{"id":2370,"date":"2015-03-29T14:09:14","date_gmt":"2015-03-29T14:09:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2370"},"modified":"2024-06-26T07:31:47","modified_gmt":"2024-06-26T07:31:47","slug":"ein-fenster-zur-schrift","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2370","title":{"rendered":"Ein Fenster zur Schrift"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2370&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2370&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ijob 39,16-21 \u201eDie Strau\u00dfenhenne behandelt ihre Jungen hart wie Fremde; war umsonst ihre M\u00fche, es erschreckt sie nicht. Denn Gott lie\u00df sie Weisheit vergessen, gab ihr an Verstand keinen Teil. Im Augenblick aber, wenn sie hochschnellt, verlacht sie das Ross und seinen Reiter. Gabst du dem Ross die Heldenst\u00e4rke, kleidest du mit einer M\u00e4hne seinen Hals? L\u00e4sst du wie Heuschrecken es springen? Furchtbar ist sein stolzes Wiehern. Es scharrt im Tal und freut sich, zieht mit Macht dem Kampf entgegen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>An einem Montagmorgen im nebligen Februar teile ich in der 10. Klasse die Bibeln aus, jene roten Ausgaben der Einheits\u00fcbersetzung, die seit Jahrzehnten im B\u00fccherkeller die Regale belegen. Der Einband ist kaum abgegriffen. Wenig wurden sie aufgeschlagen und selten wurde in ihnen gelesen. Manchmal ist \u201eFuck\u201c sorgf\u00e4ltig mit dickem schwarzem Filzstift \u00fcber die Schnittstelle der Seiten geschrieben. Die Swastika findet man kaum mehr hineingeschmiert. Die Zeit hat sie \u00fcberholt. Phallus-Symbole hingegen erfreuen sich steter Beliebtheit. An einigen Ausgaben ist der Buchr\u00fccken abgerissen. Die Ecken des Kartoneinbands sind gelegentlich umgebogen oder abgeschnitten. Man darf die M\u00fche nicht untersch\u00e4tzen, die derartiges Werkeln den Sch\u00fclern bereitet.<\/p>\n<p>Mir ist heute daran gelegen, in den Antithesen der Bergpredigt zu lesen. Und ich lasse das 5. Kapitel im Matth\u00e4us Evangelium aufschlagen. In den Versen 44 bis 47 hei\u00dft es: \u201eIch aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet f\u00fcr die, die euch verfolgen, damit ihr S\u00f6hne eures Vaters im Himmel werdet; denn er l\u00e4sst seine Sonne aufgehen \u00fcber B\u00f6sen und Guten, und er l\u00e4sst regnen \u00fcber Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr n\u00e4mlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn k\u00f6nnt ihr daf\u00fcr erwarten? Tun das nicht auch die Z\u00f6llner? Und wenn ihr nur eure Br\u00fcder gr\u00fc\u00dft, was tut ihr damit Besonderes?\u201c<\/p>\n<p>Ehe meine Sch\u00fcler diese Stelle finden, die mir schon seit dem Morgengrauen im Kopf rumgeistert, entsteht reichlich Durcheinander: Ist die Bergpredigt im Alten oder im Neuen Testament? Wo ist das Inhaltsverzeichnis? Auf welcher Seite muss ich suchen? Meine Sch\u00fcler haben diese B\u00fccher schon lange nicht mehr in H\u00e4nden gehabt, umso erstaunter und aufgeregter sind sie. W\u00fcst wird hin- und hergebl\u00e4ttert. F\u00fcr Sechzehnj\u00e4hrige im Jahr 2015 ist das in H\u00e4nden halten der Bibel exotisch und altert\u00fcmlich.<br \/>\nDann gibt es einen Aufschrei. Ein Junge ist auf etwas gesto\u00dfen, das Anlass zum Aufschauen und Aufhorchen gibt. Alle Blicke richten sich auf die zweite Reihe links vor mir. Er hat die Bibel ungef\u00e4hr mittig aufgeschlagen und h\u00e4lt mit der linken Hand einen Stapel Bl\u00e4tter hoch, es sind bestimmt gut hundert Seiten, aus denen ein Rechteck von ca. zehn Zentimeter H\u00f6he und f\u00fcnf Zentimeter Breite herausgeschnitten ist. \u201eIch war\u00b4s nicht\u201c, sagt er, w\u00e4hrend er mit vier Fingern durch die \u00d6ffnung greift und den Daumen sch\u00fctzend um den noch verbliebenen Rand legt. Alle lachen und rufen durcheinander: \u201eMensch, zeig her! Hey, echt geil!\u201c Ich schaue wortlos auf das fehlende Rechteck. So etwas ist mir bisher noch nicht untergekommen. Dreist, denke ich! Dabei f\u00e4llt mein Blick auf ein Plakat, das am Schwarzen Brett h\u00e4ngt. \u201eGuantanamo\u201c steht gro\u00df dar\u00fcber. Anl\u00e4sslich eines Referats ist es vor Wochen angefertigt worden und ziert seither die Wand mit\u00a0 grausamen Folterbildern, Tag f\u00fcr Tag meinen Unmut hervorrufend. Wobei meine Sch\u00fcler mir stets aufs Neue sagen, ich sei viel zu zart besaitet. Das ist die Realit\u00e4t und davor d\u00fcrfe man nicht die Augen verschlie\u00dfen. Das mag ja Realit\u00e4t sein, aber ich will sie weder kennen noch im Detail sehen. Deswegen drehe ich das Poster immer um, wenn ich das Klassenzimmer betrete. Heute habe ich es vergessen.