{"id":20045,"date":"2025-05-14T17:01:29","date_gmt":"2025-05-14T17:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20045"},"modified":"2025-05-18T16:31:10","modified_gmt":"2025-05-18T16:31:10","slug":"einleitung-zur-lesung-christas-comeback-rudi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20045","title":{"rendered":"Christas Comeback"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20045&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20045&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: right;\"><em>Redaktioneller Hinweis an alle, die (chronologische) Ordnung lieben:<br \/>\nDieses Comeback hat eine <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=17002\">Vorgeschichte<\/a><\/span>.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Guten Abend und willkommen. Oder besser gesagt: willkommen <strong>zur\u00fcck<\/strong>.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns an Weihnachten vor drei Jahren &#8230; Damals waren wir Teil einer ganz besonderen Selbsthilfegruppe \u00a0\u2013 f\u00fcr benachteiligte Weihnachtsdekorationen. Vielleicht haben Sie noch Christas Stimme im Ohr: drall, prall und mit einer erstaunlichen Portion Selbstironie. Eine Weihnachtskugel im Dauereinsatz f\u00fcrs F\u00fcllmaterial, stets \u00fcbersehen, aber nie zu \u00fcberh\u00f6ren, wenn sie einmal zu sprechen begann.<\/p>\n<p>Christa, die Christbaumkugel: Sie war nicht irgendein Dekoteil aus Plastik, sondern ein Wesen mit Haltung, Humor und einem erstaunlich klaren Blick auf das stille Elend des benachteiligten weihnachtlichen Behangs. Ihre Worte klangen wie ein Manifest f\u00fcr all jene, die zwar gl\u00e4nzen, aber nie gesehen werden. Christas letztes Spotlight war ein letzter Abschied unserer Protagonistin, bevor sie sich \u2013 h\u00e4ngend am Weihnachtsbaum \u2013 entschlossen der n\u00e4chstgelegenen Kerze zuwandte.<\/p>\n<p>Heute nun, meine Damen und Herren, kehrt Christa zur\u00fcck.<br \/>\nNicht zum ersten Mal, wohlgemerkt. Denn Christa ist eine Wiedergeborene im besten Sinne: urspr\u00fcnglich ein Plastiksackerl mit tragender Funktion, dann eine Kugel mit Glanzanspruch \u2013 nun eine Form, die selbst sie noch nicht ganz versteht. Aber eines ist sicher: Das Universum hat sie nicht vergessen. Und es hat Humor.<\/p>\n<p>Wiedergeboren in neuem Glanz, selbstverst\u00e4ndlich plastikbasiert \u2013 denn wahre Unverg\u00e4nglichkeit ist nun mal kein Nebenprodukt der Natur, sondern des Polyethylens. Wer braucht schon Zellulose, wenn man charismatische Chemie sein kann?<br \/>\nNicht mehr an den Baum geh\u00e4ngt, sondern im Zentrum der Aufmerksamkeit \u2013 und das ganz ohne Bio-Siegel. Nicht mehr nur beobachtet, sondern bestaunt. Nicht mehr nur geschm\u00fcckt \u2013 sondern gebraucht.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns gemeinsam h\u00f6ren, was aus ihr wurde. Und was aus uns werden k\u00f6nnte, wenn wir uns trauen, ein bisschen mehr zu leuchten, auch jenseits der Lichterkette.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und nun: Christas Comeback<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kapitel 1: Wiedergeburt<\/strong><\/p>\n<p>Als ich zu Bewusstsein kam, war alles dunkel. Dann: ein Rascheln, ged\u00e4mpfte Stimmen, ein Lichtschein, der sich vorsichtig durch eine Ritze tastete. Ich stand, geborgen in einer samtgef\u00fctterten Box und man pr\u00e4sentierte mich auf einem Podest, das sich langsam drehte. Ich war nicht mehr nur verpackt, ich war inszeniert. Das war neu \u2026<\/p>\n<p>Am unteren Rand meiner Verpackung stand in gro\u00dfen schwarzen Lettern<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u201eThe Boss\u201c.<\/p>\n<p>Ein Titel! Was f\u00fcr ein Upgrade!