{"id":2441,"date":"2015-04-13T17:10:21","date_gmt":"2015-04-13T17:10:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2441"},"modified":"2015-04-15T09:17:31","modified_gmt":"2015-04-15T09:17:31","slug":"am-ende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2441","title":{"rendered":"Am Ende"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2441&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2441&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Mit Burn-out zu Hause und der Tatsache, dass seine Ehe seit den letzten Wochen in Br\u00fcche zu gehen drohte, <span style=\"color: #333333;\">befand <\/span>sich Arno psychisch und physisch im absoluten \u201eDown-under\u201c. Wie sollte man dem angeh\u00e4uften <span style=\"color: #333333;\">Elend<\/span> entkommen?, fragte er sich. In der Ablenkung bestand stets eine m\u00f6gliche Variante, den Tag relativ unbeschadet zu \u00fcberstehen. Nachdem der Postbote ohne eine Trost spendende Nachricht wieder abgezogen war und die T\u00fcrchen der Briefk\u00e4sten laut scheppernd zugeworfen hatte, darin, h\u00f6chst verantwortungslos, jede Menge Werbematerial, Zahlscheine und \u00e4hnlichen Mist ungestraft zur\u00fccklassend, ohne sich weiter darum zu scheren, wie es demjenigen ergehen mochte, dem dieses Postfach geh\u00f6rte, sah Arno f\u00fcr sich lediglich die Option, der k\u00fcrzlich eingetroffenen schriftlichen Aufforderung eines amtlichen Schreibens seiner Dienststelle Folge zu leisten.<\/p>\n<p>Dies bedeutete, kurzfristig in jene Stadt zu reisen, deren<span style=\"color: #333333;\"> einzige Silbe si<\/span>ch auf Provinz reimte, und versprach, eine h\u00f6chst unangenehme Sache zu werden. Ein grauer Regentag, nebelverhangen. Tiefdruck und der bei\u00dfende Geruch von Industrieabgasen. Ein Taxi mit einem wortkargen Fahrer. Im Inneren lautstarker Regionalsender im Jodelmodus und das Knacken der Scheibenwischer auf Intervallstellung.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich das Wartezimmer einer psychiatrischen Ordination. Arno hatte sich angemeldet.<br \/>\n\u201eAh? Sie? F\u00fcr Sie brauche ich mehr Zeit\u201c, sagte die \u00c4rztin und nahm noch rasch einen Wartenden vor. Arno schluckte. Das tapfere Herz pochte in unruhiger Erwartung. Was wollte man von ihm hier? Er hatte ein g\u00fcltiges Attest, das verhie\u00df, es w\u00e4re alles zur Zufriedenheit. Banges Warten. Endlich. \u201eBitte! Kommen Sie herein!\u201c<br \/>\nD i e \u00a0sollte hier f\u00fcr ihn zust\u00e4ndig sein? Ein derbes Weib, hatte er irgendwo bei Ludwig Tieck gelesen. Arno konnte sich nicht so genau erinnern, wo. Mit kr\u00e4ftigen Schenkeln und einem feisten Hintern. Ein Weib! Und hatte Macht \u00fcber ihn, den Zarten, Verw\u00f6hnten, Leptosomen und Sch\u00f6ngeist, Angsthasen und Weltverbesserer, den das Schicksal zynisch ins falsche Jahrhundert versetzt hatte, ins b\u00fcrokratische, technokratische, unromantische. Was f\u00fcr eine Welt! Sie sah ihn eine Weile sehr genau an. Dann begann sie, ihn auszufragen.