{"id":2236,"date":"2015-02-15T16:12:58","date_gmt":"2015-02-15T16:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2236"},"modified":"2024-06-26T07:32:11","modified_gmt":"2024-06-26T07:32:11","slug":"besuch-in-der-regensburger-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2236","title":{"rendered":"Was bleibt. Besuch in der Regensburger Synagoge"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2236&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2236&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Sp\u00e4ter sollte sich herausstellen, dass es die letzte Begegnung mit Dr. Andreas Angerstorfer war. Im darauffolgenden Juli wurde er tot in der Toilette der theologischen Fakult\u00e4t aufgefunden.<\/em><\/p>\n<p>Es ist ein Apriltag im Jahr 1942. Es ist nicht der 1. April und das, was geschieht, ist wahrlich kein Scherz. Ein Zug von M\u00e4nnern bewegt sich durch die Maximilian Stra\u00dfe, sie gehen auf der Fahrbahn in Richtung Bahnhof. Die Standarte des Begr\u00e4bnisvereins wird von einem jungen Burschen vorausgetragen, nicht freiwillig. Er wurde genauso wie alle anderen gezwungen, an diesem traurigen Marsch teilzunehmen. Aber sie f\u00fchren keinen Verstorbenen mit sich. Es handelt sich um kein Begr\u00e4bnis. Die M\u00e4nner richten den Blick besch\u00e4mt zu Boden. Sie gehen, setzen Schritt vor Schritt und wollen da nicht hin, wohin sie der Weg f\u00fchrt.<br \/>\nDie B\u00fcrgersteige links und rechts sind dicht bev\u00f6lkert. Schulkinder, M\u00e4nner und Frauen. An einem Donnerstagvormittag ist schulfrei und offensichtlich auch arbeitsfrei. Alle nehmen sich Zeit, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Auch die Fenster im ersten Stock der anrainenden H\u00e4user sind mit Schaulustigen besetzt, von denen sich sp\u00e4ter niemand mehr an den traurigen Marsch erinnern wird. Zum Zeitpunkt des Fotos aber sind alle noch interessiert an dem, was passiert. Sie wollen es mitbekommen, sonst h\u00e4tten sie sich in die hintersten Winkel ihrer Wohnungen verzogen und die Bettdecke \u00fcber den Kopf gezogen, um nicht nur nichts von diesem Auszug der Juden aus ihrer Stadt zu sehen, sondern auch die begleitenden Ger\u00e4usche nicht h\u00f6ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Hat man Derartiges einmal durch Augen und Ohren in sein Innerstes gelassen, so plagt es einen ein Leben lang und l\u00e4sst sich nicht mehr absch\u00fctteln. Man muss die Erinnerung daran bek\u00e4mpfen, sie unterdr\u00fccken, leugnen, tottrampeln und hartn\u00e4ckig behaupten, nichts geh\u00f6rt und gesehen zu haben, sonst lassen einen diese Bilder und Ger\u00e4usche nicht in Ruh. Ist das die Rache der Sensationslust? Tatsache ist, dass die Wenigsten zu ihrer Erinnerung stehen. Leugnen scheint einfacher zu sein, aber es scheint nur so.<\/p>\n<p>Es gibt auch Uniformierte, die den Zug der M\u00e4nner mit den gesenkten K\u00f6pfen begleiten. Sie sind an diesem Tag in der Rolle der St\u00e4rkeren und vermeintlichen Sieger. An diesem Tag und einer Reihe von anderen Tagen. Sie feixen und grinsen schadenfroh. Sie weiden sich am Leid, an der Scham, am Ungl\u00fcck der anderen. Es werden noch viele Tage folgen, dreimal dreihundertf\u00fcnfundsechzig ungef\u00e4hr, an denen ihnen das tr\u00fcgerische Gl\u00fcck hold zu sein scheint. Die schmucke Uniform, die Braunhemden und die Halst\u00fccher werden sich abn\u00fctzen, aber auch das Feixen wird ihnen vergehen und ihre grinsenden Grimassen werden sich in Leidensmienen verzerren, die vort\u00e4uschen wollen, Opfer statt T\u00e4ter zu sein. &#8211; Aber das ist an jenem 2. April noch nicht abzusehen.