{"id":2239,"date":"2015-02-15T16:20:56","date_gmt":"2015-02-15T16:20:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2239"},"modified":"2024-06-26T07:31:59","modified_gmt":"2024-06-26T07:31:59","slug":"moritura-te-salutat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2239","title":{"rendered":"Moritura te salutat"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2239&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2239&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Begrabt mich auf einem H\u00fcgel, der sein Gesicht der Sonne entgegenstreckt. Nach meinem Tod will ich soviel Sonne wie m\u00f6glich haben. Merkt euch das gut! Der letzte Wille ist heilig. Vergesst es nicht, ihr Vergesslichen! Sonne brauche ich, um ruhen zu k\u00f6nnen. Sonne, die mich w\u00e4rmt tief unter der Erde. Ich werde mich r\u00e4keln in meinem sch\u00f6nen Kleid, das ihr mir anziehen werdet, wenn es so weit ist.<br \/>\nVergesst auch nicht die Str\u00fcmpfe und die Schuhe. Die Schuhe sind besonders wichtig. Dicke Sohlen m\u00fcssen sie haben. Ich habe verschiedene, die sich eignen: Stiefel, Halbschuhe, hochhackige Sommerschuhe. Ich glaube, die mag ich am liebsten. Ich will mich wohlf\u00fchlen, wenn ich vor das Angesicht meines Sch\u00f6pfers trete. Er soll seine Freude an mir haben. Er soll sehen, dass ich gl\u00fccklich bin, ihm zu begegnen. Ja, ich wei\u00df, dass es nicht so einfach sein wird. Der Weg ins Paradies f\u00fchrt \u00fcber Dornen. Vielleicht sollte ich doch lieber die schwarzen Stiefel mit den Plateausohlen anziehen, die ich in Salzburg gekauft habe. Mann, war das eine verr\u00fcckte Zeit. Zieht sie mir an, wenn ich meinen letzten Weg antreten werde. Sie sind praktisch, und ich werde mir auf\u00a0 meinem Weg durch die Dornen nicht die teuren Str\u00fcmpfe zerrei\u00dfen, obwohl das dann auch schon egal w\u00e4re, aber solche Gedanken habe ich verinnerlicht. Au\u00dferdem kann ich Gott nicht mit Laufmaschen begegnen, das geht gar nicht. Was soll er sich denn von mir denken. Aber sp\u00e4ter m\u00f6chte ich doch gern die Stiefel ausziehen und die hochhackigen italienischen Sommerschuhe tragen, die mit der roten Lederblume am Riemen, die sind elegant und werden Gott gefallen. Ich bin gespannt, wie es sich damit auf den Wolken gehen l\u00e4sst. Aber vielleicht f\u00fchrt mein Weg ja auch \u00fcber den feinpulvrigen Sternenstaub. Dann brauche ich ein Taschentuch, um mir den Staub von den Schuhen zu wischen, wenn ich die Wohnung Gottes, die f\u00fcnfzigste Halle, betreten werde. Vergesst also nicht, mir ein Taschentuch mitzugeben. Das zweite Paar Schuhe brauche ich auch. Vielleicht f\u00fchrt mein Weg \u00fcber den R\u00fccken des Leviathan. Dar\u00fcber ist bestimmt gut zu schreiten. Er wird Acht haben, dass ich nicht strauchle. Sicher wird er mich geleiten.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte, dass ihr mir das graublaue Spitzenkleid anzieht, das mit den kurzen \u00c4rmeln und der Schleife am Dekollet\u00e9. Eine Jacke werde ich nicht brauchen. Bestimmt ist es warm. Ich verlasse mich auf die Sonne. Die N\u00e4gel lackiert ihr mir mit meinem Lieblingsrot. Sie sollen richtig leuchten, genauso wie meine Lippen. Und die Augen schminkt ihr mir auch. Ich m\u00f6chte, dass ihr Blau strahlt. Ja, mit strahlenden Augen will ich meinen Sch\u00f6pfer anschauen. Nehmt bitte meine Worte ernst. Sie sind nicht blo\u00df dahingesagt. Ich will mich auf euch verlassen k\u00f6nnen. Ihr seid meine engsten Vertrauten. Auch ich habe f\u00fcr euch immer gut gesorgt. Versagt mir also diesen Wunsch nicht, sondern trachtet, ihn zu erf\u00fcllen. Ich bitte euch recht herzlich darum. Seid so gut.