{"id":20207,"date":"2025-06-09T16:30:04","date_gmt":"2025-06-09T16:30:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20207"},"modified":"2025-07-06T11:54:57","modified_gmt":"2025-07-06T11:54:57","slug":"rechnen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20207","title":{"rendered":"Der Mann, der seine Stadt rechnete"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20207&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20207&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Aron Kurz lebte seit 30 Jahren in seiner Stadt, die wir hier D\u00f6nen nennen. Wir tun das, weil weder Aron noch D\u00f6nen gewollt h\u00e4tten, die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit auf sich zu ziehen. Aron hatte immer schon einen besonderen Kopf besessen, der Zahlen liebte und besonders viel Ordnung brauchte. Spontaneit\u00e4t wirkte auf Aron wie Hindernisse auf eine Schnecke; beide zogen sich in sich zusammen.<\/p>\n<p>Er arbeitete in einem Computerzentrum, was er gerne mochte, weil dort alles seine Ordnung hatte. Das Computerzentrum, wo Aron arbeitete, geh\u00f6rte zur Stadtverwaltung.<\/p>\n<p>Seine Stadt unterschied sich nicht von anderen St\u00e4dten, die 200.000 Einwohner hatten, halb in einer H\u00fcgellandschaft, halb in einer Ebene lagen, von zwei Fl\u00fcssen durchschnitten wurden, etwas Industrie und etwas Kultur aufwiesen und langsam mit den Nachbarorten verschmolzen.<\/p>\n<p>Das Stadtbild des IT-Spezialisten hatte f\u00fcr ihn keine sinnlichen Qualit\u00e4ten, obwohl die Stadt sich in Regen, Sonne und Schnee ver\u00e4nderte. In der Sommersonne schien sie metallisch zu glei\u00dfen, unter Wolkenhimmel verschwammen ihre Konturen. Sie roch nach Gummi, Autos, Feuchtigkeit, manchmal auch dumpf und machte die \u00fcblichen Ger\u00e4usche, welche von Sirenen und Baumaschinenl\u00e4rm durchsto\u00dfen wurden. Doch das war f\u00fcr Aron unerheblich, seine Stadt bestand aus Zahlen, aus Bits und Bytes.<\/p>\n<p>Manche Menschen definieren die Stadt durch ihre Bewohner, ihre Ereignisse, ihren Tageslauf. Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige mit den kurzen karottenroten Haaren, die sich dank der Schermaschine in Reih und Glied befanden und kaum aufgrund eines Kammes ihre Wuchsrichtung ver\u00e4nderten, mit dem gl\u00fchbirnenf\u00f6rmigen Kopf, dem schlaksigen mittelgro\u00dfen K\u00f6rper und immer ein wenig abwesend wirkenden braunen Augen hatte nur einen Freund und eine Schwester und seine Eltern, die aber woanders lebten. Au\u00dferdem gab es eine etwas j\u00fcngere braunhaarige Frau, die sich f\u00fcr ihn interessierte. Auch er interessierte sich f\u00fcr sie, aber er dosierte die Begegnungen so, dass sie in seine Ordnung passten.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcnette mit den gr\u00fcnen Augen und dem etwas f\u00fclligeren K\u00f6rper durfte ihn etwa t\u00e4glich zwischen 18.00 und 19.34 weder pers\u00f6nlich noch per Handy st\u00f6ren, denn da rechnete Aron seine Stadt auf seine Weise aus. Geburt und Tod, Kartoffel- und Fleischverbrauch, allgemeiner Wasserverbrauch, spezieller Wasserverbrauch, Diebst\u00e4hle, M\u00fcllverbrauch, Christbaumverschlei\u00df.<\/p>\n<p>Seine Stadt hatte 174 Fris\u00f6re, die 130.000 Liter Wasser pro Tag brauchten, sofern sie einen Durchschnitt von 5 Kunden pro Tag hatten, was wenig war, denn 870 Kunden waren unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig f\u00fcr eine Stadt mit 200.000 Einwohnern. Das verbrauchte Wasser h\u00e4tte den t\u00e4glichen Trinkwasserbedarf eines Dorfes von 2.400 Einwohnern gedeckt.