{"id":2082,"date":"2015-01-10T09:07:17","date_gmt":"2015-01-10T09:07:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2082"},"modified":"2015-01-11T09:11:52","modified_gmt":"2015-01-11T09:11:52","slug":"mich-gibts-noch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2082","title":{"rendered":"Mich gibt\u2019s noch nicht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2082&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2082&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich hab mir in letzter Zeit schon ein paar Mal \u00fcberlegt wieder einzusteigen da unten \u2013 aber jedesmal, wenn ich mir meine potenziellen Eltern anschau\u2019, vergeht mir die Lust auf eine neue Reinkarnation. Ich wei\u00df, das ist nicht richtig, ganz abgesehen davon, dass nur Paradies irgendwann auch fad wird: S\u00fcnden sind tabu \u2013 dabei w\u00e4r\u2019 es wieder einmal nett, welche zu begehen, schon um den Alten zu \u00e4rgern. Dann das st\u00e4ndige Gedudel \u2013 keine Ahnung, warum sich immer die talentfreiesten im Blockfl\u00f6tenensemble finden, Fl\u00fcgel, die sich pausenlos irgendwo verheddern und viel mehr Pflege brauchen als gemeinhin angenommen: Engerl zu sein ist auf Dauer ein beschissener Job.<\/p>\n<p>Unl\u00e4ngst (Er: Reisender, Sie: Lehrerin) habe ich mich nicht wirklich entschlie\u00dfen k\u00f6nnen (viel Tagesfreizeit einerseits, Familienwochenende andrerseits) und wie ich endlich aus einer inneren Eingebung heraus \u201aHier!\u2018 gerufen habe, war der K\u00e4se l\u00e4ngst gegessen: Ein Klaus hat sich vorher gemeldet und war vor mir dran. Ich bin ihm nicht wirklich b\u00f6se deswegen.<br \/>\nEs war ja nicht das erste Mal, wo es mich gereizt h\u00e4tte. Vor ein paar Tagen wollte ich mir eine echt coole Sache geben: Vater unbekannter Soldat, der obendrein in der Stunde meiner Geburt standesrechtlich erschossen worden w\u00e4re, die Mutter arm, jung und namenlos, U-Boot in Buenos Aires. Ist da als Vierj\u00e4hrige hingekommen, mitgenommen von Verwandten, die nicht einmal ihren eigenen Namen buchstabieren konnten. Spannende Geschichte, hab ich mir gedacht. Ich hab aufgezeigt, aber der Bewusstseinsbrei um mich herum hat mir die Hand heruntergezogen und gesagt: \u201aSei nicht so bl\u00f6d\u2018, \u201aDu verdienst was Besseres\u2018, \u201aHau dich nicht runter\u2018, \u201aVerlier nicht die Nerven\u2018 und \u00e4hnliche Sachen.<br \/>\nBonita hat den Job dann gemacht \u2013 ich hab mir von hier oben die Geburt nat\u00fcrlich angeschaut und muss sagen: Ich hab wirklich nix vers\u00e4umt. Es war eine unangenehme Sache, hat nur etwas mehr als zwei Stunden gedauert \u2013 Bonita ist jetzt zusammen mit ihrer Mutter l\u00e4ngst wieder bei uns.<br \/>\nBald darauf ist was Besonderes passiert: Heinz hatte sich gar nicht gemeldet, ist aber trotzdem drangekommen \u2013 in den Chefetagen ist n\u00e4mlich schon l\u00e4ngst registriert worden, dass die meisten von uns gar keinen Bock mehr auf diese Schei\u00df-Inkarnationen haben. Jetzt haben wir aber ein sehr geburtenschwaches Jahr heuer und bei dringlichem Bedarf entscheidet das Los \u2013 so ist das ausgemacht. Der Karl wird jedenfalls Sohn f\u00fcr ein Ehepaar, das einen neuen B\u00e4cker bestellt hat.