{"id":241,"date":"2013-11-27T12:53:04","date_gmt":"2013-11-27T12:53:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=241"},"modified":"2015-11-10T22:18:00","modified_gmt":"2015-11-10T22:18:00","slug":"her-mit-dem-mist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=241","title":{"rendered":"Her mit dem Mist!"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts241&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts241&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Danke, dass ich diese Gelegenheit bekomme, mich und meine Beweggr\u00fcnde kurz vorzustellen: Mein Name ist Sandra Reingruber und ich arbeite als Putzfrau.<br \/>\nUnser junger Chef in der Leasingfirma, ein trendiger Typ, nennt uns zwar jetzt \u201eTeamplayer im Facility Management\u201c, aber die T\u00e4tigkeit ist die selbe geblieben: den Mist der anderen wegr\u00e4umen.<br \/>\nAber mein Anspruch geht dar\u00fcber hinaus: Ich will mehr wissen, dahinter schauen und Verborgenes entdecken.<br \/>\nFr\u00fcher habe ich bei Familien mit kleinen Kindern geholfen, sauberzumachen, aber das hat mir nicht dieses gro\u00dfartige Entdecker-Gef\u00fchl gegeben wie jetzt in diesem Riesenbetrieb mit der schicken Vorstandsetage, die habe ich am liebsten.<br \/>\nDie Familien mit Kleinkindern haben zwar viel zu putzen, aber kaum Dreck am Stecken, nichts Hintergr\u00fcndiges, Verborgenes, einfach nur Mist und einen Haufen Putzarbeit, aber das ist mir zu wenig.<\/p>\n<p>In der jetzigen Firma musste ich mich sehr anstrengen, den Job zu bekommen. Da wurde ich allerhand Sachen gefragt, die sie eigentlich nicht h\u00e4tten fragen d\u00fcrfen: ob ich eine chronische k\u00f6rperliche oder psychische Erkrankung oder einen Freund h\u00e4tte (in dieser Reihenfolge), falls Letzteres ja, einen Kinderwunsch, und falls nicht (bei einem \u201eJa\u201c w\u00e4re ich wohl sowieso nicht infrage gekommen), wie ich verh\u00fcten w\u00fcrde. Das hat mich neugierig gemacht, die ticken v\u00f6llig falsch, abartig, habe ich mir gedacht, und mich besonders bem\u00fcht, hier arbeiten zu d\u00fcrfen, eine Fundgrube quasi, die sich da aufgetan hat. Daher habe ich die Frechheit ignoriert und die ersten drei Fragen brav l\u00e4chelnd mit \u201enein\u201c beantwortet und tats\u00e4chlich, zwei Wochen sp\u00e4ter, kam die Nachricht: Ich war drin.<\/p>\n<p>Die erhoffte Beute lie\u00df auch nicht lange auf sich warten. Gleich vorwegschicken muss ich, dass ich niemals eine Schreibtischlade oder einen Schrank ge\u00f6ffnet habe, wozu auch? Da gab es nichts zu putzen, und au\u00dferdem habe ich eine Art Ehrenkodex, ich begn\u00fcge mich mit dem, was die Menschen achtlos wegwerfen, um daraus meine Schl\u00fcsse zu ziehen, und glauben Sie mir, das gibt mehr als genug her, da muss ich nichts gewaltsam \u00f6ffnen oder ausspionieren.<br \/>\nDie geben, ich nehme die Informationen, das ist alles.<\/p>\n<p>Zuerst beginne ich damit, die Akteure kennenzulernen, das geht nat\u00fcrlich nur aus der Ferne, ich bekomme sie ja nie zu Gesicht. Meine Arbeit beginnt nach 20 Uhr, wenn l\u00e4ngst alle die B\u00fcros verlassen haben. Die Reinigung der R\u00e4ume selbst ist schnell erledigt, es entsteht ja kaum richtiger Dreck bei diesen Schreibtischakteuren (um nicht zu sagen: \u2013t\u00e4tern), aber die Sondierungsarbeit ist zeitaufw\u00e4ndiger. Damit keinem etwas auff\u00e4llt, schreibe ich immer nur die zwei Stunden, die f\u00fcrs Putzen vorgesehen sind, in meine Zeitarbeitstabelle.<\/p>\n<p>Beim Mistk\u00fcbel verweile ich l\u00e4nger. Ein bisschen f\u00fchle ich mich wie eine Arch\u00e4ologin, die Schichten sind wie bei denen von unten nach oben zu lesen, so ein Tagesverlauf l\u00e4sst sich auf diese Weise ausgezeichnet rekonstruieren.<\/p>\n<p>Bei der Chefin beginnt der Tag sehr gesund, ein Apfelbutz und eine Bananenschale ganz unten im Mistk\u00fcbel zeugen von viel gutem Willen, im Tagesverlauf schleichen sich dann aber schon einmal ein Sekundenpizzakarton (der Schicht nach geh\u00f6rt das zur Mittagspause) und einige S\u00fc\u00dfwarenverpackungen hinein, nebst Kaffeebechern und koffeinhaltigen Energydrinks. Die Abf\u00fchrpillenverpackung obendrauf verhei\u00dft schlechtes Gewissen und Unzufriedenheit mit dem tags\u00fcber Genossenen oder aber Probleme bei essenziellen Erleichterungsvorg\u00e4ngen.<br \/>\nSo genau brauche ich es aber wirklich nicht zu wissen. Sie ist mir irgendwie sympathisch, Menschliches ist mir schlie\u00dflich nicht fremd.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich beim m\u00e4nnlichen Vorstandsmitglied M., er war mir von Beginn an zuwider.