00f6rdert, versteht sich! Schei\u00dfegal, wie das aussieht. Hauptsache, es ist lukrativ. Und wenn nicht, wird der ganze Plunder an jemanden verkauft, der angeblich noch Geld hat, und die Sache l\u00e4uft munter weiter. Die Kunst, in der sich diejenigen \u00fcben, denen wir unser Vertrauen geschenkt haben, hat immer schon darin bestanden, dem dummen Volk einen stinkenden Misthaufen als Rosenbeet zu verkaufen. Und wir haben ihnen auch noch vertraut. Sie haben uns bitter entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Ich kann mich heute nicht entspannen, Papa. Andauernd denke ich an dich, was du zu all dem sagen w\u00fcrdest. Ja, ich wei\u00df, du hast Schlimmeres erlebt, damals, an der Maginot-Linie.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, wenn ich so von meinem H\u00fcgel hinunter aufs Meer schaue und den wei\u00dfen Sand sehe, da f\u00e4llt mir ein, wie ich eines Morgens alleine schwimmen war. Ich bin nicht weit hinausgeschwommen, weil ich ziemlichen Respekt vor Haien habe. Die Sonne war schon etwa drei\u00dfig Grad hochgeklettert, als ich einen Blick nach unten werfe. Ein langer, dunkler Schatten. Ich hebe den Kopf, angespannt wie ein Drahtseil. Schaue wieder ins Wasser. Der Schatten folgt mir. Wohin ich auch schwimme. Durch die kabbelige See ist die Sicht etwas behindert. Ich schwimme wie verr\u00fcckt, um ans Ufer zu gelangen. Atemlos und v\u00f6llig ersch\u00f6pft laufe ich die letzten Meter im seichten Wasser auf den sicheren Strand zu, falle hin, schaue zur\u00fcck und suche das Wasser ab nach dem Furcht einfl\u00f6\u00dfenden Schatten. Nichts zu sehen, denn es war mein eigener gewesen! Was bin ich nur f\u00fcr ein Trottel, dachte ich.<br \/>\nWas sagst du, Papa? Du warst nur selten mit mir im Strandbad. Und das mit dem Schwimmen, du wei\u00dft ja. Sp\u00e4ter, beim Fr\u00fchst\u00fcck, habe ich alles der alten Alina und dem Hafengj\u00f6rgi erz\u00e4hlt. Was haben die gelacht! Und ich habe mitgelacht. Ach, was waren das f\u00fcr herrliche Tage! Ich wollte, du w\u00e4rest hier. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie\u00b4s damals war, zu Hause, mit dir und Mama, den Schwestern. Ich habe noch den Schaum von Badedas in den Ohren, wenn ich daran denke, und meine nackten F\u00fc\u00dfe laufen \u00fcber gr\u00fcnes Linoleum. Mutter hat gerne immer das \u201ee\u201c in Linol\u00e9um betont.<br \/>\nIn Nachbars Garage stand ein DS 19, mit hydropneumatischer Federung und unsere Haushaltsger\u00e4te waren allesamt von BBC. Nur das Radio war von Philips. Im halb verdunkelten Wohnzimmer hast du Dietrich Fischer-Dieskau gelauscht, begleitet von J\u00f6rg Demus am Klavier. Die kennt kein Mensch heute mehr. Und ich habe noch deine Stimme im Ohr, wenn du uns vorm Schlafengehen aus dem M\u00e4rchenbuch vorgelesen hast. Man sagt, Kindern, denen man M\u00e4rchen vorenth\u00e4lt, wird die Hilfe zur Aufarbeitung unbewusster Spannungen in der Fantasie versagt. Dadurch k\u00f6nnten sie angeblich emotional gest\u00f6rt bleiben.<br \/>\nStimmt das? Was meinst du? Wenn ich so \u00fcber uns als Familie nachdenke, haben wir eigentlich kaum Probleme gehabt. Ich habe dir bereits erz\u00e4hlt, wie\u00b4s anderswo derzeit so aussieht, mit den Jungen und so. Ich denke, wir haben uns nat\u00fcrlich auch alle am Materialismus orientiert. Vielleicht noch eine Nuance bescheidener. Aber bei uns hat es noch Geschichten gegeben, nicht war, Papa? Ich danke dir daf\u00fcr. Ich f\u00fchle deine warmen H\u00e4nde an den meinen, und wie du mich zugedeckt hast.