{"id":2381,"date":"2015-03-31T11:21:48","date_gmt":"2015-03-31T11:21:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2381"},"modified":"2015-06-09T17:43:47","modified_gmt":"2015-06-09T17:43:47","slug":"herbststurm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2381","title":{"rendered":"Herbststurm"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2381&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2381&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Arno erinnerte sich, es musste im Oktober gewesen sein, als er zusammen mit seiner Frau Constance Freunde in einer Bar in der Innenstadt getroffen hatte. Eine Menge Leute waren um sie herum. Klaus und Marion, deren franz\u00f6sischer Freund Pascal, Elke und Hans, und noch einige Bekannte, die er nicht beim Namen gekannt hatte. Man sa\u00df auf diesen hohen Stahlrohrhockern rund um eine schwere Eichentheke und plauderte angeregt miteinander. Klaus und dieser Pascal unterhielten sich pr\u00e4chtig \u00fcbers Segeln.<br \/>\nEr selbst war etwas gelangweilt, irgendwie war damals nicht sein Tag. Wann war eigentlich jemals sein Tag gewesen?, \u00fcberlegte Arno fieberhaft. Was f\u00fcr eine bl\u00f6de Frage! Auf alle F\u00e4lle brannten ihm tierisch die Augen vom Zigarettenrauch, das wusste er mit Sicherheit und er versuchte, sich an Pascal genauer zu erinnern. Ein h\u00fcbscher Mann, gewiss, schlank, wirklich gute Figur, schwarze, dichte lange Haare. Gesicht braungebrannt. Sein wei\u00dfer Pullover mit Zopfmuster stand in Opposition zur dunklen Gesichtsfarbe. Wer so aussah, brauchte kein Hirn. Bl\u00f6d war nur, dass er offensichtlich auch noch sehr klug war.\u00a0 Ob Constance ihn damals \u2026 ?<\/p>\n<p>Dabei war ihm nicht das Geringste aufgefallen. Und doch! In dieser Bar mussten zwischen ihr und diesem, diesem \u2026 die Grundlagen daf\u00fcr geschaffen worden sein f\u00fcr das, was jetzt ganz offensichtlich Sache war. Sp\u00e4testens da, als jener davon gesprochen hatte, dass man in Paris jetzt h\u00e4ufig Sushi a\u00df, und wo die besten Restaurants daf\u00fcr w\u00e4ren.<br \/>\nWieso war ihm nicht schon damals aufgefallen, dass Constance diesem Kerl mit einer Faszination zugeh\u00f6rt hatte, die ganz einfach \u2026 ach! Nat\u00fcrlich! Und wie sie ihn angestarrt hatte! Als wollte sie ihn an Ort und Stelle vernaschen. Und Arno war sich ganz sicher, dass dieser Zuchthengst gar nicht erst dazu gebracht werden musste, wenn man wusste, wie gut Constance aussah. Wieso hatte dieser Schei\u00dfkerl keinen Respekt vor ihm und seiner langj\u00e4hrigen Ehe mit Constance, fragte sich Arno voll Grimm und der blanke Hass stieg in ihm auf, wie ein Gewitterturm im Juli vor der Heuernte. Hatten die beiden nicht auch noch getanzt? Nat\u00fcrlich, weil er, Arno, zu m\u00fcde war. \u201eMan sollte das Ruder nie aus der Hand geben, richtig! H\u00e4tte ich an diesem Abend \u2026 zu sp\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt wusste er, warum sie so ruppig zu ihm gewesen war, als er sie dr\u00e4ngte, endlich zu gehen. Schlie\u00dflich war der n\u00e4chste Tag ein Arbeitstag. Nat\u00fcrlich! Jetzt wurde ihm alles klar. Schlie\u00dflich war er dann allein nach Hause gegangen. \u201eWas f\u00fcr ein nicht wiedergutzumachender Fehler!\u201c Aber dass es so leicht sein w\u00fcrde? Schlie\u00dflich waren sie beiden seit \u00fcber zehn Jahren verheiratet gewesen und nichts, aber schon gar nichts hatte jemals darauf hingedeutet, dass Constance, die ihm eigentlich immer so durch und durch vergeistigt schien, auf solch animalische Anmache hereinfallen w\u00fcrde.<br \/>\nNie im Leben h\u00e4tte Arno daran gedacht. So konnte man sich t\u00e4uschen!