{"id":2406,"date":"2015-04-10T07:55:36","date_gmt":"2015-04-10T07:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2406"},"modified":"2015-06-10T12:04:46","modified_gmt":"2015-06-10T12:04:46","slug":"die-vernissage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2406","title":{"rendered":"Die Krise 1 &#8211; Die Vernissage"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2406&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2406&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war wieder einmal so weit. Vielleicht noch nicht so schlimm wie damals 1929, aber immerhin. Die Wirtschaftssysteme des raschen Profits waren auf Grund gelaufen, ausgel\u00f6st durch gewagte, verantwortungslose Spekulationen. Nun sollte das gestrandete Schiff wieder flott gemacht werden. Die Politik, bislang blo\u00df zum Leuchtturmw\u00e4rter degradiert, wurde von ihrem Ausguck abberufen und zum Kapit\u00e4n bestellt, um Befehl zu geben, aus den ohnehin schon gesch\u00e4ndeten Staatskassen Milliarden von Steuergeldern herauszupumpen, welches man den Steuerzahlern in staatsstrategisch lukrativer Absicht wohlweislich l\u00e4ngst abgenommen hatte. Mit diesem Geld sollten sowohl die Lecks der leeren Spekulantenkassen ordentlich, wie auch die l\u00f6chrigen B\u00f6rsen der B\u00fcrger ein wenig gestopft werden. Die Frage danach, ob man also ein guter Verlierer w\u00e4re, konnte daher an Zynismus kaum noch \u00fcberboten werden und nur wenige waren in der gl\u00fccklichen Lage, darauf zu antworten, dass sie, dank ihres Humors, sogar noch dann lachen konnten, wenn sich das Blatt einmal gegen sie gewendet hatte. Solchen Menschen w\u00e4re ohnehin nur am Wettbewerb gelegen, am Reiz der Herausforderung und an der Lust, die sie dabei empfunden hatten. Schlie\u00dflich konnte man ja nicht immer nur gewinnen, daher konnten jene, die stets gewannen, es sich leisten, menschliche Gr\u00f6\u00dfe zu demonstrieren, indem sie einem \u00fcberlegenen Konkurrenten l\u00e4chelnd zum Sieg gratulierten.<\/p>\n<p>Zu dieser Sorte Mensch geh\u00f6rte Rembert Mirando nun wirklich nicht. Er z\u00e4hlte jedoch auch nicht zu jener, der ein veritabler Verlust immerhin nur ein weinendes, zumindest aber auch ein lachendes Auge bescherte. \u00dcbertriebener Ehrgeiz war bislang nie seine Sache gewesen, obwohl er sich mit der Rolle des Verlierers nur schwer anfreunden konnte. Im Gegenteil. Es \u00e4rgerte ihn ma\u00dflos, wenn das Gl\u00fcck an eine fremde T\u00fcr geklopft hatte und nicht an die eigene, und er w\u00fcrde sich eher die Zunge abbei\u00dfen, als freiwillig die eigene Schuld einzugestehen, wenn ihm einmal etwas nicht so gelungen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Rembert Mirando entstammte einem Arbeiterhaushalt. Seine Leistungen in der Schule sind nicht so herausragend, dass er eine Klasse \u00fcberspringt. Und schon gar nicht kann man von ihm behaupten, dass er zu den Begabten geh\u00f6rt h\u00e4tte. Eines aber hatte er sehr bald herausgefunden, dass dieses Leben nicht fair war und dass einem absolut nichts geschenkt wurde. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er f\u00fcr sich die Methode gezielten Selektierens n\u00fctzlicher Freunde, investierte da und dort ein wenig in seinen eher verhaltenen Ehrgeiz, um damit den f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit notwendigen und glaubw\u00fcrdigen Willen zum beruflichen Aufstieg zu untermauern.