{"id":2325,"date":"2015-03-02T10:21:03","date_gmt":"2015-03-02T10:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2325"},"modified":"2015-03-04T08:19:34","modified_gmt":"2015-03-04T08:19:34","slug":"dienst-nach-vorschrift-oder-die-geschichte-der-os","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2325","title":{"rendered":"Dienst nach Vorschrift oder Die Geschichte der \u201eOs\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2325&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2325&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ausgesprochen nerv\u00f6s schien sie zu sein, aber das konnte nur er bemerken, weil er sie sehr gut beobachtet hatte in all den Jahren, seit sie seine Vorgesetzte geworden war. Ihr Businessanzug sa\u00df perfekt, das helle Haar war hochgesteckt und untadelig frisiert worden, darauf achtete sie immer. Eine Abweichung in dieser Hinsicht h\u00e4tte Alarmstufe rot bedeutet. So aber konnte er aus ihren fahrigen Handbewegungen und der hektischen Art, das nun zu Erledigende zu erkl\u00e4ren, schlie\u00dfen, dass die Ampel f\u00fcr sie wohl bereits kurz davor, auf Dunkelorange, stand.<\/p>\n<p>Es war in seinem Verantwortungsbereich schon l\u00e4nger gemunkelt worden, dass die Finanzpr\u00fcfung, die sie in K\u00fcrze zu durchlaufen haben w\u00fcrden, nun besonders gr\u00fcndlich vorgenommen werden w\u00fcrde, von ihnen unbekannten Personen diesmal, und dass die Gesch\u00e4fte mit einer bestimmten osteurop\u00e4ischen Einrichtung wohl besser ungepr\u00fcft bleiben sollten. Irgendjemand hatte Insiderinformationen zugespielt bekommen, die Spekulationen bl\u00fchten.<br \/>\nIhm war es recht, wenn alles vage blieb und er sich nicht \u00e4u\u00dfern musste. Wozu hatte er denn beim Aufstieg auf der Karriereleiter zur\u00fcckhaltend agiert, anderen den Vortritt gelassen und sich selten explizit ge\u00e4u\u00dfert? Er hatte gewusst, warum. Dass das dicke Ende irgendwann kommen musste, war ihm klar. Ihr, seiner Chefin, war das offensichtlich erst in den letzten Tagen zur G\u00e4nze bewusst geworden.<\/p>\n<p>So stand sie nun vor ihm und erl\u00e4uterte kurz, dass jene Dokumente vom Fr\u00fchjahr, die mit einem \u201eO\u201c versehen seien, gesondert behandelt und auf keinen Fall so wie die anderen einfach an die Pr\u00fcfer weitergegeben werden sollten. Vielmehr sollten die \u201eOs\u201c, wie sie diese Dokumente nannte,\u00a0 unwiederbringlich verschwinden. Unleserlich gemacht werden f\u00fcr alle Zeiten. Sonst k\u00e4me das die Firma teuer zu stehen, und einzelne Personen desgleichen. Ob er das verstanden habe?<\/p>\n<p>Und wie er verstanden hatte. Sie war sch\u00f6n, wenn sie aufgeregt war. Er hatte sie immer begehrt. Vielleicht noch mehr, seit er einen unmissverst\u00e4ndlichen Korb von ihr bekommen hatte, damals, zu Beginn ihres Aufstiegs. Sein Kollege hatte mehr Gl\u00fcck gehabt als er, der konnte sich zumindest ein paar Monate ihrer Gunst erfreuen. Soweit er wusste, war danach niemand mehr in den Genuss gekommen, zumindest keiner aus der Firma.<br \/>\nAllerdings h\u00e4tte es wirklich nicht sein m\u00fcssen, dass sie seine per E-Mail erfolgte Essenseinladung vor allen anderen Anwesenden ausgeschlagen hatte, das war kr\u00e4nkend f\u00fcr ihn gewesen. War ihr das nie klar geworden? Zumindest h\u00e4tte sie danach ein bisschen freundlicher sein k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd selbst jetzt, wo er der Einzige war, den sie ins Vertrauen zog bei diesem wichtigen Unterfangen, bem\u00fchte sie sich nicht gerade um ausgesuchte H\u00f6flichkeit.<br \/>\nEgal, er w\u00fcrde seinen Job schon erledigen, das hatte er immer getan. Und das sagte er ihr auch.<br \/>\nSie erwiderte nur kurz, das sei gut so, sie h\u00e4tte mit der L\u00f6schung der elektronischen Daten wahrlich mehr als genug am Hals. Und Abgang.<\/p>\n<p>Kurz darauf ging er ans Werk, schleppte, nachdem die anderen alle gegangen waren, die Stapel mit den Ausdrucken des fraglichen Zeitraums auf seinen Schreibtisch, sortierte gewissenhaft nach \u201eO\u201c-Dokumenten und normalen, bis er zwei sch\u00f6ne Stapel hatte, der \u201eO\u201c-Sto\u00df etwa halb so hoch wie der andere. Die anderen legte er beiseite, dann nahm er sich die \u201eOs\u201c vor.<\/p>\n<p>Der Pr\u00fcfer fand zwei Wochen sp\u00e4ter auf seinem Schreibtisch jede Menge Material vor. Das hatte er schon vorhergesehen und daher die Tage davor Platz geschaffen. Er freute sich auf diesen Fall.<br \/>\nWas immer diese Firma zu verbergen hatte, er w\u00fcrde sich auf dessen Spur begeben. Und dass da etwas war, was er nicht sehen sollte, davon ging er aus.<br \/>\nNach einem Vormittag emsigen Sichtens und Systematisierens lachte der Pr\u00fcfer pl\u00f6tzlich laut auf.<br \/>\nIn H\u00e4nden hielt er ein Dokument, auf dem offensichtlich geschw\u00e4rzt worden war, eine kleine Stelle rechts oben war so unleserlich gemacht worden. Abgesehen davon, dass so etwas jeden Pr\u00fcfer stutzig machen w\u00fcrde, war ihm sofort klar, worauf er da bereits nach dieser kurzen Sichtung gesto\u00dfen war.<br \/>\nDen Rest des Tages suchte er einfach diejenigen Bl\u00e4tter heraus, die Schw\u00e4rzungen zeigten, und der Fall war gel\u00f6st. Fast war er ein bisschen entt\u00e4uscht, dass ihm die allermeiste Arbeit bereits abgenommen worden war.<br \/>\nIrgendjemand hatte es ihm da verdammt einfach gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"drah di ned um \u2026\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um \u2026<\/a>| Inventarnummer: 15029<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgesprochen nerv\u00f6s schien sie zu sein, aber das konnte nur er bemerken, weil er sie sehr gut beobachtet hatte in all den Jahren, seit sie seine Vorgesetzte geworden war. Ihr Businessanzug sa\u00df perfekt, das helle Haar war hochgesteckt und untadelig frisiert worden, darauf achtete sie immer. Eine Abweichung in dieser Hinsicht h\u00e4tte Alarmstufe rot bedeutet. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[73],"class_list":["post-2325","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rosina-carmen","tag-drah-di"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2325","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2325"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2325\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2329,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2325\/revisions\/2329"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2325"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2325"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2325"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}