<\/p>\n<p>Das w\u00e4r\u2019 nichts f\u00fcr mich: Ich will M\u00e4dchen werden und mit dem B\u00e4ckerhandwerk nichts mehr zu tun haben \u2013 das hat mir Ench-al-Inch, so ein arabischer Hofb\u00e4cker schon so um 526 vor Buddha gr\u00fcndlich ausgetrieben. Interessieren w\u00fcrde mich die Sache aber als Beobachterin, und kaum denke ich mir das, gibt es zwei Ecken weiter die M\u00f6glichkeit dazu: Solokind f\u00fcr Graf und Gr\u00e4fin von Ceverovits ist angesagt, Villa, drei Badezimmer, jede Menge Personal \u2013 eine richtige Prinzessin zum Verw\u00f6hnen wird gesucht. Die meinen ganz offensichtlich mich und ich zeige sofort auf.<br \/>\nZnotsch.<br \/>\nAlso komme ich raus, mir bleibt jetzt schlie\u00dflich auch nichts mehr anderes \u00fcbrig. Der Bewusstseinsbrei um mich herum weicht, ich schwing\u2019 wieder durchs schwarze Loch ins Licht, wie ich es schon von den anderen Reisen her kenne, wieder die \u00fcbliche Prozedur: Der Typ (wieder einer mit Brille und hohem, grauen Haaransatz) schaut mich ungl\u00e4ubig an und holt mit der Rechten aus. Ich schrei nat\u00fcrlich gleich wie am Spie\u00df, er l\u00e4chelt zufrieden und l\u00e4sst die Hand sinken. Diesmal aber (neu f\u00fcr mich): helles Licht und emsiges Treiben, viele K\u00f6pfe \u00fcber mir, andere M\u00fctter neben mir und dann die Schrecksekunde: \u201aEs ist ein Sohn!\u2018 \u2013 ich glaub\u2019, ich h\u00f6r nicht recht. \u201aUnser Ceverovits!\u2018 kreischt meine zuk\u00fcnftige Mama der Ohnmacht nahe noch.<br \/>\nEs geht von ganz von vorn los: Mir wird die Brustwarze reingesteckt, wenn mir der Arsch brennt, die scharfen Fingern\u00e4gel der Gouvernante kratzen mir den Arsch aus, wenn ich Hunger habe: Die Kommunikation im fr\u00fchen postnatalen Stadium war immer schon unbefriedigend \u2013 in den letzten drei, vier Jahrhunderten ist sie aber eine einzige Katastrophe: Du kriegst nie, was du brauchst, alle Bed\u00fcrfnisse werden verkehrt interpretiert \u2013 nie befriedigt.<br \/>\nKaum dass ich \u201aMama\u2018 sagen kann wei\u00df ich, dass das f\u00fcr mich wirklich das letzte Mal ist in den n\u00e4chsten tausend Jahren ist, mir reicht\u2019s jetzt n\u00e4mlich endg\u00fcltig: Lieber da oben in der Bewusstseinssuppe herum schwabbeln, als noch einmal zur\u00fcck auf diese Kugel. Das da oben ist zwar auch kein Honiglecken, aber das hier herunten tue ich mir einfach nicht mehr an.<\/p>\n<p>Anmerkung:<br \/>\nThomas Ceverovits wurde Jurist, war in seiner Jugend Dritter in der Staatsmeisterschaft der R\u00fcckenschwimmer. Er heiratete und wurde Vater von drei S\u00f6hnen. Nach seiner Pensionierung und dem Tod seiner Frau widmete er sich mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg der Lyrik. Er verstarb im kalten Winter 1929, zwei Monate nach dem Schwarzen Freitag, an den Folgen eines Schnupfens.<br \/>\nDurch ein Missverst\u00e4ndnis \u2013 er hustete, was als Zustimmung interpretiert wurde \u2013 inkarnierte er als Maria Schroll gleich ein halbes Jahr sp\u00e4ter erneut. Schroll wurde Jugendleiterin beim Bund deutscher M\u00e4dchen und erlag im Winter 1944\/45 nach einem Bombenangriff ihren schweren inneren Verletzungen.<br \/>\nGer\u00fcchten zufolge inkarnierte sie vorletzte Woche doch wieder, diesmal als erstgeborene Tochter einer B\u00e4ckerfamilie in A-458o Windischgarsten, Laubenweg 21 A.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Christoph Stantejsky<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=426\">schr\u00e4g &amp; abgedreht<\/a>| Inventarnummer: 15010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab mir in letzter Zeit schon ein paar Mal \u00fcberlegt wieder einzusteigen da unten \u2013 aber jedesmal, wenn ich mir meine potenziellen Eltern anschau\u2019, vergeht mir die Lust auf eine neue Reinkarnation. 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