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus beanspruchte er f\u00fcr sich jene g\u00e4ngige Meinung, welche \u00fcber Menschen aus dem Arbeitermilieu besagte, dass Leute wie er durchaus die F\u00e4higkeit zur Entwicklung von Qualit\u00e4ten bes\u00e4\u00dfen, die einem auf dem Weg zur Spitze unbedingt dienlich w\u00e4ren. Und dazu z\u00e4hlten Stress- und Konfliktresistenz, fr\u00fche Selbstst\u00e4ndigkeit vielleicht, auf alle F\u00e4lle jedoch ein gesundes Selbstbewusstsein. Pr\u00e4ziser gesagt stellen diese Eigenschaften Faktoren dar, die erfahrungsgem\u00e4\u00df die notwendige Grundlage daf\u00fcr bieten, spezifische Anforderungsprofile f\u00fcr gewisse Machtpositionen zu n\u00e4hren. Schlie\u00dflich entstammten zahlreiche ber\u00fchmte Machthaber einem derartigen Milieu. Das war ebenso bekannt, wie auch die Tatsache in der endlosen Geschichte der Menschheit bewiesen hatte, dass viele davon ihre Macht leider oftmals weidlich missbraucht haben, missbrauchen und k\u00fcnftig missbrauchen w\u00fcrden. Um also die eigene Entwicklung nach dem Vorbild milieubedingten, scheinbar nat\u00fcrlichen erworbenen Machtstrebens einer Person aus den unteren Reihen derart voranzutreiben, erschien es Rembert Mirando v\u00f6llig legitim, seine Lebensplanung sehr sorgf\u00e4ltig in Angriff zu nehmen mit dem Ziel, auf den Weg zu den Sternen der Macht nicht vorzeitig auf den Steinen dorthin hart aufzuschlagen.<\/p>\n<p>Also beschloss er, in die Politik zu gehen, um dadurch wenigsten einen kleinen Vorgeschmack seines ungestillten Machtstrebens, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen, auskosten zu k\u00f6nnen. Aber Macht haben hei\u00dft auch Verantwortung tragen, auch wenn es manchmal blo\u00df gilt, ohnehin nur scheinbar Verantwortung zu \u00fcbernehmen, weil man zuf\u00e4llig in der daf\u00fcr vorgesehenen Position ist, welche man zwar kraft seines Amtes zu tragen hat, sie aus verschiedenen Gr\u00fcnden zu tragen jedoch oft gar nicht imstande ist. In solchen F\u00e4llen macht man eben das Beste daraus.<\/p>\n<p>Rembert Mirando war ein unscheinbares, eigentlich v\u00f6llig normales Kind gewesen. Einerseits hatte er weder an Gitterst\u00e4ben wichtiger Geb\u00e4ude ger\u00fcttelt, um dort hineinzugelangen, noch hatte er sonst irgendwelche hochtrabenden Karrierepl\u00e4ne bereits im Sandkasten geschmiedet. Aufgrund dieser wohl unbedeutenden Ausgangsposition hatte sich sein Leben bis zu seinem Eintritt in die Politik eher als eine Laune des Schicksals und der widrigen Umst\u00e4nde gezeigt, niemals zur richtigen Zeit am richtigen Platz mit den richtigen Eigenschaften und den richtigen Personen gewesen zu sein.<br \/>\nDieser Umstand sollte sich jedoch rasch \u00e4ndern, als er auf einer Vernissage des Stadtkulturamtes dem einflussreichen Unternehmer und physischen Schwergewicht Denis Escortin vorgestellt worden war, einem Mann, dem nie die Glut seiner Zigarre auszugehen schien. Ob er dem Herrn Kommerzialrat den Kandidaten f\u00fcr den Bundeskongress, Herrn Mirando, vorstellen d\u00fcrfte?, lispelte der Parteivorsitzende in leicht geb\u00fcckter Haltung Escortin ins rechte Ohr. Bitte, wenn es unbedingt sein muss, antwortete dieser, und schnitt eine unmotiviert bulldoggenartige Grimasse. Sein Gesicht war hochrot und aufgedunsen. Auf seinem beinahe kahlen, aber riesigen Sch\u00e4del gl\u00e4nzten zahllose Schwei\u00dftropfen wie Morgentau im k\u00fcnstlichen Sonnenlicht der kleinen Niedervoltlampen, die teilweise auf die ausgestellten \u00d6lgem\u00e4lde, teilweise aber auch auf die Besucher und das riesige Buffet gerichtet waren.