<\/p>\n<p>Andererseits, mit Kochen, Waschen und Duschen brauchte eine Person alleine 60 bis 100 Liter, schon weil eine Dusche 16 Liter Wasser pro Minute rausspr\u00fcht. Das waren f\u00fcr seine Stadt 20 Millionen Liter t\u00e4glich. Damit w\u00fcrden 100 Menschen ihr ganzes Leben lang nie Durst haben.<\/p>\n<p>Mit dem Wasser sp\u00fclte seine Stadt etwa 80.000 Tabletten pro Tag runter, vorausgesetzt, jeder nahm durchschnittlich 2 St\u00fcck.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wusste Aron, dass 30.000 Plastiksackerln oder 600 Kilo am Tag verwendet wurden. 600 Kilo, das produzierte eine Person j\u00e4hrlich an Gesamtm\u00fcll.<\/p>\n<p>Arons Verehrerin erfuhr das auch, als sie ihn auf einen Kaffee einlud. F\u00fcr die Kaffeepause hatte Aron exakt 100 Minuten eingeplant. Weil er nicht besonders gut in Konversation war, unterbreitete er seiner braunhaarigen Sch\u00f6nen seine Ergebnisse und erntete ein Seufzen.<\/p>\n<p>\u201eDas hei\u00dft, ich habe in einem Jahr 600 Kilo Mist zur M\u00fclltonne geschleppt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eStatistisch gesehen ja.\u201c<\/p>\n<p>Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an, w\u00e4hrend er anstatt ihrer fragenden Miene nur das dumpfe Geplapper im Hintergrund und das zeitweilige Klappern und Klirren von Geschirr registrierte.<\/p>\n<p>\u201eAngef\u00fchlt hat es sich wie 300 Kilo\u201c, legte sie nach.<\/p>\n<p>\u201eDavon kann ich nichts sagen, wie es sich anf\u00fchlt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re sch\u00f6n, wenn ich meinen Mist nicht alleine tragen m\u00fcsste\u201c, wagte sie ihrer Meinung nach eine Andeutung, sie wolle ihren Haushalt irgendwann mit einem Partner teilen.<\/p>\n<p>Doch Andeutungen verstand Aron nicht. Au\u00dferdem war Mist das unromantischste Thema, das man sich vorstellen konnte, um die Kurve zu einem Partnerschaftsangebot zu kratzen.<\/p>\n<p>\u201eAron, wie viele Menschen heiraten pro Jahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201e922. Aber wir haben schon hundert Minuten gesprochen. Ich muss jetzt gehen. Bis n\u00e4chste Woche zur selben Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Wir wissen an diesem Punkt der Ereignisse noch nicht, ob Aarons Treffen mit seiner Braunhaarigen irgendwann zu was anderem f\u00fchrte als zu zahlenm\u00e4\u00dfigen Er\u00f6rterungen seiner Stadt. Wir wissen aber, dass die Zahlen f\u00fcr Aron etwas Besonderes waren und dass man sich ihm und seinem Leben am besten n\u00e4hern konnte, wenn man das ber\u00fccksichtigte.<\/p>\n<p>Und mehr als seine pers\u00f6nlichen Beziehungen wuchs seine klar quantifizierbare Beziehung zur Stadt.<\/p>\n<p>Sein Leben begriff er als einen geringf\u00fcgigen prozentualen Anteil an ihr. Wie oft er seine Stra\u00dfen zur Arbeit und zur\u00fcck beging, wie viele Autos an ihm vorbeifuhren, wie hell sie in der Nacht leuchtete (etwa ein 12-Tausendstel der Leuchtkraft der Sonne, rechnete er aus).<\/p>\n<p>Diese Berechnungen trug Aron fein s\u00e4uberlich in ein Heftchen ein.<\/p>\n<p>Doch irgendwann ging ihm auf, dass man die Menschen nicht berechnen konnte. Nicht die Braunhaarige, nicht mal seine eigene Verwandtschaft, und das irritierte ihn.<\/p>\n<p>Und eines Tages kam das Unvermeidliche.<\/p>\n<p>Die Frau, die mit ihm Kaffee trinken ging und sich \u00fcbrigens Eva nannte, hatte, seiner Ausf\u00fchrungen m\u00fcde, auf ihn, Aron, pers\u00f6nlich Bezug genommen.