<\/p>\n<p>Und auf mein Grab legt einen sch\u00f6nen gro\u00dfen Flusskiesel. Ihr werdet schon einen finden, der zu mir passt. Sch\u00f6n geschliffen vom Wasser. Da m\u00fcsst ihr euch ein paar Tage Zeit nehmen und etwas herumfahren, bis ihr einen passenden ausmacht. Das wird dann ein kleiner Urlaub sein, den ihr in Gedanken bei mir verbringt. Wir werden uns ganz nahe sein, so nahe wie schon lange nicht mehr, glaubt mir. Ja, das ist verr\u00fcckt. Wenn man sich in derselben Stube gegen\u00fcbersitzt, ist man oft meilenweit voneinander entfernt, und wenn man weit voneinander ist, vielleicht sogar in anderen Sph\u00e4ren, dann ist man sich ganz nah. Ist das nicht au\u00dferordentlich wunderbar? Erinnert ihr euch noch an die Geschichte meiner Mutter, die die Todesstunde ihres Verlobten im fernen Stalingrad zu nachtschlafender Zeit in ihrem Bett im Bayrischen Wald miterlebt hat. Das sind die wirklich wichtigen Dinge, auf die wir achten m\u00fcssen im Leben. Das gebe ich euch mit auf den Weg und sonst nichts. Versucht gl\u00fccklich zu sein, lauscht auf die leisen Worte hinter den lauten und bewahrt euch den Blick f\u00fcr die wahre Sch\u00f6nheit der Dinge.<\/p>\n<p>In den Flusskiesel lasst ihr meinen Namen gravieren und vergolden, nur den Vornamen, der gen\u00fcgt. Und das Todesdatum und mein Alter. Falls ich \u00fcber neunzig werde, werde ich stolz darauf sein, so lange durchgehalten zu haben, und ich m\u00f6chte, dass es die zuf\u00e4lligen Besucher mit gewissem Erstaunen und Respekt zur Kenntnis nehmen. Alles andere ist ohne Bedeutung. Ich m\u00f6chte nicht auf einem Friedhof liegen, auf dem sonntagnachmittags alte Frauen spazieren gehen und ihren Enkelinnen Geschichten zu den einzelnen Gr\u00e4bern erz\u00e4hlen, die sie erschrecken und ihnen die Lust auf das Leben nehmen. Ich werde meine Ruhe finden auf dem sonnenbeschienenen H\u00fcgel und hoffentlich Frieden haben von all dem Geschw\u00e4tz, das ich selbst auch oft gesucht und gemehrt habe in den Zeiten meiner inneren Unruhe.<\/p>\n<p>So, nun wisst ihr Bescheid, wie ich mir das vorstelle am Ende meiner Tage. Es ist eigentlich ganz einfach, und wenn ich jetzt nach dieser Beschreibung innehalte, beschleicht mich ein seltenes Gl\u00fccksgef\u00fchl. Ich habe die wichtigen Dinge geregelt und kann mich nun dem Leben hingeben. So Gott will, schenkt er mir noch ein paar Jahre, und ich will sie dankbar aus seiner Hand annehmen.<\/p>\n<p>Ach ja, ich habe noch vergessen euch zu sagen, dass ihr auch einen Baum pflanzen m\u00fcsst ans Kopfende meines Hauses f\u00fcr die Ewigkeit. Zuerst dachte ich an eine Birke, weil ich ihre wei\u00dfe Rinde so liebe. Silbrig leuchtet ihr Laub in der Sonne, doch sie braucht soviel Wasser und wird nicht gl\u00fccklich werden an meiner Seite. Dann dachte ich an eine Platane. Sie ist so vornehm. In alten Schlossparks habe ich sie zum ersten Mal gesehen und lieb gewonnen. In ihrem Schatten ist so gut zu ruh\u2019n. Sie befl\u00fcgelt den Geist zu gro\u00dfen Gedanken. Doch sie hat auch so etwas Altes an sich, das mich schwerm\u00fctig macht.<br \/>\nEine Weide w\u00e4re auch sch\u00f6n. Seit meiner Kindheit liebe ich sie. Vom Flussufer kenne ich sie und ihre tiefh\u00e4ngenden \u00c4ste mit den l\u00e4nglichen Bl\u00e4ttern. Beim Schwimmen zog ich mich gern an ihnen hoch und lie\u00df mich anschlie\u00dfend ins Wasser plumpsen. Zu dieser Erinnerung gesellt sich eine ausgesprochene Leichtigkeit, die selten in meinem Leben zu finden ist.