{"id":2434,"date":"2015-04-13T16:59:22","date_gmt":"2015-04-13T16:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2434"},"modified":"2015-04-15T08:40:32","modified_gmt":"2015-04-15T08:40:32","slug":"abgetaucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2434","title":{"rendered":"abgetaucht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2434&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2434&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Wartezimmer haben etwas Endg\u00fcltiges. Wartezimmer in psychiatrischen Ordinationen etwas Vernichtendes. Wei\u00df get\u00fcncht. Zeitlos, uhrlos. Aluminiumfauteuils mit Leder bespannt. Repr\u00e4sentieren lautlose \u00dcberlegenheit. Strahlen stuhlbeingl\u00e4nzend Macht aus. Ihre Opfer, die sich auf ihnen niedertun, in unsichtbaren Netzen imagin\u00e4rer Spinnen gefangengehalten. Solange, bis sie emotionslos mit ihren Namen aufgerufen werden.<br \/>\nArno war einer von ihnen, und angemeldet.<br \/>\nOhne Vorwarnung flog die T\u00fcr zum Ordinationszimmer auf.<br \/>\n\u201eAh? Sie? F\u00fcr Sie brauche ich etwas mehr Zeit\u201c, bestimmte die Frau im wei\u00dfen Mantel im T\u00fcrrahmen und nahm, um die Spannung zu erh\u00f6hen, noch rasch einen Wartenden vor. Arno schluckte. Schluckte vor Angst. Warum brauchte sie f\u00fcr ihn mehr Zeit? Das tapfere Herz pochte in unruhiger Erwartung. Was hatte er schon getan? Was wollte man von ihm hier? Er hatte ein g\u00fcltiges Attest, das verhie\u00df, es w\u00e4re alles zur Zufriedenheit. Und was bedeutet schon ein halbes Jahr? Einmal ausspannen, hatten die gesagt. Sie sollten einmal eine Auszeit nehmen! Er hatte nur gemacht, was die ihm geraten hatten. Blo\u00df Herzrhythmusst\u00f6rungen, hatten die gesagt.<br \/>\nBanges Warten. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, schlug die T\u00fcre zur Ordination auf: \u201eBitte! Kommen Sie herein!\u201c befahl die \u00c4rztin, deren Tonfall dem floskelhaften \u201eBitte\u201c jegliche sich dahinter versteckende, ernst gemeinte H\u00f6flichkeit entzog.<br \/>\nArno erschrak. Ihm war, als ging es zum Schafott. Blo\u00df eine Nachuntersuchung, h\u00e4mmerte es in ihm. Mehr nicht. Und ausgerechnet die da sollte f\u00fcr ihn zust\u00e4ndig sein? Ausgerechnet die sollte, per amtlicher Verordnung, in seine Seele dringen d\u00fcrfen? Ein derbes Weib, mit kr\u00e4ftigen Schenkeln und einem feisten Hintern? Und h\u00e4tte Macht \u00fcber ihn, den Zarten, Verw\u00f6hnten, den Leptosomen und Sch\u00f6ngeist? Den Angsthasen und Weltverbesserer, den das Schicksal zynisch ins falsche Jahrhundert versetzt hatte, ins b\u00fcrokratische, technokratische, unromantische. Die Wei\u00dfbemantelte be\u00e4ugte ihn eine Weile sehr genau. Fasste ihn ins Auge. Tastete ihn von oben bis unten ab. Dr\u00e4ngte sich mit Argusaugen in sein Inneres.<\/p>\n<p>Arno war \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6s, atmete immer wieder tief durch. Schwei\u00df perlte \u00fcber Lippen und Stirn. Hier w\u00fcrde er zugrundegehen. Mein Gott! Das Ende. Von hier k\u00e4me er nie mehr weg. War er doch erst vor knapp zwei Stunden noch bei ihr gewesen. Ja, bei ihr, Charlotte! Seine Gedanken hauchten ihren Namen. Transpirierten ihren Duft. Und jetzt hier! Dabei hatte sie sich eben erst zu ihm heruntergebeugt, ihn sanft gek\u00fcsst. Tr\u00e4umte\u00a0 er?