{"id":2127,"date":"2015-01-18T18:03:52","date_gmt":"2015-01-18T18:03:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2127"},"modified":"2024-06-26T07:33:11","modified_gmt":"2024-06-26T07:33:11","slug":"ratzenkopf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2127","title":{"rendered":"Ratzenkopf"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2127&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2127&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im zweiten Semester habe ich mir die Haare ganz kurz abschneiden lassen. V\u00f6llig ungeplant habe ich auf der Durchfahrt in Straubing einen Friseur aufgesucht und gesagt: Ganz kurz, bitte! Die Friseuse war etwas \u00e4lter als ich und fing, ohne nochmals nachzufragen, sofort an, meine Haare zu schneiden. Eine Stunde sp\u00e4ter verlie\u00df ich den Salon als neuer Mensch. Ich f\u00fchlte mich richtig gut. Das Gef\u00fchl am Kopf war v\u00f6llig anders. Wenn ich mir mit den Fingern dar\u00fcber fuhr, war ich \u00fcberrascht. Es f\u00fchlte sich ungewohnt an, aber gut. Meine Freundin Andrea h\u00e4tte bestimmt klass gesagt, aber Andrea kannte ich damals noch nicht. Mein Spiegelbild im Schaufenster \u00fcberraschte mich. War das wirklich ich?<br \/>\nAls ich zu Hause ankam, sagte meine Mutter nichts. Das war ihre Art, ihr Missfallen auszudr\u00fccken. Sie hatte die Angewohnheit, nichts Unangenehmes sagen zu wollen, deshalb schwieg sie lieber. Anscheinend war ihr meine neue Frisur zu wenig weiblich. Sie konnte es auch \u00fcberhaupt nicht leiden, wenn ich keinen BH trug. Sie selbst hatte sich w\u00e4hrend des Krieges von russischen Gefangenen das N\u00e4hen eines B\u00fcstenhalters zeigen lassen. Erstaunlicherweise konnten die das, obwohl die russische Sprache \u00fcber kein eigenes Wort f\u00fcr B\u00fcstenhalter verf\u00fcgt. Die gefangenen Frauen waren alle gebildet, hatten eine h\u00f6here Schule besucht und verstanden es, den deutschen M\u00e4dchen die Anfertigung von so unentbehrlichen Kleidungsst\u00fccken beizubringen. F\u00fcr meine Mutter geh\u00f6rte das Tragen eines B\u00fcstenhalters zur unbedingten Notwendigkeit. Woher hatte sie nur ihre Sicherheit? F\u00fcr sie stand ohne Zweifel fest, was man tat und was nicht. Sie brauchte keine Zustimmung und revidierte ihre Meinung auch nie, und falls doch, dann nur, weil sie meinem Vater das Gef\u00fchl geben wollte, dass sie seine Sicht der Dinge respektierte.<br \/>\nAuf jeden Fall schaute sie mich mit meiner neuen Frisur nur an, wandte sich nach wenigen Sekunden wortlos ab, um den Putzlumpen auszuwringen, ihn schwungvoll um den Schrubber zu legen und energisch den Boden der Stube zu wischen. Ich stand da und mir war klar, dass es h\u00f6chste Zeit war, mir eine Arbeit zu suchen.<\/p>\n<p>Den bodenlangen Rock, den mir die Tante aus rot-wei\u00df gestreiftem Stoff gen\u00e4ht hat, hat meine Mutter auch nie leiden k\u00f6nnen. Wenn ich ihn trug, weigerte sie sich, mit mir spazierenzugehen. In ihren Augen geh\u00f6rte es sich nicht, einen bodenlangen Rock zu tragen. Minir\u00f6cke hingegen gefielen ihr. Mit Maxir\u00f6cken wollte sie in keinster Weise in Verbindung gebracht werden, selbst wenn ich, ihre Tochter, einen trug. Mir fiel es schwer, an meiner Entscheidung festzuhalten. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mir die Frisur und der Rock wirklich gefielen. Auch an der Weigerung, einen B\u00fcstenhalter zu tragen, zweifelte ich. In meinem Zimmer fand ich gleich drei St\u00fcck vor, die sie extra beim Vertreter f\u00fcr Textilien bestellt hatte. Es waren ausgesprochen modische Modelle, und ich probierte sie der Reihe nach an. Alle drei passten. Daf\u00fcr hatte meine Mutter einen Blick. Sie dr\u00e4ngte mich, alle zu behalten. Das war eine existenzielle Anschaffung, und es war falsch, an B\u00fcstenhaltern zu sparen. Noch dazu jetzt, da die Haare abgeschnitten waren.