{"id":2229,"date":"2015-02-15T15:50:32","date_gmt":"2015-02-15T15:50:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2229"},"modified":"2024-06-26T07:32:29","modified_gmt":"2024-06-26T07:32:29","slug":"maria","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2229","title":{"rendered":"Maria"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2229&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2229&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Maria ist ein Mensch, der mit den Augen spricht. Warm schauen sie einen an, dunkle Augen aus dunklen H\u00f6hlen. Sie legen sich auf einen und bringen W\u00e4rme und Ruhe. Alle Freude und alles Gl\u00fcck, die Maria ein Leben lang in sich gesammelt hat, und die oft unbarmherzig zur\u00fcckgeschleudert wurden, wenn sie sie geben, schenken wollte, sie haben sich nicht in Gram und Widerborstigkeit verwandelt. Maria hat die zur\u00fcckgeschlagenen Wogen, die sich wie nasse, schmutzige Putzlappen um sie legten, sie einh\u00fcllten und fesselten, nach einer Schrecksekunde, die sich oft unendlich lang ausdehnte, immer wieder eingesammelt, ausgewrungen und verwandelt in sich aufgenommen. Das kostet mehr Kraft, als die meisten Menschen aufbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich habe Maria kennengelernt, als sie um die sechzig war. Eine aufrechte Frau mit eben diesen sprechenden Augen, die so viel wissen und so viel schenken k\u00f6nnen, wenn man sie nur l\u00e4sst. Leider sind sprechende Augen stumm und machen nicht lautstark auf sich aufmerksam. Sie warten und legen den Blick auf so vieles, was den meisten in ihrer Gesch\u00e4ftigkeit entgeht. Marias Augen ruhen still und unmerklich l\u00e4chelnd auf ihrem Gegen\u00fcber. Sie sind bereit, alles einzulassen, was nun kommt. Es sind neugierige Augen, die ob all der Widrigkeiten nicht m\u00fcde geworden sind, mit Spannung das zu suchen, was bereitsteht, was ihrer Eigent\u00fcmerin zugedacht ist, sei es so oder so.<br \/>\nIch versuche mir vorzustellen, was im Laufe von Jahrzehnten an ein derart aufmerksames Augenpaar anklopft. Unkompliziert hat Maria allem Einlass gew\u00e4hrt, selbst wenn sie wusste, dass ihre Gastfreundschaft mit Kummer verbunden sein wird. Reicht\u00fcmer haben sich leise im Verborgenen angesammelt.<\/p>\n<p>Wenn mich Maria anschaut, wird mir gleich wohler ums Herz. Seltsam, wie das geschehen kann. Eine stille Frau, die den Frieden, den sie im Laufe eines langen und beschwerlichen Lebens gefunden hat, gern und mit offenen H\u00e4nden an jeden weitergibt, der seiner bedarf. Sie hat gelernt, die Unaufmerksamkeit hinzunehmen, die Interesselosigkeit abgleiten zu lassen und, was mir am Erstaunlichsten erscheint, sie hat keine Bitterkeit angesammelt. Immer wieder begegnet sie allen mit Freundlichkeit, mit einem L\u00e4cheln.<br \/>\nUnsere Augen hatten sich schon lange getroffen, aber trotzdem hat es noch einmal lange gedauert, bis wir zueinandergefunden haben.<\/p>\n<p>Einige Male durfte ich das Strahlen deiner Augen erleben. Es galt mir, nur mir und ich konnte es gar nicht fassen, dass du dich so freust, mich zu sehen. Du gehst auf mich zu und richtest dich auf und umarmst mich und dann blicken mich deine Augen an, aus denen alle W\u00e4rme und alles Gl\u00fcck der Welt strahlen. Was braucht es mehr, was kann es mehr geben?<br \/>\nAber dein Blick verunsichert mich. Versch\u00e4mt weichen meine Augen aus. Ich bin nicht daran gew\u00f6hnt, so herzlich begr\u00fc\u00dft zu werden. Aus Marias Augen str\u00f6men nicht nur die Welten und Zeiten, sondern auch die sieben Himmel. Ich sp\u00fcre es, ich die J\u00fcngere, die Fremde und doch so Vertraute. Maria, dein Herz ist so \u00fcbervoll, in dir wohnt so viel Liebe, die die Menschen nicht zulassen k\u00f6nnen und aufnehmen wollen. Sie haben Angst, dir in die Augen zu schauen. So wird das wohl sein.<\/p>\n<p>Jetzt bist du \u00fcber siebzig und gehst schwer. Dein R\u00fccken ist krumm und jeder Schritt bereitet dir Schmerzen. Es ist ein Kreuz. Kein Wunder, irgendwo lagern sich die Entt\u00e4uschungen und R\u00fcckschl\u00e4ge im wahrsten Sinne des Wortes auch im K\u00f6rper ab. Du schleppst tagt\u00e4glich dein ganzes Leben mit dir herum und oft wird es dir zu schwer. Wen wundert es?