{"id":246,"date":"2013-11-27T13:38:15","date_gmt":"2013-11-27T13:38:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=246"},"modified":"2014-03-25T13:19:43","modified_gmt":"2014-03-25T13:19:43","slug":"ende-einer-korrektorin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=246","title":{"rendered":"Ende einer Korrektorin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts246&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts246&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ein wenig verr\u00fcckt war sie immer schon, zumindest seit ich sie kannte.<br \/>\nManchmal war es nicht ganz so leicht, ihr zu folgen, im wortw\u00f6rtlichen wie im \u00fcbertragenen Sinn. Ihr Schritt war flott, forsch, fordernd. Und ihre Worte waren es auch. Sie lie\u00df nichts Ungef\u00e4hres gelten, schwammig Formuliertes war ihr ein Graus. Warum sie mit mir befreundet war? Weil sie jemanden zum Korrigieren brauchte, und das war ich, ihre alte Schul- und Jugendfreundin.<br \/>\nJede Woche trafen wir uns zu einem gemeinsamen Spaziergang, Spazierlauf eher, was sie betraf. Und das seit mehr als zehn Jahren schon. Mir zuliebe z\u00fcgelte sie sogar ihre Schritte, schlie\u00dflich wollten auch meine Zigaretten zeitgleich konsumiert werden, und zwar von ihr und von mir. Sie rauchte ausschlie\u00dflich bei unseren Spazierg\u00e4ngen, sagte sie mir, dann daf\u00fcr hemmungslos.<br \/>\nIch spendierte also das Nikotin, sie die Gespr\u00e4chsthemen.<br \/>\nPl\u00f6tzlich, es war vor zwei Jahren, aber ich wei\u00df es noch, als ob es eben passiert w\u00e4re, blieb sie stehen, wir waren gerade mitten in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber das m\u00e4nnliche Gehirn und seine R\u00e4tsel. Diese blieben ungel\u00f6st, denn etwas fesselte ihren Blick mehr als das.<br \/>\nEs war ein Schild eines Psychotherapeuten, er bot \u201eTermine nach Vereinbahrung\u201c an. Sie war sprachlos. Ein Doppel-Doktor mit Vereinbahrung. Sie sch\u00fcttelte heftig den Kopf. Wenn es nicht Sonntagabend gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte sie sicherlich gleich die auf dem Schild angef\u00fchrte Telefonnummer angerufen, so emp\u00f6rt war sie.<br \/>\nKurzentschlossen holte sie ihren Augenbrauenstift hervor und strich das ungeheuerliche \u201eh\u201c durch. Es blieb ihr keine Wahl, ich sah es in ihren Augen, die Verzweiflung, beinahe Resignation.<br \/>\nDer restliche Spaziergang verlief wortkarg. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Das war so in Druck gegangen, zur Schilderproduktion freigegeben, und angebracht an einem Haus mit \u00fcber zwanzig Parteien, den T\u00fcrschildern nach zu schlie\u00dfen. Es gingen also tagt\u00e4glich Unmengen an Personen hier vorbei und lasen das Unfassbare, und noch schlimmer, lie\u00dfen es auf sich beruhen.<br \/>\nSeither wurden unsere gemeinsamen Wege von diesem Thema dominiert. Eine Baumarkt-Werbung mit Plakat im Schaufenster: \u201ePreisatacke!\u201c O nein, ich sah es kommen, sie w\u00fcrde sich wieder f\u00fcrchterlich aufregen. Manchmal versuchte ich sie zu schonen, andere Wege zu nehmen, wenn ich untertags auf Fehlerhaftes gesto\u00dfen war. Sie schien das alles sehr mitzunehmen, ja, pers\u00f6nlich zu treffen. Sie besserte nun mit rotem Lackstift aus (im Baumarkt-Fall direkt auf das Schaufensterglas, hinein konnte sie ja nicht), unsere G\u00e4nge fanden nach und nach immer sp\u00e4ter statt, bevorzugt in der Dunkelheit. Sie wollte ja nicht, dass wir Schwierigkeiten bek\u00e4men.<br \/>\nIrgendwie f\u00fchlte ich mich aufgewertet, als nunmehrige Komplizin. Wir hatten eine Mission.<br \/>\nSie versuchte alles, wirklich alles, um der grassierenden Rechtschreibschw\u00e4che Einhalt zu gebieten. So machte sie die Schilderfirma ausfindig, die das \u201eVereinbahrungs-Schild\u201c zu verantworten hatte. Dort erhielt sie die Auskunft, der Psychotherapeut habe das in dieser Form hingeschickt, er sei sogar auf den Rechtschreibfehler hingewiesen worden, wollte das aber genau so haben. Sie verstand die Welt nicht mehr, nahm sich vor, den Doppel-Doktor zu kontaktieren. Eine f\u00fcr mich unverst\u00e4ndliche Scheu, die ich bisher an ihr nicht kannte, lie\u00df sie aber vor diesem Schritt zur\u00fcckschrecken.<br \/>\nDem Baumarktleiter hingegen schrieb sie ein gepfeffertes e-Mail, dass die Preisattacke auf ihr zweites \u201et\u201c nicht verzichten k\u00f6nne, und selbst wenn derzeit Sparpreise angeboten w\u00fcrden, doch bitte nicht an der Rechtschreibpr\u00fcfung zu geizen sei. Keine Reaktion.<br \/>\nSie wurde immer verbissener.<br \/>\nEine Neonreklame in luftiger H\u00f6he machte mir echte Sorgen. Ich hatte sie am Weg zur Arbeit fr\u00fchmorgens schon entdeckt. Es war nun nur eine Frage der Zeit, bis wir an diese Stelle kamen, denn sie wollte die Kreise erweitern, unsere M\u00e4rsche wurden somit l\u00e4nger.<br \/>\nL\u00e4ngst trugen wir flaches Schuhwerk, nichts sollte uns an einem schnellen Abgang hindern, falls n\u00f6tig.