{"id":20086,"date":"2025-05-23T16:48:07","date_gmt":"2025-05-23T16:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20086"},"modified":"2025-06-01T07:28:33","modified_gmt":"2025-06-01T07:28:33","slug":"der-wirrer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20086","title":{"rendered":"Der Wirrer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20086&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20086&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>\u201eAlles vergebens!\u201c, br\u00fcllt der Wirrer in die Stille der Nacht. \u201eEs hat keinen Sinn mehr! Ich bin eine Null, ein Nichts, ein Niemand! Ich mache Schluss! Jetzt! Sofort! Ende! Finito!\u201c<\/p>\n<p>Anne und Jan, beide soeben im Begriff einzuschlafen, schrecken hoch und lauschen dem verzweifelten Monolog ihres Wohnungsnachbarn. Anne knipst das Licht an und fl\u00fcstert: \u201eSollen wir die Rettung rufen? Nicht, dass der Ernst macht mit einem Suizi \u2013 &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!\u201c, schreit der Wirrer nebenan.<\/p>\n<p>Jan steht auf und schl\u00fcpft in seine Hose. \u201eIch klopfe mal bei ihm an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber es ist doch schon nach Mitternacht\u201c, sagt Anne, doch Jan geht kommentarlos aus der Wohnung.<\/p>\n<p>\u201eUnd? Was war? Hat er dir ge\u00f6ffnet?\u201c, fragt sie gespannt, als er sich kurze Zeit sp\u00e4ter wieder ins Bett legt und das Licht ausschaltet.<\/p>\n<p>\u201eJa, einen T\u00fcrspalt. Als ich ihm erkl\u00e4rte, dass wir uns Sorgen um ihn machen, hat er irgendetwas von einer h\u00f6chst komplizierten Arbeit gestottert, die ihm seit Monaten den Schlaf raubt und \u00fcber die er sich vorhin leider lautstark ge\u00e4rgert hat. Er l\u00e4sst sich bei dir entschuldigen, hat nicht geahnt, dass die Mauern im Haus so d\u00fcnnwandig sind.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Wirrer und Arbeit?!\u201c, sch\u00fcttelt Anne, hellwach und aufrecht im Dunkeln in ihrem Bett sitzend, den Kopf. \u201eNie im Leben \u2013 der arbeitet doch nichts! Ich frage mich echt, wie er sich die teure Miete leisten kann. \u2013 Oder hast du ihn jemals in den drei Monaten, seit er hier wohnt, untertags au\u00dfer Haus gehen sehen? Aber stell dir vor, was mir die Fuchs vom dritten Stock erz\u00e4hlt hat. Als sie gestern gegen vier Uhr fr\u00fch mit ihrem inkontinenten Hund rausmusste, ist drau\u00dfen der Wirrer an ihr vorbeigehastet und hat laut Schimpfw\u00f6rter und Zahlen vor sich hingebrabbelt. Die Fuchs hat er nicht mal registriert. Also mit dem stimmt etwas ganz und gar nicht.\u201c<\/p>\n<p>Jan g\u00e4hnt. \u201eEr ist halt ein Eigenbr\u00f6tler. Einer von vielen. Nicht unser Problem, Anne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber er k\u00f6nnte ein Problem f\u00fcr uns werden, Jan!\u201c, ger\u00e4t Anne in Fahrt. \u201eH\u00f6r zu: Die alte Kozmann vom ersten Stock hat mitgekriegt, dass er sich t\u00e4glich Essen liefern l\u00e4sst. Das ist doch nicht normal! Der Wirrer ist sicher noch keine f\u00fcnfzig und nicht bettl\u00e4gerig. Auch der Pecker vom Erdgescho\u00df findet ihn \u00e4u\u00dferst dubios. Er hat ihn einige Male gesehen, als er unten seine Post aus dem Briefkasten holte. Immer machte der Wirrer einen sehr ungepflegten und \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6sen Eindruck, hat er gesagt. Wei\u00dft du, was die Kozmann, der Pecker und ich vermuten? \u2013 Dass der Wirrer direkt von der Psychiatrie ausgerechnet in unser Haus eingezogen ist. Wir sollten etwas unternehmen, bevor etwas Schlimmes passiert. Was meinst du, Jan?\u201c<\/p>\n<p>Jan schnarcht leise.<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter, als Anne mit Eink\u00e4ufen bepackt das Haus betritt, kommt ihr der Wirrer entgegen, und Anne f\u00e4llt vor \u00dcberraschung eine Tasche aus der Hand. Der Wirrer tr\u00e4gt n\u00e4mlich einen eleganten hellen Anzug und eine Krawatte. Er ist rasiert, und sogar sein strubbliges Haar wirkt geordneter als sonst.