<\/p>\n<p>Dann kehrt mein Blick wieder zu dem Loch in der Bibel zur\u00fcck. Mir fehlen immer noch die Worte, aber das Gejohle unter den Jugendlichen dringt wieder an meine Ohren. Ich klatsche in die H\u00e4nde, mahne zur Ruhe und nehme die beschnittene Bibel an mich. Der Junge, der sie entdeckt hat, h\u00e4ndigt sie mir mitleidig l\u00e4chelnd aus und meint tr\u00f6stend: \u201eSie ist von 1980, aus dem letzten Jahrtausend, \u00e4lter als ich.\u201c Klar, nach so vielen Jahren kann man ein Buch getrost ausmustern. Eine neue Bibel kostet nicht mal zehn Euro. Es lohnt nicht, sich aufzuregen.<br \/>\nTrotzdem kann ich nicht anders, als den Schaden eingehend zu betrachten. Der zweispaltig gedruckte Text bildet einen Rahmen um den ungew\u00f6hnlichen Hohlraum. Ein Fenster in der Schrift. Das achtunddrei\u00dfigste Kapitel im Buch Ijob ist betroffen. Das herausgeschnittene Rechteck reicht von der Seite sechshundertelf bis siebenhundertsiebenunddrei\u00dfig. Das Buch der Psalmen sowie das der Sprichw\u00f6rter sind gewisserma\u00dfen ausgeh\u00f6hlt. Ebenso die ersten f\u00fcnf Kapitel im Hohelied. W\u00e4hrend ich mir still den Schaden besehe, schauen mir die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen voll Anteilnahme zu. Das Feixen hat aufgeh\u00f6rt.<br \/>\nEin Packen Schrift ist herausgeschnitten, etwas fehlt, Entscheidendes fehlt, und der umrandende Text ist unlesbar geworden. Die Worte ergeben keinen Sinn mehr. Ich nehme die einhundertf\u00fcnfundzwanzig maltr\u00e4tierten Seiten in die rechte Hand und bef\u00fchle das glatte, hauchd\u00fcnne Papier mit den Fingerkuppen sowie die kaum sp\u00fcrbaren Erhebungen, die der Druck erzeugt hat. Seltsam, so liebevoll habe ich das Innenleben der Bibel noch kaum gestreichelt. Die Schnittfl\u00e4chen am Durchguck sind gestaffelt. Es war bestimmt m\u00fchsam, mit einem Taschenmesser durch all die Seiten zu ritzen. Ich kann mir vorstellen, dass mehrmaliges Ansetzen notwendig war.<br \/>\nJetzt ist in der Bibel ein Geheimfach entstanden, gro\u00df genug, um ein Handy darin zu verstecken, ein flaches Schnapsfl\u00e4schchen, einen Spicker, einen Liebesbrief, Rauschgift, eine geheime Botschaft, eine Abh\u00f6ranlage, \u2026. wobei meine Fantasie bei James Bond angelangt ist.<\/p>\n<p>Die Bibel ist greifbar geworden und das Buch Ijob hat ein Loch bekommen, kein zuf\u00e4lliges von einer B\u00fccherwurmfamilie herausgefressenes, sondern ein sauber herausgeschnittenes. Die betroffenen Schriften sind unlesbar, aber es ist jetzt m\u00f6glich, durch die hindurchzuschauen auf das Hohelied. Im sechsten Kapitel der kleingedruckten wohlfeilen Ausgabe ist zu lesen: \u201eIch geh\u00f6re meinem Geliebten, und er verlangt nach mir.\u201c (Vers11) Diese Aussicht ist nicht zu \u00fcberbieten. Wie gut, dass das Fenster den Blick durch die vielen Seiten ausgerechnet auf diesen Vers lenkt. Der jahrtausendealte Text, m\u00fchsam von klugen Professoren in unsere Sprache \u00fcbersetzt, w\u00e4hrend sie sich bestimmt gr\u00fcbelnd hinter den Ohren kratzten, hat jetzt ein banales l\u00e4cherliches Loch. Kein Wunder, dass die spontane Reaktion der Sch\u00fcler ein schallendes Lachen war.<\/p>\n<p>L\u00e4chelnd klappe ich die Bibel zu, bedecke ihre Scham und berge sie in meiner Tasche.<br \/>\nEs ist nach diesem unvorhergesehenen Zwischenfall nun wirklich an der Zeit, mit den Worten Jesu die Feindesliebe betreffend im Matth\u00e4us Evangelium fortzufahren.<\/p>\n<p>Am Nachmittag lege ich das Buch auf\u00a0 den Tisch in meiner Bibliothek. Liebkosend streichle ich mit den H\u00e4nden dar\u00fcber, h\u00fclle es in ein besticktes Baumwolltuch und fl\u00fcstere ihm zu: \u201eHier bist du sicher. Niemand wird dir etwas zuleide tun.\u201c\u00a0 An meinen Handfl\u00e4chen nehme ich den gleichm\u00e4\u00dfiger und ruhiger werdenden Pulsschlag wahr. Ich glaube, der Bibel fallen die Augen zu. W\u00e4re es ein Wunder nach diesen Aufregungen? Wer wei\u00df, wie lange sie mit der unentdeckten Wunde einsam in einer kalten Kiste zwischen fr\u00f6hlich und entspannt plaudernden Gef\u00e4hrten gelegen hat? Jetzt kann sie sich endlich in den wohlverdienten Schlaf versenken und sich von den Tr\u00e4umen k\u00fcssen lassen. Erleichtert atme ich tief ein und aus. Wie gut, dass ausgerechnet mir heute dieses Buch in die H\u00e4nde gefallen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 15033<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ijob 39,16-21 \u201eDie Strau\u00dfenhenne behandelt ihre Jungen hart wie Fremde; war umsonst ihre M\u00fche, es erschreckt sie nicht. Denn Gott lie\u00df sie Weisheit vergessen, gab ihr an Verstand keinen Teil. 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