<br \/>\nWei\u00dfmantel bl\u00e4tterte in den Akten. Da pl\u00f6tzlich offenbarte sich ihm eine Erinnerung, eine Erscheinung vielleicht, und seine H\u00e4nde streckten sich sehns\u00fcchtig nach Charlotte hin und zogen sie sanft zu sich heran. Er sp\u00fcrte nicht den leisesten Widerstand. Eine vom Wind herangetragene Welle errichtet eine Sandbank unstillbarer Gef\u00fchle in ihm. Schon l\u00f6ste er die Barrieren textilen Dazwischens, das sanft zu Boden glitt. Darunter transparent Rosafarbenes. Er ber\u00fchrte fremdes Gewebe. Glasklare Tautropfen auf krausem Moos. Ihre Achselh\u00f6hlen versendeten Deostr\u00f6me in hei\u00dfen Wellen wiederkehrender Intervalle.<\/p>\n<p>Arnos knetende H\u00e4nde schwitzten. Die im wei\u00dfen Kittel begann, ihn auszufragen. Wo und wann geboren, verheiratet, Kinder und so weiter. Ihre pr\u00fcfenden Blicke immer wieder auf ihn, dann wieder auf den PC vor ihr gerichtet. Wozu das, verdammt? Stand ja doch alles in seinen Personalien. Vielleicht wollte sie wissen, ob er \u00fcberhaupt in der Lage w\u00e4re, klare Antworten zu geben? Welche Schulen er besucht h\u00e4tte, und wozu die\u00a0 akademischen Abschl\u00fcsse? W\u00e4ren f\u00fcr seinen Job doch gar nicht relevant. Weil er eben so wissbegierig sei, antwortete Arno. \u201eEine beinahe manische Profilierungssucht, finden Sie nicht?\u201c Arno f\u00fchlte Zorn aufsteigen. Nur nicht gehen lassen, dachte er, nur jetzt nicht gehen lassen! Die will dich nur aus der Reserve locken. Sie machte eine Notiz.<\/p>\n<p>In diesem Land musste ja seit jeher alles belegt werden. Bewiesen, auf Papier geschrieben, nachvollziehbar gemacht. Der Sommer stand ins Land und es bedurfte Universit\u00e4tsprofessoren, die befragt wurden, wie man sich in klimatisierten R\u00e4umen zu verhalten h\u00e4tte. Denn immer noch, seit dem Ende der Monarchie, nach nunmehr vierundneunzig Jahren, lag das Wesen anerzogener Unselbstst\u00e4ndigkeit in den H\u00e4nden von Beamten, deren Ziel es seit erdenklichen Zeiten war, die Menschen klein zu machen, um selbst gro\u00df bleiben zu k\u00f6nnen. Wurden nicht auf diese Art seit Langem unz\u00e4hlige eigent\u00fcmliche Bestrebungen, deren charaktervolle Regungen und jeglicher Individualismus im Keim erstickt und vernichtet? Oder, wenn dies nicht sofort gelang, zumindest paralysiert?<\/p>\n<p>Arno sah sich um. Seine Blicke durchstreiften den Raum, in dem er sich befand. Alles steril. Eine Welt f\u00fcr sich. Der Geruch von Charlotte haftete in seinen Nasenschleimh\u00e4uten. Weg von hier! Blo\u00df weg! Jetzt gemeinsam von der Klippe springen, in die aufgew\u00fchlte See hechten, sich k\u00fchn hinunterst\u00fcrzen. In die wei\u00dfe Gischt unter ihnen eintauchen. Schon trugen sie die Wogen der Leidenschaft hinaus aufs offene Meer der L\u00fcste, sp\u00fclten sie kurz an Land, um gleich wieder in die offene See hinausgezogen zu werden, immer wieder, in der steten Angst, niemals endg\u00fcltig an den Strand geworfen zu werden. Hierher wom\u00f6glich. Nicht auszudenken! Schon treiben sie in der tosenden Brandung, entkr\u00e4ftet, wie Ertrinkende von Wellental zu Wellental. Sei meine Windsee, die meine Seele durchwandert, und k\u00fcnde den herannahenden Sturm, der meine Gef\u00fchle hochschlagen l\u00e4sst, meinen K\u00f6rper durchwogt, mein Gehirn flutet! Spitze Wellenberge vor mir, f\u00fcr Bruchteile von Sekunden, klatschen an deine anschwellende Brandungszone.