{"id":2341,"date":"2015-03-23T16:18:26","date_gmt":"2015-03-23T16:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2341"},"modified":"2015-03-23T16:22:18","modified_gmt":"2015-03-23T16:22:18","slug":"xx-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2341","title":{"rendered":"Naives Tagebuch: Wiener Sud"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2341&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2341&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Naives Tagebuch,<\/p>\n<p>eine wilde und doch plausible Theorie, die mir viele schlaflose N\u00e4chte bereitet hatte und die es jetzt zu beweisen gilt, hat mich nach Wien gef\u00fchrt. Dort sitze ich jetzt im Caf\u00e9 eines namhaften Hotels und warte auf einen fachkundigen Kellner, der mir wom\u00f6glich weiterhelfen kann.<\/p>\n<p>Nach einer schier endlosen und sehr emotionalen Diskussion mit dem Kellner, einer durchaus aufschlussreichen Vorf\u00fchrung mit Handpuppen seitens des Putzpersonals und einem Diavortrag im B\u00fcro des Hoteldirektors, bei dem auch Sippie der Hausmeister anwesend war, bin ich jetzt \u00fcberzeugt, dass es unm\u00f6glich ist, S\u00fc\u00dfspeisen dazu zu bringen, von selbst nachzuwachsen. Obwohl ich meine Theorie von wachsenden Torten nicht best\u00e4tigen konnte, bin ich doch froh, in diesem traditionsreichen Kaffeehaus in Wien gewesen zu sein, denn ich habe hier Freunde f\u00fcrs Leben gewonnen. Sippie erz\u00e4hlte mir sogar sein, wie er sagte, gr\u00f6\u00dftes Geheimnis. Und obwohl ich seiner Behauptung skeptisch gegen\u00fcberstehe, dass er tats\u00e4chlich ganz Wien und Teile von Graz mit einem weit verzweigten Tunnelsystem untergraben hat, finde ich es sch\u00f6n, wenn man mir so viel Vertrauen entgegenbringt. Um alle Zweifel zu zerstreuen, hat er mir sogar angeboten, mich in seine unterirdische Welt mitzunehmen. Ich bin gespannt.<\/p>\n<p>Drei Tage sind vergangen, bis man mich gefunden hat. Das Tunnelsystem stellte sich als Abstellkammer im Keller des Hauses heraus und die Angestellten sagten mir, dass sie von einem gewissen Sippie noch nie etwas geh\u00f6rt h\u00e4tten. So schnell gehen Freundschaften wohl zu Ende. Vielleicht war es die Ruhe in dieser kleinen Kammer, vielleicht auch der Sauerstoffmangel, aber ich f\u00fchle mich wie neugeboren und bin bereit, meine Wienreise fortzusetzen.<\/p>\n<p>Da ich mir die Kosten f\u00fcr eine Unterkunft erspart hatte und sowieso schon in der N\u00e4he war, nahm ich mir die Zeit und besichtigte auch den Stephansdom. Schade nur, dass sich in all den Jahren noch immer keiner die M\u00fche gemacht hat, das Ding endlich fertigzubauen. Beim Eingang geriet ich in eine japanische Reisegruppe. Ich habe mich noch nie in meinen Leben so gro\u00df gef\u00fchlt. Eine \u00e4ltere Frau wich mir w\u00e4hrend der ganzen F\u00fchrung nicht von der Seite und redete immer lauter werdend auf mich ein. Ich glaube, sie wollte mich mit ihrer Tochter verheiraten, es k\u00f6nnte aber auch ein Rezept f\u00fcr eine Bohnensuppe gewesen sein. Sie wurde bei ihrem unverst\u00e4ndlichen Monolog immer aggressiver, sprang mich schlie\u00dflich wutentbrannt an und riss mir b\u00fcschelweise die Haare vom Kopf. Der Mann vom Sicherheitsdienst ben\u00f6tigte drei Dosen Pfefferspray und einen Elektroschocker, um die wildgewordene Frau dazu zu bringen, von mir abzulassen. Trotz des Zwischenfalls lud mich der Reiseleiter ein, beim Gruppenfoto der Reisegruppe dabei zu sein. Ich konnte schlecht ablehnen, da die aggressive Frau neben ihm stand und mich mit ihrem Blick sp\u00fcren lie\u00df, dass sie ein <i>Nein <\/i>nicht akzeptieren w\u00fcrde. Wir tauschten Nummern aus, versprachen uns, in Kontakt zu bleiben und schlie\u00dflich verabschiedete ich mich von meinen asiatischen Freunden, denn ich musste noch meinen Zug erwischen.<\/p>\n<p>Ich verlasse Wien wieder, naives Tagebuch. Ich sitze bereits im Zug, doch f\u00fchle ich mich noch immer unbehaglich, da mir die japanische Touristin bis zum Bahnhof gefolgt ist und mich jetzt durch das Fenster des Zuges hindurch anstarrt. Ich wollte sie ignorieren und auf meinem Handy die Fotos meiner Reise ansehen, doch waren diese von dem Mann, der sich selbst Sippie nennt, gel\u00f6scht und durch Selfies von ihm ersetzt worden. Sollte ich ihm je wieder begegnen, werde ich ihm sagen m\u00fcssen, dass ihm Lippenstift nicht sonderlich steht. Daf\u00fcr sind Freunde schlie\u00dflich da.<\/p>\n<p>Bis bald, naives Tagebuch!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Dominik H\u00f6dl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 15030<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naives Tagebuch, eine wilde und doch plausible Theorie, die mir viele schlaflose N\u00e4chte bereitet hatte und die es jetzt zu beweisen gilt, hat mich nach Wien gef\u00fchrt. Dort sitze ich jetzt im Caf\u00e9 eines namhaften Hotels und warte auf einen fachkundigen Kellner, der mir wom\u00f6glich weiterhelfen kann. 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