<\/p>\n<p>Wo und wann geboren, verheiratet, Kinder und so weiter, ihre pr\u00fcfenden Blicke immer wieder auf ihn, dann wieder auf den PC vor ihr richtend. Wozu das alles? Stand ja doch alles in seinen Personalien. Vielleicht wollte sie wissen, ob er \u00fcberhaupt in der Lage w\u00e4re, klare Antworten zu geben? Unversch\u00e4mte Person! Welche Schulen er besucht h\u00e4tte, und wozu die vielen Studien? W\u00e4ren f\u00fcr seinen Job gar nicht relevant?<br \/>\nWeil er eben so wissbegierig sei, antwortete Arno.<br \/>\n\u201eEine beinahe manische Profilierungssucht, finden Sie nicht?\u201c Arno f\u00fchlte Zorn aufsteigen. Nur nicht gehen lassen, dachte er, nur jetzt nicht gehen lassen! Die will dich nur aus der Reserve locken. Sehen, ob die Lebensgeister intakt w\u00e4ren. Das darf doch alles nicht wahr sein, arbeitete es in ihm.<\/p>\n<p>\u201eWie w\u00fcrden Sie Ihr Verh\u00e4ltnis zu Ihren Eltern beschreiben?\u201c, bohrte sie weiter, \u201estanden Sie stark unter Druck? Waren Ihre Eltern leistungsorientiert? Wie empfanden Sie Ihre Kindheit und Jugend?\u201c Arno plauderte bedenkenlos drauflos. Vielleicht w\u00fcrde das die ganze Sache irgendwie positiv beeinflussen? Ja, doch, er w\u00e4re sehr unter Druck gestanden. Besonders vom Vater her. Die Mutter war eher zur\u00fcckhaltend gewesen.<\/p>\n<p>\u201eHatten Sie manchmal das Gef\u00fchl, in einer ausweglosen Situation zu sein, wenn Ihre Leistungen nicht so waren, wie sie Ihnen von Ihrem Vater abverlangt worden sind? \u201eNicht, dass ich mir dessen bewusst w\u00e4re.\u201c \u201eGut. Jetzt zieh\u00b4n Sie sich aus, bis auf die Unterhose. Legen Sie sich dort auf die Liege.\u201c Arno stand auf. Spinnt die? Er war au\u00dfer sich! Die war wohl verr\u00fcckt geworden? Unglaublich, diese Dem\u00fctigung! Man behandelte ihn hier, als w\u00e4re er besoffen ins Radar gefahren! Schlimmer h\u00e4tte man ihm nicht zusetzen k\u00f6nnen. Es gab ihm den Rest. Er f\u00fchlte den moralischen Sturz in die Tiefe.<\/p>\n<p>Eigentlich war er wegen Herzbeschwerden l\u00e4nger im Krankenstand gewesen. Im Zuge dessen hatte man ihm das Burn-out attestiert. Er sollte sich eine Zeitlang erholen k\u00f6nnen. Die haben doch alle einen Knall hier, stolperten seine Gedanken durcheinander, w\u00e4hrend er die Hose \u00fcber den Stuhl h\u00e4ngte.<br \/>\nDann legte er sich auf die mit einem wei\u00dfen Leintuch bespannte Liege.<br \/>\n\u201eSo! Nun versuchen Sie, mit dem Zeigefinger Ihre Nasenspitze zu ber\u00fchren, mit geschlossenen Augen!\u201c verlangte sie von ihm.<br \/>\nAch, darauf wollt ihr hinaus, ihr Schweine!, dachte Arno. Ihr wollt wissen, ob ich nicht doch ein wenig krank im Hirn bin, wie? Aber den Gefallen tu ich euch nicht! Das hatte ihm der Dreckskerl aus der Personalabteilung angetan, war Arno \u00fcberzeugt. Parven\u00fc! Kommt mir damit! Dem m\u00f6chte ich gegen\u00fcberstehen! Arnos seelischer Pegelstand knallte in rasender Talfahrt nach unten. Was ist, wenn sie was findet? Vielleicht habe ich irgendein Leiden, von dem ich nichts wei\u00df?<br \/>\n\u201eUnd nun fahren Sie mit den Zehenspitzen des rechten Fu\u00dfes das linke Schienbein entlang, hinauf bis zum Knie. Ja, in Ordnung. Die weiten Hosenr\u00f6hren seiner Boxershorts mussten ihr gen\u00fcgend Einblick erlaubt haben, um zu sehen, wie es um ihn dort bestellt war. Netter Nebeneffekt!