<\/p>\n<p>Nicht die raue See war es. Nicht der st\u00fcrmische Wind. Es war die kr\u00e4chzende Stimme der G\u00f6ttin in Wei\u00df. \u201eWie w\u00fcrden Sie Ihr Verh\u00e4ltnis zu Ihren Eltern beschreiben?\u201c, bohrte sie weiter, \u201estanden Sie stark unter Druck? Waren Ihre Eltern leistungsorientiert? Wie empfanden Sie Ihre Kindheit und Jugend?\u201c Und Arno plauderte bedenkenlos drauflos. Vielleicht w\u00fcrde das die ganze Sache irgendwie positiv beeinflussen? Ja, doch, er w\u00e4re sehr unter Druck gestanden. Besonders vom Vater her. Vom Vater, ja. Verflucht! Das war ein Fehler, wie er sofort bemerkte, denn die Wei\u00dfe notierte von jetzt an alles eifriger mit als zuvor. Die Mutter w\u00e4re eher zur\u00fcckhaltend gewesen, fl\u00fcsterte Arno aphon.<br \/>\n\u201eHatten Sie manchmal das Gef\u00fchl, in einer ausweglosen Situation zu sein, wenn Ihre Leistungen nicht so waren, wie sie Ihnen von Ihrem Vater abverlangt worden sind?\u201c \u201eNein.\u201c Arno machte eine Pause. \u201eNein, nicht, dass ich mir dessen bewusst gewesen w\u00e4re\u201c, log er.<\/p>\n<p>Fliehen! \u00dcbers Wasser. Gib meiner Seele Fl\u00fcgel! F\u00fcr alle Ewigkeit uns als gemeinsame Welle fortpflanzend. Meine Gedanken ber\u00fchren dich. Meine H\u00e4nde gleiten \u00fcber deinen K\u00f6rper. Noch f\u00fchle ich die W\u00e4rme, die von ihm ausgeht. Noch f\u00fchle ich deinen Atem, Meeresg\u00f6ttin! Entdecke endlich ihre smaragdenen Augen, die feine Nase, die zierlichen F\u00fc\u00dfe, die dunkelblonden Haare. Seegras, in denen sich Muscheln und Seetang verfangen halten! Halt ein, ermahnte er sich! Seine Einbildungskraft bescherte ihm die sch\u00f6pferische Neubildung dessen, was er sah, wahrnahm, f\u00fchlte. Eine Reproduktion gleichsam ihres Bildes, ihrer Gestalt, alles. Viel deutlicher noch, im klaren Wasser, fantasieverbr\u00e4mt, ja, ausschweifend gar. Die Feiste konnte seine Gedanken ohnehin nicht lesen.<\/p>\n<p>\u201eGut. Dann zieh\u00b4n Sie sich aus, bis auf die Unterhose. Legen Sie sich dort auf die Liege!\u201c, befahl sie in schier unnachgiebigem Ton, so, als ob sie sich ihrer Sache absolut sicher w\u00e4re.<br \/>\nWas sollte er? Was? Arno stand auf wie in Trance. Eine Marionette. Spinnt die? Er war au\u00dfer sich! Die war wohl verr\u00fcckt geworden? Unglaublich, diese Dem\u00fctigung! Man behandelte ihn hier, als w\u00e4re er besoffen ins Radar gefahren! Schlimmer h\u00e4tte man ihm nicht zusetzen k\u00f6nnen. Das gab ihm den Rest. Er f\u00fchlte den moralischen Sturz in die Tiefe. Im \u00dcbrigen war er ja doch nur wegen Herzbeschwerden l\u00e4nger als \u00fcblich im Krankenstand gewesen. Im Zuge dessen hatte man ihm das Burn-out attestiert, um sich eine Zeit lang erholen zu k\u00f6nnen, fieberte es in ihm. Die haben doch alle einen Knall!, stolperten seine Gedanken durcheinander, w\u00e4hrend er mit zitternden H\u00e4nden die Hose \u00fcber den Stuhl h\u00e4ngte. Schlie\u00dflich aber legte er sich umst\u00e4ndlich auf die mit einem wei\u00dfen Leintuch bespannte Liege. \u00dcber ihm drei hell leuchtende Lampen, deren Schein ihm ins Gehirn zu dringen schien.