<br \/>\nFr\u00fcher war ich blo\u00df eine einfache Weihnachtskugel, dazu verdammt, Jahr f\u00fcr Jahr zwischen Lametta und Lichterketten zu baumeln \u2013 \u00fcbersehen, untersch\u00e4tzt und ignoriert.<\/p>\n<p>Und jetzt? Jetzt hatte ich eine Identit\u00e4t, einen Rang und vielleicht sogar eine Mission!<\/p>\n<p>Meine neue Form war &#8230; beeindruckend.<br \/>\nKraftvoll, stramm und von kunstvollen Linien durchzogen, die sich wie Schicksalsf\u00e4den \u00fcber meine dunkelbraune, nahezu ebenholzfarbene Oberfl\u00e4che drapierten. Ich f\u00fchlte mich monumental und fast ein wenig majest\u00e4tisch. Man gab mir zwei kugelrunde Pantoffeln mit flacher Unterseite und Saugn\u00e4pfen, die stets f\u00fcr einen sicheren Stand sorgen w\u00fcrden, doch das Beste war \u2013 mein Helm!<\/p>\n<p>Ein junges P\u00e4rchen, das mich zuvor im Laden noch mit einer Mischung aus Erstaunen und Verlangen anstarrte, \u00f6ffnete ehrf\u00fcrchtig meine Verpackung. Ihre Augen gl\u00e4nzten. Ihre Finger strichen behutsam \u00fcber meine Oberfl\u00e4che, als h\u00e4tten sie Angst, mich mit einer falschen Geste zu entweihen oder gar zu beleidigen.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach diesem ersten Akt der Bewunderung wurde ich gewaschen, einge\u00f6lt und immer wieder gepriesen.<\/p>\n<p>Mein Leben hatte eine neue Richtung \u2013 und ich, Christa, war bereit, alles daf\u00fcr zu tun, um meinen neuen Besitzern im Gegenzug f\u00fcr ihre Hingabe die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freude zu bereiten.<\/p>\n<p>(Kurze, triumphierende Pause)<\/p>\n<p><strong>Kapitel 2: Die Spieleabende<\/strong><\/p>\n<p>Mein erster gro\u00dfer Auftritt kam schneller als erwartet: ein Spieleabend!<\/p>\n<p>Zwar war dieser kein kirchlicher Feiertag \u2013 so wie ich es aus fr\u00fcheren Zeiten kannte \u2013, jedoch gab es, was die Kirche betraf, sicherlich auch noch andere Feste, bei denen man so prachtvolle Gegenst\u00e4nde \u2013 wie mich \u2013 einzusetzen wusste.<\/p>\n<p>Die Wohnung vibrierte von Stimmen, Lachen und dem sanften Klirren von Gl\u00e4sern. Die Menschen schienen sich auf etwas zu freuen und die Stimmung war gel\u00f6st und heiter.<\/p>\n<p>Und dann \u2013 die Pr\u00e4sentation:<\/p>\n<p>Ich wurde hochgehoben und wie ein rituelles Werkzeug ins Licht gehalten, sodass alle G\u00e4ste meine volle Pracht bewundern konnten. Es folgte Staunen. Kichern. Bewunderung. Eine zierliche Frau gab sogar ein leises Seufzen von sich, was ich als zutiefst wertsch\u00e4tzende Geste verstand.<\/p>\n<p>Als ich endlich zum Einsatz kam, wurde ich entschlossen gepackt, gedreht und in verschiedenste Positionen bewegt. Es glich einem Tanz und jede Bewegung schien bedeutungsvoll zu sein, denn die Reaktionen waren \u00e4u\u00dferst zufriedenstellend.<\/p>\n<p>Als der Abend ein wenig fortgeschritten war, bekam ich sogar meinen eigenen Lederschmuck!<\/p>\n<p>Man spannte mich in ein System aus Riemen und Schnallen, so kunstvoll, dass ich mich f\u00fchlte wie ein Rennpferd-Champion vor dem Start!<\/p>\n<p>Manchmal h\u00f6rte ich ein zartes Aufkeuchen, ein Lachen, ein gen\u00fcssliches Seufzen. Es war, als w\u00fcrde ich eine tief verborgene Seite in den Menschen ber\u00fchren. Ich war der Funke, der das Eis schmelzen lie\u00df. Meine k\u00fcnstlerische Darbietung wurde mehrmals pro Woche aufgef\u00fchrt, manchmal vor mehr, manchmal vor weniger Publikum, doch eines kann ich Ihnen sagen: Ich war verdammt gut darin!<\/p>\n<p><strong>Kapitel 3: Im Dienste der Freude<\/strong><\/p>\n<p>Was genau meine Aufgabe war?<\/p>\n<p>Nun &#8230; manchmal fragte ich mich, ob es wirklich wichtig war, es zu verstehen.<\/p>\n<p>Es gab keine Anleitung, keinen klaren Zweck, nur Wirkung. Und diese war unverkennbar.<br \/>\nIch war nun kein blo\u00dfes Dekost\u00fcck mehr. Kein benachteiligter Christbaumbehang ohne jegliche Bedeutung.