<br \/>\nSie war wie hypnotisiert von der neonblauen Schrift in mehreren Metern H\u00f6he. Wie konnten sie nur! \u201eHeute Gro\u00dfes Finnale\u201c stand da in Riesenlettern. Das war zu viel.<br \/>\nSie kletterte hurtig das Ger\u00fcst hinauf, ich hatte keine Chance, sie daran zu hindern. So schnell sie konnte, nahm sie die Querstangen. Ich sah von unten hinauf, meine H\u00f6henangst hinderte mich daran, es ihr gleichzutun, abgesehen von meiner momentanen Unf\u00e4higkeit, mich zu bewegen, auch nur irgendetwas zu sagen, ihr abzuraten.<br \/>\nSo blieb mir nichts anderes \u00fcbrig, als zuzusehen, wie sie sich in die schwindelerregende H\u00f6he begab, ungesichert, in Lebensgefahr.<br \/>\nSie konnte das zweite \u201en\u201c links unten ergreifen, versuchte, es aus der Verankerung zu rei\u00dfen. Was sie mit dem \u201eG\u201c vorgehabt h\u00e4tte, werden wir wohl nie erfahren, denn sie missachtete v\u00f6llig, dass die Buchstaben verkabelt waren, also unter Strom standen. An den Rest kann ich mich nur noch bruchst\u00fcckhaft erinnern, das sei der Schock, meinte mein Therapeut, es kann noch lange dauern, bis die Erinnerung auftaucht, mir ist es ohnehin lieber, sie kommt nie wieder.<br \/>\nDer Psychotherapeut, unser Doppel-Doktor von damals, sagte auch, ihre Zwangsfixierung sei gar nicht so selten und die Zahl der Betroffenen im Steigen begriffen, seit die Rechtschreibung allgemein immer schlechter werde. Mit seinem eindeutigen Schild habe er Menschen wie meine Freundin ansprechen wollen, um ihnen zu helfen. Warum hat sie sich nie bei ihm gemeldet? Warum habe ich nichts in dieser Richtung unternommen? Er h\u00e4tte das Schlimmste vielleicht verhindern k\u00f6nnen\u2026 Er meinte zwar, ich solle mir keine Vorw\u00fcrfe machen, aber wie kann ich das?<\/p>\n<p>Sie muss gefallen sein, ich muss geschrieen haben, die Rettung muss verst\u00e4ndigt worden sein, das wurde mir nachher erz\u00e4hlt. Das \u201en\u201c leuchtete nicht mehr. Ihr Finale war in diesem Fall ein richtiges, allerdings ein Gro\u00dfes.<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><i>(Wer es lieber weniger brutal hat, kann sie auch gerne am Leben lassen, das ist ganz einfach zu bewerkstelligen, durch Weiterlesen n\u00e4mlich:)<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Nach ein paar Tagen durfte ich sie besuchen. Sie war im Krankenhaus, kaum aus ihrer ersten Ohnmacht nach dem Fall erwacht, in einen k\u00fcnstlichen Tiefschlaf versetzt worden. Da ihre Verletzungen gravierend waren, wurde das als notwendig erachtet. Au\u00dfer Knochenbr\u00fcchen und zahlreichen inneren Verletzungen waren auch gr\u00f6bere Ausf\u00e4lle, was ihr Erinnerungsverm\u00f6gen betraf, zu bef\u00fcrchten.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Nach einigen Wochen war es so weit, sie wurde aus den Tiefen ihrer Bewusstlosigkeit geholt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Gespannt warteten ein \u00c4rzteteam und ich auf die ersten Worte; es kam lange nichts.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Sie plagte sich, mit dem Sprechen zu beginnen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Auf der Intensivstation war nur ein weiteres Bett ihr gegen\u00fcber belegt, dieses hatte eine Tafel angebracht, auf der mit der Hand geschrieben stand \u201eIntensivbeobachtug\u201c.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Als sie den Kopf ein wenig drehte, mich anl\u00e4chelte und auf meine Frage, wie es ihr gehe, meinte: \u201eAlles v\u00f6llig in Ordnung\u201c, da wusste ich: Es war vorbei. Das war das Ende der Korrektorin.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><i><br \/>\n(Und wer es noch positiver mag, der kann sich gerne der n\u00e4chsten Zeilen bedienen:)<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\">Sie genas vollst\u00e4ndig. Bis auf das Nichtfunktionieren dieses analytischen Zentrums, das, seit sie lesen gelernt hatte, alles Fehlerhafte sofort herausgepickt und ihr zum Fra\u00df vorgeworfen hatte: Jene Gabe war unwiederbringlich verloren.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Andere w\u00fcrden ihre Rolle einnehmen m\u00fcssen. Sie bedauert nichts.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Text ver\u00f6ffentlicht in: <a title=\"Die Zeitgenossin\" href=\"http:\/\/die-zeitgenossin.de.tl\/\" target=\"_blank\">Die Zeitgenossin<\/a>, Heft 11<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 13022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein wenig verr\u00fcckt war sie immer schon, zumindest seit ich sie kannte. Manchmal war es nicht ganz so leicht, ihr zu folgen, im wortw\u00f6rtlichen wie im \u00fcbertragenen Sinn. Ihr Schritt war flott, forsch, fordernd. Und ihre Worte waren es auch. Sie lie\u00df nichts Ungef\u00e4hres gelten, schwammig Formuliertes war ihr ein Graus. 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