<\/p>\n<p>\u201eAron, immer sprichst du von Zahlen. Von deiner Stadt in Zahlen. Wann sprichst du von dir? K\u00f6nnen wir sogar nicht auch einmal von uns sprechen?\u201c<\/p>\n<p>Das verschreckte den Mann, der sich deshalb so an seine Zahlen klammerte, weil er allem, das nicht auf eine numerische Gr\u00f6\u00dfe reduzierbar war, zutiefst misstraute. Damit konnte er nicht umgehen.<\/p>\n<p>Eva hatte seine Grenzen \u00fcberschritten. Sie merkte es erst, als sie Arons verkrampftes Gesicht sah. Dass dieser seltsam korrekte zahlenbesessene Mann nicht anders konnte, ahnte sie. Aber dass er so heftig reagierte, \u00fcberraschte sie, die bisher keinem Menschen mit einem so speziell arbeitenden Gehirn begegnet war.<\/p>\n<p>Alles in Zahlen zu fassen, zu quantifizieren, war ja grunds\u00e4tzlich auch ein M\u00e4nnerding.<\/p>\n<p>Doch ihr Kaffeepausenpartner tat etwas Un\u00fcbliches. In der 87. Minute sprang er auf, schnappte seinen Mantel und verlie\u00df die Kantine der Stadtverwaltung, wo die beiden ihr Hei\u00dfgetr\u00e4nk einzunehmen pflegten.<\/p>\n<p>Eva blieb \u00fcberrascht sitzen. Sie blieb sogar noch 20 Minuten vor ihrem erkalteten Kaffee sitzen, weil sie nun ihrerseits nicht einordnen konnte, was passierte.<\/p>\n<p>Fassung zu gewinnen, dazu brauchte Aron mehr als seine Wegstrecke nach Hause. Er wusste nur, er wollte durchaus wieder die Gewohnheit, mit dieser Frau Kaffee trinken zu gehen, aufnehmen, wenn er sich eingekriegt und stabilisiert hatte. Dass er diese Gewohnheit des gemeinsamen Koffeinkonsums jetzt schon misste, war ein Ausdruck dessen, dass er Eva durchaus positiv zugetan war. Alleine, dass er ihr Zeit einger\u00e4umt hatte, die sie miteinander verbrachten, war ein Indikator daf\u00fcr. Auch, dass der Verlust dieser Gewohnheit ihn mit einem Bangen erf\u00fcllte, das \u00fcber die Bef\u00fcrchtung hinauswuchs, seinen Tagesplan neu auff\u00fcllen zu m\u00fcssen, er sorgte sich sogar, die Gegenwart dieser Frau nie wieder zu erfahren.<\/p>\n<p>Es war also ein Weg zu finden, mit ihr zu sprechen, ohne dass sie auf dramatische Weise erneut pl\u00f6tzlich Verbindliches oder gar Pers\u00f6nliches einforderte. Er musste vielleicht unter Umst\u00e4nden die M\u00f6glichkeit zulassen, diesen Aspekt wohldosiert den Begegnungen hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zu Hause setzte er sich an seinen Tisch, nahm eines der sorgf\u00e4ltig aufeinandergestapelten Heftchen, in denen er seine Stadt rechnerisch festgehalten hatte, und suchte in all den statistischen Zahlen etwas Zwischenmenschliches, etwas Pers\u00f6nliches. Denn all diese Zahlen mussten doch in ihrer Generalisierung auch etwas Individuelles geborgen haben. Tats\u00e4chlich war er gezwungen, mehrere Hefte auf einmal zu nehmen, zu \u00f6ffnen, zu \u00fcberfliegen, zu schlie\u00dfen und wieder fein s\u00e4uberlich auf ihren fest bestimmten Platz im Stapel zu legen.<\/p>\n<p>Etwas, wor\u00fcber er Eva berichten konnte und das ihre Beziehung ins Lot brachte, war nicht so leicht zu finden, genauso wie etwas, das vielleicht auch so etwas wie eine Beziehung von zwei Menschen in einer Stadt ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Zwischen 18.00 und 19.34 Uhr war f\u00fcr solche Recherchen nicht viel Zeit. Tage vergingen ohne Ergebnis, ohne die Gewohnheit, mit Frau Eva Kaffee zu trinken oder gar einen neuen Schritt zu wagen. Er war sich schmerzlich bewusst, dass es eine Ver\u00e4nderung geben musste.