{"id":20033,"date":"2025-05-14T16:34:57","date_gmt":"2025-05-14T16:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20033"},"modified":"2025-05-18T16:09:10","modified_gmt":"2025-05-18T16:09:10","slug":"blockade","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=20033","title":{"rendered":"Blockade"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20033&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts20033&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war damals im Sommer 2006. Ich hatte mich f\u00fcr den Spanischkurs an der Uni entschieden, obwohl meine Motivation daf\u00fcr noch zu unterschwellig gewesen war. Schnell war auch die erste Stunde vorbei und wir wurden uns gegenseitig vorgestellt. Bei meinen n\u00e4chsten Besuchen des ordentlich fr\u00fch beginnenden Kurses sah ich auf der Bank rechts hinter mir eine Studentin, die mir sehr gefiel und zu der ich oft hin\u00fcberblickte. Damals hatte ich aber noch nicht den Mut, sie anzusprechen. Es vergingen ein, zwei Monate und die Spanischstunden waren mehr oder weniger dieselben.<\/p>\n<p>Als der Kurs Mitte Mai fr\u00fch anfing, setzte sich diese junge Frau unvermittelt neben mich, sagte, dass sie nicht in die n\u00e4chste Stunde kommen k\u00f6nne und ich f\u00fcr sie dann mitschreiben solle. Mit dem Bleistift schrieb sie ihre E-Mail-Adresse auf mein Blatt und verabschiedete sich.<\/p>\n<p>Was dann geschah, wei\u00df ich leider nicht mehr so genau. Ich erinnere mich daran, dass ich ihr eine E-Mail, in der die Hausaufgaben standen, schickte, aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was danach geschah.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall h\u00e4tte ich diese junge Frau kennenlernen wollen, aber irgendetwas hielt mich davon ab, sie zu kontaktieren. Da ich mich in dem Kurs unwohl gef\u00fchlt hatte, meldete ich mich kurze Zeit danach ab. Ich sah die Studentin noch einmal an einem Abend vor dem Wohnheim, aber meine Blockade verschwand nicht.<br \/>\nUnd dann denkst du dir: Wenn du schon einmal die E-Mail-Adresse hast \u2013 warum hast du ihr nicht geschrieben? War es Angst vor Zur\u00fcckweisung? Sch\u00fcchternheit? Auch heute wei\u00df ich keine Antwort mehr.<\/p>\n<p>Jahre vergingen, und obwohl ich mich sp\u00e4ter wieder an sie erinnerte, habe ich ihr nicht geschrieben.<\/p>\n<p>Erst nach neun Jahren wieder eine sch\u00fcchterne E-Mail. Ich erinnere mich noch daran, dass ich danach im Fernsehen eine Folge \u201eSch\u00e4tze der Welt \u2013 Erbe der Menschheit\u201c sah, als ich gespannt auf eine Antwort wartete.<br \/>\nAber die Antwort blieb aus.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter versuchte ich es erneut mit E-Mails, die nun ausf\u00fchrlicher geworden sind. Aber auch sie wurden nicht beantwortet.<\/p>\n<p>Was ich zwischenzeitlich auch noch bemerkte, war, dass sich vieles von dem wiederholte, was ich neun Jahre davor erlebt hatte. Ich wusste, dass ich die Hobbys von damals nach dieser Zeit wieder aufnehmen musste, aber in einer besseren, intellektuelleren Form. Ein Beispiel waren die Western, die ich sp\u00e4t abends im Fernsehen sah und die mir guttaten. Am besten gefielen mir die klassischen US-Western, aber auch einige Italowestern. Ich nahm die Stimmung nun bewusster wahr, und auch die Landschaft und die Sonnenunterg\u00e4nge, die ich mit denen aus der italienischen Landschaftsmalerei verglich.<\/p>\n<p>Auch das Reisen nahm ich nach einer mehrj\u00e4hrigen Unterbrechung wieder auf. Wie beim Film nahm ich auch im Urlaub Eindr\u00fccke viel besser wahr und konnte mehr \u00fcber die anderen L\u00e4nder erfahren.<\/p>\n<p>Aber am allermeisten hoffte ich darauf, dass sie sich bei mir melden w\u00fcrde und ich die Jahre, die mir verlorengegangen sind, mit ihr nochmals erleben k\u00f6nnte.<br \/>\nAlso entwarf ich ein Szenario, in dem ich ihr etwas \u00fcber mich und meine Motivation f\u00fcr den Spanischkurs schreiben wollte. Ich k\u00f6nnte auch anf\u00fchren, dass es mir damals nicht so gut gefallen hat und dass ich \u2013 auch etwas \u00fcberst\u00fcrzt \u2013 den Kurs gewechselt habe. Danach w\u00fcrde ich ihr einen Rat geben, n\u00e4mlich sich f\u00fcr Kultur zu interessieren, wenn sie es nicht ohnehin schon t\u00e4te, und ihr von meinen Leseerfahrungen erz\u00e4hlen. Au\u00dferdem wollte ich ihr von meinen Vorlieben f\u00fcr Reisel\u00e4nder \u2013 dies waren inzwischen der Ferne Osten und Griechenland geworden \u2013 berichten.<\/p>\n<p>Und auf einmal merkte ich, dass sich inzwischen in mir etwas ver\u00e4ndert hatte. Ich war viel achtsamer geworden. Es \u00fcberraschte mich, dass mir diese Bekannte einmal unvermittelt zur\u00fcckschrieb und dabei anmerkte, dass sie sich nicht mehr genau an diese Zeit erinnern k\u00f6nne, es aber sch\u00f6n sei, dass ich ihr so viele positive Gedanken entgegenbrachte. Sie k\u00f6nnte sich gut vorstellen, dass wir uns einmal in einer Eisdiele treffen.