{"id":20805,"date":"2025-08-28T12:33:59","date_gmt":"2025-08-28T12:33:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20805"},"modified":"2025-08-30T16:48:07","modified_gmt":"2025-08-30T16:48:07","slug":"schatzkisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20805","title":{"rendered":"Schatzkisten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20805&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20805&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div>\n<p>An einem Sommertag, beim Durchqueren eines Parkes, \u00fcberf\u00e4llt sie mich wieder. Unerwartet wie immer. Heute wortw\u00f6rtlich aus heiterem Himmel. Nach Luft ringend lasse ich mich auf die n\u00e4chstbeste Bank sinken, nehme unscharf wahr, dass eine kleine, schmale Gestalt im linken Eck der Bank sitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich atme so laut und regelm\u00e4\u00dfig wie mir m\u00f6glich ein und aus, w\u00e4hrend ich panisch in meiner Handtasche meine Pillendose suche, als ich eine helle Kinderstimme links von mir fragen h\u00f6re:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum schnaufst du denn so komisch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich finde ich die Dose, \u00f6ffne sie mit zitternden H\u00e4nden, entnehme zwei der Pillen und schlucke sie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchenkst du mir auch so ein rosarotes Zuckerl?\u201c Schon wieder diese Kinderstimme.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich trinke meine kleine Wasserflasche in gro\u00dfen Schlucken leer, schaffe es dann, zu murmeln:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, das sind n\u00e4mlich Medikamente \u2013 keine Zuckerl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist du krank? Was hast du denn?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eM\u00f6chtest du nicht spielen gehen?\u201c, frage ich matt und deute mit meinem Kopf vage zu dem eingez\u00e4unten Kinderspielplatz gleich gegen\u00fcber der Bank, auf der das Kind und ich sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es antwortet fr\u00f6hlich: \u201eDoch! Sp\u00e4ter dann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich ringe nach Luft. Wann wirken endlich die Tabletten?!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas hast du denn f\u00fcr eine Krankheit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAngst\u201c, h\u00f6re ich mich nun tats\u00e4chlich ungewollt antworten, und denke, dass \u201aPanikattacke\u2018 ein unm\u00f6gliches, ein h\u00e4ssliches Wort ist, ein Wort, das ein Kind wohl nicht verstehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigen nun im linken Bank-Eck. Dann r\u00fcckt das Kind n\u00e4her zu mir. Sehr nahe. Aus den Augenwinkeln sehe ich lange hellblonde Haarstr\u00e4hnen, ein blaugebl\u00fcmtes Kleid.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast bestimmt keine Schatzkiste bei dir, stimmt\u2019s?\u201c, fl\u00fcstert es neben mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum qu\u00e4lt mich ausgerechnet jetzt, in meinem miserablen Zustand, dieses nervige Kind mit l\u00e4stigen Fragen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du eine Schatzkiste in deiner Tasche?\u201c, insistiert das M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ersch\u00f6pft sch\u00fcttle ich meinen Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du!\u201c, ruft es triumphierend. \u201eDarum hast du Angst! Weil du keine Schatzkiste mithast!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchau!\u201c Ich sehe, wie das M\u00e4dchen einen bunten Rucksack auf ihren Scho\u00df nimmt, darin herumkramt und etwas herausnimmt. Dann h\u00e4lt sie mir direkt eine kleine Holzkiste vors Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist meine Schatzkiste.\u201c Feierlich \u00f6ffnet sie die Kiste. Ich sehe blaue Kn\u00f6pfe darin. \u201eDas sind Kn\u00f6pfe von Mamis Kleid. Das Kleid hat meine Mami am allerliebsten angezogen, als ich noch in ihrem Bauch drinnen war. Meine Mami und ich haben alle Kn\u00f6pfe runtergeschnitten und in die Schatzkiste gelegt. Es sind 15 Kn\u00f6pfe. Mami hat gesagt, jeder von den Kn\u00f6pfen ist ein Sim- Simbol daf\u00fcr, wie lieb sie mich hat. Wenn ich traurig bin oder Angst habe, soll ich die Kn\u00f6pfe anschauen und angreifen, dann werde ich keine Angst mehr haben und nicht mehr traurig sein. Das hat Mami gesagt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck wirken die Tabletten endlich. Ich f\u00fchle mich etwas besser.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine sch\u00f6ne Idee von deiner Mami\u201c, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa! Und wei\u00dft du, ich habe noch andere Schatzkisten von meiner Mami zuhause. Eine mit Briefen von ihr. Die kann ich aber noch nicht lesen. Und eine mit Fotos. Und eine mit Muscheln vom Strand \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeine Mami hat dich sehr lieb. Du hast gro\u00dfes Gl\u00fcck\u201c, stoppe ich ersch\u00f6pft ihren Redeschwall.