<br \/>\n\u201eUnd nun mit dem linken Fu\u00df.\u201c Arno tat, wie ihm befohlen wurde. Er ahnte, was ihm bl\u00fchte, wenn er das nicht schaffte. Das Doktorluder h\u00e4tte jede Macht der Welt. Nun musste er sich aufsetzen, damit es seine Kniereflexe testen konnte.<\/p>\n<p>Das vergess ich euch nie! Arno kochte. Hatte er nicht erst k\u00fcrzlich \u00fcber das einf\u00fchlende Verst\u00e4ndnis des Dienstgebers im Krankheitsfall des Burn-out, der neuen Modekrankheit, gelesen? Das verlogene Gewerkschaftsblatt ermunterte auch noch Betroffene, sich in ihrer Situation ruhig den Ansprechpartnern anzuvertrauen. Und der Dienstgeber h\u00e4tte neuerdings daf\u00fcr vollstes Verst\u00e4ndnis!<br \/>\nWirklich, sehr verst\u00e4ndnisvoll, wie ihm hier geschah. Arschl\u00f6cher! Arno atmete tief durch. Eine ganze Weile praktizierte sie an ihm noch den einen oder anderen Reaktionstest, offensichtlich jedoch alle zu ihrer Zufriedenheit.<\/p>\n<p>Arno, immer noch auf der Liege, blickte angespannt zur Decke. Er wagte kaum zu atmen. Das Herz raste. Nun fasste die \u00c4rztin sein linkes Bein, verdrehte es, zog heftig daran und dr\u00fcckte es zur H\u00fcfte. Arno entfuhr ein Schmerzensschrei.<br \/>\n\u201eTut das weh?\u201c, fragte das Krokodil. Ja, er h\u00e4tte schon seit L\u00e4ngerem Schmerzen in der H\u00fcfte. Daraufhin verbog sie sein Bein noch hartn\u00e4ckiger.<br \/>\nD\u00e4mliches St\u00fcck, so h\u00f6r doch auf! Was hat denn das jetzt mit meinen Herzrhythmusst\u00f6rungen zu tun?, fragte er sich. Nachdem sie offenbar gen\u00fcgend gezogen und verrenkt zu haben schien, sagte sie trocken: \u201eSie k\u00f6nnen sich wieder anziehen\u201c, und begab sich an ihren Schreibtisch. Von dort lugte das Doktorluder geduckt aus sicherer Verschanzung hervor, um Arno absch\u00e4tzend so von oben zu mustern.<\/p>\n<p>Arnos Selbstwertgef\u00fchl war ins Bodenlose gefallen. Unten. Total unten. Diese Erniedrigung! Was muss ich hier ertragen?, fragte er sich fortw\u00e4hrend.<br \/>\n\u201eUnd diesen krankhaften Ehrgeiz, den man ja beinahe manisch nennen k\u00f6nnte, setzen Sie den auch an Ihrem Arbeitsplatz um? Bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie?\u201c platzierte sie messerscharf.<br \/>\nArno \u00fcberlegte, was er sagen sollte. Was sollte er antworten? Ein Teufelskreis! In diesem Moment erfasste ihn eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Freiheit der Gedanken, der Seele und gleichzeitig auch des K\u00f6rpers, und nach dem Wunsch, der Zuchtmeisterin im wei\u00dfen Kittel ein \u201eAch, Sie k\u00f6nnen mich mal und guten Tag\u201c entgegenschleudern zu wollen, obwohl dies seine Situation wohl kaum verbessern w\u00fcrde. Die unausgesprochene K\u00fcndigung w\u00fcrde dadurch eher auch nicht zur\u00fcckgezogen.<br \/>\nAber nein, er k\u00f6nnte an f\u00fcnf Fingern abz\u00e4hlen, dass die Sache gegen ihn lief, das war doch klar.