<\/p>\n<p>Mirando begann sogleich ge\u00fcbt zu katzbuckeln, eine Methode, derer er sich seit L\u00e4ngerem schon erfolgreich bedient hatte, h\u00fcstelte kurz einmal verlegen und nahm schlie\u00dflich einen Anlauf, sich vor diesem so hochangesehenen Vertreter der heimischen Wirtschaft mit gewichtiger Miene in Szene zu setzen.<br \/>\nEr, begann Mirando, freue sich, ihn auf diese Weise kennenlernen zu d\u00fcrfen. Man habe ja schon viel von ihm geh\u00f6rt. Von seinen Erfolgen, meinte er. Und wer kannte ihn nicht? Escortin! Die Betonflotte! Kies und Schotter!<br \/>\nUnd dabei lachte er furchtbar d\u00e4mlich. Und was Escortin von diesem Bild hielte, wenn man fragen durfte? Dabei richtete er sich vor der \u00fcber ihnen h\u00e4ngenden gr\u00fcnen Impression, einem in dominantem Oliv gehaltenen \u00d6lgem\u00e4lde mit einigen roten und schwarzen von fingerdicker Sepia hingeschleuderten Farbapplikationen, mit hinter dem R\u00fccken verschr\u00e4nkten Armen auf.<br \/>\nEin Murmeltier, das gerade M\u00e4nnchen machte, konnte es nicht besser gemacht haben als Mirando eben jetzt. Kommerzialrat Escortin betrachtete ihn gewohnt herablassend und desinteressiert von oben bis unten. Schwer atmend klemmte er die m\u00e4chtige Zigarre zwischen seine kurzen, knackwurstartigen Zeige- und Mittelfinger und nahm die Zigarre aus dem Mund. Er l\u00e4chelte mitleidig und klopfte ein wenig Asche in den bereitgestellten Aschenbecher auf dem stangenartigen Nirostagestell ab.<br \/>\nSo etwas, junger Freund, wie das hier, pflege ich in Festmetern in meinem Keller zu lagern, entgegnete Escortin laut auflachend. Wissen Sie, wie viel Geld ich im Laufe der Jahrzehnte daf\u00fcr ausgegeben habe? Millionen sag ich Ihnen! Mirando hielt den Atem an. Ehrf\u00fcrchtig starrte er auf Escortins goldenen Siegelring an dessen kleinem Finger der linken Hand, der wohl kaum auf einen anderen dieser gewaltigen Pranke gepasst h\u00e4tte. Ah, entfuhr es Mirando und ein Gef\u00fchl in seinem Bauch signalisierte ihm, dass mit diesem Herrn nicht gut Kirschenessen sei. Vor allem aber ahnte er, dass dessen Erfahrungshorizont bez\u00fcglich des offensichtlich verschwenderischen Umgangs mit g\u00e4ngigen Zahlungsmitteln sich mit dem seinen nicht w\u00fcrde decken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mirando reagierte sofort und verfiel in angebrachte Demutshaltung eines Gehaltsempf\u00e4ngers. Alles nur f\u00fcr einen guten Zweck, sagte Escortin gepresst. Man m\u00fcsse solche Sachen kaufen. Es musste einem ja nicht gefallen. Schlie\u00dflich gesch\u00e4he es nicht zuletzt, um einem guten Zweck damit zu dienen. Vor allen Dingen aber meinem \u2013 guten Zweck, f\u00fcgte er hinzu, und lachte dabei verschleimt, hustete auf und schluckte hinunter, um die Cohiba sofort wieder in sein breites Maul zu stecken und dicke Wolken vor sich her zu paffen.<br \/>\nMan sagte, Escortin w\u00e4re einer, der einem behilflich sein k\u00f6nnte, in jeder Lage. Mirando wusste das und er suchte verzweifelt nach einem geeigneten Andockman\u00f6ver an ihn. Schlie\u00dflich standen unmittelbar Wahlen bevor und er w\u00fcrde Geld f\u00fcr seine Kandidatur ben\u00f6tigen, viel Geld. Der Parteivorsitzende hatte ihm den Auftrag erteilt, Escortin an Bord zu ziehen, f\u00fcr die Partei, heute und jetzt, sonst w\u00e4ren seine eigenen Tage wie auch jene Mirandos gez\u00e4hlt. Und dann diese Peinlichkeit. Nicht einmal eine richtige Antwort hatte er auf seine Frage bekommen. So etwas h\u00e4tte er in Festmetern im Keller! Pah! Was er zu diesem Bild sagen w\u00fcrde, wollte er von ihm wissen, sonst nichts. Nein, man musste anders vorgehen, \u00fcberlegte er.