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa!\u201c, lacht das M\u00e4dchen gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann schaut sie mich aus gro\u00dfen gr\u00fcnen Augen ernst an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHat deine Mami dich denn nicht lieb? Hast du kein gro\u00dfes Gl\u00fcck? Hast du keine Schatzkisten von ihr bekommen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ungewollt dr\u00e4ngen sich in mir blitzartig h\u00e4ssliche Szenen von fr\u00fcher \u2013 Schl\u00e4ge, Streit, lieblose Blicke und Worte \u2013 auf. Ich sch\u00fcttle den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du \u00fcberhaupt von irgendjemandem eine Schatzkiste bekommen?\u201c, ruft das M\u00e4dchen nun entsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein\u201c, sage ich. Und bevor ich erkl\u00e4ren kann, dass das kein Problem f\u00fcr mich ist, kommt eine junge, blonde Frau schimpfend auf die Kleine neben mir zu: \u201eRonja, was f\u00e4llt dir ein! Mache das nie wieder! Ich habe dich auf dem Spielplatz gesucht! Du kannst doch nicht einfach weglaufen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber ich bin doch nicht weggelaufen! Ich bin hier gesessen\u201c, verteidigt sich das M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die blonde Frau seufzt, sagt dann: \u201eAch, komm \u2013 wir gehen jetzt einkaufen und besprechen das unterwegs.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, aber warte \u2013 gleich \u2013 ich muss noch ganz schnell etwas machen!\u201c, springt das Kind auf und l\u00e4uft auf den Spielplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBeeile dich, Ronja!\u201c, ruft ihr die Frau nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJaa -a!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nochmals seufzend setzt sich die junge Frau auf die Bank neben mich, schweigt. Endlich sp\u00fcre ich die volle Wirkung der Tabletten, ich f\u00fchle mich ruhiger innerlich. Es ist nur mehr der \u00fcbliche diffuse Angstrest, der nie verschwindet, der immer da ist, in mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin imstande, zu sagen: \u201eIhre Tochter hat so liebevoll von Ihnen gesprochen, mir eine Schatzkiste gezeigt \u2013 \u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRonja ist nicht meine Tochter\u201c, unterbricht mich die Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch \u2013\u201c, sage ich verwirrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Schwester ist vor knapp einem halben Jahr gestorben. An Darmkrebs. Seitdem lebt ihre Kleine bei mir. Ronjas Vater hat sich vertsch\u00fcsst, als sie noch nicht mal geboren war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nichts sagen, muss das eben Geh\u00f6rte erst verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da l\u00e4uft Ronja mit roten Wangen auf uns zu, ihr bunter Rucksack h\u00fcpft auf ihrem R\u00fccken auf und ab, in ihrer rechten Hand h\u00e4lt sie eine gr\u00fcne Jausenbox.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOkay, Ronja, dann gehen wir jetzt endlich\u201c, sagt die junge Frau, steht auf, nickt mir zu und geht den Kiesweg voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ronja stellt sich dicht vor mich und legt mir die gr\u00fcne Box auf den Scho\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr dich!\u201c, sagt sie feierlich. \u201eDas ist deine Schatzkiste. Damit du keine Angst mehr hast. Ich habe echt sch\u00f6ne Sachen auf dem Spielplatz gefunden. Obwohl ich nur so wenig Zeit zum Suchen hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie winkt mir vergn\u00fcgt zu und l\u00e4uft ihrer Tante nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, Ronja!\u201c, rufe ich ihr nach, ger\u00fchrt und perplex. \u201eIch freue mich! Sehr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie dreht sich noch einmal zu mir um, strahlt \u00fcbers ganze Gesicht. Dann greift sie nach der Hand ihrer Tante, und ich sehe ihnen nach, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden sind, die beiden, Hand in Hand, die Kleine h\u00fcpfend und plappernd, immer wieder zu ihrer Tante aufsehend. Meine H\u00e4nde liegen auf meiner gr\u00fcnen Schatzkiste. Keine Spur von Angst ist mehr in mir.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=408\">an Tagen wie diesen &#8230;<\/a> | Inventarnummer: 25191<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem Sommertag, beim Durchqueren eines Parkes, \u00fcberf\u00e4llt sie mich wieder. Unerwartet wie immer. Heute wortw\u00f6rtlich aus heiterem Himmel. Nach Luft ringend lasse ich mich auf die n\u00e4chstbeste Bank sinken, nehme unscharf wahr, dass eine kleine, schmale Gestalt im linken Eck der Bank sitzt. 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