<\/p>\n<p>Normalerweise lese ich beim Fr\u00fchst\u00fcck gerne Zeitung. Gottlob gibt es auf der Insel nur einmal pro Woche eine, und die ist von der vorigen. Ich h\u00f6re erst darin zu lesen auf, wenn ich ges\u00e4ttigt bin von den Negativschlagzeilen und den Sommerlochirritationen. Dann wird mir die Kluft zwischen dem, was uns vorgegaukelt wird und der Wirklichkeit wieder bewusst. Wenn einem st\u00e4ndig vorgekaut wird, was man haben muss, kann man sich gut vorstellen, dass manche an der Tatsache, nicht dabei zu sein, ganz einfach scheitern.<br \/>\nPl\u00f6tzlich begreifen, dass man nicht hat, was andere l\u00e4ngst haben. Z\u00e4hneknirschend zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen, womit Eliten sich die Zeit vertreiben, wenn es im eigenen Bereich zum N\u00f6tigsten nicht reicht! Wo blo\u00df falsche Versprechungen gemacht und keine L\u00f6sungen angeboten werden und die Raffgier und der Geiz zum Antrieb der \u00d6konomien verkommen sind, die sich im Spinnennetz der Korruption verfangen haben, tagaus tagein auf neue Beute wartend. Wo flotte Spr\u00fcche anstatt Sensibilit\u00e4t regieren. Dort ist der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr das Entstehen einer ma\u00dflosen Wut. Kannst du das verstehen, Papa?<\/p>\n<p>Ach, Papa, immer, wenn ich auf meine Insel komme, mache ich eine Zeitreise. Es sind nicht nur die H\u00e4user, die Pflastersteine, die engen Gassen, die kleine Kirche am H\u00fcgel, die mich alles vergessen lassen, was die andere Welt so grausam macht. Alles hier atmet eine Zeit des Friedens aus. Gerne gehe ich an der \u00d6lm\u00fchle, den Weinkellern und Stallungen, die inmitten der Olivenhaine liegen und ges\u00e4umt sind von Orangen- und Zitronenb\u00e4umen, vor\u00fcber. Lasse sie vorbeiziehen, wie einen Film, in dem ich keine Rolle spiele, nur Beobachter bin. Die alten Gem\u00e4uer \u2013 alles liebevoll restauriert.<br \/>\nMan hat den alten Stil ganz selbstverst\u00e4ndlich beibehalten. Nichts gibt es, was das Auge st\u00f6rt. Alles gr\u00fcn, im Sommer vielleicht etwas brauner, von der Sonne ausged\u00f6rrt, aber sonst? Dahinter das blaue Meer, der azurblaue Himmel, ein paar Federw\u00f6lkchen, ganz hoch, gerade noch zu sehen. Ein Ort der Ruhe und Entspannung, gepr\u00e4gt von der Freundlichkeit der wenigen Einwohner, die nie um ein Lachen verlegen sind, wenn ich irgendwo auftauche. Ach, Papa, ich wei\u00df, ich habe dir bereits davon berichtet. Der Wein ist leicht und hell, beinahe ein Ros\u00e9 und, wie du ja schon wei\u00dft, man kann ihn zu jeder Tageszeit trinken, ohne gleich betrunken zu sein.<\/p>\n<p>Erinnerst du dich, wie du mir immer erz\u00e4hlt hast, als du mit dem Dr. Scheuhammer in Kl\u00f6ch warst? Du hast vom Rotwein dort geschw\u00e4rmt. Und dass ihr zusammen einmal ein Glas zu viel getrunken hattet. Der Doktor, mit seinem alten VW K\u00fcbelwagen, es hat geregnet und das Verdeck klemmte. Ich habe dich noch nie so triefnass heimkommen sehen wie damals. Mama war in Sorge. Sie war ja stets in Sorge um uns, um dich. Du h\u00e4ttest dir in den nassen Sachen den Tod holen k\u00f6nnen, hat sie gesagt. Aber du hast blo\u00df gelacht. Ich kann dich gut verstehen. Dieses Brot hier, Papa! Irgendwie olivig, mit wenig Oregano, wie himmlisches Manna, wirklich! Auf meiner Insel ist eben alles anders.