<\/p>\n<p>Escortin hatte sich kurzerhand von Mirando abgewandt, als ob er ihn nicht mehr interessierte, sah sich im Ausstellungsraum um und tat, als w\u00e4re er niemandem hier drinnen Rechenschaft dar\u00fcber schuldig, was er gerade dachte, oder mit welchem entsetzlichen Gestank er der hier sonst so sterilen Raumnote seinen individuellen Stempel aufdr\u00fcckte.<br \/>\nDie anwesenden Damen hielten sich angeekelt, doch so unauff\u00e4llig wie nur m\u00f6glich, parf\u00fcmierte Papiertaschent\u00fccher vor ihre gepuderten Nasen in der Hoffnung, dieses grauenhafte Rauchger\u00e4t w\u00fcrde irgendwann einmal von ganz alleine ausgehen. Escortin aber war ein ge\u00fcbter Raucher.<\/p>\n<p>Rembert Mirando hopste nach dieser ersten Dem\u00fctigung wie ein ungeschickter Detektiv hinter ihm her, jedoch immer durch ein paar Schritte Respektabstand von ihm getrennt und lauerte wie ein Luchs darauf, mit Escortin ein neuerliches Gespr\u00e4ch beginnen zu k\u00f6nnen. Aus einer Gruppe schwatzender, aufgedonnerter Gattinnen der hiesigen Oberschicht weniger an den Bildern interessierter Herren l\u00f6ste sich eine Dame mittleren Alters und steuerte direkt auf Escortin zu. Escortins Frau, Anica. Ehemals blond, jedoch professionell nachgef\u00e4rbt, mit kurzer Nutriajacke, offen, Seidenschal um den Hals, den sie in einem fort immer wieder spielerisch um den rechten Mittelfinger ihrer rechten Hand wickelte. Sie rief ihrem Gemahl zu, dass es alle h\u00f6ren konnten, ob ihm das Bild gefiele? Sie f\u00e4nde es faszinierend. Dieses Gr\u00fcn! Also, jenes Bild, wo er eben gestanden h\u00e4tte, w\u00e4re doch bezaubernd! Im Salon w\u00fcrde sich das ausgezeichnet machen, und ob er es kaufen werde? Und ob er schon die anderen gesehen h\u00e4tte? Also, sie w\u00fcrde das gr\u00fcne kaufen. Wer der Herr hinter ihm w\u00e4re, wollte sie von ihrem Hasen wissen? Ob er ihn ihr nicht vorstellen m\u00f6chte? Sie deutete mit ihrem umwickelten Finger hinter sich, gerade auf Mirando, der eben dabei war, seinen Abstand zu Escortin zu verringern.<br \/>\nEscortin sah sich blo\u00df beh\u00e4big um, als w\u00e4re eine Wende seines Kopfes um seine Achse von kaum drei\u00dfig Grad schon wer wei\u00df was f\u00fcr eine sportliche Herausforderung. Das sei der Herr Dingsda, Liebling, aber sie m\u00f6ge ihm verzeihen, er k\u00f6nne sich seinen Namen nicht merken, sagte er. Der junge Mann m\u00f6chte doch einmal n\u00e4her kommen, sagte Escortin, er wolle ihn seiner Frau vorstellen.<br \/>\nMirando folgte der Aufforderung nur z\u00f6gernd. Zuvorkommen reichte er Frau Escortin seine Hand, stets leicht nach vorne geneigt, und wagte kaum, sich aufzurichten. Er pflanzte sich vor ihr auf und nannte artig seinen Namen. Wie? lachte sie, er m\u00f6ge ihn noch einmal sagen, es w\u00e4re so laut hier drinnen. Rembert Mirando stand der Schwei\u00df auf der Oberlippe. Er versuchte es noch einmal. Mirando w\u00e4re sein Name, sagte er diesmal lauter als zuvor und sp\u00fcrte, dass er rote Ohren bekommen hatte, f\u00fcgte jedoch gleich hinzu, sie h\u00e4tte wirklich einen ausgezeichneten Geschmack. Auch der Herr B\u00fcrgermeister hielte das Bild dort f\u00fcr au\u00dferordentlich gelungen. Zu ihrem Gatten gewandt sagte sie, sie h\u00e4tte sofort gef\u00fchlt, dass dieses Bild etwas Besonderes sei. Er w\u00fcrde es doch f\u00fcr sie kaufen? Wo doch gr\u00fcn die Farbe der Saison w\u00e4re, setzte sie hinzu. Dabei zog sie ihre ohnehin im Normalzustand bereits stark zusammengekniffenen Augenlider noch enger zusammen und lachte unangenehm hart heraus, w\u00e4hrend sie mit einem kleinen R\u00f6cheln immer wieder Luft holte, um neuerlich zu diesem klirrend kalten Gel\u00e4chter anzusetzen.