<\/p>\n<p>Komm mit mir, komm, dahin, wo das Wasser etwas tiefer wird! Charlotte wehrte sich schwach. Lass mich dich unter die Wasseroberfl\u00e4che ziehen, dich\u00a0 hypnotisieren, gef\u00fcgig machen, seufzte es in Arno. Eine Illusion in dir n\u00e4hren. Deine Zuneigung mir gegen\u00fcber st\u00e4rken. Dich scharf auf mich machen, in ansteigenden Wellencrescendi willenlos machen. Dich der n\u00fcchternen Wirklichkeit des Festlands entrei\u00dfen. Vielleicht Wasserspiele? Ja, ein Wasserspiel w\u00e4re gefragt! Perlender Zauber zwischen Illusion und Desillusion. K\u00fcnstlerische Fantasie, mehr oder minder gelenkte erfinderische Vorstellung. Doch sachte! Es bed\u00fcrfte der Einf\u00fchlung! Jener Einf\u00fchlung, von der er sich erhoffe, dass sie ihn erh\u00f6rte. Ein Spiel als Endstation der Begierde und der Sehnsucht. Nicht leicht, in der kabbeligen See. Mit Worten allein nicht zu beschreiben. Nonverbale Anbetung, durch das Gr\u00fcn ihrer Augen inspiriert, nicht blo\u00df als Leistung eines Gef\u00fchls, nein, vielmehr teleologisch eigensch\u00f6pferischen Erfindungsgeist bem\u00fchen, zielgerichtet auf ihr \u2013 Herz!<\/p>\n<p>\u201eSo!\u201c Arno erschrak. \u201eNun versuchen Sie, mit dem Zeigefinger Ihre Nasenspitze zu ber\u00fchren, mit geschlossenen Augen!\u201c, verlangte die Zuchtmeisterin. Ach, darauf wollt ihr hinaus, ihr Schweine, bohrte es in Arno! Ihr wollt wissen, ob ich nicht doch ein wenig krank im Hirn bin, wie? Aber den Gefallen tu ich euch nicht! Das hatte ihm der Dreckskerl aus der Personalabteilung angetan, war Arno \u00fcberzeugt. Parven\u00fc! Kommt mir damit! Dem m\u00f6chte ich gegen\u00fcberstehen! Arnos seelischer Pegelstand knallte in rasender Talfahrt nach unten. Was ist, wenn sie was findet? Was dann? Vielleicht habe ich irgendein Leiden, von dem ich nichts wei\u00df? Man w\u00e4re zumindest den F\u00fchrerschein los.<br \/>\n\u201eUnd nun fahren Sie mit den Zehenspitzen des rechten Fu\u00dfes das linke Schienbein entlang, hinauf bis zum Knie. Ja, so ist es gut.\u201c Halt endlich deinen Mund! Die weiten Hosenr\u00f6hren seiner Boxershorts mussten ihr gen\u00fcgend Einblick erlaubt haben, um zu sehen, wie es um ihn dort bestellt war. Netter Nebeneffekt, \u00e4rgerte sich Arno. Das Licht \u00fcber ihm blendete seine Augen. Er hielt sie von nun an geschlossen. Gab es f\u00fcr ihn ja doch nichts zu sehen. Das Monster schien irgendwie mit seiner Akte besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Nun hie\u00df es, endlich wieder Luft sch\u00f6pfen, ehe die Sturzsee erneut \u00fcber sie hereinbrach, ihn, und Charlotte.