<\/p>\n<p>Nach neun Jahren endlich wieder ein Treffen. Ich wusste gar noch nicht genau, wor\u00fcber ich mit ihr h\u00e4tte sprechen k\u00f6nnen, und f\u00fcr den Fall, dass ich in Verlegenheit geriete, \u00fcberlegte ich schon vorher einige Stichworte. Es waren die bereits erw\u00e4hnten Themen, aber ich wollte sie auch noch \u00fcberraschen.<\/p>\n<p>Das Treffen verlief noch sch\u00f6ner, als ich es erwartet hatte. Es \u00fcberraschte mich doch sehr, dass sie so nachdenklich war und mir recht gab, dass es besser sei, B\u00fccher zu lesen, auch wenn deren Handlung frei erfunden sei, als nur Tratsch weiterzugeben oder Stammtischgespr\u00e4che \u00fcber Politik zu f\u00fchren. Sie erz\u00e4hlte au\u00dferdem, dass auch sie sich in dem Spanischkurs nicht wohlgef\u00fchlt und ihn im darauffolgenden Semester abgebrochen hatte. Die Jahre darauf waren vom Berufseinstieg gepr\u00e4gt \u2013 sehr viel Stress \u2013, aber es gab auch sch\u00f6ne Momente, wie Urlaube.<\/p>\n<p>Auch ich wollte noch darauf eingehen, was ich in den letzten neun Jahren getan hatte, und fasste zusammen, was ich gelernt hatte: \u201eEs ist am wichtigsten, bewusster \u2013 auch auf die kleinen, zun\u00e4chst unscheinbaren Dinge \u2013 zuzugehen. Wir lernen bald, nur das Gro\u00dfe, Erhabene zu ehren, und wir sch\u00e4tzen andere, allt\u00e4gliche Erfahrungen, die wir f\u00fcr trivial oder unbedeutend halten, klein und das m\u00f6chte ich an einem Beispiel zeigen: Wie sehr gefielen mir die Spazierg\u00e4nge im Hain, die Abende bei einem Film vor dem Fernseher oder auch nur ein Besuch in einem Caf\u00e9, aber vor neun Jahren habe ich das noch nicht so wahrgenommen und wollte lieber etwas Gro\u00dfes erleben. Eine Expedition, m\u00f6glicherweise. Heute w\u00e4re ich gl\u00fccklich, ich k\u00f6nnte einen Vormittag in der Kleinstadt flanieren und dabei ein paar Kuriosit\u00e4ten in den Schaufenstern entdecken oder mit einigen Menschen ins Gespr\u00e4ch kommen.\u201c Dabei unterbrach mich meine Gespr\u00e4chspartnerin und sagte: \u201eGenauso ging es mir auch. Aber ich habe relativ fr\u00fch schon Erfahrungen gemacht, die mich gl\u00fccklich gemacht haben \u2013 in meiner Arbeit als P\u00e4dagogin oder bei Spieleabenden. Da habe ich wirklich einige sehr sch\u00f6ne Stunden erlebt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine andere Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass sich doch vieles im Laufe der Jahre zum Besseren entwickelt hat. Es war doch meistens \u00fcbertrieben, zu denken, dass mir doch nichts gelingt, wenn es nur etwas Zeit gebraucht hat, dass sich die Dinge gekl\u00e4rt haben.\u201c\u00a0 Sie erwiderte: \u201eDas stimmt. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich einmal so gut deutsch spreche, aber mit der Zeit ist dies von alleine gekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Drittes w\u00e4re die Nostalgie. Wenn ich alte deutsche Filme aus den 1970er Jahren sehe, empfinde ich eine Sehnsucht nach der Mode und dem Design und m\u00f6chte gerne wieder in einer Zeit leben, in der ich noch nicht geboren war. Aber es gibt ja zum Gl\u00fcck Schallplattenl\u00e4den, die diese Sehnsucht etwas stillen k\u00f6nnen.\u201c \u201eOder Vintage-L\u00e4den\u201c, warf sie ein. \u201eDort habe ich selbst schon einige sch\u00f6ne Sachen gefunden.\u201c<\/p>\n<p>Inzwischen f\u00fchlte ich dasselbe Behagen, das ich damals gesp\u00fcrt habe. Ich merkte, dass unser Gespr\u00e4ch nun zu einem Ende kommen w\u00fcrde, deshalb kam ich zu meiner \u00dcberraschung: \u201eDa ich damals sehr sch\u00fcchtern gewesen bin, dich aber immer toll fand, m\u00f6chte ich mit dir etwas unternehmen, sozusagen etwas nachholen, was ich vor neun Jahren mit dir gerne getan h\u00e4tte.\u201c \u201eUnd was w\u00e4re dies?\u201c, fragte sie aufgeregt. \u201eIch h\u00e4tte gerne mit dir einen Ausflug in eine andere Stadt gemacht. In keine Gro\u00dfstadt, sondern in eine der Nachbarst\u00e4dte. Wenn ich mich damals mehr getraut h\u00e4tte, w\u00e4re ich gerne mit dir nach Aschaffenburg gefahren, wir h\u00e4tten die Stadt besichtigt und es uns in einem Park gem\u00fctlich gemacht. Bist du damit einverstanden, dass wir das nach neun Jahren nachholen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEinverstanden!\u201c, sagte sie, dabei sp\u00fcrte ich in ihrem Gesicht so etwas wie Herzensw\u00e4rme.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Bauer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 25078<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war damals im Sommer 2006. Ich hatte mich f\u00fcr den Spanischkurs an der Uni entschieden, obwohl meine Motivation daf\u00fcr noch zu unterschwellig gewesen war. Schnell war auch die erste Stunde vorbei und wir wurden uns gegenseitig vorgestellt. 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