<\/p>\n<p>Am Abend des folgenden Tages \u2026 richtig, sie steckte mit beiden Beinen in ihrer Fu\u00dfbadewanne, vor dem Fernseher, und rasierte sich die Beine mit einer Gr\u00fcndlichkeit, die er so bei ihr zuvor niemals beobachtet hatte. Sie hatte sich Kaffee gemacht und telefonierte eben, als er hereinkam und ganz offensichtlich st\u00f6rte! Jetzt fiel es ihm wieder ein. Diese Blicke, die sie ihm zugeworfen hatte! Beinahe ver\u00e4chtlich, so, als w\u00e4re er f\u00fcr sie gar nicht vorhanden. Er war nicht darauf eingegangen, weil er keinen Grund daf\u00fcr gesehen hatte. Alles schien in Ordnung. Kein Anlass f\u00fcr irgendwelche Hirngespinste. Doch musste zu diesem Zeitpunkt bereits etwas im Busch gewesen sein. Was sie von dem Franzmann wollte, schien ihm jetzt klar.<\/p>\n<p>Heute Morgen, nachdem er vergeblich versucht hatte, Constance telefonisch zu erreichen, hatte er einen Brief von ihr an sich gefunden. Er lag versteckt hinter dem Brotk\u00f6rbchen, und irgendwann, wenn man dieses zur Seite geschoben hatte, musste man eines Tages zwangsl\u00e4ufig darauf sto\u00dfen. Und dieses \u201eirgendwann\u201c war heute. Also \u00f6ffnete er ihn und begann ganz langsam darin zu lesen:\u00a0 <em>Liebling, wenn du diese Zeilen gefunden und gelesen hast, ruf mich bitte nicht gleich an, sondern versuche, mich ganz einfach erst zu verstehen!<\/em><\/p>\n<p>Arno senkte das Blatt und starrte stumm in den Raum. Er, der kaum rauchte, ging in den Vorraum, um nach Zigaretten zu suchen, die dort meist im Schuhregal deponiert waren, wenn \u00fcberhaupt welche da waren. Zum Gl\u00fcck waren welche da. Mit Zeigefinger und Mittelfinger fischte er eine aus der bereits ge\u00f6ffneten Packung und suchte nach einem funktionierenden Feuerzeug. Neben dem Gasherd fand er eines, wer h\u00e4tte das gedacht? Arno z\u00fcndete sie an und blies den Rauch bed\u00e4chtig von sich. Er wagte vorl\u00e4ufig nicht, weiterzulesen, so, wie er es oft bei Finanzamtsbenachrichtigungen tat, damit der Schock \u00fcber die Entt\u00e4uschung etwas zeitverz\u00f6gert blieb.<br \/>\nUm noch Zeit zu gewinnen, denn er wusste, dass dies keine f\u00fcr ihn beruhigende Nachricht sein konnte, ging er zum Schiebeschrank und nahm die einzige, nur noch viertelvolle Flasche Whisky heraus. Er griff sich ein bauchiges Glas und goss langsam ein. Bevor er den ersten Schluck tat, atmete er zun\u00e4chst das starke Aroma tief ein. Dann setzte er das d\u00fcnne Glas an seine schmalen Lippen. Der Whiskey brannte etwas auf der Zunge. An und f\u00fcr sich kein gutes Zeichen f\u00fcr einen \u201eZw\u00f6lfj\u00e4hrigen\u201c. Aber heute sollte man nicht genie\u00dfen, sondern t\u00f6ten! Die Seele bet\u00e4uben und den Schmerz lindern. Arno sp\u00fcrte, wie der Alkohol seine Magenw\u00e4nde w\u00e4rmte und sich sein Bauch entspannte. Er nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. Dann griff er zum Brief, gest\u00fctzt, gefasst, gleichzeitig innerlich unruhig, aufgew\u00fchlt. Was hatte dies alles zu bedeuten?<\/p>\n<p><em>&#8211; Ich kann nicht anders.<\/em><br \/>\n\u201eWas, zum Donnerwetter kann sie nicht anders?\u201c<br \/>\n<em>&#8211; Du musst mich verstehen! Bitte, reg dich nicht auf, mir geht es gut. Ich werde voraussichtlich bis dreiundzwanzigsten bleiben.<\/em><br \/>\n\u201eDreiundzwanzigsten? Das sind\u2026 verdammt, das w\u00e4ren ja \u00fcber drei Wochen! So lange war sie noch nie weg. Sollte doch dieser Schei\u00dftyp aus der Bar \u2026 ich bringe ihn um, diesen Drecksack! Ja, ich erschie\u00dfe ihn. Ich fahre nach Paris und knall ihn ab!