<\/p>\n<p>Z\u00f6gernd \u00fcberwand er sich: \u201eNein nein, ich versuche stets, meine F\u00e4higkeiten, so gut ich es eben vermag, den Anforderungen entsprechend einzusetzen. Auch gegen\u00fcber den Kolleginnen und Kollegen. Sollte ich jemals Druck ausge\u00fcbt haben, t\u00e4te mir das leid. Sie verstehen, von oben macht man uns Druck, also muss ich nat\u00fcrlich weitergeben, dass alles in gewisser Weise auch umgesetzt wird.\u201c<\/p>\n<p>Aber das Doktorluder schien ihm nicht zu glauben. Vielmehr versuchte es, ihn noch mehr ins Eck zu dr\u00e4ngen, das f\u00fchlte er ganz deutlich. Doch dann, ganz pl\u00f6tzlich, die Wende! Arno merkte es an einer gewissen Entspanntheit ihrer Gesichtsz\u00fcge. Als tr\u00e4fe sie ganz pl\u00f6tzlich eine andere Entscheidung als urspr\u00fcnglich geplant. Ob sie irgendeine Weisung hatte? Nein, sein Gef\u00fchl hatte ihn nicht get\u00e4uscht. Da hielt sie bereits den Kopf etwas schief und sagte: \u201eAlso gut, dann werde ich Ihrem Fortkommen in diesem Betrieb durch meine Expertise vorerst nicht im Wege stehen. Was dann entschieden wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Dieser Bericht geht in Kopie ans Personalb\u00fcro!\u201c Mit diesem Satz war die Angelegenheit nun offenbar erledigt, zumindest f\u00fcrs Erste, dachte er.<\/p>\n<p>Arno verabschiedete sich, so freundlich es ihm in der Situation gelang und \u00e4rgerte sich erneut dar\u00fcber, ihr zuletzt nicht doch den Vorwurf der Ignoranz an den Kopf geworfen zu haben, seit wann es denn \u00fcblich sei, fachlich fundierte Expertisen derart zu ignorieren und sich hier seinen eigenen Staat bilden zu wollen?<br \/>\nHier, in dieser Stadt, deren einzige Silbe ihres Ortsnamens sich auf Provinz reimte. Und dann noch, dass ihm dieser Schei\u00dfbetrieb ohnehin egal w\u00e4re wie nur was, h\u00e4tte er noch hinzugef\u00fcgt, und dass sich der gesamte Verein den Job nach dieser Schikane sonst wohin stecken k\u00f6nne. So <span style=\"color: #333333;\">weit <\/span>unten wie hier w\u00e4re er noch nie gewesen, konstatierte er f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Arno, der an all seine anderen Probleme dachte, beschr\u00e4nkte sich dann aber doch nur auf ein heuchlerisches \u201eGuten Tag\u201c und ein L\u00e4cheln und war zur T\u00fcr hinaus, froh, wieder frische Luft atmen zu k\u00f6nnen. Froh auch, in m\u00f6glichst nicht \u00a0allzu n\u00e4chster N\u00e4he dringend\u00a0 auf ein Bier gehen zu k\u00f6nnen, was ihm unumg\u00e4nglich schien, um so der erlittenen Dem\u00fctigung entgegenzuwirken, soweit dies mit einem einzigen Glas Bier \u00fcberhaupt m\u00f6glich w\u00e4re.<br \/>\nDanach w\u00fcrde er diese entsetzliche St\u00e4tte der Erniedrigung und Dem\u00fctigung mit dem n\u00e4chstbesten Zug verlassen, nicht ohne noch einen ver\u00e4chtlichen Blick aus dem Zugabteil auf die luftverpestenden Schlote ihrer Industrien geworfen zu haben, mit dem heiligen Eid, diesen durch seine erlittene Schmach besudelten Boden in seinem Leben nie wieder betreten zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 15037<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Burn-out zu Hause und der Tatsache, dass seine Ehe seit den letzten Wochen in Br\u00fcche zu gehen drohte, befand sich Arno psychisch und physisch im absoluten \u201eDown-under\u201c. 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