<\/p>\n<p>Zuhause besuche ich gerne den j\u00fcdischen Friedhof. Warst du jemals dort, Papa? Die Wege dort sind nicht asphaltiert, sondern mit Gras bewachsen. Ich gehe ganz vorsichtig. Meine Schritte sind nicht zu h\u00f6ren. Gelbe Bl\u00fcmchen wachsen auf den Wegen. Zwischen den Grabsteinen rankt sich Efeu, erklimmt die Grabsteine wie zum Schutz vor neugierigen Blicken und den Erinnerungen an die Vergangenheit. Der Zauber der Erinnerung &#8211; verblasst. Unten, am Sockel eines Steines ist zu lesen: Hier ruht mein liebster Gatte, von den Nazis im Konzentrationslager ermordet. Ich muss dann immer tief Luft holen. Bleibe stehen. Der Zauber der Erinnerung, denke ich dann, heiliger Wehmut s\u00fc\u00dfer Schauer, haben innig uns durchklungen, k\u00fchlen unsre Glut. Ist nicht von mir, Papa, Novalis! Langsam gehe ich dann weiter. \u00dcber mir im Minutentakt Flugzeuge. Komisch ist das, mit den Namen hier.<\/p>\n<p>Weg von den Josefs, den Karls und Franzen, den Pichlers, Schwarz und Krenns. Hier ruhen Jenni Goldschmidt, Sigmund Blau, Moses Gr\u00fcnbaum. Irgendwie \u2013 ich sp\u00fcre eine Art Bruch. Es ist nicht wegen des Vorwissens. Die Gr\u00e4ber atmen etwas anderes aus, ich wei\u00df nicht, wie ich es sagen soll. Es sind so viele Grabsteine, unglaublich. Ich denke, Sterben ist etwas Selbstverst\u00e4ndliches, obwohl ich es nicht glauben kann, dass ich eines Tages \u2026 aber Leben, Leben ist etwas ganz Besonderes. Ich muss es f\u00fcr mich n\u00fctzen, denke ich, nach den Ersch\u00f6pftheiten mancher Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Die meisten Grabsteine sind aus schwarzem Marmor, ragen hoch empor, spitz, wie Obelisken. Nur wenige sind aus Sandstein, Biedermeier, mit Blumenranken. Manche sind umgefallen. Haben das schmiedeeiserne Gitter um sich herum erdr\u00fcckt. Brennnesseln, wohin das Auge reicht. Noch nicht hoch. Jeden Schritt setze ich behutsam.<\/p>\n<p>Mein R\u00fccken schmerzt vom vielen Gehen. Ich lasse mich auf einem umgefallenen Grabstein nieder und raste eine Weile. Dieses Licht, das durch die hohen Thujen scheint, die zahlreich, gleich einem stillen Hain das ganze Areal mit ihrem Immergr\u00fcn und den weit ausladenden \u00c4sten bestimmen, taucht das Schwarz und Grau der Steine in w\u00e4rmenden Frieden. Eine s\u00fc\u00dfe Sehnsucht ergreift mich, beinahe neidvoll denen gegen\u00fcber, die hier ungest\u00f6rt Teile des unendlichen Universums sind.<br \/>\nVor mir das Grab eines Dr. med. Carl Robitsek. Ich muss unweigerlich an die Pension Sch\u00f6ller denken und schmunzle, (Max B\u00f6hm als Onkel Robitschek). Der Ehrgeiz plagt mich und ich versuche, die verwitterte Schrift auf dem Stein zu entziffern: \u201eWehklagt &#8211; die ihr &#8211; Talent und Tugend \u2013 und Kunst und Wissen ehret \u2013 immer redlich lobt. Der liebe Vater starb mir (Dativus ethicus) seinen Kindern \u2013 der liebevolle Gatte seinem Weib. Ein wacker Forscher in dem Dienst des Wissens \u2013 ein Menschentraum in diesem Grabe \u2026\u201c<\/p>\n<p>Ach, Papa, n\u00e4chste Woche, wenn ich auf der Insel bin, kann ich eine Zeit lang nicht mehr herkommen. Du verstehst? Wahrscheinlich bleibe ich drei Wochen hier. Und heute bitte, verzeih mir, ich werde auch schon so vergesslich, ich habe das Windlicht zu Hause vergessen. Die Streichh\u00f6lzer auch. Aber ich habe noch rasch einen kleinen Strau\u00df Magnolien mitgebracht. Hier! Gefallen sie dir? Die hast du doch stets am liebsten gemalt. Es sind auch ganz dunkelviolette dabei. Die Vase sollte man wirklich austauschen, die macht es nicht mehr lange.<\/p>\n<p>Bitte, ich stelle sie ganz nahe an deinen Grabstein, damit sie nicht umf\u00e4llt, sollte ein Sturm kommen. Ich k\u00fcsse und denke an dich. Also dann, bis bald, wenn ich wieder zur\u00fcck bin! Mach\u00b4s gut!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 15040<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebster Papa! 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