{"id":2075,"date":"2015-01-09T14:14:01","date_gmt":"2015-01-09T14:14:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2075"},"modified":"2024-06-26T07:33:23","modified_gmt":"2024-06-26T07:33:23","slug":"alles-muell","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=2075","title":{"rendered":"Alles M\u00fcll"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2075&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts2075&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>M\u00fcll bleibt \u00fcbrig, wenn alles verwertet ist. M\u00fcll ist etwas Entbehrliches, oftmals vermeintlich. Heutzutage wird so viel weggeworfen wie nie zuvor, man spricht aber nicht mehr nur von M\u00fcll, sondern von \u201eWertstoff\u201c. Dinge werden produziert, verbraucht oder gebraucht, manchmal<i> <\/i>ein Leben lang, aber meist nur f\u00fcr wenige Sekunden oder gar nicht. Vieles entsteht lediglich um der Produktion willen. Wir leben in einer Zeit, die \u00fcberfl\u00fcssige Dinge hervorbringt um ihrer selber willen.<br \/>\nIch pers\u00f6nlich verbinde mit dem Wort M\u00fcll noch etwas anderes.<br \/>\nMeine Vorstellungen gehen in jene Zeit zur\u00fcck, als noch keine organisierte M\u00fcllabfuhr existierte. Es gab aber einen ausgewiesenen Platz au\u00dferhalb des Dorfes, auf den man den Abfall brachte, um, wenn das urspr\u00fcngliche Niveau des Bodens erreicht war, Erde dar\u00fcberzubreiten und auf diese Art und Weise wieder eine Nutzfl\u00e4che zu schaffen. Bauschutt und Verrottendes war Aufsch\u00fcttmaterial.\u00a0 In den Haushalten fiel jetzt aber mit rasender Geschwindigkeit M\u00fcll an. Die neue Zeit hielt Einzug. Spraydosen, Plastiktuben, Kunststoffverpackungen kamen in die H\u00e4user und man wusste nicht, wohin damit. Im Herd verbrennen ging nicht, also schmiss man sie auf das M\u00fcllfeld. Das Gleiche geschah mit alten Schuhen, Kleidung, Haushaltswaren, Elektroger\u00e4ten und so weiter. Man fing auch an, die Sachen nicht mehr zu verwenden, bis sie unbrauchbar waren, sondern man ersetzte sie schon vorher durch neue. Zudem gew\u00f6hnte man sich an, die Wohnungen zu entr\u00fcmpeln, Neues und Modernes anzuschaffen, endg\u00fcltig die alten Z\u00f6pfe abzuschneiden, wenigstens in Form von Gebrauchsgegenst\u00e4nden. Die unsichtbaren alten Z\u00f6pfe sind bekanntlich schwerer abzuschneiden.<\/p>\n<p>Es wurden regelm\u00e4\u00dfige Fahrten zur Sandgrube mit dem Zugkarren notwendig. Mein Bruder \u00fcbernahm diese Aufgabe. Das Wegschaffen des alten Zeugs schien ihm nicht nur Freude zu bereiten, sondern er suchte sogar selbst nach wegwerfbaren Gegenst\u00e4nden, sortierte aber das Falsche aus, wie sich sp\u00e4ter herausstellte. Meine Mutter hatte, da sie im Laden stand, nahezu nie Zeit, die Fuhren zu kontrollieren und abzusegnen. Meinem Vater mussten sie vollends verborgen bleiben, weil er grunds\u00e4tzlich alles aufheben wollte. Einmal geriet auf diese Art die geliebte Kamelhaardecke meiner Mutter unwiederbringlich in die Sandgrube. Es war ein Mitbringsel ihres Bruders aus dem Krieg gewesen. Als sie den Verlust bemerkte, war es um die Decke bereits geschehen.