<\/p>\n<p>Alle im Raum hatten mitbekommen, worum es gegangen war, und der B\u00fcrgermeister f\u00fchlte sich verpflichtet, da von ihm die Rede gewesen war, zu den dreien hin\u00fcberzugehen. Herr Mirando h\u00e4tte Recht, liebe Frau Escortin, ein gutes Bild, meinte er. Die Gemeinde \u00fcberlege, ob sie es ankaufen solle. Aber sie wisse ja, und er tat eine abf\u00e4llige Geste, man w\u00e4re jetzt mitten in der Krise, sie w\u00fcrde das verstehn? Er lachte kurz auf. Und das w\u00fcrde das W\u00e4hlervolk nicht guthei\u00dfen, jetzt, wo ohnehin alles knapp w\u00e4re, angefangen vom Gas bis zum Geld im eigenen B\u00f6rsel. Und dazu noch die Kurzarbeit! Manche h\u00e4tten gar keine Arbeit mehr. Er k\u00f6nnte ihr sagen, f\u00fcr ihn als B\u00fcrgermeister w\u00e4re das keine leichte Sache. Es w\u00e4re, und das m\u00fcsste man hier einmal dezidiert feststellen, es w\u00e4re ihnen schon einmal wesentlich besser gegangen. Da m\u00fcsse die Kultur auch einmal ein bisserl warten.<\/p>\n<p>Und sein Blick streifte die blasse, d\u00fcnne, schwarzhaarige K\u00fcnstlerin Eva Vanin, in ihrem ausgefallenen, hinten tief ausgeschnittenen bodenlangen Kleid, die mit einer Schar \u00e4lterer Herren, mit denen sie Sekt trank, an einem der kleinen runden Tischchen stand. Einer von ihnen, Direktor Franke, legte liebevoll seinen Arm um ihre kaum vorhandene Taille.<br \/>\nWenn man noch genauer hinsah, lie\u00df sich feststellen, wie seine zittrige Hand Zentimeter um Zentimeter von dort weiter nach unten in Richtung ihres unscheinbaren flachen Pos hinabglitt. Sie lie\u00df es geschehen, rauchte eine Zigarette dabei, und hielt in der anderen Hand locker das Sektglas. Offensichtlich genoss sie die Situation, in der sie sich befand.<\/p>\n<p>Ach, er w\u00e4re der neue Mandatar, sagte Frau Anica Escortin verwundert, und sah Rembert Mirando dabei tief in die Augen. Grad\u2019 vorhin h\u00e4tte der Herr Stadtrat \u00fcber ihn gesprochen. In den h\u00f6chsten T\u00f6nen h\u00e4tte er ihn gelobt, m\u00fcsse er wissen. Er w\u00e4re der neue Wind in der Partei, mit dem es wieder bergauf gehen sollte. Mirando, sonst so schlagfertig, tat etwas verlegen. Ja, so sagte man. So hoffte man, setzte er rasch noch lachend hinzu. Frau Escortin h\u00e4ngte sich bei ihm ein, um ihn bewusst etwas nach der Seite hin zu dr\u00e4ngen. Der B\u00fcrgermeister war mit dem qualmenden Escortin angeregt plaudernd weitergegangen, ohne den \u00fcbrigen Bildern noch weitere Beachtung zu schenken. Was er denn beruflich mache?, fragte Frau Escortin. Er w\u00e4re \u2013 er sei im Stadtkulturamt t\u00e4tig, sagte er schlie\u00dflich. Welche Ausbildung er h\u00e4tte und ob er studiert h\u00e4tte?, bohrte die Escortin weiter. Nein. Es \u2013 w\u00e4re ihm damals nicht m\u00f6glich gewesen, stotterte Mirando. So, es w\u00e4re ihm nicht m\u00f6glich gewesen, das sei interessant. Aber wenn sie ihn \u00fcbermorgen ins Caf\u00e9 Scheer einladen w\u00fcrde, w\u00fcrde es ihm doch m\u00f6glich sein?<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich! V\u00f6llig perplex sagte er zu. Mirando verstand nichts mehr. Er sollte \u2013 mit Frau Escortin? In ein Caf\u00e9? In einer Kleinstadt? Wo alle alles sofort wussten? Unm\u00f6glich. Jetzt wand er sich wie ein Wurm um eine passende Ausrede herum. Aber es fiel ihm keine ein. Eigentlich sollte er hingehen. Wenn sie die Gattin eines einflussreichen Mannes war, warum eigentlich nicht, wenn dieser schon nichts von ihm wissen wollte? Vielleicht f\u00fchrte der Weg nach oben eben \u00fcber Anica Escortin?