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag war die Hochzeit meines Cousins. Es hie\u00df, er m\u00fcsse heiraten, weil seine Freundin schwanger sei. Wir hatten kaum Kontakt mit der Verwandtschaft, aber ich konnte mir meinen Cousin \u00fcberhaupt nicht als Ehemann vorstellen. So wenig ihm der Hochzeitsanzug stand, passte die Frau an seiner Seite zu ihm. Auch das Hochzeitsfest sowie das Feiern \u00fcberhaupt passten zu uns allen nicht.\u00a0 Meine Familie und Verwandtschaft feierten nie freiwillig. Wir konnten das alle nicht. Wir konnten nie fr\u00f6hlich und ungezwungen sein. Ich habe keine Erkl\u00e4rung, warum das so war. Trotzdem geh\u00f6rte es sich, zur Hochzeit zu gehen, und meine Mutter sperrte am Samstagmittag sogar ihren Laden zu. Das musste man ihr hoch anrechnen, weil das ja doch einen betr\u00e4chtlichen Verdienstausfall\u00a0 bedeutete. Ich zog das Dirndl an, das ich mir in M\u00fcnchen gekauft hatte. Auch das mochte meine Mutter nicht. Sie trug nie eine Tracht. Sie war eine St\u00e4dterin, obwohl sie ihr Lebtag lang auf dem Dorf gewohnt hatte und nie l\u00e4nger als wenige Tage in M\u00fcnchen oder Regensburg zu Besuch war. Andere St\u00e4dte hat sie ohnehin nicht bereist. Sie trug einfache, aber elegante Damenmode mit klaren Linien. Ihre Schwester n\u00e4hte alles nach ihren eigenen Vorstellungen, und es musste passen, sonst zog sie es nie an. Ich frage mich immer wieder, warum sie mir diese Kompromisslosigkeit nicht vererbt hat. Damit k\u00f6nnte ich viel leichter durchs Leben gehen. Aber wahrscheinlich wollte es mir meine Mutter einfach nicht zu leicht machen.<\/p>\n<p>Die Hochzeitsfeier fand bei hochsommerlichen Temperaturen statt. Die Braut mit langen braunen Haaren l\u00e4chelte in ihrem wei\u00dfen Brautkleid, das sich f\u00fcr eine Schwangere auch nicht mehr geh\u00f6rte. Ihr Mann l\u00e4chelte jenes s\u00fcffisante L\u00e4cheln, das ihm und uns allen so eigen ist. Genauso wenig wie wir feiern k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir einfach fr\u00f6hlich sein und schon gar nicht lachen. Wir k\u00f6nnen uns lediglich verschreckt, \u00fcber uns selbst besch\u00e4mt l\u00e4chelnd, bedauern. Das tat nun auch mein Cousin an seinem Hochzeitstag, w\u00e4hrend seine Frau linkisch an seinem Arm hing. Ich ging neben meiner Mutter einher und f\u00fchlte mich leidlich wohl in meinem neuen hochgeschlossenen Dirndl mit taubenblauer Sch\u00fcrze und den recht kurz geschnittenen Haaren. An den Ohren und im Nacken f\u00fchlte ich mich reichlich nackt und fuhr immer wieder mit den H\u00e4nden dar\u00fcber. Ein entfernter Verwandter, der hinter mir ging, sagte beim \u00dcberholen zu meiner Mutter: \u201eAha, das ist deine Tochter! In der Kirche habe ich schon immer \u00fcberlegt, wer das M\u00e4dchen mit dem Ratzenkopf sein k\u00f6nnte.\u201c Meine Mutter antworte nicht. Das lag zum einen daran, dass sie den Mann verachtete und es ihn auch sp\u00fcren lie\u00df, und zum anderen lag es daran, dass sie mich vor ihm nicht der L\u00e4cherlichkeit preisgeben wollte. Soweit f\u00fchlte sie sich mir als Mutter in Solidarit\u00e4t verpflichtet. Ich selbst konnte nicht anders als s\u00fcffisant zu l\u00e4cheln. Der Nachmittag verlief total langweilig. Eine Band spielte nicht. Wenn die Braut schwanger war, geh\u00f6rte sich das nicht. Au\u00dferdem war mein Onkel, der Vater des Br\u00e4utigams, verstorben. Das war ebenfalls ein Grund, ohne Musik zu heiraten. Wahrscheinlich w\u00e4ren die Ausgaben f\u00fcr eine Kapelle auch zu hoch gewesen. Und an das Fr\u00f6hlichsein waren wir alle ohnehin nicht gew\u00f6hnt, ob mit oder ohne Musik.