<br \/>\nIch begleitete meinen Bruder auf den Fahrten und fand das aufregend, zumal es gew\u00f6hnlich am Abend geschah. Bei hereinbrechender Dunkelheit war der unwirtliche Ort besonders gruselig. Hatten wir alles weggeworfen, suchten wir auf ekligem und unsicherem Untergrund nach brauchbaren Dingen, die wir wieder mit nach Hause nahmen. Ein besonderer Reiz ging vom M\u00fcllplatz aus, wenn ein Feuer entfacht wurde, um den Abfall zu dezimieren und zu desinfizieren. Die Feuer loderten an verschiedenen Stellen und man musste Acht haben, dass die Flammen nicht auf angrenzende B\u00e4ume \u00fcbergriffen. Feuer war f\u00fcr mich mit \u00e4u\u00dferstem Schrecken besetzt, nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil sich die Erinnerung an den Werkstattbrand 1957 in das Ged\u00e4chtnis meiner Mutter so tief\u00a0 eingebrannt hatte, dass sie dieses Schreckgespenst st\u00e4ndig beschwor, etwa bei einem Gewitter, beim Ert\u00f6nen der Sirene, beim Kauf von Z\u00fcndh\u00f6lzern durch Kinder. Feuer war f\u00fcr sie extreme Lebens- und Existenzgefahr, allerdings sagte meine Mutter oft: Viel habe ich mitgemacht, den Weltkrieg und das Abbrennen der Werkstatt, aber die Geburt von Zwillingen ist mir erspart geblieben.<\/p>\n<p>Das Abbrennen des M\u00fcllplatzes z\u00e4hlt zu meinen st\u00e4rksten Erinnerungen. Stinkender, bei\u00dfender Geruch erf\u00fcllte die Abendluft und brannte in den Augen. Die Hitze breitete sich aus und es wurde einem gef\u00e4hrlich hei\u00df, bis man sich abwenden und das Gesicht mit der ge\u00f6ffneten Jacke sch\u00fctzen musste. Trotzdem schaute ich immer wieder auf die einzelnen Brandherde. Seltsam zischende Ger\u00e4usche entstanden. Am aufregendsten aber war es, wenn Spraydosen in der Hitze mit einem dumpfen Ton zerbarsten. Meinen Ohren ist erstaunlicherweise noch das ganze Konzert dieser M\u00fcllverbrennung gegenw\u00e4rtig. \u00c4ngstlich und trotzdem fasziniert schlich ich umher, beobachtete, wie das Feuer Holzteile und Rupfen mit schmatzenden Ger\u00e4uschen verzehrte. Kunststoff verformte sich, schmolz zusammen, nach einem letzten Aufb\u00e4umen. Bewegung entstand in den toten Gegenst\u00e4nden, als wollten sie noch einmal aufbegehren, bevor sie im Schlund des Feuers f\u00fcr immer verschwanden. Hatten wir noch Spraydosen in Reserve, flogen sie gezielt in die Flammen, um den faszinierenden Ton beim Zerbersten noch einmal zu h\u00f6ren. Reflexartig ging ich in Deckung. Diesem Abenteuer beizuwohnen, war f\u00fcr mich unersetzlich. Geliebte Fernsehsendungen wie Daktari konnten dagegen nicht bestehen. Was konnten Fernsehl\u00f6wen schon Interessantes bieten angesichts dieses Feuerbrausens?<br \/>\nGleichaltrige verstanden das nicht, fanden es sogar eklig, sich dort herumzutreiben. Deren Eltern hielten es vollends f\u00fcr verantwortungslos, aber meine Mutter hatte durch ihr Gesch\u00e4ft keine Zeit, sich um die Kinder zu k\u00fcmmern, und vertraute der Vorsehung. Zu \u00e4ngstlich sollte man nun auch wieder nicht sein.<\/p>\n<p>Es gab auf dem M\u00fcllplatz ein Heer von Ratten, die \u00fcber das Feld huschten. Mir grauste furchtbar, ich schaute aber trotzdem von der Ferne zu, wie sie umherflitzten. Aus Angst, eine w\u00fcrde auf mich zukommen, stieg ich auf die Stufen des Transformatorhauses, dessen wei\u00df gestrichene Blecht\u00fcr beschmiert und rostig war.