<br \/>\nAber an meinem Grab m\u00f6chte ich doch lieber einen exotischen Baum haben. Vor einigen Jahren f\u00fchrte mich eine Sommerreise nach Slowenien. Mein Mann und mein j\u00fcngster Sohn, der damals noch ein Kind war, begleiteten mich, sowie ein befreundetes Paar. Wir suchten ein kleines Dorf, das den Namen Jerusalem tr\u00e4gt und seine Existenz einem erfolgreichen Feldzug gegen die T\u00fcrken\u00a0 verdankt. Inmitten von malerischen Weinbergen liegt es. Stundenlang sind wir im Fr\u00fchsommer durch sie spaziert. An jenes Jerusalem erinnert mich nichts mehr als das Dorfschild, vor dem wir uns gegenseitig fotografiert haben, und eine Malerei mit s\u00e4belschwingenden t\u00fcrkischen Reitern, die alle das F\u00fcrchten lehrten. Aber ein ausladender m\u00e4chtiger Baum taucht noch vor meiner Erinnerung auf. Er stand auf einem H\u00fcgel und steht bestimmt immer noch dort. Wer w\u00fcrde die Dreistigkeit besitzen, einen derart majest\u00e4tischen Baum umzuschneiden. Jahrhunderte wird er gebraucht haben, um so gro\u00df zu werden und sein Bl\u00e4tterdach zu entfalten. Wir n\u00e4herten uns vom Tal kommend auf der Landstra\u00dfe und hatten jenen Baum als Ziel. Keiner von uns hatte jemals so einen Baum gesehen, und wir r\u00e4tselten, was es f\u00fcr einer sein k\u00f6nnte. Erst als wir unter der m\u00e4chtigen Krone standen und den dicken Stamm vor Augen hatten, die Bl\u00e4tter und die wundersch\u00f6nen Bl\u00fcten bestaunen konnten, erkannten wir die Esskastanie, den Maroni-Baum.<br \/>\nIch glaube, so einen Baum solltet ihr an mein Grab pflanzen. Der passt zu mir. Das hei\u00dft aber auch, ihr m\u00fcsst\u00a0 mich an einem Ort bestatten, an dem dieser Baum wachsen kann. Das wird sich nat\u00fcrlich etwas schwierig gestalten, aber euch wird schon etwas einfallen. Da vertraue ich nun ganz auf euren Einfallsreichtum. Ich gebe zu, das wird ein Gescherr geben, aber das kann ich euch nicht ersparen. Daf\u00fcr habt ihr dann auch eure Ruhe von mir. Wenigstens f\u00fcr einige Zeit, bis wir uns dereinst wiedersehen werden in der anderen Welt.<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir aber nun noch etwas ein. Rote Rosen solltet ihr auch pflanzen, die sich am Stamm hochranken. Ein Rubinrot stelle ich mir vor. Wenn sich die Sonne darin bricht, wird es wie Blut leuchten, und ich werde meine Augen vom ewigen Licht losrei\u00dfen und mich an dem samtenen Licht der Endlichkeit erfreuen und in Gedanken bei euch sein. Wir werden uns begegnen k\u00f6nnen, und darauf freue ich mich. Also pflanzt auch noch den Rosenstock und dann lasst mir meine Ruhe. Ich sehe euch schon in einem Weinkeller einkehren und \u00fcber mich schimpfen, weil ich euch soviel M\u00fche gemacht habe. Aber das sehe ich gerne. Glaubt mir, ich werde von meiner neuen Wohnung aus \u00fcber euch schmunzeln. Bestellt euch reichlich Wein, seid fr\u00f6hlich und lacht. Ich labe mich jetzt schon an dem Bild. Die fr\u00f6hlichen Tage k\u00f6nnen im Leben nicht zahlreich genug sein, darum nehmt sie so, wie sie euch begegnen. Nehmt sie aus der Hand eures Sch\u00f6pfers und genie\u00dft sie. Hinterfragt sie nicht. Sie sind das Beste, was euch passieren kann.<\/p>\n<p>Jetzt habe ich aber in der Tat mehr als genug \u00fcber die letzten Dinge gesprochen. Es wird Zeit, dass ich mich dem Leben zuwende.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a> | Inventarnummer: 15027<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begrabt mich auf einem H\u00fcgel, der sein Gesicht der Sonne entgegenstreckt. Nach meinem Tod will ich soviel Sonne wie m\u00f6glich haben. Merkt euch das gut! Der letzte Wille ist heilig. Vergesst es nicht, ihr Vergesslichen! Sonne brauche ich, um ruhen zu k\u00f6nnen. Sonne, die mich w\u00e4rmt tief unter der Erde. 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