<\/p>\n<p>Die erhaltenen zehn Fotos, allesamt Auftragswerke, sind heute Zeitdokumente. Auf Befehl der NSDAP Kreisleitung wurde dieser Schandmarsch auf Zelluloid gebannt. Stolz hielt man fest, wie siegreich und tapfer die moderne Zeit mit den Juden fertig wird und sie zum G\u00fcterbahnhof treibt. Den M\u00e4nnern mit den gesenkten K\u00f6pfen ist es peinlich, fotografiert zu werden. Ihnen steht die Dem\u00fctigung ins Gesicht geschrieben. Sie haben M\u00fche, Haltung zu bewahren. Was wird ihnen zugerufen? Die Fotos erz\u00e4hlen davon nichts. &#8211; Gott sei Dank, wer k\u00f6nnte es ertragen zu h\u00f6ren? Die Ahnung davon reicht schon aus, um einen erschaudern zu lassen. In den K\u00f6pfen dieser M\u00e4nner \u00fcberschlagen sich die b\u00f6sen Ahnungen, die Erinnerungen, die Bem\u00fchungen, Haltung und W\u00fcrde zu bewahren. Gibt es noch ein Entrinnen? L\u00e4sst Gott ein Wunder geschehen?<\/p>\n<p>Es ist ein Tag im April, vermutlich k\u00fcndigte sich der Fr\u00fchling schon an. Der Rabbiner, ein stattlicher, schlanker gro\u00dfer Herr tr\u00e4gt einen gut geschnittenen Mantel. Er schreitet aufrecht vorbei. Ein schwerer Weg ist ihm zu gehen beschieden. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass ihm noch die Flucht nach London gelang, doch dort fand er bei einem Luftangriff den Tod.<br \/>\nNeben ihm geht ein j\u00fcngerer Herr, um die vierzig. An seinen Namen erinnert sich niemand mehr. Wer wei\u00df, was ihn noch alles erwartet hat? Er ist am 2. April 1942 frisch rasiert und das Gesicht mit seinen klaren sympathischen Z\u00fcgen konnte sicher auch lachen und andere zum Lachen bringen. Ein feiner zur\u00fcckhaltender Mann, der gut gekleidet ist und aufrecht vor sich hin schreitet, der sein Schicksal annimmt an diesem Tag, der die Augen von der Kamera abwendet und lieber ins Unbestimmbare blickt. Oft und lange betrachte ich diesen Unbekannten nun schon auf dem Foto. Immer habe ich es bedauert, seine Augen nicht sehen zu k\u00f6nnen. &#8211; Jetzt bin ich mir sicher, dass es besser so ist. Bestimmt w\u00fcrden diese Augen sich so in den Blick des Betrachters eingraben, dass ich die Trauer und Angst nicht ertragen und nicht mehr loswerden k\u00f6nnte. Die Ahnung davon ist schon zu viel. Ich will mich nicht in weitere Gedanken versteigen. Es ist doch so vieles, was bleibt, was den Blick \u00f6ffnet, die Erinnerung bewahrt und eine Begegnung erm\u00f6glicht.<br \/>\nAuch wenn es nur ein Foto ist, das verblasst. An die Namen der abgebildeten Menschen erinnert sich schon jetzt niemand mehr. Es findet dennoch Einlass durch meine Augen und f\u00e4ngt dort wieder zu leben an.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"> <em>Zum ersten Todestag von Anderl, meinem Hebr\u00e4ischlehrer, der meinen Blick f\u00fcr so manches gesch\u00e4rft hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 15026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4ter sollte sich herausstellen, dass es die letzte Begegnung mit Dr. Andreas Angerstorfer war. Im darauffolgenden Juli wurde er tot in der Toilette der theologischen Fakult\u00e4t aufgefunden. Es ist ein Apriltag im Jahr 1942. Es ist nicht der 1. April und das, was geschieht, ist wahrlich kein Scherz. Ein Zug von M\u00e4nnern bewegt sich durch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[17],"class_list":["post-2236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kellnhofer-claudia","tag-think-it-over"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2236"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18344,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2236\/revisions\/18344"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}