\u00a0 Dies war die Heimat der Ratten, das war schnell klar. Im D\u00e4mmer musste ich aufpassen, nicht von ihnen angeknabbert oder gar angefressen zu werden, wie es die alten M\u00e4nner aus den Kriegstagen erz\u00e4hlten. Ich fasste grunds\u00e4tzlich nichts an, um den Ratten keine Gelegenheit zu geben, an mir hochzuklettern. Am liebsten w\u00e4re ich weggelaufen, blieb aber trotzdem vor Grauen wie angewurzelt stehen. Wenn es dunkel wurde, wurde der M\u00fcllplatz lebendig. Ratten \u00fcber Ratten, gro\u00dfe, kleine, d\u00fcnne, fette. Mit ihren spitzen Schnauzen schn\u00fcffelten sie am Grund, w\u00e4hrend sie zwischendurch vorsichtig umherblickten. Ein einziges Ger\u00e4usch gen\u00fcgte, und sie huschten weg.<br \/>\nDoch sie waren auch unerschrocken und mutig, weil sie so viele waren. Ich hatte Angst, schaute st\u00e4ndig an meinem K\u00f6rper hinab, versteckte meine H\u00e4nde in den Taschen und hatte bei der kleinsten Ber\u00fchrung oder einem Windhauch das Gef\u00fchl, schon klettere eine Ratte an mir hoch. Als sich dann das Feuer ausbreitete, flohen die Ratten und liefen um ihr Leben. Gemeinerweise legte man die Feuer so, dass es f\u00fcr sie kein Entrinnen gab. Die Fluchtwege waren abgeschnitten. Die Ratten erlitten den Flammentod. Jetzt taten sie mir schon wieder leid, waren sie doch Opfer eines hinterfotzigen Mordes geworden. Irgendwie hatte ich nun das Gef\u00fchl, auch Ratten h\u00e4tten R\u00fccksicht verdient. Die Rattenbek\u00e4mpfer waren noch echte Kriegserfahrene, die wussten, wie man mit Ungeziefer umgehen muss. Nach vollendeter Tat herrschte ausgelassene Stimmung und Siegesbewusstsein. Das war mir zuwider. Mit Grauen angef\u00fcllt lief ich heim, verkroch mich in mein Bett, hatte bei geschlossenen Augen st\u00e4ndig die Ratten vor mir, wie sie liefen und tollten und schlie\u00dflich im Feuer verbrannten. Ich konnte diese Bilder lange nicht loswerden. Immer wieder tauchten sie aus dem Nichts auf und qu\u00e4lten mich. Ekel \u00fcberkam mich, ich glaubte, ihr widerliches nasses und glattes Fell auf der Hand zu sp\u00fcren. Deswegen verbarg ich die H\u00e4nde in den \u00c4rmeln und schlief mit dem Kopf unter der Decke, aber auch das half nicht. In meinen Tr\u00e4umen suchten mich die Ratten heim. Ich sah ihre breiten Hinterleibe mit den langen Schw\u00e4nzen an B\u00f6schungen hochklettern und sah sie auf riesigen B\u00e4umen herumturnen. Angst hatte ich davor, dass sie sich auf mich fallen lassen k\u00f6nnten. Deutlich erinnere ich mich an eine Zeit, in der ich diese Traumbilder \u00fcberhaupt nicht mehr loswurde. Ich konnte aber weder dar\u00fcber reden noch sie wegzaubern. Sie blieben einfach, bis sie mit der Zeit verblassten und von anderen, nicht minder schrecklichen abgel\u00f6st wurden. Sie hatten ihren Ursprung in Erlebnissen, denen ich mich wider besseres Wissen nicht entzogen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a>| Inventarnummer: 15003<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcll bleibt \u00fcbrig, wenn alles verwertet ist. M\u00fcll ist etwas Entbehrliches, oftmals vermeintlich. Heutzutage wird so viel weggeworfen wie nie zuvor, man spricht aber nicht mehr nur von M\u00fcll, sondern von \u201eWertstoff\u201c. Dinge werden produziert, verbraucht oder gebraucht, manchmal ein Leben lang, aber meist nur f\u00fcr wenige Sekunden oder gar nicht. 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