<br \/>\nAls Kind musstest du die b\u00f6hmische Heimat verlassen. Zum ersten von vielen Malen lerntest du damals bereits, das Vertraute und Sch\u00f6ne zur\u00fcckzulassen. Nein, nicht zur\u00fcckzulassen, sondern im Herzen zu bewahren. Ja, du hast es in dich aufgesogen, so wie all das Sp\u00e4tere, die Zur\u00fcckweisungen, Trennungen und Entt\u00e4uschungen, die Entbehrungen, die Sorgen, den Kummer und die Schmerzen. Du geh\u00f6rst du den Menschen, die die Kraft haben, all das zu verwandeln. Deine Augen sprechen von den Perlen, die du im Laufe deines Lebens in dir angesammelt hast. Aus all dem Ballast hast du sie m\u00fchselig herausgefiltert. Dein R\u00fccken hat sich gebeugt, aber dein Blick ist klar und ruht auf denen, die ihn zulassen k\u00f6nnen, die ihn aushalten. Je l\u00e4nger ich dich kenne, umso vertrauter wird mir dein Blick, der mich umarmt und getrost ankommen l\u00e4sst in deiner N\u00e4he.<\/p>\n<p>Schon bei der ersten Begegnung hast du mich fasziniert. Wir sind beim Studium der hebr\u00e4ischen Buchstaben aufeinander aufmerksam geworden. Ich habe sofort gemerkt, dass du so viel wei\u00dft, und dass sich in dir so viel von jenem Wissen zu einem Ganzen f\u00fcgt, wenn es dir auch nicht verg\u00f6nnt ist, es in Worte zu fassen. Du wusstest Zusammenh\u00e4nge zu erkennen, die mir verschlossen sind. Besch\u00e4mt in meiner Unkenntnis senkte ich damals den Blick. Jetzt, Jahre sp\u00e4ter, \u00f6ffne ich meine Augen, um in deine zu schauen und darin all das zu erahnen, was nicht zu verstehen, sondern nur zu begreifen ist. Wir sind uns vertraut geworden und erz\u00e4hlten uns von diesem und jenem. Einmal hast du gesagt: Ich glaube, du erz\u00e4hlst mir mein Leben. Ist unser Weg so \u00e4hnlich?<\/p>\n<p>Ich denke, in dir ist sich alles recht geworden. In dir ist eine Ordnung entstanden, und die Entdeckung des Hebr\u00e4ischen hat das mitbewirkt. Der Himmel hat dir einen fl\u00fcchtigen Einblick gew\u00e4hrt, der dich tr\u00e4gt. Du ahnst, wie sich dort alles f\u00fcgt und wie du gehalten und gest\u00fctzt wirst, selbst wenn du zu st\u00fcrzen meinst und jeder Schritt im Hier dir zu Qual wird. Du bist ganz geworden im Lauf deines Lebens. Du lebst in Frieden, wenn man dich l\u00e4sst. Die Tiere sind dir zugetan. In ihnen entdeckst du vielleicht das, was den Menschen abhandengekommen ist, was du bei ihnen vermisst, was du oft vergeblich gesucht hast.<\/p>\n<p>Wenn deine Augen zu mir sprechen, kann ich mich setzen und ruhen und alles drumherum wird unwichtig. So etwas k\u00f6nnen nur Augen ausrichten, in denen der Ozean ein Zuhause gefunden hat, aber nicht der blaue, der kalte, sondern der warme, der ewige.<br \/>\nMaria, deinem Namen m\u00fcsste noch ein M zugef\u00fcgt werden, damit er ganz wird, abgeschlossen und abgeschirmt gegen Verletzungen, rund. Mariam, das glaube ich, ist dein wirklicher Name.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\"><strong>Anmerkung:<\/strong> marjam (hebr. mar-bitter; majim-Wasser) Wasser steht f\u00fcr die Zeit, der im Hier und Jetzt alles unterworfen ist. So wie Mose mit dem Binsenk\u00f6rbchen ins Wasser gelegt worden ist, ist sein Schicksal bestimmt worden, seinen Part in der Welt zu spielen. Er musste sich auf die Welt einlassen und alles auf sich nehmen. Seine Schwester hei\u00dft ja Mirjam und wird ihm immer wieder helfend zur Seite gestellt. So wie den Frauen aus biblischer Sicht die Aufgabe zukommt, die irdischen Belange zu l\u00f6sen, um dem Himmlischen zum Durchbruch zu verhelfen.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Vor einem Jahr ist Maria verstorben. Ich habe aber oft das Gef\u00fchl, dass sie mir nahe ist, sich um mich k\u00fcmmert. Ich bin so dankbar, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.<\/em><br \/>\n<em>18. Februar 2015<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0 | Inventarnummer: 15025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maria ist ein Mensch, der mit den Augen spricht. Warm schauen sie einen an, dunkle Augen aus dunklen H\u00f6hlen. Sie legen sich auf einen und bringen W\u00e4rme und Ruhe. 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