{"id":2132,"date":"2015-01-18T18:18:59","date_gmt":"2015-01-18T18:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2132"},"modified":"2024-06-26T07:32:53","modified_gmt":"2024-06-26T07:32:53","slug":"eine-von-vielen-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2132","title":{"rendered":"Eine von vielen Geschichten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2132&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2132&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>In mir wohnen viele Geschichten. Manche wollen gestaltlos im Verborgenen bleiben, andere verlassen zu Worten geformt den Mund und hangeln sich von den Lippen zu den Ohren, um eingelassen zu werden, wieder andere dr\u00e4ngen zur Hand, um aufgeschrieben zu werden, und warten auf ein Paar Augen, das sie aufnimmt, bewahrt und vielleicht verwandelt. Manchmal hat eine Geschichte die Kraft zu verwandeln.<br \/>\nAuf jeden Fall setzt sich unser Leben aus vielen Geschichten zusammen, aus solchen, die wir selbst erleben, aber haupts\u00e4chlich aus tradierten. Es ist wichtig, Geschichten weiterzugeben.<\/p>\n<p>Kurz vor dem dreiundzwanzigsten Geburtstag meiner Mutter, sie schlief im Dachgescho\u00df ihres Elternhauses, wurde sie durch ein pfeifendes Ger\u00e4usch geweckt, das den Himmel durchschnitt. Sie schreckte auf und war im Nu hellwach. Dem scharfen Pfeifen folgte ein dumpfer Knall. Sie glaubte, etwas aus Metall sei auf das Ziegeldach unmittelbar \u00fcber ihr gefallen und rolle nun nach unten. So pl\u00f6tzlich, wie alles gekommen war, so pl\u00f6tzlich h\u00f6rte auch alles wieder auf. Es war eine angsteinfl\u00f6\u00dfende Situation. Eine Situation, die das F\u00fcrchten lehrt. Es war stockdunkel und die Januark\u00e4lte hatte es sich gem\u00fctlich gemacht. Meine Mutter, die damals noch nicht meine Mutter war, schaute zur Seite und sah, dass ihre um drei Jahre j\u00fcngere Schwester ebenfalls wach war. Wortlos lauschten sie in die Finsternis hinein, aber nichts folgte mehr.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen schauten sie im Hof nach, suchten mit den Augen auf dem Dach des eingescho\u00dfigen Hauses und fanden nichts, was das Ger\u00e4usch der Nacht erkl\u00e4rt h\u00e4tte.<br \/>\nWenige Tage sp\u00e4ter erfuhr meine Mutter aus dem runden Lautsprecher des Volksempf\u00e4ngers, dass im fernen Russland eine grausige Schlacht gefochten worden war, und sie erahnte den noch grausigeren Ausgang.<br \/>\nVon Stalingrad kam keine Post, nicht in den n\u00e4chsten Tagen, auch nicht in den n\u00e4chsten Wochen und schon gar nicht in den n\u00e4chsten Monaten. Auch in den folgenden sechzig Jahren und mehr kam kein Lebenszeichen mehr vom Fritz. Ich wei\u00df nicht, wie lange meine Mutter gehofft hat.<\/p>\n<p>Sein Foto hat sie mir oft gezeigt, ein postkartengro\u00dfes Schwarzwei\u00df-Bild, das einen schneidigen Soldaten zeigte, mit fescher Uniform und klaren Gesichtsz\u00fcgen, voller Mut und Tatendrang. Sie hatte ihm mit Feldpost einen warmen Pullover geschickt und eine M\u00fctze, die das ganze Gesicht gegen die russische K\u00e4lte sch\u00fctzen sollte und nur die Augen aussparte, nat\u00fcrlich selbst gestrickt.<br \/>\nNeben dem Foto hatte sie von ihm noch einen Ring aus arabischem Altsilber, wie sie immer sagte. Eine Hand zierte den Ring, den sie mir schenkte. Ich lie\u00df ihn gr\u00f6\u00dfer machen, um ihn tragen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMeiner Mutter war er zeitlebens zu klein. Es war ihr nie ein Anliegen, ihn an den Finger zu stecken. Ich hingegen trug ihn gern, weil mich die Geschichte, die mit ihm verbunden war, die aber eigentlich nichts mit mir zu tun hatte, faszinierte. Eines Tages kam mir der Ring abhanden und es bleibt mir nur noch die Geschichte.<\/p>\n<p>Seitdem ich mich mit dem Hebr\u00e4ischen besch\u00e4ftige, hat die Hand, die Chamsa, f\u00fcr mich eine besondere Bedeutung bekommen. Stellt sie doch das Verh\u00e4ltnis eins zu vier dar, zwischen Daumen und restlichen Fingern. In der Tora kommt das gleiche Verh\u00e4ltnis zwischen dem Buch BeReschit und den weiteren Vieren zum Ausdruck. Gott steht der Welt und den Menschen gegen\u00fcber. Ich denke, dass jener Ring mir schon vor langer Zeit die Botschaft brachte, die f\u00fcr mein Leben wichtig ist. Damals war ich auf unbestimmte Art davon ber\u00fchrt, schloss den Ring in mein Herz. Im Lauf von vielen Jahren erschloss sich mir ein Zusammenhang und nun, nachdem der Ring leider wieder weg ist, beginnt die Geschichte in mir zu leben.<\/p>\n<p>Noch etwas gibt es, was die traurige Liebesgeschichte \u00fcberdauert. Fritz war Schreiner gewesen und hatte ein Holzbrett in Form eines Schweins ausgeschnitten und meiner Mutter zum Geschenk gemacht.<br \/>\nJahrzehnte lang wurde es in unserem Haushalt ben\u00fctzt und lag auf der Ablage im Buffet. Irgendwann, als die Vergangenheit keine Rolle mehr spielte, ben\u00fctzte mein Vater das Schwein als Vorlage f\u00fcr weitere Bretter. So findet sich auch in meiner K\u00fcche eines, das inzwischen von meinem Sohn Sebastian, der auch Schreiner ist, erneut als Vorlage f\u00fcr weitere verwendet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>\u00a0 | Inventarnummer: 15015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In mir wohnen viele Geschichten. Manche wollen gestaltlos im Verborgenen bleiben, andere verlassen zu Worten geformt den Mund und hangeln sich von den Lippen zu den Ohren, um eingelassen zu werden, wieder andere dr\u00e4ngen zur Hand, um aufgeschrieben zu werden, und warten auf ein Paar Augen, das sie aufnimmt, bewahrt und vielleicht verwandelt. Manchmal hat [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[11],"class_list":["post-2132","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kellnhofer-claudia","tag-es-menschelt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2132"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18347,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2132\/revisions\/18347"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}