\u201c Arno musste sich setzen. Seine Beine wurden schwach. Er rauchte hastiger als zuvor. Die Zigarette war bereits bis an den Filter geraucht. Er d\u00e4mpfte sie in einem Kaffeeuntersetzer aus und nahm einen gro\u00dfen Schluck Whisky, an dem er sich beinahe verschluckte.<\/p>\n<p><em>&#8211; Es hat alles \u00fcberhaupt nicht mit dir zu tun, verstehst du?<\/em><br \/>\n\u201eNein! Das verstehe ich nicht!\u201c, schrie Arno und erschrak vor seiner eigenen Stimme. \u201eWas gibt es daran zu verstehen? Alles klar, oder?\u201c<br \/>\n<em>&#8211; Du bist wunderbar, Liebling.<\/em><br \/>\n\u201eSie will mich blo\u00df verarschen, oder?\u201c, fl\u00fcsterte Arno und raste in den Vorraum um eine zweite Zigarette, die er sich mit zittrigen Fingern ansteckte.<br \/>\n<em>&#8211; Das mit Pascal ist eine ganz andere Geschichte. Es ist eine Sache zwischen uns beiden, ihm und mir, verstehst du?<\/em><br \/>\n\u201eUnd ich bin ein Arschloch, oder?\u201c, schrie Arno aus vollem Halse. \u201eIch habe nichts damit zu tun, du bl\u00f6des St\u00fcck!\u201c, br\u00fcllte er wie von Sinnen und warf sich zu Boden. Das Glas fiel um. Auf dem Teppich breitete sich ein riesiger Fleck aus. \u201eSchei\u00dfe! Schei\u00dfe!\u201c M\u00fchsam rappelte er sich hoch. Sein Herz raste wie verr\u00fcckt. \u201eIch schneid ihm den Schwanz ab!\u201c, tobte er. \u201eIch erschlage ihn. Und sie dazu!\u201c Dann setzte er sich auf die Couch und vergrub sein Gesicht in seine beiden H\u00e4nde, bitterlich schluchzend. Es dauerte eine Weile, bis er sich erholt hatte. Im K\u00fchlschrank waren noch zwei Flaschen Bier. Er stand auf, etwas wackelig, vor Aufregung und wegen des Whiskys, und ging in die K\u00fcche, um eine davon zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><em>&#8211; Ich kann dich nur bitten, zu verstehen. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen. Ich liebe dich. Auf bald!<\/em><br \/>\nArno wurde hei\u00df. Sein Hemdkragen begann ihn zu w\u00fcrgen, sodass er ihn aufriss und der oberste Knopf in weitem Bogen davonflog. Rasch einen Schluck kaltes Bier. \u201eSetz dich!\u201c, befahl er sich selbst, \u201eich bitte dich, setz dich!\u201c, schrie er, \u201ebevor ich einen Blutrausch kriege!\u201c Mit einer raschen Handbewegung griff er zum Telefon.<br \/>\n<em>&#8211; Ruf mich an, wenn es dir nicht gut geht. Sollte ich nicht erreichbar sein, hinterlass mir eine Nachricht. Ich werde dich zur\u00fcckrufen.<\/em><br \/>\n\u201eMistst\u00fcck! Bestialisches, eiskaltes, widerw\u00e4rtiges, ekelhaftes Weibsst\u00fcck! Wie ich dich hasse, ich finde keine Worte! Wie ich euch Weiber hasse und eure ewige Rolle des Schlangenhaften, Verf\u00fchrerischen, und dass ihr sofort alles kriegt, was ihr wollt! Hol euch allesamt der Teufel!\u201c, schrie Arno erneut nach Leibeskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Er w\u00e4hlte Constances Nummer. Nichts! Nur die Sprachbox. Schon wollte er daraufsprechen, dann lie\u00df er das Handy sinken, resigniert, m\u00fcde, ersch\u00f6pft, betrunken.<br \/>\n\u201eDas Ende\u201c, hauchte er, \u201edas \u00fcberleb ich nicht!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Norbert Johannes Prenner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 15034<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arno erinnerte sich, es musste im Oktober gewesen sein, als er zusammen mit seiner Frau Constance Freunde in einer Bar in der Innenstadt getroffen hatte. Eine Menge Leute waren um sie herum. Klaus und Marion, deren franz\u00f6sischer Freund Pascal, Elke und Hans, und noch einige Bekannte, die er nicht beim Namen gekannt hatte. 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