<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag\u201c, nickt er freundlich, als er, l\u00e4ssig an ihr vorbeigehend, das Haus verl\u00e4sst, und diesmal ist Anne diejenige, die nicht gr\u00fc\u00dft, so perplex ist sie von der Wirrer-Verwandlung.<\/p>\n<p>Die Hausmeisterin, Frau Sauer, w\u00e4scht gerade schnaufend die Stufen des Stiegenhauses.<\/p>\n<p>\u201eFrau Sauer, sagen Sie, haben Sie soeben den Herrn Wirrer gesehen?\u201c, fragt Anne.<\/p>\n<p>Die Hausmeisterin wischt sich den Schwei\u00df von der Stirn und verdreht vielsagend die Augen.<\/p>\n<p>\u201eUnd ob! Er war ja auch nicht zu \u00fcbersehen, unser feiner Herr Wirrer!\u201c Und Anne und die Hausmeisterin sch\u00fctteln zuerst synchron ihre K\u00f6pfe, bevor sie sie aufgeregt fl\u00fcsternd zueinander neigen.<\/p>\n<p>\u201eDie Sauer und ich vermuten eine massive Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung\u201c, \u00fcberf\u00e4llt Anne Jan, als sie ihm abends die Wohnungst\u00fcr \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201eWer ist die Sauer? Und wer die massive Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung?\u201c, seufzt Jan m\u00fcde. \u201eLass mich doch bitte erst mal reinkommen.\u201c<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend Anne die verbl\u00fcffende Metamorphose ihres Nachbarn schildert, l\u00e4sst sich Jan aufs Sofa fallen, schenkt sich ein gro\u00dfz\u00fcgiges Glas Wein ein und schaltet den Fernseher ein.<\/p>\n<p>\u201eDie Sauer, du und ich \u2013 wir drei werden morgen den Wirrer aufsuchen und ein ernstes Wort mit ihm reden. Wei\u00dft du, ich f\u00fchle mich nicht mehr sicher, seit er neben uns \u2013 \u201c<\/p>\n<p>\u201eDas gibt\u2019s doch nicht! Schau, Anne, das ist doch \u2013\u201c<\/p>\n<p>Jan zeigt auf den Bildschirm. Anne schaut hin und traut ihren Augen nicht. Da sitzt doch tats\u00e4chlich der Wirrer vis-\u00e0-vis von Max Redeweis, einem der bekanntesten Moderatoren des Landes. Mittendrin in einem Live-Interview. Max Redeweis gratuliert soeben ehrf\u00fcrchtig Herrn Dr. Dr. Georg Wirrer dazu, den Code eines mathematischen R\u00e4tsels, an welchem renommierte Experten jahrelang gescheitert sind, geknackt zu haben. Auf die Bitte des Moderators hin erl\u00e4utert der Wirrer seinen Code-Knack-Prozess, wobei Anne und Jan schon zu Beginn geistig aussteigen m\u00fcssen. Als Max Redeweis danach den Wirrer diskret \u00fcber sein Privatleben befragt, erz\u00e4hlt der Wirrer, dass er geschieden und vor wenigen Monaten umgezogen sei. Und dann schaut und spricht er pl\u00f6tzlich Anne und Jan direkt aus dem Fernseher an:<\/p>\n<p>\u201eFalls meine Nachbarn mich jetzt zuf\u00e4llig sehen, m\u00f6chte ich mich in aller Form f\u00fcr mein unm\u00f6gliches Verhalten entschuldigen. Wenn ich einem mathematischen Problem auf der Spur bin, befinde ich mich wie im Rausch, bin kaum ansprechbar. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in dieser Zeit richtiggehend verwahrlose, die Nacht zum Tag mache, laute Selbstgespr\u00e4che f\u00fchre, und tja, im Eifer des Gefechts auch schimpfe und fluche. Darum kann ich mir lebhaft vorstellen, was v\u00f6llig zu Recht \u00fcber mich getratscht worden ist.\u201c<\/p>\n<p>Annes Handy l\u00e4utet. Hektisch schaltet sie auf Lautsprecher. Die aufgeregte, sich \u00fcberschlagende Stimme der Frau Sauer erschallt:<\/p>\n<p>\u201eHaben S\u2019 auch den Wirrer im Fernsehen gesehen? Ich sage Ihnen, kein Wort glaube ich dem! Ein Dr. Dr. soll der sein?! Ha! Auf seinem T\u00fcrschild steht nur G. Wirrer. Ein Hochstapler ist der! Ich f\u00fchle mich verpflichtet, das sofort dem ORF zu melden. Was meinen Sie?!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Dvoracek-Iby<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 25114<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAlles vergebens!\u201c, br\u00fcllt der Wirrer in die Stille der Nacht. \u201eEs hat keinen Sinn mehr! Ich bin eine Null, ein Nichts, ein Niemand! Ich mache Schluss! Jetzt! Sofort! Ende! Finito!\u201c Anne und Jan, beide soeben im Begriff einzuschlafen, schrecken hoch und lauschen dem verzweifelten Monolog ihres Wohnungsnachbarn. 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