<\/p>\n<p>Nach drei Wochen war es so weit. Genau 15 Minuten vor Dienstschluss w\u00e4hlte er mit seinem Amtstelefon das Amtstelefon von Frau Eva an.<\/p>\n<p>\u201eHallo, Frau Eva.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHallo Aron.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFrau Eva, ich bedaure, dass ich \u00fcberst\u00fcrzt weggelaufen bin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu bist nicht nur das. Ich habe lange nichts von dir geh\u00f6rt. Ist das das Ende unserer Kaffeetreffen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas m\u00f6chte ich nicht. Ich habe eine L\u00f6sung gesucht. Eine L\u00f6sung, auch anders mit Ihnen zu sprechen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh, ist das so schwer f\u00fcr dich?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa. Ich sage es nicht gerne, aber ich bin als Autist klassifiziert. Ich kann n\u00e4chstes Mal gerne erkl\u00e4ren, was das ist. Aber Sie sollten wissen, dass meine neurologische Spezifikation eine wesentliche Rolle in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. Sie verlangt Ordnung und Absehbarkeit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHat es was mit deiner Vernarrtheit in Zahlen zu tun?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa auch. Zahlen geben mir Sicherheit. Spontane Gef\u00fchle, abrupte Wendungen verunsichern mich zutiefst.\u201c<\/p>\n<p>Eine Pause von gut zwei Minuten trat ein. Sie wurde ihm nur um weniges leichter, weil er ihre Atemz\u00fcge z\u00e4hlen konnte, die sich nicht auf die Minute genau ausgingen.<\/p>\n<p>\u201eGut, wir k\u00f6nnen ja uns einmal treffen. Dann erz\u00e4hl mehr.\u201c<\/p>\n<p>Zum ersten Mal merkte Aron, dass er die Asymmetrie der pers\u00f6nlichen Anrede als st\u00f6rend empfand. Er musste sich also auch zurechtlegen, das Sie und das Du in ein Gleichgewicht zu bringen. Aber zuerst brauchte er eine L\u00f6sung, auch seine Beziehung zur Stadt, zur Arbeit zu den Zahlen und zu pers\u00f6nlichen Interaktionen in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Arons L\u00f6sung mag f\u00fcr Au\u00dfenstehende verbl\u00fcffend wirken. Sie w\u00fcrde m\u00f6glicherweise auch sein Leben beeinflussen.<\/p>\n<p>Wochenlang hatte er danach gesucht. Und dann subtrahierte er sich und Eva aus den Berechnungen. Zahlenm\u00e4\u00dfig w\u00fcrde das nicht ins Gewicht fallen. Etwa 20 Millionen Liter weniger 200 Liter Wasser. Oder die 0,34 Plastiksackerl, die er und Eva durchschnittlich pro Tag brauchten und welche die 30.000 dieser Stadt nicht erheblich dezimierten.<\/p>\n<p>Aber, es war f\u00fcr Aron ein erster Schritt, das Unberechenbare des Menschlichen zuzulassen. In statistisch unerheblichen Dimensionen, versteht sich. Er konnte sich nun beruhigt mehr auf Eva einlassen.<\/p>\n<p>An das Chaos, das dieses Verhalten ausl\u00f6sen w\u00fcrde, wenn jeder so handelte wie er, verschwendete er keinen einzigen Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Antonia H.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 25125<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aron Kurz lebte seit 30 Jahren in seiner Stadt, die wir hier D\u00f6nen nennen. Wir tun das, weil weder Aron noch D\u00f6nen gewollt h\u00e4tten, die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit auf sich zu ziehen. Aron hatte immer schon einen besonderen Kopf besessen, der Zahlen liebte und besonders viel Ordnung brauchte. 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