\u00a0 Danach, bereit sein zu einer Zwischenakteinlage improvisatorischen Beherztseins. Sie musste seiner Komposition verfallen, darin lag seine einzige Chance. Wasserballett. Zun\u00e4chst nur ein paar Tempi, ganz nebenbei, um nicht unterzugehen, bis zum Aqua Cantabile vielleicht. Tempo rubato, jedoch immer in Bewegung bleiben. Danach langsam aus dem Ged\u00e4chtnis \u2013 vielleicht eine Wiederholung? Gut. Zweimal hintereinander, ganz entspannt! Die rechte Hand, wenn sie m\u00fcde w\u00fcrde von den Schwimmgirlanden, nachlassen, einfach den Druck nachlassen. Aber, der Bedeutung des kleinen Fingers und des Daumens in den Fluten mehr Gewicht beilegen! Jetzt musste der Zeitpunkt f\u00fcr die Beine kommen \u2013 rasche Auf- und Abbewegung \u2013 f\u00fcr besondere Effekte immer so, als w\u00fcrde man schweben. Zyklisch im Wasser tanzend. Zirkulieren.<\/p>\n<p>\u201eUnd nun mit dem linken Fu\u00df.\u201c Wie? Ach so. Arno tat, als verst\u00fcnde er anfangs nicht. Tat aber dann, wie ihm befohlen wurde. Er ahnte, was ihm bl\u00fchte, wenn er das nicht schaffte. Die Quacksalberin h\u00e4tte jede Macht der Welt. Nun musste er sich aufsetzen, damit sie seine Kniereflexe testen konnte. Das vergess ich euch nie! Arno kochte. Niemals! Hatte er nicht erst k\u00fcrzlich \u00fcber das einf\u00fchlende Verst\u00e4ndnis des Dienstgebers im Krankheitsfall des Burn-out, der neuen Modekrankheit, gelesen? Und dieses verlogene Gewerkschaftsblatt ermunterte Betroffene auch noch, sich in ihrer Situation ruhig den Ansprechpartnern anzuvertrauen! Der Dienstgeber h\u00e4tte neuerdings daf\u00fcr vollstes Verst\u00e4ndnis! Lachhaft! Wirklich, sehr verst\u00e4ndnisvoll, wie ihm hier geschah. Aufs Abstellgleis w\u00fcrde man ihn stellen! Arno atmete tief durch. Eine ganze Weile noch praktizierte Wei\u00dfrock an ihm herum. F\u00fchrte den einen oder anderen Reaktionstest durch, offensichtlich jedoch alle zu seiner Zufriedenheit.<\/p>\n<p>Und Charlotte? Nein, sie wird es nicht merken, dass wiederholt wird, nein, sicher nicht. Die Linke musste blo\u00df ein harmonisches Fundament finden, eine einfache Struktur. Brauchte nicht sonderlich kompliziert zu sein. Das ist die Aufgabe der Rechten! Trotz des Widerstandes des Wassers. Mit den Handfl\u00e4chen aufeinanderfolgende Arpeggi vollf\u00fchren. H\u00e4nde und Gehirn, beides ununterbrochen in Bewegung, in Aufruhr! Wie die See selbst. Hier und jetzt f\u00e4nde seine Sehnsucht ihre Erl\u00f6sung. Komme danach, was wolle. Zu den heftiger werdenden Wellenrhythmen w\u00fcrde er sie um die schmale Taille nehmen und ins Reich der Tiefe entf\u00fchren, wenn nicht\u2026<\/p>\n<p>Arno, immer noch auf der Liege, blickte angespannt zur Decke. Er wagte kaum, zu atmen. Das Herz raste vor Emp\u00f6rung \u00fcber die auszustehende Erniedrigung. Nun fasste die Peinigerin sein linkes Bein, verdrehte es, zog heftig daran und dr\u00fcckte es zur H\u00fcfte. Arno entfuhr ein Schmerzensschrei. \u201eTut das weh?\u201c, fragte das Krokodil.<br \/>\nJa, er h\u00e4tte schon seit L\u00e4ngerem Schmerzen in der H\u00fcfte. Daraufhin verbog sie sein Bein noch hartn\u00e4ckiger. D\u00e4mliches St\u00fcck, so h\u00f6r doch auf! Was hat denn das jetzt mit meinen Herzrhythmusst\u00f6rungen zu tun?, fragte er sich und tauchte ab.