<br \/>\nEs gab Kaffee und Kuchen. Der \u00e4ltere Bruder des Br\u00e4utigams war B\u00e4cker. Meine Mutter warf einen fachkundigen Blick auf die Geb\u00e4ckst\u00fccke, kostete mit einem Gesichtsausdruck, der dem Pr\u00fcfungsausschuss der B\u00e4ckerinnung bei der Abnahme der Meisterpr\u00fcfung im Konditorhandwerk gestanden h\u00e4tte, und sagte vertrauensvoll zu mir: \u201eAlles mit billigem \u00d6l!\u201c Es war klar, dass wir uns beim Verzehr zur\u00fcckhielten. Die Verwandtschaft sollte ruhig merken, dass wir die billigen Zutaten aus den Torten herausschmeckten. Niemand konnte uns zwingen, uns den Magen zu verderben. Ich r\u00fchrte im Kaffee und blickte umher. Das gleiche taten all die anderen. Schlie\u00dflich bestellte meine Mutter f\u00fcr uns beide einen trockenen Wei\u00dfwein. Damit signalisierte sie, dass sie Stil hatte.<br \/>\nIch langweilte mich, kam mit niemandem ins Gespr\u00e4ch. Diejenigen, die sich mit meiner Mutter unterhielten, meinten mit einem schr\u00e4gen Blick zu mir: \u201eDir schaut&#8217;s aber \u00fcberhaupt nicht gleich, deine j\u00fcngste Tochter!\u201c \u2013\u201eJa mei, die schaut auch in die Kramerart. Ich hab mich bei keinem Kind durchgesetzt.\u201c Und wenig glaubw\u00fcrdig f\u00fcgte sie noch hinzu: \u201eAber meine Schw\u00e4gerinnen sind ja allesamt so feine und elegante Damen.\u201c Unschwer war herauszuh\u00f6ren, wie sie sie verachtete. Auch wenn sie teure Seidenstr\u00fcmpfe mit Naht trugen und mit St\u00f6ckelschuhen rumstolzierten, konnten sie nicht im Entferntesten mit ihr mithalten. Dessen war sie sich sicher, obgleich sie das Gegenteil davon in Worte fasste. Meine Mutter hatte von der schweren Arbeit Krampfadern an den Schienbeinen und trug aus Sparsamkeit billige Perlonstrumpfhosen, aber bei ihr stimmte immer das Erscheinungsbild. Keine Ahnung, wie sie das machte. Darum beneide ich sie noch heute.<\/p>\n<p>Ich hatte mir also einen Rattenkopf schneiden lassen, und es w\u00fcrde mindestens bis zum Winter dauern, bis die Haare wieder etwas nachgewachsen w\u00e4ren. Lediglich meine Cousine, die \u00e4ltere Schwester des Br\u00e4utigams, die ich insgeheim bewunderte und die mir immer recht selbstbewusst erschien, obwohl sie ohne abgeschlossenes Grundschullehramtstudium mit fast drei\u00dfig Jahren immer noch unverheiratet in M\u00fcnchen lebte, sagte zu mir: \u201eCoole Frisur, du traust dich!\u201c Ich l\u00e4chelte erneut jenes s\u00fcffisante L\u00e4cheln und zuckte mit den Schultern. Antworten brauchte ich nicht, denn sie schickte noch neugierig interessiert die Frage nach: \u201eHast du einen Freund?\u201c Auch darauf antwortete ich lediglich mit einem Schlie\u00dfen der Augen und einem Aufeinanderpressen der Lippen, was sie als versch\u00e4mte Zustimmung auffasste. Mir hingegen war zu Ohren gekommen, dass sie, obwohl sie so gut aussah und die halblangen blonden Haare zu Locken gedreht hatte, an einen verheirateten Mann geraten sei, der sie hinhalte. Sie meinte noch: \u201eDass du jetzt auch Lehramt studierst, versteh\u2019 ich nicht. Du warst doch immer so gescheit. Warum studierst dann nicht auch was Gescheites?\u201c Ich wusste nichts zu antworten, und meine Mutter mischte sich in dem Glauben, mir beistehen zu m\u00fcssen, ein: \u201eSie braucht einen gescheiten Beruf. Wer wei\u00df, ob sie einen zum Heiraten findet.