<\/p>\n<p>Er sah sich ihre in auffallend gl\u00e4nzenden Seidenstr\u00fcmpfen steckenden, etwas st\u00e4rkeren, bananenf\u00f6rmigen Unterschenkel an. Er dachte an ihren feisten, mehr oder weniger festen Hintern und daran, dass sie es wohl sehr gerne machen w\u00fcrde. Vielleicht sogar mit ihm. Und sie war ein Weib, dachte er, ein Weib, nicht so eine Gespensterheuschrecke wie diese \u2013 diese K\u00fcnstlerin dort hinten bei den alten, geilen B\u00f6cken, die ganz bestimmt nicht nur wegen deren Bilder um sie herumstanden, sondern weil sie die Leichtlebigkeit suchten, die sie repr\u00e4sentierte, das Wildhafte, das zum Abschuss Freigegebene.<br \/>\nUnd alle \u2013 alle waren sie doch noch immer ein klein wenig J\u00e4ger geblieben, in ihrem Innersten zumindest, auch wenn sie in geheizten, weich gepolsterten Autos durch die Gegend fuhren, Natur meist nur durch die Windschutzscheiben konsumierten und gewohnt waren, die liebliche Landschaft ausschlie\u00dflich von der Terrasse eines Haubenlandgasthofes aus zu betrachten. Aber man hatte auch irgendwie Angst und einen gewissen Respekt vor dieser Biologie, vor dem Wilden, dem Ungez\u00e4hmten, das in einem selbst jederzeit durchbrechen k\u00f6nnte. Gepaart mit der Vorliebe f\u00fcr fettreiche, s\u00fc\u00dfe, gekochte und fleischhaltige Kost, was ihnen, den einstigen J\u00e4gern und Sammlern, in dieser Form erhalten geblieben war.<br \/>\nVielleicht lag darin der Grund, sich manchmal so v\u00f6llig willenlos dem Fastfood hinzugeben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, wenn sie es w\u00fcnschte, lachte Mirando verlegen, als er seine kleine Abwesenheit bemerkt hatte. Ja, wenn ihr Gatte nichts dagegen h\u00e4tte \u2026 sie sollte ihn nicht falsch verstehen \u2026 Er solle ihren Gatten aus dem Spiel lassen, ja? Das w\u00e4re eine Sache zwischen ihr und ihm, fuhr ihn Frau Escortin beinahe zornig an. Ihren Denis h\u00e4tte das gar nicht zu interessieren. Seine einzige Aufgabe ihr gegen\u00fcber w\u00e4re es einzig und allein, den Versorger zu geben. Und, er solle sich gef\u00e4lligst mehr um seinen Betrieb k\u00fcmmern, das k\u00f6nne er besser.<br \/>\nDabei kniff sie eines ihrer geschlitzten Lider auf und zu in der Hoffnung, Mirando w\u00fcrde verstanden haben. Und er hatte verstanden!<br \/>\nSie und ihr Gatte w\u00e4ren sehr verschieden. Ihr Gerechtigkeitsgef\u00fchl sei \u00e4u\u00dferst ausgepr\u00e4gt, erkl\u00e4rte sie Mirando. Ihres Gatten Status hingegen w\u00e4re ihr ungemein wichtig, und das wiederum w\u00fcrde sich bei ihm in Kauflust niederschlagen, die sie f\u00fcr sich zu nutzen verst\u00fcnde. Man m\u00fcsse immer beide Seiten sehen. Sie lachte schallend. Er sollte sich merken, Menschlichkeit w\u00e4re eine Haltung, wie sollte sie es besser sagen? \u00dcbertrieb man sie, w\u00e4re sie blo\u00df noch ein Werkzeug der Willk\u00fcr wie auch des Gnadenaktes. Und wem n\u00fctzte das schlie\u00dflich? Und jetzt m\u00f6ge er sie bitte entschuldigen. Man s\u00e4he sich demn\u00e4chst, raunte sie Mirando zu, und \u00f6ffnete ihre Sehschlitze so weit wie m\u00f6glich, um sie gleich darauf wieder in ihre alte Position zu bringen, woraufhin sie, trotz ihres nicht allzu geringen Gewichtes, scheinbar schwerelos hin\u00fcber zur Gattinnengruppe schwebte.