<br \/>\nIch denke, daran schuld waren haupts\u00e4chlich seine Kritzeleien im Altpapier.<br \/>\nFein s\u00e4uberliche M\u00fclltrennung ist an sich nichts Schlechtes, wenn auch sinnlos. Wir sind von unserer Leasingfirma angehalten worden, uns nicht darum zu k\u00fcmmern, sondern alles in Riesens\u00e4cke zu stopfen, die am selben Tag noch abgeholt werden. So bekommt niemand mit, dass die sch\u00f6nen Altpapierst\u00f6\u00dfe v\u00f6llig umsonst gestapelt worden sind.<\/p>\n<p>Nun ja, ganz so ist es auch wieder nicht, f\u00fcr mich ist das schon eine Hilfe. Akribische Arbeit zahlt sich in diesem Fall wirklich aus. Scheinbare Nichtigkeiten sind es, auf die man bei dieser T\u00e4tigkeit achten muss. So ignoriere ich zum wiederholten Male ordin\u00e4res Geschmiere, das meist barbusige Weibchen in eigenartigen Posen darstellt. Sie verrenken sich an Zeilen, bei denen es um damals sehr wichtige, nun offensichtlich \u00fcberholte Gesch\u00e4ftsvereinbarungen geht.<br \/>\nDer Mann hat offenbar insgesamt einen Hang zum Graphischen. Beim Telefonieren Mitgeschriebenes wird grunds\u00e4tzlich mit Unbeschreiblichem beh\u00fcbscht, und so manche auf einem Schmierzettel notierte Telefonnummer stecke ich ein, man wei\u00df ja nie, ein Vermerk: B\u00fcro M., mit Funddatum, damit ich mich auch sp\u00e4ter noch orientieren kann, Ordnung ist wichtig in meinem Beruf.<\/p>\n<p>Und dann die Zettel, die als Geheimsprache eine echte Herausforderung sind, anscheinend Mitschriften von Meetings, die sp\u00e4ter erst abgetippt wurden, schlie\u00dflich entziffere ich zwischen den offiziellen Teilen:<br \/>\nB. k\u00fcndigen, schl\u00e4ft fast ein, wenn ich rede.<br \/>\nZ., die Sau, nervt alle mit seinem Schei\u00df!<br \/>\nUnd das sind noch die harmloseren Anmerkungen. Das ist nicht mein Niveau. Ich verlasse das B\u00fcro jedes Mal mit Grausen.<\/p>\n<p>Bei der Chefin fand ich eines Tages au\u00dfer dem \u00fcblichen Heute-esse-ich-gesund-Inhalt und der darauf folgenden Schubumkehr einen gebrauchten Enthaarungswachsstreifen, doch der \u00dcberraschungen nicht genug, eine Schicht dar\u00fcber befand sich dann der Pizzakarton, diesmal lohnte das Hineinschauen (man kann nicht sorgf\u00e4ltig genug sein): Darin eingebettet lagen zwei gebrauchte Kondome. Das sind diese Zufallsfunde, auf die man zu Recht stolz ist. Die zerrissene Strumpfhose gleich dar\u00fcber und die Zellophanh\u00fclle einer neuen Beinbekleidung ganz oben im K\u00fcbel verwunderten anschlie\u00dfend nicht mehr.<\/p>\n<p>Nun aber zum Grund meines Gespr\u00e4chs mit Ihnen: Davon habe ich genug. Ich habe im Laufe der Zeit eine gewisse Qualifikation in diesem Bereich erworben, aber jetzt ist es Zeit f\u00fcr Neues.<br \/>\nIch sehe die Zeichen der Zeit. Ich m\u00f6chte mich weiterbilden und darum bin ich hier.<\/p>\n<p><i>Frau Reingruber, wir sind wirklich sehr beeindruckt von der brillanten Schilderung Ihrer Beweggr\u00fcnde, sich f\u00fcr unser Stipendium zu bewerben. Versprechen kann ich nichts, das wird in einem Gremium entschieden, aber so viel kann ich sagen, Sie sind eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen bisher, Ihr Erfahrungsschatz ist enorm.<br \/>\nWie w\u00fcrden Sie denn dieses Angebot nutzen, wenn Sie tats\u00e4chlich in den Genuss eines G\u00fcnter-Wallraff-Stipendiums k\u00e4men? Unsere Stiftung will schlie\u00dflich genau solchen Personen wie Ihnen helfen, die bisher weniger Chancen am Bildungsmarkt hatten, sich ihren Talenten gem\u00e4\u00df zu entwickeln.<\/i><\/p>\n<p>Vielen Dank, das ist sehr lieb von Ihnen, das Lob meine ich.<br \/>\nIch dachte an Informatik. Vieles wird nur noch in iPads getippt, die recht kurzlebig sind; die von mir sehr gesch\u00e4tzten Notizzettel sind vom Aussterben bedroht. So mancher Rechner wandert nach wenigen Jahren in den M\u00fcll, dabei gibt es sicher auch einiges zu holen. Mein Interesse ist vorhanden, ich will lernen, Daten wiederherzustellen, Gel\u00f6schtes zur\u00fcckzuholen, Sie verstehen? Wie Mistk\u00fcbel-Ausleeren, nur moderner.<\/p>\n<p><i>Frau Reingruber, das Gespr\u00e4ch mit Ihnen war eine echte Bereicherung. Solche Menschen wie Sie brauchen wir. Sie h\u00f6ren bald von uns.<\/i><\/p>\n<p>Vielen Dank Ihnen allen. Ich w\u00fcrde mich wirklich freuen. Auf Wiedersehen!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 13014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Danke, dass ich diese Gelegenheit bekomme, mich und meine Beweggr\u00fcnde kurz vorzustellen: Mein Name ist Sandra Reingruber und ich arbeite als Putzfrau. 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