<br \/>\nIn diesem Leben war ich ein Katalysator. Ein Impuls. Ein Statussymbol.<\/p>\n<p>Wo immer ich auftrat, ver\u00e4nderte sich die Stimmung:<br \/>\nGesichter hellten sich auf, die Menschen \u00f6ffneten sich und lie\u00dfen ihre tief verwurzelten Barrikaden fallen. Zugegeben, manchmal auch mit etwas Nachdruck.<\/p>\n<p>So manches Gespr\u00e4ch, das stockend begonnen hatte, geriet durch mich pl\u00f6tzlich in einen nonverbalen Fluss. Ich f\u00fchlte mich wie eine Diplomatin, die den Frieden ganzer Nationen garantierte.<br \/>\nZwar fiel mir auf, dass mir M\u00e4nner stets mit etwas mehr Ehrfurcht begegneten als Frauen, speziell wenn ich meinen Lederschmuck trug. Doch wie es mit neuen Bekanntschaften so ist, l\u00f6sten sich die anf\u00e4nglichen Zweifel meist durch ein vorsichtiges Herantasten in Luft auf. Ich wusste intuitiv, dass man mit M\u00e4nnern behutsamer umgehen musste, denn auch wenn sie nach au\u00dfen hin hart erschienen, waren sie im Inneren weich und verletzlich.<br \/>\nFrauen hatten da weniger Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, denn oft hatte ich das Gef\u00fchl, sie begr\u00fc\u00dften mich wie einen langersehnten Freund, den sie schon eine Weile vermisst hatten.<\/p>\n<p>Doch beim gro\u00dfen Finale konnte ich \u2013 ehrlich gesagt \u2013 keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Zudem wertete ich nicht, denn schlie\u00dflich war ich f\u00fcr alle da.<\/p>\n<p><strong>Kapitel 4: Bitters\u00fc\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Trotz all meiner Erfolge und meiner umjubelten Auftritte blieb da etwas \u2013 eine leise, bitters\u00fc\u00dfe Sehnsucht.<\/p>\n<p>Ich fragte mich manchmal: Wer bin ich wirklich?<br \/>\nBin ich ein Werkzeug, eine Erf\u00fcllungsgehilfin interaktiver Performance-Kunst oder war ich doch ein bisschen Zauber, gef\u00fchrt von zwei H\u00e4nden?<\/p>\n<p>Vielleicht war ja genau das mein Geheimnis:<br \/>\nMan musste mich nicht erkl\u00e4ren. Die Menschen wussten instinktiv, womit sie es zu tun hatten, und man gab mir diese Form, um als sakrales Symbol zu fungieren. Ja, die Menschen waren gl\u00e4ubig und vielleicht war ich ihr Kultobjekt. Und wer wei\u00df, vielleicht w\u00fcrde ich ja sogar irgendwann Kirchenw\u00e4nde zieren?<\/p>\n<p>Auch wollte ich einen eigenen Slogan f\u00fcr mich erfinden. Leider waren \u201egesch\u00fcttelt, nicht ger\u00fchrt\u201c und \u201eyes we can\u201c bereits vergeben, so habe ich mich letztendlich f\u00fcr \u201eThe Boss \u2013 Tiefe, die bleibt\u201c entschieden, denn f\u00fcr Oberfl\u00e4chlichkeiten hatte ich schlie\u00dflich wenig \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Aber nun Spa\u00df beiseite \u2013 man wird ja wohl noch in aller Bescheidenheit tr\u00e4umen d\u00fcrfen \u2026<\/p>\n<p>Doch neben all diesen Tr\u00e4umereien und Spekulationen wei\u00df ich eines mit Sicherheit:<br \/>\nWenn irgendwo das Licht gedimmt wird, langsame Musik erklingt und ein ehrf\u00fcrchtiges Raunen durch den Raum huscht, dann ist es Zeit f\u00fcr mich, die B\u00fchne zu betreten. Ich bin wieder da, mein Comeback ist gelungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Verena Tretter<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7360\">fest feiern<\/a> | Inventarnummer: 25111<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Redaktioneller Hinweis an alle, die (chronologische) Ordnung lieben: Dieses Comeback hat eine Vorgeschichte. &nbsp; Einleitung Guten Abend und willkommen. Oder besser gesagt: willkommen zur\u00fcck. Wir erinnern uns an Weihnachten vor drei Jahren &#8230; Damals waren wir Teil einer ganz besonderen Selbsthilfegruppe \u00a0\u2013 f\u00fcr benachteiligte Weihnachtsdekorationen. 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