<\/p>\n<p>Solche Gruppen wurden gew\u00f6hnlich durch gemeinsame Rituale, Mythen und Emotionen zusammengehalten, was ihnen h\u00e4ufig zu einer Art Binnenmoral verhalf, um ihr manchmal so pl\u00f6tzliches, im Grunde oftmals unerkl\u00e4rliches, aggressives Auftreten nach au\u00dfen hin nachhaltig zu unterst\u00fctzen, wenn es darum ging, unerw\u00fcnschte Personen davon abzuhalten, sich zwischen sie zu dr\u00e4ngen, wie es eben jetzt gerade Stefanie Raymundo in ihrer gewohnt selbstbewussten Art versuchte. Stefanie war eine Freundin der K\u00fcnstlerin, vielleicht ein wenig mehr, niemand wusste es so genau und sie war als Besitzerin einer Geschenkboutique bekannt, mehr nicht. Aber h\u00fcbsch war sie, schlank, br\u00fcnett, auffallend anders gekleidet mit einem wippenden H\u00fcftschwung, der auffiel.<\/p>\n<p>Die Gatten und der B\u00fcrgermeister stoppten augenblicklich ihre Debatten und starrten auf die soeben auf die Gruppe der Gattinnen zuschreitende ungew\u00f6hnlich attraktive Gestalt. Die Gruppe begann sich sofort zu formieren, ringf\u00f6rmig, eine Menschenmauer gegen den an Jugend, Elan und Ausstrahlung weit \u00fcberlegenen Feind von au\u00dfen. K\u00f6pfe neigten sich vorn\u00fcber, zusammen, fl\u00fcsterten. H\u00e4nde umschlossen den rechten und linken Partner und hielten zusammen, was mit allen Mitteln zusammengehalten werden musste. Sie w\u00e4re nie in dem Gesch\u00e4ft gewesen, sagte eine der Gattinnen. Oh doch, einmal w\u00e4re sie dort gewesen, sagte eine andere. Sie h\u00e4tte etwas f\u00fcr ihre Nichte gesucht. Einen barockisierten Bilderrahmen habe sie gekauft. Sie w\u00e4re eigentlich ganz nett gewesen, diese Frau Stefanie, habe sie gefunden, meinte eine Dritte bedenkenlos.<\/p>\n<p>Wie auf Kommando standen die Gattinnen mit einem Male wieder gerade und straften die Sprechende mit b\u00f6sen Blicken. Zu der? Da fuhr sie schon eher in die Stadt, als dass sie dort was kaufte, sagte eine andere und blickte vorsichtig \u00fcber ihre eigene Schulter, um zu sehen, wie weit die Eindringende schon vorger\u00fcckt w\u00e4re. Sie w\u00fcrden nie hier im Ort einkaufen. Man w\u00fcrde schon lieber in den Gewerbepark fahren. Dort w\u00e4re man anonymer. Hier w\u00fcrde man doch jeden sofort erkennen. Und wenn man was anh\u00e4tte, was man hier gekauft hatte, w\u00fcsste jeder hier auch gleich, was es gekostet h\u00e4tte. Eben, sagte die erste. Drum kauften sie gar nicht erst hier!<\/p>\n<p>Die kluge Stefanie, auf ihrem Direktkurs hin zur weiblichen Oberschicht der vereinigten Kirchenbankdr\u00fcckerinnen des Ortes, roch den Braten sofort, als sie die Phalanx des Gattinnenkollektivs vor sich formieren sah, und improvisierte klugerweise eine scharfe Linkskurve, in deren Auslaufphase sie direkt auf Rembert Mirando zusteuerte, der schon seit Wochen hinter ihr her war und den sie bis jetzt eigentlich kaum beachtet hatte. Heute aber sollte er Gelegenheit bekommen, sich zu beweisen. Genug dumme Anspielungen hatte sie ja bereits \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen. Erst neulich, als er zwischen zwei Gemeinderatssitzungen so rein zuf\u00e4llig in ihren Laden gekommen war, mit seinem d\u00e4mlichen Grinsen, und sie auf der Leiter gestanden hatte, um einer Kundin eine Vase herunterzureichen, da hatte er gemeint, wenn das \u00dcbrige an ihr auch so zum Anbei\u00dfen auss\u00e4he wie ihre Beine, dann w\u00fcrde er \u00f6fter herkommen, dieser Affe! Aber bitte, wenn er es unbedingt wollte, sollte er hier und jetzt haben, was er brauchte.