<\/p>\n<p>Um sie herum &#8211; Tintenblau. Eintagsfliegen. Gab es Eintagsfische? An hei\u00dfen Sommertagen konnte man sie knapp unter der Wasseroberfl\u00e4che tanzen sehen, vor allem die m\u00e4nnlichen Exemplare. Verirrte sich ein leichtsinniges Weibchen in diesen schwankenden Reigen, war es um seine Jungfr\u00e4ulichkeit geschehen. Brandende Fieberfantasien. Dieses kurze Leben &#8211; nur von einem bestimmt, von der Fortpflanzung. Sein Begehren lie\u00df ihn den Wasserreigen der Liebe erneut aufnehmen. Enge Schwimmhaltung \u2013 G\u00e4nsehautf\u00fchlung. Beide bewegen ihre K\u00f6rper gleichzeitig von einer Seite zur anderen. Die linke Hand etwas heben, ja, gut so. Die rechte Hand unterst\u00fctzt und \u2013 rechts herum in Solodrehung f\u00fchren. Wasserrolle. Achtung, eine Sturzsee! Presste sie nach unten. Vorsichtig, linker Fu\u00df paddelte. Rechter Fu\u00df umschloss ihre Beine. Kurz Luft holen, auftauchen.<\/p>\n<p>Nachdem das Ungeheuer offenbar gen\u00fcgend gezogen und verrenkt zu haben schien, sagte es trocken: \u201eSie k\u00f6nnen sich wieder anziehen\u201c, und begab sich an seinen Schreibtisch. Von dort lugte das Doktorluder geduckt aus sicherer Verschanzung hervor, um Arno erneut absch\u00e4tzend zu mustern. Arnos Selbstwertgef\u00fchl war ins Bodenlose gefallen. Unten. Total unten. Diese Dem\u00fctigung! Was musste er hier ertragen?, fragte er sich fortw\u00e4hrend. \u201eUnd diesen krankhaften Ehrgeiz, den man ja beinahe manisch nennen k\u00f6nnte, setzen Sie den auch an Ihrem Arbeitsplatz um? Bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, wie?\u201c, platzierte sie messerscharf. Arno \u00fcberlegte, was er sagen sollte. Was sollte er antworten? Ein Teufelskreis! In diesem Moment erfasste ihn eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Freiheit der Gedanken, der Seele und gleichzeitig auch des K\u00f6rpers, und nach dem Wunsch, seiner Dompteurin im wei\u00dfen Kittel ein \u201eAch, Sie k\u00f6nnen mich mal und guten Tag\u201c an den Kopf zu werfen.<\/p>\n<p>Nur noch zwei rasche Tempi vorw\u00e4rts gegen die Str\u00f6mung in die Gegenpromenade \u2013 linke Hand zwischen ihrem und seinem Gesicht, dann glitten sie in eine linke Wende. Seine rechte Hand f\u00fchlt ihre Taille. Die Luft wurde knapp. Er fasse ihre linke Hand fester, mit etwas Druck, sp\u00fcrte keinen Gegendruck. Eine Sehnsucht erfasst ihn. Ihre Finger waren kalt, ungew\u00f6hnlich kalt. Ihre spitzen N\u00e4gel \u2013 so lang. Geeignet, ein Muttermal auf seinem R\u00fccken aufzukratzen. \u00dcber ihnen schlugen die Wellen zusammen, brandeten, wallten auf, w\u00e4hrend sie langsam, ganz langsam tiefer und tiefer sanken. Danach &#8211; w\u00fcrde nichts mehr sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 15036<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wartezimmer haben etwas Endg\u00fcltiges. Wartezimmer in psychiatrischen Ordinationen etwas Vernichtendes. Wei\u00df get\u00fcncht. Zeitlos, uhrlos. Aluminiumfauteuils mit Leder bespannt. Repr\u00e4sentieren lautlose \u00dcberlegenheit. Strahlen stuhlbeingl\u00e4nzend Macht aus. Ihre Opfer, die sich auf ihnen niedertun, in unsichtbaren Netzen imagin\u00e4rer Spinnen gefangengehalten. Solange, bis sie emotionslos mit ihren Namen aufgerufen werden. Arno war einer von ihnen, und angemeldet. 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