\u201c Das war nat\u00fcrlich auf meine Cousine gem\u00fcnzt, die sich erneut s\u00fcffisant l\u00e4chelnd anderen G\u00e4sten zuwandte. Schlie\u00dflich war sie der einzig interessante Hochzeitsgast. Sie hatte zwar nicht einmal das von allen als komplett primitiv eingestufte P\u00e4dagogikstudium an der PeHa geschafft, hatte aber w\u00e4hrend ihres \u00fcberaus langen Studiums vor allem die ebenfalls langen Semesterferien zum Verreisen genutzt und konnte etwas erz\u00e4hlen. Ihre Eltern schimpften einerseits, weil sie so viel teures Geld vergeudet hatte. Davon h\u00e4tte man wahrscheinlich locker ein weiteres Haus bauen k\u00f6nnen, aber irgendwie waren sie dennoch stolz auf ihre unkonventionelle Tochter. Blo\u00df zum Heiraten w\u00e4r&#8217;s halt langsam Zeit geworden.<\/p>\n<p>Das Brautpaar verlie\u00df am Sp\u00e4tnachmittag \u00fcberraschend und wortlos die Hochzeitsgesellschaft. Beinahe h\u00e4tte es gar niemand mitbekommen, wenn sie sich nicht so unbeholfen in ihren ungewohnten Kleidern bewegt h\u00e4tten. Jene Cousine verk\u00fcndete dann, dass das Paar zum Flughafen fahre. Das war nun in der Tat etwas v\u00f6llig Neues. Keiner der Anwesenden war bestimmt jemals am Flughafen gewesen, geschweige denn mit dem Flugzeug geflogen. Das war also die neue Zeit. Das Brautpaar ging auf Hochzeitsreise. Unvorstellbar. Flitterwochen kannte man lediglich aus den Hollywoodfilmen. Die Cousine meinte: \u201eDie beiden sollten es sich gut gehen lassen. Es geht ja sowieso alles so schnell vorbei.\u201c Dabei hatte sie etwas Melancholisches in ihrem s\u00fcffisanten L\u00e4cheln, und ich verstand, wie ihr eigentlich zumute war.<br \/>\nDie Hochzeitsreise sollte zu einem jener verf\u00fchrerisch klingenden Orte im S\u00fcden gehen, die mir alle gleichsam unbekannt waren. Mallorca, Rimini oder Split. In Gedanken stellte ich mir den Flughafen, den Innenraum des Flugzeugs mit den Stewardessen, die Drinks reichten, vor. Auch vom palmenbestandenen Sandstrand tauchte in meinem Kopf ein Phantasiebild auf, das mir gut gefiel, und das ich in Gedanken st\u00e4ndig weiter ausbaute. Dann wanderten meine Vorstellungen zum Hotel, zur marmornen Eingangshalle, zum Pagen in Uniform, der das Gep\u00e4ck entgegennahm, zum Lift, der mit Spiegeln ausgestattet war, und zur Hochzeitssuite, in der sich das Brautpaar seiner Leidenschaft hingab. Es erschien mir aber fraglich, ob sie noch leidenschaftlich sein konnten, nachdem die Braut ja bereits schwanger war.<br \/>\nAll diese Vorstellungen lebten lange in meinem Kopf und tauchen auch jetzt wieder auf, wenn ich mir jenen fernen Tag in die Erinnerung zur\u00fcckrufe.<\/p>\n<p>Nachdem sich das Brautpaar so davongestohlen hatte, l\u00f6ste sich auch die Hochzeitsgesellschaft rasch auf. Es hatte sich erneut herausgestellt, dass das Feiern nichts brachte, zumal es meiner Verwandtschaft eigen war, nicht fr\u00f6hlich, geschweige denn ausgelassen und unbeschwert sein zu k\u00f6nnen.<br \/>\nWir gingen heim, sa\u00dfen in der Stube noch strickend beieinander und waren uns einig, dass diese Hochzeitsfeier nichts Gescheites gewesen war. Daran hat nun auch die sch\u00f6ne Braut mit den langen braunen Haaren nichts \u00e4ndern k\u00f6nnen. Mit meinem Ratzenkopf war ohnehin \u00fcber Jahre hinweg an keine Hochzeit zu denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a>| Inventarnummer: 15014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im zweiten Semester habe ich mir die Haare ganz kurz abschneiden lassen. 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