<\/p>\n<p>Da kam ihr Mirando auch schon s\u00fc\u00dflich anschleimend entgegen und fl\u00f6tete freudig \u00fcberrascht, oh, das Fr\u00e4ulein Stefanie w\u00e4re auch hier! Das sei aber eine \u00dcberraschung. Leider g\u00e4be es keine Leiter hier, die sie besteigen k\u00f6nne, aber ihr aufreizendes Dekollet\u00e9 schiene ihm diesmal ein w\u00fcrdiger Ersatz f\u00fcr die fehlenden \u2026 Stefanie Raymundo fiel ihm sofort unfreundlich ins Wort, indem sie sagte, sie glaube nicht, dass das hier und heute angebracht w\u00e4re, und ob er das nicht auch f\u00e4nde? Auf derartige Anmache w\u00e4re sie \u00fcberhaupt nicht scharf, und ob er verstanden h\u00e4tte, fragte sie gereizt.<br \/>\nDas hatte f\u00fcrs Erste gesessen. Mirando zog den Schwanz ein und blies zum R\u00fcckzug, etwas rot im Gesicht, in welchem sein ewig d\u00e4mliches L\u00e4cheln erstarrt zur\u00fcckgeblieben war. Der B\u00fcrgermeister und der dicke Escortin standen zuf\u00e4llig in ihrer N\u00e4he. Mirando tat einen Schritt n\u00e4her zu ihnen hin. Stefanie Raymundo r\u00fcckte unauff\u00e4llig nach.<br \/>\nSie h\u00e4tten ja schon viele Ausstellungen hier gehabt, begann der B\u00fcrgermeister wichtig, die meisten K\u00fcnstler glauben, sie m\u00fcssten ihre Arbeiten unbedingt der Zeit anpassen. Dadurch gestalteten sie das ganze Theater noch schriller, noch effektvoller, seinetwegen noch multimedialer, wenn man so wollte, dabei h\u00e4tte es das alles schon einmal gegeben, betonte er.<br \/>\nEscortin, dem zur Freude aller endlich die Zigarre ausgegangen war, nickte dazu nur dumpf und starrte auf den Boden. Es schien ihm v\u00f6llig egal zu sein, was K\u00fcnstler so im Allgemeinen alles anstellten, um zu Ruhm zu gelangen. Er war ein Mann des raschen Profits und hatte sich nie mit solch unn\u00fctzen Gedanken abgegeben. Kaufen konnte man vieles, verkaufen auch. Mehr interessierte ihn nicht.<\/p>\n<p>Er f\u00e4nde alles derma\u00dfen \u00fcbertrieben, wenn das Blut so aus den Schusswunden, aus den Knochen und Fleischfetzen brechen w\u00fcrde, wie manche es darstellten. Gott sei Dank k\u00f6nne man das nicht auch noch h\u00f6ren, sonst verst\u00fcnde man hier herinnen vor lauter Br\u00fcllen und Jammern sein eigenes Wort nicht mehr, lachte der B\u00fcrgermeister, begeistert von sich und seinen Ausf\u00fchrungen. Ja, alles w\u00fcrde irgendwie \u2026 so \u2026 verfremdet, ja, verfremdet dargestellt. Er w\u00fcsste auch nicht, wieso, sagte er, und Rembert Mirando nickte eifrig bei jedem Satz, den der B\u00fcrgermeister in den Raum stellte. Aber die Kunst h\u00e4tte auch etwas Kritisches, bemerkte er noch rasch. Der B\u00fcrgermeister sah ihn fragend an. Ja, erg\u00e4nzte Mirando rasch, Galerien und Museen bez\u00f6gen sich neuerdings wieder auf die alten Utopien, (das hatte er irgendwo gelesen) und vor allem auf deren Stars. Man zeige daher international gro\u00dfes Interesse an fr\u00fchen Arbeiten mancher K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen. Und in Krisenzeiten h\u00e4tte kritische Kunst vielleicht wieder so etwas wie Konjunktur erlangt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 15035<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war wieder einmal so weit. Vielleicht noch nicht so schlimm wie damals 1929, aber immerhin. Die Wirtschaftssysteme des raschen Profits waren auf Grund gelaufen, ausgel\u00f6st durch gewagte, verantwortungslose Spekulationen. Nun sollte das gestrandete Schiff wieder flott gemacht werden. 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